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Beitrag vom 10. September 2010 | Rubrik: Literarisches Leben, Schreiben, Zuschussverlage

Warum werde ich nicht veröffentlicht? Oder: Die Große Manuskriptverschickung – Teil 4

Die Große Manuskirptverschickung: Auffangbecken 4Etwa eine halbe Million Menschen, so wird geschätzt, sitzen in den Wohnzimmern der Republik vor Laptops oder sogar Schreibmaschinen und verfassen »Romane«.

Ihre Qualifikation: Deutschunterricht.

Ihr Ansatz: autobiografisch.

Ihr Impetus: Schriftsteller werden, also vor allem reich und berühmt.

In einer fünfteiligen Serie analysiert der Autor Tom Liehr schonungslos, warum diese Werke dennoch kein Verlag veröffentlicht. Immer am Freitag erscheint ein neuer Teil.

Teil 4: Warum es selbst die besten Manuskripte oft nicht schaffen

Tom Liehr (Foto:privat)Tom Liehr
Jahrgang 1962, Berliner, ist freier Schriftsteller. Im Aufbau Verlag sind seine Romane »Radio Nights« (2003), »Idiotentest« (2005), »Stellungswechsel« (2007), »Geisterfahrer« (2008) und »Pauschaltourist« (2009) erschienen. Bei Rütten & Loening sind »Sommerhit« (2011) und »Leichtmatrosen« (2013) erhältlich. Er hat zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, darunter im »Playboy« und in der »c’t«, außerdem Prominentenportraits im österreichischen Magazin »DATUM - Seiten der Zeit« und diverse Sachtexte zum Thema Schreiben im »Autorenkalender«. Er ist Mitbegründer des gemeinnützigen »42erAutoren - Verein zur Förderung der Literatur e.V.«, der u.a. den »Putlitzer Preis« auslobt und den »Autorenkalender« herausgibt und dessen Vorsitzender Liehr jahrelang war. Für eine enorm medienwirksame Aktion schufen die 42er im Sommer 2009 die fiktive Autorenperson »Rico Beutlich«, mit deren Hilfe sie sog. Druckkostenzuschussverlagen erfolgreich auf den Zahn fühlten.

Links:
Autorensite:
www.tomliehr.de
42erAutoren:
www.42erAutoren.de

Romane:
Radio Nights (2003)
Idiotentest (2005)
Stellungswechsel (2007)
Geisterfahrer (2008)
Pauschaltourist (2009)
Sommerhit (2011, soeben als Taschenbuch)
Leichtmatrosen (2013)

Autor A hat einen Wissenschaftskrimi geschrieben. Die Handlung ist spannend, komplex und fußt auf einer vergleichsweise neuen Idee mit aktuellem Bezug, der Stil ist ansprechend, die Figuren sind glaubhaft – und es gibt sogar einen schönen Love interest. Das Manuskript wird an dreißig größere Verlage geschickt, und ein halbes Jahr später haben alle abgelehnt, meistens mit Formbriefen, aber zumindest ein paar Lektoren lobten es zuweilen, hoben in ihren persönlichen Repliken die gelungene Dramaturgie hervor, eine feine Idee oder den bemerkenswerten Stil, konnten das Buch aber dennoch nicht ins Programm nehmen. Bei einem Verlag schaffte es das Manuskript sogar bis in die Programmkonferenz.

Autor B hat einen Gegenwartsroman verfasst, eine amüsante, lakonische, pfiffige Coming-of-Age-Geschichte, die in der Drogenszene Castrop-Rauxels spielt. Seine Bewerbungshistorie gleicht derjenigen von Autor A.

Autor C griff auf seine Kenntnisse aus dem Archäologiestudium zurück und schrieb einen historischen Schmöker, faktenreich, exzellent recherchiert, sprachlich der Zeit angemessen und trotzdem mit aus heutiger Sicht nachvollziehbaren Konflikten versehen. Aber auch er konnte mit dem Buch nicht landen.

Autor D hat eine ganz eigene Sprache entwickelt, und einen überaus kunstvollen Roman verfasst, der die deutsche Gegenwart wie kein anderer zuvor beleuchtet – Absagenhagel.

Warum?

A, B, C und D sind bereits Ausnahmen, wie man fairerweise zugestehen muss. Der Kämmerlein-Roman, der eigentlich alle Kriterien erfüllt, die ein bemerkenswerter, richtig guter Roman erfüllen sollte, wird nur selten geschrieben. Die üblichen Verdächtigen – Betriebsblindheit, Selbstverliebtheit, stilistische und dramaturgische Fehlentscheidungen, unzeitgemäße Themen usw. usf. – sind weitaus wahrscheinlicher, und sie treffen beinahe jeden, der nicht sowieso übelsten Murks durch die Gegend schickt. An irgendeiner Stelle, in irgendeiner Hinsicht schmieren sie fast alle ab, mal hoffnungslos, mal mit gehörigem Rettungspotential.

Gelegentlich liest man Äußerungen frischgebackener Autoren, die das Gefühl aufkommen lassen, eine Änderung des Textes (oder gar der Arbeitsweise des Autors), die dazu führen könnte, dass sich dessen Marktchancen verbessern, käme einem Kapitalverbrechen gleich. Man will zwar auf den Markt, und zwar unbedingt und ganz sicher als Autor eines größeren Verlags, aber der Punkt hinter dem letzten Satz des Manuskripts ist eine unantastbare, heilige Größe – wie auch jeder Buchstabe und jedes Satzzeichen zuvor. Die Argumentation, mit der das begründet wird, gleicht derjenigen, mit der sich Autoren in BoD-Foren und ähnlichen Veranstaltungen ihre halbverlegerische Tätigkeit schönreden. Da wird von »Kontrolle behalten« gesprochen, von »uneingeschränkter Freiheit«, gar von der eigenen Identität als Autor und Künstler. Der sei man schließlich, und die ganzen Verlagskläuse hätten einfach keine Ahnung. Der Schritt vom fertigen Manuskript zum Publikumsverlag wird als selbstverständlich angenommen und erwartet, und man ist nicht gewillt, die eigene Arbeitsweise und ihr Ergebnis zu hinterfragen. Wenn es dann erwartungsgemäß nicht zu einem Verlagsvertrag kommt, sind immer die anderen Schuld, niemals man selbst. Immerhin hat man doch alle verfügbaren Ratgeber inhaliert und auch nach Meinung der beschaulichen Autorengruppe, deren Mitglied man ist, ein exzellentes Exposé und eine hinreißende Leseprobe abgeliefert. Die Einhaltung gewisser Formalia betrachtet man immerhin als eine Art Totem, als Ritual, das den Text umso mehr heiligt (verblüffenderweise ist man an dieser Stelle bereit, sich an der Erwartungshaltung des gewünschten Partners zu orientieren). Warum wird man trotzdem nicht eingeladen? Nun, erstens halten sich inzwischen alle an die vermeintlich essentiellen Formalitäten (was nicht automatisch im Umkehrschluss bedeuten muss, dass unerwarteten Erfolg hat, wer sie nicht einhält) – und zweitens passt es trotzdem nicht.

Faktisch weiß niemand, was Leser wollen oder warum. Von einigen festen Größen abgesehen, gibt es im belletristischen Bereich nur wenig, das verlässlich zum Erfolg führt. Ein Titel, der bereits ein internationaler Bestseller ist, wird sich auch hierzulande gut verkaufen, aber selbst das ist kein Muss. Trendblasen platzen plötzlich, und keiner weiß, warum, während eine neue Richtung über Nacht die Feuilletons und/oder Bestenlisten stürmt. Bestimmte Genres sind vergleichsweise krisensicher, aber das gilt keineswegs für alle Autoren, die diese Genres bedienen. Neue, unbekannte Autoren aber sind immer ein Risiko.

Hiervon abgesehen sind Verlage aber, wie jeder Verleger bejahen wird, Unternehmen, die davon leben, Bücher zu verkaufen. Nicht wenige Verlage existieren schon sehr lange, sind also mit dieser Tätigkeit zweifelsohne erfolgreich. Die Schlussfolgerung, dass Verlagsmenschen also wissen, wie man Bücher verkauft, und zwar im Ernstfall auch recht viele davon, liegt nahe. Fraglos gibt es in jedem Verlagsprogramm Flops, wie auch Unternehmen aus anderen Branchen hin und wieder Produkte auf den Markt bringen, die niemand kaufen will, aber die Kompetenz, Literatur erfolgreich zu vermarkten, kann man Verlagen nicht ernsthaft absprechen. Dennoch halten sich viele Autoren in dieser Hinsicht für schlauer und zweifeln jene Kompetenz an. Den Verlagen wird mangelnde Risikobereitschaft attestiert, das Festhalten an Strömungen unterstellt (der Begriff »Mainstream« wird gedankenlos als Negativeigenschaft angeführt, obwohl man, zumindest was den Verbreitungsgrad des eigenen Werkes angeht, in genau diesem Strom mitschwimmen will) und oft der Wille zur Neuautorenförderung abgesprochen. Das lässt erkennen, dass Erwartungshaltung und Realität an dieser Stelle stark auseinanderdriften.

Zu Teil 5: »Warum Verlage Autoren suchen – aber keine Bücher«

Hinweis: Kommentare zu dieser Serie können Sie beim ersten Teil abgeben (auch zu Teil 2-5). So gestalten sich die Rückmeldungen etwas übersichtlicher.

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