Der literarische Adventskalender im literaturcafe.de

Der literarische Adventskalender mit 24 Ausschnitten aus 24 nei geschriebenen Romanen

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Treppen

Adventskalender – Türchen 6
Wieder fingerte er in der großen Manteltasche nach seinem Smartphone, zog es heraus, öffnete die Notizen-App und las die fünfte der noch verbleibenden Adressen: »Heineweg 5, bei Rauheimer, 2 Kinder: Lisa und Max.«
»Ist wohl schon wieder defekt, Herr Nikolaus«, sagte die alte Frau, die als einzige mit ihm an dieser U-Bahn-Haltestelle ausgestiegen war und nun ebenfalls vor dem Fahrstuhl wartete. »Da müssen wir wohl die Treppe nehmen.«
Er brummte etwas in seinen Wattebart und schulterte den Sack. Die Treppe nach oben erschien endlos.
»Haben Sie denn niemanden, der Ihnen hilft und den Sack trägt?«, erkundigte sich die Alte, die hinter ihm die Treppen hinaufstieg. »Keinen Knecht Ruprecht?«
»Ist krank, hat sich bei der Tour gestern erkältet. Vielleicht wollen Sie ja heute seinen Job übernehmen?«
Gleich nachdem er das gesagt hatte, bereute er seinen harschen Ton der alten Frau gegenüber. Was konnte sie dafür, dass er diesen bescheuerten Job machen musste.
»Wo müssen sie denn hin?«, wollte sie wissen. Sie klang immer noch freundlich und hatte ihm seine Worte offenbar nicht übel genommen.
»Heineweg, Rauheimers«, sagte er knapp und ohne sich zu ihr umzudrehen.
»Oh«, sagte sie erstaunt und erfreut, »also zu zu meinem Sohn und meinen beiden Enkelkindern. Das ist ja nett. Da haben wir ja den selben Weg.«

Aus dem Roman »Preis pro Quadratmeter« von Peter Lauchfluhr

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Braten

Adventskalender – Türchen 9
Besuch bei den Eltern. 2. Advent. Schweinebraten. Wie immer. Vater stochert im Rotkraut. Mutter schaut ihm zu, erwartet sein Urteil. Sie weiß genau, was jetzt kommen wird. Vater blickt auf.

Aus dem Roman »Ich erzähle das«
von Friedhelm Logenauer

 

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Regal

Adventskalender – Türchen 2
Ich hatte das Regal leidlich zusammengezimmert und die Bücher hineingeräumt. Es blieb stehen. Ich trat zurück und betrachtete das Ergebnis einigermaßen zufrieden.
Ein ganz oben stehender Bildband kam ins Rutschen und fiel aufs Regalbrett, das sich daraufhin löste. Für das Brett darunter war das Gewicht offenbar zu groß, sodass sich auch dieses löste und eine Kettenreaktion in Gang setzte. Die Erschütterungen waren wohl zu viel für die Seitenwände, die daraufhin nach rechts und links wegkippten.
»Schatz? Alles in Ordnung bei dir?«, hörte ich Verena aus der Küche rufen.

Aus dem Roman »Butterstollen im Advent« von Heike Lugenmayer

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Kirche

Adventskalender – Türchen 1
Er schaute zum Himmel. Die ersten Schneeflocken fielen. Die Kirchenglocke schlug Mitternacht. Es war der erste Dezember. Irgendwo heulte ein Hund. Oder war es ein Wolf? Im Schwarzwald konnte man sich da nicht mehr sicher sein.
Er öffnete den Kofferraum seines Wagens, entfernte die Abdeckung am Boden und entnahm die Maschinenpistole. Er wusste, dass noch genau 24 Patronen im Magazin waren.
Das reicht bis Weihnachten, dachte er sarkastisch. Dann schloss der den Kofferraum und machte sich auf den Weg.

Aus »Dezembermord« von Heidelinde Hohnkamp

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Innsbruck

Adventskalender – Türchen 7
Als sich der Zug in Bewegung setzt, stellt sie fest, dass ihr roter Koffer fehlt. Sie blickt nach draußen, sieht das Schild mit der Aufschrift »Innsbruck Hbf.« am Fenster vorüberziehen und langsam aus dem Blickfeld entschwinden. Darunter auf dem Bahnsteig steht ihr roten Koffer. So nah und doch unerreichbar. Sie sieht ebenfalls direkt neben dem Fenster die Notbremse. Einen Augenblick lang zögert sie.

Aus dem Roman »Ein Bild im Flur« von Ingrid Hoch

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Wald

Adventskalender – Türchen 4
Wald beblättert in Braun und Gelb sich ergießend über welliges Land. Herbst verläuft im Winter, erstarrt am Abgrund des Jahres, bestäubt im Weiß, in Kälte jenseits des Lichts.

Aus dem Roman »Nachtgewebe« von Gerard Déchelieu
(Ins Deutsche übertragen von Heike Mögen)

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Kuh

Adventskalender – Türchen 5
Als die drei Wanderer an der Kuh vorbeigingen und diese nur den Kopf bewegte und mit ihrem Blick die drei verfolgte, glaubten diese drei Menschen noch, dass es sich um ein ganz gewöhnliches Rindvieh auf der Weide handle. Sie und ich, verehrte Leserin und verehrter Leser, wissen es aus dem vorangegangenen Kapitel natürlich besser. Wir hätten die Weide nie betreten. Doch diese drei waren ahnungslos, während wir genau zu wissen glauben, was passieren wird. Und es wird passieren, vertrauen wir darauf.

Aus dem Roman »Wir warten stets auf das, was kommt« von Eduard Morough
(Ins Deutsche übersetzt von Günter Quertmann)

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Burg

Adventskalender – Türchen 3
»Öffnet das Burgtor! Es ist Eysengards Sohn!«
Von allen Seiten kamen sie gelaufen und umringten den Ankömmling auf dem Burghof. Der saß zusammengesunken auf seinem Reittier. An der rechten Schulter war er verwundet und sein Arm blutig. Man zog ihn vorsichtig vom Reittier, die Wachen brachten eine Trage, auf die er gelegt wurde.
Eysengard kam, schob die neugierige Menge beiseite und blickte auf seinen Sohn, der dort lag und sich nicht bewegte. Dann drehte er sich wortlos um und ging.
Unsicher blickten sich die Wachen an und wussten nicht, was sie nach diesem Auftritt seines Vaters mit dem Verletzten tun sollten.

Aus dem Roman »Swallgrond – Die Wege nach Børgard«
von Peer Sørensen-Vorderbeke

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Licht

Adventskalender – Türchen 10
Das Licht brach durch die Äste der Tannen, und für einen Augenblick schien alles still zu stehen.
»Was ist?«, fragte Linda hinter ihr, die ihr Rad keuchend den Berg hinaufschob und nicht nach vorne blickte, aber bemerkt hatte, dass Bettina stehen geblieben war.
»Das Licht!«
Bettina deutete nach vorn, doch schon hatten sich wieder Wolken vor die Sonne geschoben. Als Linda aufschaute, sah sie nicht, was Bettina so begeistert hatte. Murmelnd und schnaufend schob sie ihr Rad weiter den Berg hinauf.
»Bin auf ziemlich fertig und sehe auch schon Sterne«, keuchte Linda.
Bettina sagte nichts mehr und schob ebenfalls weiter. Im letzten Jahr waren sie den Berg noch hinaufgefahren. Sie überlegte, ob sie sich nicht doch ein E-Bike kaufen sollte.

Aus dem Roman »Vereinzelte Regenschauer möglich«
von Britta Eigenport

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Hinterhof

Adventskalender – Türchen 8
Kaltenbrenner fingerte mit zitternden Händen eine Zigarette aus der Schachtel. Kahnke gab ihm Feuer.
»Danke«, sagte Kaltenbrenner und sog den Rauch tief ein.
»Was halten Sie von ihr?«, wollte Kahnke wissen. »Glauben Sie das, was sie sagt?«
Kaltenbrenner verengte die Augen, und Kahnke konnte nicht erahnen, ob es wegen des Zigarettenrauchs oder wegen seiner Frage war. Kaltenbrenner sagte lange nichts.
»Wenn wir gleich wieder reingehen«, begann Kaltenbacher, »wollen Sie da weitermachen wie bislang, Kahnke?«
»Sie glauben ihr?«
»Sie glauben ihr nicht. Und das ist das Problem.«

Aus dem Roman »Die Wolken ziehen tief dahin«
von Otto Haunschildt

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Kirche

Adventskalender – Türchen 11
Die Tür schloss sich hinter ihr, und sofort war der Lärm des Weihnachtsmarktes wie ausgeknipst. Sie hörte nur ihre eigenen Schritte auf dem Steinboden der Kirche. Niemand schien hier zu sein, sie war allein in diesem gewaltigen Sakralbau.
Sie setzte sich in die letzte Bank und schaute nach vorn auf den gewaltigen vergoldeten Altar. Wann war sie das letzte Mal in eine Kirche gewesen? Nicht mal an Weihnachten ging sie mehr hin, seit Horst und die Kinder ums Leben gekommen sind.

Aus dem Roman »Der Kaltwassermörder«
von Helena McDrought
ins Deutsche übertragen von Werner Korb

 

Zum 1. Advent öffnet sich wieder unser literarischer Adventskalender mit 24 Ausschnitten aus 24 nie geschriebenen Romanen. Schauen Sie jeden Tag bis Heiligabend vorbei, und öffnen Sie per Klick das tägliche Türchen zu einem Text.

Bis zum 28. Dezember bleiben die Türchen geöffnet, dann schließt sich der literarische Adventskalender wieder, um sich im Jahr darauf mit neuen Ausschnitten aus 24 nie geschriebenen Romanen zu öffnen.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen und eine wunderschöne Adventszeit!