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Beitrag vom 2. Dezember 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Janne Teller: Nichts was im Leben wichtig ist

Janne-TellerEin Freund reichte mir dieses Buch: »Musst du unbedingt lesen. Gilt zwar als Jugendbuch, aber es ist nicht nur das!«

Die Autorin war mir unbekannt. Der unschuldig-weiße Umschlag mit der roten Schrift und dem Relief NICHTS quer über den Umschlag sprach mich sofort an: Ob das eine inhaltliche Bedeutung hat, dieses Schmucklose?

Hat es. Aber wie!

Die 139 Seiten habe ich am Stück gelesen. Ich war fasziniert, wie fesselnd, einfühlsam, drastisch und zurückhaltend dieses entsetzliche Ereignis von der Ich-Erzählerin Agnes, inzwischen Anfang zwanzig, erzählt wird.

Am ersten Schultag der siebten Klasse beschließt der Mitschüler Pierre Anthon, nicht mehr in die Schule zu gehen und verlässt das Klassenzimmer. Seine Begründung:

Nichts bedeutet irgendetwas,
das weiß ich seit Langem.
Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.
Das habe ich gerade herausgefunden.

Das ist das erste Kapitel.

Diese Aussage klingt wie ein Motto. Pierre Anthon spricht es aus im folgenden Kapitel, steht auf und verlässt das Klassenzimmer.

Die Mitschüler sind verwirrt: Wieso hat nichts eine Bedeutung? Wozu leben sie denn dann? Aus ihnen sollte doch etwas werden? Genauer: Sie sollten doch jemand werden?

Wurden sie am Ende auch. Soviel sei verraten …

Pierre Anthon ist seitdem auf dem Pflaumenbaum vor seinem Haus anzutreffen, von wo er seine Mitschüler auf deren Schulweg mit unreifen und reifen Früchten bombardiert und mit seinen Erkenntnissen:

Warum tun alle so, als sei alles, was nicht wichtig ist, sehr wichtig, während sie gleichzeitig unheimlich damit beschäftigt sind, so zu tun, als wenn das wirklich Wichtige überhaupt nicht wichtig ist?

In wenigen Jahren seid ihr alle tot und vergessen und nichts, also könnt ihr genauso gut sofort damit anfangen, euch darin zu üben.

Wenn sterben so leicht ist, dann deshalb, weil der Tod keine Bedeutung hat. Und wenn der Tod keine Bedeutung hat, dann deshalb, weil das Leben keine Bedeutung hat. Aber amüsiert euch gut.

Was immer die Schüler vorbringen: Pierre Anthon weist ihnen hoch oben von seinem Pflaumen-Elfenbeinturm nach, dass nichts eine Bedeutung hat.

Die Klasse ist ratlos. Und die 18 Schülerinnen und Schüler fangen an Dinge zu sammeln – zunächst bei anderen, dann bei sich selbst –, die ihrer Meinung nach eine Bedeutung haben, um diese in einem stillgelegten Sägewerk zu einem Berg der Bedeutung zu häufen.

Harmlos beginnt es, aber dann folgt eine unglaubliche Spirale von Gewalt.

Dieser grauenhafte Selbstlauf ist es, der den Roman so faszinierend macht und den Leser fassungslos: Wieso wehrt sich niemand, wider besseres Wissen? Woher kommt diese Wut? Dieser Hass?

Dazu braucht es kein künstliches Experiment wie in »Die Welle« von Morton Rhue. Es ist das, was auch in vielen Cliquen passiert, einfach so, ein Aussteigen ist nicht mehr möglich, der verinnerlichte Gruppenzwang sorgt dafür.

Dazu die literarische Qualität:

  • Die einfühlsame Darstellung der Denk- und Fühlweisen von 13/14jährigen
  • Der Ort heißt Tæring, was soviel heißt wie rosten, korrodieren. Und um den Zerfall der Menschlichkeit geht es.
  • Der Pflaumenbaum steht vor dem Haus Tæringvey 25, und die eigentliche Episode umfasst genau 25 Kapitel. Kapitel 26 ist ein knapper Bericht der Ich-Erzählerin über die weiteren Folgen für die Mitschüler (und sich).
  • Das alles Entscheidende geschieht dabei in Kapitel 13, also genau in der Mitte.
  • Die inhaltliche Eskalation wird in den Kapiteln sprachlich vorweggenommen, da in fast jedem gesteigert wird: Angst, mehr Angst. Am meisten Angst. … Still. Stiller. Ganz still. … Dunkel. Dunkler. Grabesdunkel. … Schlechter Moslem! Kein Moslem! Niemand! … Langweilig. Langweiliger. Am Langweiligsten.
  • Viele der 18 Schüler haben Epitheta (pardon: schmückende Beiwörter), und die werden strikt durchgehalten, z. B. die hübsche Rosa oder Dame Werner oder die kleine Ingrid.

Es überrascht kaum, dass Jane Teller im ZEIT ONLINE-Interview folgendes äußert:

Es gab in verschiedenen Ländern Schwierigkeiten, nicht nur in Dänemark, sondern in Frankreich und Norwegen, wo es in manchen Schulen noch immer nicht gelesen werden darf. […] Manche Lehrer und Bibliothekare sagen: Dieses Buch ist schädlich für junge Leser, weil es ihnen jede positive Einstellung zum Leben raubt. Das sehe ich völlig anders, und glücklicherweise habe ich recht. Junge Leute stellen sich alle fundamentalen Fragen ganz von allein. Es sind die Erwachsenen, die sich unwohl fühlen, wenn an der Lackierung all dessen gekratzt wird, was wir aus reinem Konformismus täglich mitmachen. Das, was Pierre Anthon und seine Mitschüler tun, um welchen Preis auch immer, ist es doch, die Frage »Hat das Leben überhaupt einen Sinn« in die Frage umzuformen, welchen Sinn es haben sollte.

Dieser Roman ist bestimmt nicht schädlich für junge oder alte Leser. Er ist ein Gewinn!

Malte Bremer

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2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Uli schrieb am 4. Dezember 2013 um 12:20 Uhr

    Wen interessiert es eigentlich noch, was dieser Herr Bremer gut oder schlecht findet?

    Viel lieber hätte ich im LC einen Bericht über den ersten Deutschlandbesuch von Stephen King gelesen, vielleicht wäre ja sogar ein Interview machbar gewesen. Statt dessen muss man sich auf Boulevardseiten wie dem Stern darüber informieren. Schade eigentlich …

  2. Redaktion schrieb am 4. Dezember 2013 um 12:55 Uhr

    Abwarten, Herr Lucas, Sie oller Nörgelpott :-) Abwarten und noch etwas Geduld …

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