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Beitrag vom 5. Juli 2010 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps, Schreiben

Buchtipp: Wie man den Bachmannpreis gewinnt

Angela Leinen: Wie man den Bachmannpreis gewinnt»Mit der DDR sind die aus der BRD immer noch leicht zu kriegen.« Mit dieser Feststellung aus ihrem Ratgeber »Wie man den Bachmannpreis gewinnt« hat Angela Leinen auch in diesem Jahr Recht behalten. Der Hauptpreis beim alljährlichen Wettlesen in Klagenfurt ging an Peter Wawerzinek, der eine Kindheit in der DDR beschreibt.

Doch das Buch von Angela Leinen mit dem Untertitel »Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben« will kein Kriterienkatalog für den Preisgewinn sein, wie etwa die Automatische Literaturkritik der Riesenmaschine. Leinens Buch ist eben so wenig eine humoristische Anekdotensammlung noch eine Art Geschichtsbuch über Preisträger und Jury-Mitglieder.

Nein, Angela Leinens Buch »Wie man den Bachmannpreis gewinnt« ist ein hervorragender und intelligenter Ratgeber für literarische Texte, der Gutes und Schlechtes anhand von Bachmannpreistexten aufzeigt. So hilft das Buch Autoren und Lesern gleichermaßen.

Angela Leinen, so steht es im Klappentext, ist Anwältin, Mediatorin und Journalistin. Mit dem Wettlesen in Klagenfurt beschäftigt sie sich seit 2004. Aus ihrem Buch spricht fundiertes literarisches Wissen nicht nur über das, was dort vorgelesen wird, sondern über zeitgenössische Literatur allgemein. Wissen, das die Autorin mit guten Beispielen und ohne Nerv- oder Besserwissermentalität vermittelt. Leinen bringt die Dinge auf den Punkt und das überaus kurzweilig, verständlich und nachvollziehbar.

Sie wolle – so schreibt Leinen auf den ersten Seiten – auch Lesern vermitteln, was gute Literatur ausmache, lässt jedoch nicht unerwähnt, dass dies in Teilen eine Geschmacksfrage sei. Was Leser über einen Text denken, was ihnen gefällt und nicht gefällt, was sie an einem Text verstört oder was sie wohlwollend stimmt, das lässt Leinen stellvertretend die Klagenfurter Jury-Mitglieder sagen, indem sie deren Zitate einflechtet. Und wir merken, dass die Jury-Menschen keine abgehobenen Intellektuellen sind, sondern »Leser wie wir«, die sich an Wiederholungen und unbekannten Fremdwörtern genauso stören oder die allein durch die Erwähnung einer bestimmten Musikgruppe positiv für einen Text einzustimmen sind.

»Wie man den Bachmannpreis gewinnt« ist zudem ein Schreibratgeber für Autoren. Dabei werden so gut wie alle wichtigen Dinge beleuchtet: Inhalt, Charaktere und Form bis hin zu logischen Aspekten. So werden auch konkrete Tipps für die Gestaltung von Dialog- oder Sex-Szenen gegeben.

Wie für Liebesgeschichten gilt auch für (gute) Schreibratgeber: im Grunde genommen geht es immer wieder ums Gleiche, aber wie es umgesetzt ist, das ist das Entscheidende. Die Orientierung am Bachmannpreis mit vielen Textbeispielen, verbunden mit literarischem Wissen und gesundem Menschenverstand, die Intelligenz und die Ironie der Autorin machen diesen Schreibratgeber besonders. Hier werden keine fiktiven Romanstellen erfunden, noch wird allein auf Klassiker zurückgegriffen, hier sind es zeitgenössische Texte der Bachmann-Lesungen, darunter Texte von vielen mittlerweile bekannten Autoren aus dem aktuellen Literaturbetrieb.

Hinzu kommen Detailbeobachtungen und Ratschläge, die sich dann doch nicht in jedem Schreibratgeber finden: Wie gehe ich mit Markennamen im Text um? Wann nerven Detailbeschreibungen über Meerwasseraquarien oder Fliegenfischen und wann sind sie absolut notwendig? Was unterscheidet ein Bett im Film von einem Bett im Buch?

Ein feines, hilfreiches, kurzweiliges und gut beobachtendes Buch hat Angela Leinen geschrieben. Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben, die durch kurze Gastbeiträge ergänzt wird, beispielsweise von einer Kritikerin, einer Literaturagentin und einer Lektorin, die ihre Kriterien für herausragende Texte erläutern.

Wer dieses Buch liest, gewinnt auf jeden Fall – vielleicht sogar den Bachmannpreis.

Angela Leinen: Wie man den Bachmannpreis gewinnt. Kindle Edition. 2012. literaturcafe.de » Herunterladen bei Amazon.de

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Tom schrieb am 5. Juli 2010 um 17:48 Uhr

    Was ich mich – noch immer und jedes Mal aufs neue – frage: Warum tun sich Autoren diese Bachmann-Preis-Veranstaltung an? Warum drücken die nicht einfach jedem Zuschauer eine Kopie ihres Textes in die Hand und sagen: “Lies selbst – danach können wir diskutieren. Ohne die Gimpel auf dem Podium.” Waurm tun die das?
    Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Geht es da wirklich ums Ego, ums Bekanntsein und -werden? Um Bestätigung von wem auch immer?
    Ich für meinen Teil lese da lieber das kleine “Gedicht” von Arthur Missa (aus Formenverfuger/Formenverfüger. Stücke aus Prosa).
    Nennt sich Gerechtigkeit für Ingeborg Bachmann – und geht so.

    |1| Ich scheiß’ auf euer Klagenfurt |1|
    |2| am liebsten wär’ mir da ein Mord |2|
    |3| doch nicht am Wort |3|
    |4| sondern vor Ort |4|
    |5| in Klagenfurt |5|
    |6| ein herrlich’ Hort |6|
    |7| nur Kindler dort |7|
    |8| die klagen sich in einem fort |8|
    |9| [wortwort] |9|

    Wort fort

  2. Tom schrieb am 5. Juli 2010 um 17:51 Uhr

    Leider lässt sich die Typographie des Gedichts hier nicht widergeben, deshalb noch der Link
    http://www.archive.org/details/GerechtigkeitFrIngeborgBachmann

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