StartseiteSchreibenDas Kreative ist ein Fehler: ChatGPT als Tod des Autors?

Das Kreative ist ein Fehler: ChatGPT als Tod des Autors?

Das obligatorische Symbolbild für einen Beitrag über ChatGPT, das ebenfalls mit einer künstlichen Intelligenz erstellt wurde, aber mal nicht einen Roboter zeigt.
Das obligatorische Symbolbild für einen Beitrag über ChatGPT, das ebenfalls mit einer künstlichen Intelligenz erstellt wurde, aber mal nicht einen Roboter zeigt.

Vor über zwei Jahren hat das literaturcafe.de bereits über die Sprachsoftware ChatGPT und deren Auswirkungen aufs Schreiben berichtet. Da derzeit gefühlt überall über ChatGPT geschrieben wird, hat sich Christian J. Bauer den Sprachbot nochmals näher angesehen.

Was ist ChatGPT?

ChatGPT ist ein revolutionärer Textgenerator. Mit seiner Fähigkeit, natürliche Sprache zu verstehen und zu generieren, hat er die Möglichkeiten der Textproduktion und -verarbeitung grundlegend verändert.

Jedenfalls behauptet das ChatGTP, wenn man ihn bittet, eine Einleitung zu einem Artikel über ChatGPT und den Tod des Autors zu schreiben. Ob das so stimmt und ob »Autoren diese Technologie nutzen können, um ihre Arbeit zu verbessern«, soll in diesem Artikel geklärt werden. Und natürlich auch, ob wir nun alle einen anderen Beruf erlernen müssen.

Wie Sie sehen, habe ich mir Mühe gegeben, einen kreativen Einstieg zu finden, um direkt klarzumachen, dass ChatGPT mich jedenfalls nicht ersetzen kann. Denn Kreativität ist etwas anderes als Textgenerierung, oder? Aber der Reihe nach.

ChatGPT ist ein Bot, der einen Algorithmus nutzt, um auf Fragen oder Aufforderungen schriftlich zu antworten. Die Abkürzung GPT steht für »Generative Pre-trained Transformer«. Entwickelt wurde er vom US-amerikanischen Unternehmen OpenAI. Nicht nur Elon Musk, sondern vor allen Dingen Microsoft investiert enorme Summen in das Unternehmen. Es wird ChatGPT sogar nachgesagt, eines Tages die Google-Suche ablösen zu können. Bereits vor über zwei Jahren hatte das literaturcafe.de über den Bot, der seinerzeit öffentlich kaum zugänglich war, und die Möglichkeiten für Autorinnen und Autoren berichtet. Derzeit ist ChatGPT nach Registrierung mehr oder weniger frei für alle verfügbar, wobei für einen verlässlichen Zugang demnächst hohe monatliche Tarife anfallen sollen.

Der Algorithmus von ChatGPT

Der Algorithmus von ChatGPT wurde mit Daten und Texten aus dem Internet gefüttert, darauf trainiert, diese Daten effizient und effektiv zu verwenden, und greift nun auf einen unendlich großen Vorrat an Daten zurück, mit dem er auch noch umzugehen weiß. Seine Antworten sind dabei nicht determiniert. Das heißt, dieselbe Aufforderung wird nicht dieselbe Antwort generieren, auch nicht direkt hintereinander. ChatGPT folgt also keinem simplen Pfad im Sinne von: wenn x, dann z. Stattdessen arbeitet er, vereinfacht gesagt, mit Wahrscheinlichkeiten: wenn x, dann höchstwahrscheinlich z, y, k, eventuell b, und auf keinen Fall c. So gelingt es ChatGPT, Sätze auszuspucken, die a) sprachlich korrekt sind und b) Sinn ergeben. Auf »Das Flugzeug flog nach …« wird er nie »Erdnuss« folgen lassen, sondern Orte ausspucken, da er gelernt hat, dass dies die statistisch wahrscheinlichste Variante ist, während »Erdnuss« nie vorgekommen ist. Eine Ebene höher weiß das Programm anhand desselben Prozesses also, welche Antwort auf eine bestimmte Frage wahrscheinlich gewünscht ist. Wir interpretieren das dann als richtig oder hilfreich, während ChatGPT nur die Statistik dahinter kennt. ChatGPTs beeindruckende Performance verdankt sich dabei der Einbindung von menschlichem Feedback in sein Training. So wurde sichergestellt, dass die Antworten nicht nur wahrscheinlich sind im Sinne des Datensatzes, sondern auch der wahrscheinlichen menschlichen Erwartung entsprechen.

Kann ChatGPT, was Autorinnen können?

Nachdem die technischen Aspekte geklärt sind, nun also zur entscheidenden Frage: Wie leistungsfähig ist das Ding? Oder, ins Schriftstellerische übersetzt: Kann es, was Autorinnen können?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst darüber klar werden, was ein Autor denn Besonderes kann. Worin unterscheidet er sich von anderen Menschen, einem Tischler beispielsweise (natürlich kann man Tischler und Autor gleichzeitig sein, aber Sie verstehen)? Was ist sein ergon? Nun, grob gesagt, kann die Antwort nur lauten: Kreativität in sprachlicher und erzählerischer Hinsicht.

Kreativ zu sein, bedeutet wiederum, etwas Neues zu schaffen, das einen Nutzen hat. Ich erspare Ihnen philosophische Tauchgänge zum Thema Nutzen, Gebrauchswert und Zweck-Mittel-Relation. Wichtig ist nur: Ein kreatives Werk darf nicht bereits hinlänglich bekannt und vorhanden sein, es muss, auf irgendeine Art, etwas Neues bereitstellen. Gleichzeitig darf dieses Neue nicht derart neu sein, dass es keinen Anschluss an das Existierende hat. Einen Roman in einer Fantasiesprache zu verfassen, ist also streng genommen keine kreative Leistung, denn niemand wird ihn verstehen. Er ist zu weit vom Rest der Menschheit entfernt, sein Nutzen verflüchtigt sich. Ebenso wenig ist es kreativ, eine Geschichte darüber zu schreiben, wie die Vögel einer Insel plötzlich beginnen, die Bewohner zu attackieren, weil es eben Alfred Hitchcock gab.

Allerdings leben wir im 21. Jahrhundert. Also alles schon mal dagewesen, nicht wahr? Jeder Krimi-Plot, jedes Bild, jedes Thema. Aber das stimmt natürlich nicht. Nur weil man über einen Mord schreibt, den der Gärtner begangen hat, ist Kreativität dabei nicht gleich ausgeschlossen. Sie kann in so vielem liegen: In den Figuren (Columbo vs. Schimanski), in der Sprache (Poe vs. Nesser), im Setting usw. Kreativität kann in einer winzigen Neuerung bestehen. Neu ist dabei allerdings immer nur die neue Kombination bekannter Dinge, wie kreatives Sprechen und Schreiben ja ohnehin immer an Konventionen rückgebunden ist, verstanden werden können muss.

Ist ChatGPT zu Neuerungen fähig?

Das führt zu der Frage: Ist ChatGPT zu solchen Neuerungen fähig? Angesichts seiner technischen Grundlagen muss man diese Frage verneinen. ChatGPT hat zwar keine Probleme, verstanden zu werden. Das ist das Beeindruckende. Aber ChatGPT kann eben nicht Neues erschaffen, indem es neue Kombination erfindet. Das wäre wider die Wahrscheinlichkeit, die seine Antworten bestimmt. Der Bot wird daher immer nur Bekanntes wiedergeben, darauf basiert seine Fähigkeit, uns sinnvoll erscheinende Sätze auszuspucken. Würde ChatGPT im genannten Sinne kreativ, würde er diese Fähigkeit riskieren. Auch das menschliche Feedback so anzupassen, dass es kreative Antworten fördert, hieße, ChatGPT fehlzuleiten. Denn das Kreative ist das Unwahrscheinliche. ChatGPT kann aber nur deshalb mit uns sprechen, weil es das Wahrscheinliche kennt und sagt. Noch zugespitzter ausgedrückt: Das Kreative ist ein Fehler.

Alles gut also für uns Schreiberlinge? Nicht ganz. Denn neben dem Kreativen gibt es das Handwerk und darin gibt es, angefangen mit Aristoteles über Robert McKee bis hin zu Kursen, die behaupten, man könne das Schreiben lernen, Schemata, Schablonen, Vorgehensweisen. Kurzum also: Muster, die man, hat man sie einmal kennengelernt, überall wiedererkennen kann. Das auslösende Ereignis, die Melange aus Held, Ziel, Motiv und Hindernis usw. Doch wo Muster sind, lauern Wahrscheinlichkeiten. Deshalb hat ChatGPT keine Probleme damit, Loglines, Plots oder ganze Figuren der Form nach zu entwerfen. Mit dem ein oder anderen Hinweis wird er Want, Need, Plot Points und dergleichen ausspucken, die formal funktionieren. Diese Fallstricke für unerfahrene Autoren kann er also vergleichsweise gut umschiffen und richtig eingesetzt sogar ein nützliches Werkzeug sein, um die Schwächen einer Handlung auszuloten und auszumerzen. Problematisch bleibt der Inhalt: Zwar kennt ChatGPT offenbar gängige Topoi und Versatzstücke, weshalb er etwa mit Vorliebe die schwierige Vergangenheit des Helden oder finanzielle Probleme zur Motivation seines Handelns heranzieht. Aber darüber hinaus entstehen keine spannenden Kombinationen des Altbekannten, an Kreativität reicht ChatGPT nicht heran.

ChatGPT hat ein Problem

Das passiert nur als Fehler oder durch Zwang. Denn ChatGPT hat ein Problem: Manchmal halluziniert er. Da der Bot etwas sagen muss, sagt er auch etwas, wenn es keine wahrscheinliche (und damit von uns als richtig interpretierte) Lösung gibt. Als ich ihn um die Beschreibung der Krankheit »Schriftstelleritis« bat, die laut meiner Aussage mit Juckreiz und Ausschlag einher geht, fiel es ChatGPT nicht schwer, die Verbindung mit einer Schreibblockade herzustellen. Wenn Autoren ein Problem haben, ist es eben höchstwahrscheinlich eine Schreibblockade, und auch das sprichwörtliche »weiße Blatt« taucht in seinen Antworten auf. Für die Verbindung zwischen einer Schreibblockade und juckendem Ausschlag gibt es hingegen keine Entsprechung im Datensatz. ChatGPT ist also gezwungen, die wahrscheinlichste Verbindung auszuspucken, obwohl es keine gibt, und siehe da, es wird spannend:

»Der Ausschlag, den Schriftstelleritis verursacht, ist mehr psychischer als körperlicher Natur. Obwohl er vielleicht nicht sichtbar ist, ist er deutlich spürbar: es ist ein Gefühl der Unsicherheit und Angst vor dem Unbekannten, verbunden mit der Überforderung durch die Aufgabe, etwas zu schreiben.«

Ein psychischer Ausschlag, das ist mindestens witzig, wenn nicht sogar eine perfekte Metapher für das Leiden der Autorinnen. Aber ChatGPT hat sich das nicht ausgedacht, und hätte ich ihn nach einer solchen Metapher gefragt, hätte er nichts vergleichbar Kreatives ausgespuckt. Indem ich ihm Nonsens vorgab, zwang ich ihn von vornherein, einen Fehler zu begehen, nämlich Unwahrscheinliches von sich zu geben, weil es keine wahrscheinliche Verbindung von Ausschlag und Schreibblockade gibt. Und das Unwahrscheinliche ist kreativ.

Und in Zukunft?

Den Tod des Autors müssen wir also noch nicht befürchten. Im Gegenteil. Wie gezeigt, ist ChatGPT ein Meister darin, Muster zu erkennen. Auch der Stil eines Autors ergibt ein Muster. Das wird keiner bezweifeln, der Kafka oder Hemingway gelesen hat. ChatGPT öffnet die Tür zu einem ungeheuerlichen Vorhaben: Wo der Meisterfälscher Beltracchi Techniken, Farben und Motive zusammentrug, um vermeintlich authentische Werke verstorbener Maler zu fälschen, könnte ein Ableger von ChatGPT eines Tages in der Lage sein, Texte auszuspucken, die stilistisch von den authentischen Werken Kafkas kaum zu unterscheiden wären. Für den Inhalt wäre immer noch ein kreativer Geist vonnöten, da dieser nur grob einem Muster folgt (etwa unerhörte Ereignisse, Verfallsgeschichten, unmittelbare Anfänge bei Kafka). Aber der Form nach könnten Autoren wiederauferstehen und ganz neue Fragen nach Authentizität und Urheberschaft gestellt werden. Auch mit und gegen Roland Barthes: Wenn der Autor tot im Sinne Barthes‹ ist, sich die Bedeutung seiner Texte also völlig unabhängig von ihm ergibt, was stört uns dann so an dieser Zukunftsvision?

Fürs Erste bleibt zu konstatieren: Der Autor lebt, solange er Unwahrscheinliches vollbringt. Mit dem Wahrscheinlichen wird er hingegen zunehmend weniger davonkommen.

Christian J. Bauer

Christian J. Bauer, Jahrgang 1989, studierte Sprachwissenschaft und Philosophie und machte sich als Lektor und Texter selbstständig. In der Literaturzeitschrift »Am Erker« erschien 2020 sein Debüt »September« und 2021 »Fitzgeralds dämliche Töle«, in »Mosaik« ebenfalls 2021 »Der Schieber«. Auf seiner Homepage lektorat-bauer.de gibt er Schreibtipps und analysiert bekannte Geschichten.

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7 Kommentare

  1. Sehr informativer Artikel. Nur …. hmmmmm … es ist ja eigentlich ein Artikel übers Schreiben und Schriftsteller. Warum wird dann Hitchcock an die Stelle von Daphne du Maurier gesetzt? Hat CJB den Text etwa von ChatGPT schreiben lassen, das sich statt für Version A für Version B in seinem Repertoire entschieden hat?? 😉

  2. Ich finde es absolut bemerkenswert, was so eine Software leistet. Dass sie mich als Autorin ersetzt, befürchte ich nicht. Denn wie Sie schreiben, ist Schreiben eine sehr individuelle Angelegenheit. In diesem Zusammenhang freut es mich, dass Leser meiner Texte sagen: “Ich würde einen von Ihnen geschriebenen Text sofort erkennen.”
    Für mich persönlich ist ChatCPT ein Werkzeug. Gute Werkzeuge sind immer hilfreich. Allerdings muss man auch damit umgehen können. Ein Hammer allein haut noch keinen Nagel in die Wand …

  3. Nun auch ich befinde mich am Anfang meines Autorenlebens. Um ganz ehrlich zu sein, besuche ich noch die Schule des Schreibens.
    Es stellt sich mir also die Frage, warum in einen Kurs Geld investieren, wenn das “handwerkliche” nun auch automatisiert funktioniert?
    Einzig die Hoffnung, das sich meine “Handschrift” in Kombination mit meiner Kreativität, von anderen Unterscheidet.
    Wie Frau Renate Blaes schon so treffend formulierte; “Ein Hammer alleine hat noch keinen Nagel in die Wand” .

    Mein abschließendes Wort an der Autor Christian J. Bauer: Danke für diese kompakte Zusammenstellung, es hat mir ein wenig Angst vor meiner neuen Zukunft genommen.

    p.s. Und sollte dieser “Hammer” eines Tages dann doch kreativ werden, sich seiner Selbst bewusst werden und daraus Schlüsse ziehen können: Wir kennen doch alle “Terminator”.

  4. Ich habe aus einer geistigen Blähung heraus etwa eine Seite einer Geschichte geschrieben, die noch relativ grob in meinem Kopf existiert. Ich fragte ChatGPT nach seiner Meinung darüber und er erkannte zumindest den Konflikt der Protagonistin und einige Charakterzüge. Auf die Frage, wie die Geschichte weiter gehen könnte, spuckte der Bot eine Weiterführung aus, die mir zumindest zeigte, wie ich die Story nicht weiterschreiben möchte. Kreativität lebt von Überraschungen und Nicht-Offensichtlichem, das kann der Bot nicht. Er tut, was Maschinen tun: Er setzt fort, was begonnen wurde, ohne Spannung, ohne Überraschungen und ohne Kreativität. Wie Sheldon Cooper sagte: “Es ist nicht notwendig das Offensichtliche auszusprechen.” Dieses Zitat habe ich in mein Leben und meine Schreibweise übernommen und auch wenn mich noch niemand kennt, ChatGPT ist mir als Anfänger schon jetzt unterlegen.

  5. Ich zähle auch eher zum Team “Qualität”: Einfache Geschichten / Kurzromane / Blogbeiträge nach Schema F werden sich maschinell erstellen lassen, originelle Einsichten oder individuelle Erfahrungen nicht. Jobkiller für Routiniers, nicht für Individualisten.

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