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Literarischer Lebensbegleiter: Albert Camus zum 100. Geburtstag

Albert Camus (Foto: Robert Edwards/Wikipedia)
Albert Camus (Foto: Robert Edwards)

Von Astrid Braun – Dass er seinen Tod am 4. Januar 1960 auf einer Landstraße finden würde, als sich das Auto seines Verlegers Michel Gallimard um einen Baum wickelte, hätte Albert Camus nicht überrascht. Ein Leben rundet sich selten allmählich. Man wird in das Leben rein- oder rausgeschleudert, leidet oder leidet wenig, nur eines ist gewiss:

Man kommt auf die Welt und muss sterben.

Er sei kein Philosoph, betonte Albert Camus, er glaube nicht genug an die Vernunft, um an ein System zu glauben, »mich interessiert die Frage, wie man sich verhalten sollte«.

Mit viel Verve und manchmal weit ausholenden Exkursen versucht Michel Onfray, einer der Autoren der zahlreichen Camus-Neuerscheinungen, in seinem Buch »Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus« aus diesem doch einen zu machen, eine Art Verhaltensphilosophen. Hat Camus auch mein Leben beeinflusst?

Für mich war und ist Camus einzigartig, seine Bücher sind ständige Wegbegleiter.

Vielleicht waren es die Folgen eines beinahe tödlichen Stromunfalls, die mich in das Universum von Camus katapultierten. Mit 16 las ich in »Der Fremde« von jenem Meursault, der mit einer fast unerträglichen Gleichgültigkeit von seinem Leben spricht. Nichts ist ihm wirklich wichtig, er tötet, weil die Sonne ihn blendet. Lebendig und aufsässig wird er erst, als es um seine Strafe geht. Er will die Hinrichtung, ohne sich zuvor zu seinen Sünden zu bekennen. Das war unerhört, beängstigend. Das Einzige, was ihn bewegt, ist die sinnliche Erfahrung des Meeres und der Sonne, vielleicht noch ein Kuss seiner Freundin Marie.

Wir sind so daran gewöhnt, von der Absurdität unserer Existenz zu sprechen, dass wir vergessen haben, mit welcher einmaligen Intensität und Klarheit Albert Camus sie Anfang der 1940er Jahre literarisch in Szene setzte. Sisyphos und sein Stein sind seit Camus kein Mythos mehr, wir wissen, wir alle sind Sisyphos. Wir ruckeln den Stein und sehen ihn ins Tal stürzen. Manchmal sind wir glücklich.

Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt

Im Französisch-Examen lächelte Camus, der jüngste Literatur-Nobelpreisträger aller Zeiten, mir wieder zu und wunderte sich, wie leicht man ihn in appetitliche Weisheiten verwandeln konnte. In meinem Jahr in Südfrankreich sprang ich in seinem Schatten dem Licht hinterher, glaubte zu wissen, was er meinte. Den bislang größten Verlust in meinem Leben milderte er durch seine unvergessene Formulierung von der »zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt«, für mich das schönste Oxymoron in der Literatur. Wir dürfen von der Welt, die uns umgibt, keine Anteilnahme erwarten, auch nicht von Gott, Engeln oder Teufeln. Die Welt ist einfach nur da. Aber wir Menschen sind in der Lage, sie zu fühlen und zu beschreiben. Wir können Zärtlichkeit und Nicht-Anteilnahme gleichzeitig spüren, es blitzt Geborgenheit auf.

Wenn uns das Grauen der Welt in Form von Pestviren überfällt, die Pest in Camus’ gleichnamigen Roman auch gedacht als grandiose Parabel über totalitäre Regime jedweder Couleur, dann verwandelt sich alle Gleichgültigkeit bei Camus in ein tapferes Dennoch, in eine Revolte, denn es gibt nichts, aber auch gar nichts, was das Leiden eines einzigen Kindes rechtfertigt. Gelesen habe ich »Die Pest« und immer wieder »Die Pest«.  Und möchte immer wieder so sein wie der Doktor Rieux, der seine Pflicht tut und dem Tod entreißen will, was er als Mensch entreißen kann. Unbeirrt, tapfer. Ohne Attitude, ohne Botschaft, ohne Erwartung, aber mit Maß, unerschöpflicher Geduld und aus Solidarität. Ein Protestant ohne Jenseits.

»Ich mache mir aus einem Philosophen gerade so viel, als er imstande ist, ein Beispiel zu geben«, dieses Nietzsche-Zitat stellt Onfray außerordentlich passend seinem Buch voran. Ist Albert Camus ein Beispiel für gelebte Erkenntnis, gar ein Vorbild? Er hätte das nicht gemocht, denn Camus, der die Frauen liebte, sich ständig schuldig fühlte gegenüber seiner depressiven Ehefrau Francine, kannte nur zu gut die Abgründe des Menschen. Seine Unbestechlichkeit  isolierte ihn als Denker und Literat, mit Sartre verstand er sich nicht mehr, denn der wollte nicht loslassen vom linken Ideal des Kommunismus. Unter jedem Stein, den Camus aufhob, krabbelte Getier, das zu benennen er nie aufhörte, ob als Journalist, als Kämpfer für ein freies Algerien, für eine gerechte Gesellschaft. Die Vielfalt der Welt konnte in seinen Augen nicht unter den Oberbegriff einer Idee subsummiert werden. Er war ein Empiriker, ein Sensualist, der die Gesetze der Welt nicht zu kennen glaubte, sondern erleben wollte. Der das Helle dem Dunklen vorzog. Der ein vaterloser Junge aus ärmlichen Verhältnissen war und gerne Fußball spielte.

Astrid Braun
ist Geschäftsführerin des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Albert Camus wurde am 7. November 1913 in Mondovi, Algerien geboren und starb am 4. Januar 1960 nahe Villeblevin in Frankreich bei einem Autounfall. 1957 erhielt Camus den Literaturnobelpreis.

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