Brigitte Glaser: Bühlerhöhe – Ein Roman wie aus den 50ern

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Roman »Bühlerhöhe« von Brigitte GlaserAuf den Höhen des Nordschwarzwalds liegt die »Bühlerhöhe«. Vom gewaltigen schlossartigen Gebäude blickt man hinunter bis in die Rheinebene und nach Frankreich.

Die »Bühlerhöhe« zählte zu den besten Hotels Europas. Hochrangige Gäste stiegen hier ab, darunter Konrad Adenauer, Nelson Mandela, die englische Fußballnationalmannschaft und Bill Clinton. 1991 traf sich hier sogar die ominöse Bilderberg-Konferenz.

Doch seit 2010 ist das Nobelhotel geschlossen – und es ist fraglich, ob es je wieder öffnen wird.

Brigitte Glaser hat nun die »Bühlerhöhe« wieder eröffnet – in Romanform.

Das Buchcover des Romans »Bühlerhöhe« zeigt Grüntöne und mutet farblich wie eine kolorierte Postkarte an. Wir sehen eine Frau mit Sonnenbrille, die auf den Höhen des Schwarzwalds sitzt und hinab ins Tal blickt. Das Gesicht ist am rechten Rand angeschnitten und ebenso leicht angeschnitten ist der Titel »Bühlerhöhe«. Ein überaus ansprechend und gekonnt gestaltetes Cover des Büro Jorge Schmidt mit dynamisch verlaufenden Diagonalen. Es zeigt jedoch ein Bild, das es so gar nicht gibt, da das Motiv aus drei Fotos kollagiert ist. Nur wenn man genauer hinschaut, erkennt man, dass die Bäume alle etwas schief stehen und der vermeintliche Schwarzwaldhang etwas steiler gemacht wurde. Wohltuenderweise hat man auf Naheliegendes wie auf ein Foto des Hotelgebäudes oder gar ein Bild Adenauers verzichtet.

Bildergalerie: Die »echte« Bühlerhöhe heute (10 Fotos)

Der Grünton setzt sich im Vorsatzpapier fort, das hellgraue Lesebändchen passt vorzüglich. Die Herstellungsabteilung des List Verlags hat sehr gute Arbeit geleistet.

Diesen Äußerlichkeiten wird hier deswegen so viel Platz eingeräumt, weil es vielleicht das Beste ist, was man über das Buch sagen kann. Man kann es auch anders ausdrücken: Die Covergestaltung suggeriert eine Wertigkeit, die der Inhalt leider nicht erfüllen kann.

Der Roman »Bühlerhöhe« spielt im Jahre 1952. Damals war das schlossartige Anwesen noch ein Kurhaus für Besserverdiener. Die Überschriften der Abschnitte zeigen deutlich, dass der Besuch des Bundeskanzlers auf der Bühlerhöhe im Mittelpunkt steht. Hier baut die Autorin auf Tatsachen auf, denn Adenauer war tatsächlich mehrfach auf der Bühlerhöhe im Urlaub, meist in Begleitung seiner erwachsenen Kinder. Brigitte Glaser nimmt diese Tatsache und setzt den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik der Gefahr eines Attentats aus. Die möglichen Killer kommen jedoch nicht aus der Sowjetunion, sondern aus Israel, wo der Roman zunächst beginnt. Diskutiert wird Anfang der 50er das sogenannte »Wiedergutmachungsgesetz« mit dem Zahlungen Deutschlands an Israel verbunden sind. Die einen betrachten es als Ungeheuerlichkeit, dass sich die Bundesrepublik mit Geld von den Verbrechen des Naziregimes freikaufen will, die anderen sehen das Geld schlichtweg als notwendig an, weil es der junge Staat Israel dringend benötigt. Ein extremistisch motiviertes Attentat auf Adenauer, der das Gesetz befürwortet, könnte daher diesen Geldfluss stoppen. Der israelische Geheimdienst schickt Rosa als Agentin auf die Bühlerhöhe, um einen Anschlag zu verhindern. Aber warum Rosa? Dies ist die erste Schwäche des Buches. Rosa ist im Schwarzwald aufgewachsen und kennt Land und Leute. Nun lebt sie in einem Kibbuz, hat vom Agentsein, von Geheimdiensten und der großen Politik im Grunde genommen keine Ahnung. Dennoch schickt man sie nach Deutschland. Ein echter Meisteragent, der an ihrer Seite als ihr Mann agieren soll, trifft zunächst leider nicht am Bahnhof in Baden-Baden ein. Zweimal warten wir als Leser mit Rosa vergebens am Bahnsteig. Die »Freizeitagentin« Rosa ist also plötzlich auf sich gestellt. Ein schwacher Anfang.

Der zweite Handlungsstrang um die Service-Chefin des Anwesens, die damals »Hausdame« genannte wurde und als »die Reisacher« eingeführt wird, beginnt wie ein Heimatroman. Natürlich führt »die Reisacher« ein strenges Regiment, Diener sind alt und heißen Leopold. Hausmädchen werden als »dicke Emma« (natürlich die faule Einheimische vom Dorf) und »dürre Rita« (natürlich die fleißige aber misstrauisch beäugte Sudetendeutsche) eingeführt. Dem Leser werden Informationen erzählerisch plump und ungelenk nahegebracht durch Dialoge wie »Seine Gründe kenne ich schon auswendig: [Es folgt die Aufzählung der Gründe].« Oder: »Sie wissen genau, unter was für schwierigen Bedingungen wir die Entwicklung des Sturmgewehres vorantreiben [Es folgt die Aufzählung der schwierigen Bedingungen]. Oder: »Sie wissen ja [es folgt, was es für den Leser zu wissen gilt].«

Selten wird etwas nur gesagt. Es muss schon, »mit falschem Bedauern« beschieden oder »eher verwirrt als empört« eingeworfen werden. Gehüstelt wird verständnisvoll, gelächelt erleichtert.

Alles liest sich so altbacken, als stamme der Roman selbst noch aus den 50ern. Staatstragend wird die Geschichte nie, daran ändert auch Adenauer nichts, der erst auf Seite 198 anreist. Die Geschichte der großen Politik anhand kleiner Leute zu erzählen, das geht hier nicht auf. Selbst die Bühlerhöhe als Handlungsort bleibt blass, das Ganze könnte auch im Bayerischen Wald oder anderswo spielen, da die schablonenhaft gemalten Figuren und Orte austauschbar sind.

Oftmals liest sich die Geschichte wie »Hanni und Nanni fangen den Rüstungslieferanten«, wenn sich Rosa hinter der Auerhahn-Vitrine versteckt, um dann an einer zufällig offenen Tür das geheime Waffengespräch der Männer zu belauschen. »Natürlich hatte Rosa Angst, entdeckt zu werden, aber gleichzeitig spürte sie die lustvolle Aufregung wie damals, als sie mir Rachel hier herumgeschlichen war.«

Vielleicht hätte man besser diese Rosa in den Vordergrund des Buchcover gesetzt, wie sie dort an der Wand gepresst steht, die Handflächen gegen die Holzvertäfelung gedrückt, und durch die offene Tür sieht man die Männer mit großen Gesten aufeinander einredend, und im empört dreinblickenden Gesicht Rosas sehen wir Angst und lustvolle Aufregung.

Ein solches Cover sähe natürlich nicht so seriös aus. Aber es würde zumindest keine falschen Erwartungen den Inhalt betreffend wecken.

Wolfgang Tischer

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3 KOMMENTARE

  1. Lieber Herr Tischer,

    bei LovelyBooks ist gerade eine Buchverlosung zu “Bühlerhöhe” zu Ende gegangen, bei der eine Bücherfreundin von mir (also eine bücherbogene Internetfreundschaft weitgehend im Rahmen dieser Plattform) und ich beide nicht gewonnen haben. Sie schien sehr enttäuscht zu sein, und ich habe sie auch gleich mit dem Link zu Ihrer Rezension “getröstet”. Ich selbst wahr etwas skeptisch geblieben, denn die “Aufgabe”, die man bei LovelyBooks “lösen” musste, um das Buch zu gewinnen, setzte doch sehr stark voraus, dass man Gefallen an (und nahezu ausschließliche Kenntnis von) den Clichés der Fünfziger hat, wie “Pettycoat” und “Elvistolle”.

    Und an Clichés über die Fünfziger setzt auch der Grund für meinen Kommentar hier an.

    Sie schreiben: “Alles liest sich so altbacken, als stamme der Roman selbst noch aus den 50ern.” ABER: Nicht alles an der Literatur der Fünfziger war “altbacken”, wenn ich im Rahmen der aktuell häufig verzeichnenden Welle vorgeblich historischer, aber doch eher clichéhaft historisierender Gnreliteratur, die etwas verzeichnend auf die Historie verweist, darauf hinweisen darf… Noch während der Bewerbungsfrist für “Bühlerhöhe” hatte ich dort (und “Bühlerhöhe” und die mit ihr verbunden Clichés waren der tatsächliche Anlass für diese “Retro-Rezension”) eine Rezension zu Wolfgang Koeppens “Tauben im Gras” hochgeladen…

    Wer mag: http://www.lovelybooks.de/autor/Wolfgang-Koeppen/Tauben-im-Gras-144422390-w/rezension/1279451875/

    Lesen kann man das, auch wenn man dort nicht registriert ist, und ich hoffe, dass der Link nicht aus der Seite des “Literaturcafés” herausführt, sondern in einem neuen Fenster aufgeht ;-)

  2. […] Rundschau ⇔, allerdings verpackt in einem gekonnten Unterhaltungsroman. Wolfgang Tischer vom „Literaturcafe“ ⇔ meint, „Bühlerhöhe“ liest sich „so altbacken, als stamme der Roman selbst noch […]

  3. Lieber Herr Tischer, Ihre Rezension der „Bühlerhöhe“ fand ich sehr interessant zu lesen – vielen Dank! Ich beteilige mich erst seit Kurzem an Buchblogs und finde es toll, was man dort an Meinungen und Hintergrund zu Büchern erfährt. Auch Ihr Verriss zeigt letztendlich, wie unterschiedlich Literatur wahrgenommen wird.
    Abgesehen von der zweiten Hand im Cover und dem „Holterdipolter“ am Schluss hat mir der Roman nämlich sehr gut gefallen. Ich fand ihn zunehmend spannend und lebendig, gerade weil der Stil an die damalige Zeit angepasst ist. (www.krimi-couch.de) Andrerseits ließe sich natürlich sagen, die Art, Romane zu gestalten, verändert und entwickelt sich: Wie in den 50ern geschrieben wurde, das geht heute gar nicht mehr. Aber in dem Punkt meine ich eigentlich, die Autorin hat die piefige Umständlichkeit von damals ziemlich geschickt mit unserer Aktualität zusammengebracht.
    Ich bin gespannt auf Ihre nächste Rezension eines Buches, das ich auch kenne!
    Viele Grüße, Angelika Wilke

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