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Tsunami durchs Rheintal: Die Novelle »Fessenheim« von Jürgen Lodemann

Jürgen Lodemann: FessenheimErinnerungen: der erfolgreiche Kampf vor 40 Jahren gegen das Kernkraftwerk Whyl am Kaiserstuhl und – nicht erfolgreich – gegen das in Fessenheim, Liedzeilen samt Melodien tauchen auf, z. B. von Roger Siffer »Fassana beujit (baut) Krippel mit sinem Atom« oder von Frantz Keck »Fassemer Bare (Bären – so bezeichne(te)n die Fessenheimer sich selbst) / mit de lange Schare / mit me neje Atomkraftwerk / butze em Deifel d’Hell awag«.

Jürgen Lodemann hat sich der Themen Fessenheim und Fukushima angenommen – aber ganz anders als zu erwarten.

Tsunami durchs Rheintal

Die »unerhörte Begebenheit«, die laut Goethe eine Novelle ausmacht, ist bei Lodemann nicht der erwartbare GAU des brüchigen AKWs Fessenheim, sondern etwas ganz anderes: Eine Schwächezone der Erdkruste bei Konstanz sackt ab, und der ganze Bodensee ergießt sich schlagartig ins Rheinbett.

Folge: Ein Tsunami rast durchs Rheintal und fegt alles weg, was ufernah und nicht niet- und nagelfest ist – und das ist keine Fabrik im Rheintal, schon gar nicht das marode Fessenheim.

Folge? Freiburg zum Beispiel wird zwar nicht überschwemmt, aber verstrahlt, es gibt kein Entkommen. Denn wie will man über 500.000 Freiburger evakuieren? Und wohin? Es gibt keinerlei Überlegungen, keinen Plan, logischerweise auch keine Übung für solch einen denkbaren Störfall. Seit über 40 Jahren nicht, obwohl Freiburg im Kernbereich eines GAU liegt.

Wissenschaftlich untermauerte Fiktion

Dies Szenario ist der Beginn der Novelle – eine wissenschaftlich untermauerte Fiktion.

»Es sollte klar sein, dass dies Literatur ist, Science Fiction.«
»Nein, dies ist Hochrechnung. Reportage. Aus akuter weltweiter Atomschweinerei. Letzte Mahnung.«
»Panikliteratur.«
»Reine Sachprosa. Fiktives Dokument, das nichts beiseite sülzt mit Tief- und Triefsinn.«

Der Verfasser der Studie zukunft.doc ist der Protagonist Ben Busch, ein ehrgeiziger, junger Reporter bei der Freiburger Zeitung, und dieses erschreckende Eingangsszenario ist in Wirklichkeit der Schluss der Novelle.

Wie kommt es dazu? Wieso steht es dann am Anfang? Wie hat er das recherchiert? Welche Probleme gab es mit der Zeitung, den Politikern, den Wissenschaftlern? Wie durchdringt man den Filz der Amigos? Wer steckt wem was und wie und wieviel? Und warum forscht Ben Busch überhaupt?

Ganz nebenbei erlebt man auch noch eine zarte Liebesgeschichte!

Eine Rolle spielt auch ein visionäres Gedicht über die Schwarzwaldberge Belchen und Blauen aus dem Jahre 1803 vom Romantiker Johann Peter Hebel:

Die Vergänglichkeit

Der Belche stoht verchohlt,
der Blauen au, as wie zwee alti Türn,
und zwische drin isch alles use brennt
bis tief in Bodde abbe.
D’Wiese het ke Wasser meh, ‘s isch alles öd
und schwarz, und totestill, so wit me luegt –
lueg, dort isch d’Erde gsi –

(Der Belchen steht verkohlt, / der Blauen auch, wie zwei alte Türme, / und dazwischen ist alles verbrannt / bis tief in den Boden. / Die Wiese hat kein Wasser mehr, es ist alles öd / und schwarz, und totenstill, so weit man auch schaut – / schau, das ist einmal die Erde gewesen –)

Jürgen Lodemann erzählt seine Novelle überaus bissig, humorvoll, klug und fesselnd; und manche der beschriebenen Figuren aus Industrie und Politik kann man an ihrer Arroganz und in ihrer dumpfen Borniertheit wiedererkennen!

Malte Bremer

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