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Beitrag vom 23. Mai 2016 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Unterleuten: Juli Zeh blickt auf Befindlichkeiten

Juli Zeh: Unterleuten

»Unterleuten« ist der beziehungsreiche Titel des neuen Romans von Juli Zeh. Unterleuten ist ein kleines Dorf im Brandenburgischen, ungefähr 100 km von Berlin entfernt.

Worum geht es?

In Unterleuten hat sich nach der Wiedervereinigung der zwei Deutschen Staaten ein buntes Völkchen zusammengefunden: ehemalige Dorfbewohner, Arme, Reiche aus dem Westen und  Zugezogene aus Berlin, die es in die Idylle der vermeintlich noch unberührten Natur zog.

Hier herrschen enge und überschaubare Verhältnisse. Diese sind nicht immer friedfertig.

Es gibt mehr Feind als Freund. Jeder und jede versucht, den eigenen Wertvorstellungen oder Ideologien nachzustreben. Dabei stößt man sich an allen Ecken und Enden.

Der (Fast-)Professor für Soziologie Gerhard Fließ wandelt sich zum Vogelkundler und Umweltschützer, seine Frau Jule will Gartenbau und Gartenpflege zu ihrem Hobby machen. Die Häuser, anfangs noch verfallen, sind preiswert zu erstehen und werden im gemeinsamen Eifer den eigenen Bedürfnissen angepasst. Da stößt so mancher Gartenzaun an den anderen und die innere Stimmung samt passender Ideologie gleich mit dazu.

Von der ersten Zeile an ist man gebannt von der Dynamik, mit der Juli Zeh ihre Geschichte aufbaut. Man spürt die Wut und Enttäuschung, wenn das angepeilte glückliche Leben Risse bekommt. Und man erlebt den ehemaligen Gutsbesitzer Gombrowski, der die Kleinbürger von einst mit Verachtung straft. Alle von außen verordneten Wertvorstellungen geraten ins Wanken. Kommunisten versuchen zu retten, was zu retten ist. Der ehemalige Gutsbesitzer versucht, seine alte Herrschaft unter anderen Bedingungen wieder zu erlangen.

Ein diffiziles Netz von Verschwörungstheorien und persönlichen Kränkungen tritt zutage, in dem sich nach und nach zahlreiche Dorfbewohner verfangen.

Als eines Tages ein Gewinnler aus dem Westen mit Unterstützung einiger Dorfbewohner einen Windpark in der Gegend errichten will, beginnt eine Unruhe, die die ganze Gemeinschaft erfasst. Unterleuten ist ein Naturschutzgebiet, dessen Fauna und insbesondere dessen Vogelreichtum dieser Plan vernichten würde.

Das Dorf Unterleuten mit seinen Einwohnern ist ein Schmelztiegel, in dem Frust, Lust, Schikane und heile Weltvorstellungen eine ungute Symbiose eingehen. Wie blicken mit der Autorin auf eine Öffentlichkeit, in der Gier, Selbstsucht und Gewinnstreben, Eifersucht, Neid und die kleinen Streitereien des Alltags das Leben bestimmen. Hier spiegelt sich unsere momentane gesellschaftliche Wirklichkeit.

Juli Zeh ist nach eigener Aussage einer Zeitungsnotiz nachgegangen, in der es in ebenjenem Ort Unterleuten zu einem Verbrechen gekommen sein soll. Anhand eigener Recherchen entsteht eine umfassende Sozialstudie.

Zuweilen sind die Einzelheiten ihres Berichts ein wenig ermüdend in ihrer ausufernden Detailfreude.

Mit diesem Roman gesellt sie sich dennoch zu den ganz Großen der Weltliteratur. Sie kann sich messen lassen mit den anerkannten amerikanischen Autoren, die ebenfalls aus einer Kleinstadt (Elizabeth Strout) oder aus der Lage des Landes (Richard Ford) ihre Schlüsse mit Blick auf gesellschaftlichen Befindlichkeiten zu ziehen vermögen.

Juli Zeh schreibt klug, einfallsreich, empathisch und mit Sinn für die kleinen Alltäglichkeiten. Man sollte sich diesen Roman nicht entgehen lassen!

Claudine Borries

Juli Zeh: Unterleuten: Roman. Gebundene Ausgabe. 2016. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630874876. EUR 24,99 » Bestellen bei Amazon.de
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