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Beitrag vom 4. Dezember 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Todesengel-Autor Andreas Eschbach: »Man wird immer gefragt, ob man selbst so denkt«

Andreas Eschbach»Todesengel« heißt der aktuelle Roman von Andreas Eschbach. Thematisch ist kaum ein anderer Autor so abwechslungsreich wie Eschbach. Wenn es so etwas wie eine gemeinsame Komponente gibt, dann sind es Thriller mit einem kleinen Science-Fiction-Anteil. Im »Todesengel« greift der Bestsellerautor ein kontrovers diskutiertes Thema auf: Selbstjustiz.

Vor seiner Lesung in Stuttgart am 19. November 2013 sprach Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de mit Andreas Eschbach über den neuen Roman, die Verwechslungsgefahr mit den Figuren und die Frage, ob sein Roman den großen Medien vielleicht doch etwas zu riskant ist.

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Andreas Eschbach über seinen Thriller »Todesengel«

literaturcafe.de: Andreas Eschbach, Sie sind heute zu einer Lesung nach Stuttgart angereist, kommen von einer Lesung gestern bzw. haben noch Lesungen vor sich.

Andreas Eschbach: Zwei Lesungen liegen hinter mir, vier noch vor mir.

literaturcafe.de: Macht einem das Spaß oder ist das Stress?

Andreas Eschbach: Beides. Die Reiserei ist Stress, die Lesung selbst ist auch nicht ganz stressfrei, aber in der Regel interessant.

literaturcafe.de: Wer noch keine Andreas-Eschbach-Lesung besucht hat: Wie muss man sich die vorstellen? Lesen Sie nur Text? Reden Sie mit dem Publikum? Oder lassen Sie die Situation auf sich zukommen?

Andreas Eschbach: In der Regel lese ich – wie der Name schon sagt – so ungefähr eine Dreiviertelstunde und stehe dann noch für Fragen und Antworten zur Verfügung. Das ist für mich der interessante Teil, wenn Fragen aus dem Publikum kommen, zum Buch, zu anderen Büchern, zu was auch immer. Am Schluss wird dann in der Regel signiert.

literaturcafe.de: Der »Todesengel« heißt der aktuelle Thriller, mit dem Sie unterwegs sind. Darin gibt es eine Situation, die fast schon Klischee ist: der Übergriff auf einen Unschuldigen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Doch leider ist diese Situation auch immer wieder Realität, wie man den Medien entnehmen kann. Waren Sie selbst schon einmal in einer ähnlichen Situation? Haben Sie so etwas beobachtet?

Andreas Eschbach: Nein, war ich noch nicht. Ich wünsche es mir auch nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich dann darüber schreiben könnte, wenn es mir selbst passiert wäre.

literaturcafe.de: Sie sind, wenn ich das so sagen darf, ein typischer »Was-wäre-wenn-Autor«. Viele Ihrer Bücher kreisen um ein populäres Thema, doch Sie greifen dann die Frage auf: Was wäre, wenn – man beispielsweise zu Zeiten Jesu’ schon eine Videokamera gehabt hätte?

Im »Todesengel« geht es um die Frage: Was wäre, wenn in einer solchen Situation plötzlich jemand auftreten und Selbstjustiz üben würde, also die Täter sofort an Ort und Stelle richtet. Entstehen tatsächlich so Ihre Stoffe?

Andreas Eschbach: Ja. Wenn so ein Was-wäre-wenn auftaucht und ich denke: Das ist eine interessante Frage, es würde sich lohnen, das zu durchdenken – daraus entstehen die Geschichten. Woher die Idee selbst jeweils stammt, das weiß ich nicht. Die kommt eben. Ich stelle mir die Frage oft: Was wäre, wenn?

literaturcafe.de: Nun nehmen Sie im »Todesengel« ein sehr populäres und populistisches Thema auf: die Frage nach der Selbstjustiz. War Ihnen das bewusst, dass sie diesmal ein sehr aktuelles gesellschaftliches Thema aufgreifen?

Andreas Eschbach: Na klar! Es war mir auch wichtig, keinen Roman zu schreiben, der »Ein Mann sieht rot« noch einmal nacherzählt, sondern etwas anderes daraus zu machen. Er ist auch nicht parteiergreifend, sondern es ist ein Durchdenken einer Fragestellung um die Situation der öffentlichen Gewalt.

literaturcafe.de: Sie gehen das relativ offen an. Sie geben einem der Protagonisten, einem Fernsehmoderator, die »Stimme des Volkes«, indem er eine Fernsehsendung moderiert, in der es um öffentliche Gewalt geht. Besteht da nicht die Gefahr, dass man als Autor mit der Meinung verwechselt wird, die die Figur im Roman vertritt?

Andreas Eschbach: Die Gefahr besteht immer. Man wird immer gefragt, ob man das selbst so denkt, ob man das selbst erlebt hat, ob man das selbst so tun würde. Ich kann dazu nur sagen: Nein, das ist ein Roman. Jede Figur hat ihre Stimme. Speziell in diesem Roman haben viele Figuren ihre eigene Sichtweise auf die Geschichte. Die des Journalisten ist die wichtigste, das hat sich aber erst im Laufe der Zeit herausgestellt.

literaturcafe.de: In dieser fiktiven Talkshow kommen viele Opfer zu Wort. Ich habe es nicht nachrecherchiert, aber ich meine, dass diese Geschichten alle der Realität entnommen sind.

Andreas Eschbach: Ja, die sind alle aus der Realität entnommen und etwas verfremdet, um sie nicht 1:1 zu übernehmen, was sicherlich auch rechtliche Probleme gemacht hätte. Alter, Geschlecht, Beruf sind variiert, aber es sind Destillate von tatsächlichen Ereignissen und auch von tatsächlichen Urteilen, die gefällt wurden. Also wenn jemand einen Angreifer die Treppe hinunterstößt und dann einen Strafbefehl wegen Körperverletzung bekommt, nur weil er sich verteidigt hat. Solche Dinge sind tatsächlich vorgekommen.

literaturcafe.de: Das Opfer oder ein Zeuge solch einer Situation wird also nochmals Opfer, indem die Justiz gegen ihn ermittelt oder andere Dinge passieren, anstatt dass man das Opfer entsprechend behandelt. Besteht da nicht Gefahr, dass sie jetzt plötzlich Einladungen von irgendwelchen Organisationen bekommen, die sagen: »Herr Eschbach, endlich sagt es mal jemand!«

Andreas Eschbach: Ich glaube, wenn eine solche Einladung käme, käme die von jemandem, der das Buch nicht zu Ende gelesen hat. Aber bis jetzt kam noch nichts dergleichen.

Was aber auffällt ist: Bisher habe ich bei jedem Buch Interviews mit den großen Zeitungen gehabt. Das war diesmal gar nicht. Dieser Satz vom Anfang des Buches »… passt nicht in die politische Großwetterlage« ist vielleicht nicht fehl am Platze. Das hat mich gewundert, muss ich sagen.

literaturcafe.de: Glauben Sie also tatsächlich, dass sie mit dem Roman etwas bewirken?

Andreas Eschbach: Auf jeden Fall gibt es da Berührungsängste, habe ich den Eindruck.

literaturcafe.de: Sie wollen aber in erster Linie unterhalten.

Andreas Eschbach: Will ich immer! Ich will, dass man den Roman zur Hand nimmt, sich festliest und ihn nicht eher aus der Hand legt, bevor man auf der letzten Seite angekommen ist.

literaturcafe.de: Gab es Leserreaktionen, mit denen sie nicht gerechnet haben?

Andreas Eschbach: Da kam bis jetzt noch nichts. Beim Roman »Ein König für Deutschland« habe ich tatsächlich Zuschriften von Monarchisten bekommen, die sich beklagt haben, dass ich das nicht zu Ende geführt und Deutschland in eine Monarchie verwandelt habe – was ja nicht mein Anliegen war. Entsprechendes kam beim Todesengel noch nicht. Vielleicht sind die Leute ja doch vernünftiger, als man denkt.

literaturcafe.de: Selbstjustiz ist keine Lösung.

Andreas Eschbach: Nein, Selbstjustiz ist keine Lösung! Selbstjustiz ist etwas, das entsteht, wenn man das Gefühl hat, dass das Justizsystem nicht mehr funktioniert. Wenn dieses Gefühl aufkäme, dann wären solche Selbstjustizmaßnahmen, Bürgerwehren usw., eine unvermeidliche Entwicklung. Im Prinzip ist das Buch ein Appell an die Justiz, doch bitteschön ihren Job zu tun.

literaturcafe.de: Ich empfehle, diesen Roman jedenfalls zu Ende zu lesen, denn dann sieht man die negativen Auswirkungen, die Selbstjustiz haben kann. Ich wünsche Ihnen und mir und allen Zuhörern heute Abend eine schöne Lesung. Vielen Dank, Herr Eschbach!

Das Interview führte Wolfgang Tischer

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2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Kai Seuthe schrieb am 5. Dezember 2013 um 10:57 Uhr

    Als Eschbach-Fan habe ich auch dieses Buch gelesen und kann nur bestätigen, dass es sich dabei um einen wiedermal sehr guten Roman handelt.
    Am spannendsten fand ich die Frage, wie sich der Auttor aus dieser Zwickmühle der “Verherrlichung” von Selbstjustiz herausbekommen sollte.
    Die Lösung war so subtil wie realistisch. Und das fand ich gut.

  2. Pius von Heereman schrieb am 8. Dezember 2013 um 10:25 Uhr

    Ich finde es auch seltsam, dass bei einigen Themen der Autor immer gefragt wird, ob man selbst so denkt, oder ob die Erfahrungen autobiografisch seien. Wenn man über einen geisteskranken Serienmörder schreibt wird ja auch niemand fragen, wie viele Menschen man für die Recherche umgebracht hat, schreibt man z.B. über frivole Abenteuer muss man sich – siehe ELJames – schon genauere Nachfragen zu persönlichen Sichtweisen oder gar Vorlieben gefallen lassen.

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  1. frauenkrimis.net – KrimiMeldungen 05122013, 13.19 Uhr verlinkte am 5. Dezember 2013 um 13:19 Uhr

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