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Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

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Textkritik vom 19. Dezember 2002 | Textart: Prosa
Brillen: BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Der erste Kuss 2002

von Philipp Berger

Sie ist von unbeschreiblicher Schönheit. Die langen dunkelbraunen, gelockten Haare hängen über ihre leicht gebräunten Schultern. Ein Teil ihres zarten, schmalen Gesichts verdecken ein paar Strähnen. Kastanienbraune Augen suchen seinen Blick. Ihre vollen Lippen sehnen sich nach den seinigen. Langsam nähert er sich ihrem Gesicht. Sie schaut ihn weiterhin mit ihrem leidenschaftlichen Blick an. Er schließt die Augen berührt ihre Lippen. Danach sitzt er noch lange vor seinem Schreibtisch mit ein wenig Staub auf den Lippen. Demnächst wird er mal wieder seinen Bildschirm abstauben müssen.

© 2002 by Philipp Berger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine nette Idee – aber die Durchführung lässt bis auf den Schluss sehr zu wünschen übrig!
Das Erfreulichste ist, dass ein 16-Jähriger für diesen Text verantwortlich zeichnet: Da ist noch gewaltiges Lernpotenzial vorhanden. Und Hut ab, dass er sich einer öffentlichen Kritik stellt!

Die Kritik im Einzelnen

Oh nein!!! Das ist absolut unzulässig: Entweder beschreibt der Erzähler die Schönheit, oder er lässt es sein; oder er beschreibt das, was er beschreiben kann: Schließlich will ich als Leser ja wissen, ob der Erzähler sein Handwerk versteht oder nicht; aber so zu tun, als sei man ein begnadeter Erzähler, könne aber dennoch die Schönheit nicht beschreiben – das ist billig und vor allem unredlich! Der Satz muss verschwinden bzw. auf seinen Kern reduziert werden: Sie ist schön. zurück
Zwar kann ihre Schönheit angeblich nicht beschrieben werden, dennoch legt sich der Erzähler jetzt ins Zeug, was nichts anderes bedeutet, als dass der erste Satz purer Unsinn gewesen ist! Aber bleiben wir bei diesem Satz:
2 braun in 1 Sätzlein kommt schröcklich hülflos: ein Leser könnte mutmaßen, der Erzähler könne doch nicht erzählen… Reicht es nicht, wenn die Schöne einfach nur dunkle Haare hat? Schließlich denkt niemand dabei an dunkelrot oder dunkelblau! Oberüberflüssig ist das Adjektiv lang, denn kurze Haare können bei allem Wohlwollen nicht über irgendwelche Schultern hängen; streiten ließe sich auch, ob gelockte Haare oder Locken angebrachter wäre, denn bei so wenig Genauigkeit in den beiden ersten Sätzen vermag ich nicht zu entscheiden, ob der Schönen Haare eher ansatzweise Locken haben, also gelockt sind, oder ob echte Locken auf ihrem Haupte prangen; das kann bestenfalls der Erzähler wissen, sofern er sich eine klare Vorstellung von der Schönen gemacht hat (falls nicht, wird es jetzt aber höchste Zeit!). Auch die Art des Hängens ließe sich verdeutlichen, indem das farblose hängen ersetzt würde durch z.B. ringeln oder kräuseln oder locken und anderem mehr, schließlich soll eine Beschreibung anschaulich sein: ach, es gibt zu tun noch so allerlei in diesem kleinen Satz – aber von nix kommt nix! zurück
Da der Satz mit dem Nominativ ein Teil beginnt, stolpert ein geübter Leser (und nur um die geht es) bereits beim Verb verdecken, denn der Plural will und will nicht passen. Nachdem er dreimal gestolpert ist und seine Stirnrunzeln geschüttelt hat, entdeckt er schließlich irritiert das folgende ein paar Strähnen: »Hä?« könnte ihm eine unhöfliche Silbe entfahren (höflich wäre z.B. wie bitte, werde ich immer wieder belehrt), und stillschweigend den Plural beim Verb korrigierend begönnen sich seine Hirnwindungen zu verkrampfen: »Wieso in Dreischriftstellers Namen verdeckt ein Teil des Gesichts ein paar Haarsträhnen???« Tja, und dann erst merkt er, dass der Satz eigentlich mit einem astreinen Akkusativ hätte beginnen müssen: Einen Teil ihres zarten, schmalen Gesichts verdecken ein paar Strähnen. Wäre die stinknormale Satzstellung verwendet worden – und da gehe ich jede Wette ein -, hätten selbst viele geübte Leser den falschen Akkusativ nicht bemerkt, weil er umgangssprachlich schon lange die Regel ist: Ein paar Strähnen verdecken ein Teil ihres zarten, schmalen Gesichts. zurück
Jetzt wird uns nach wenigen Worten das dritte braun um die Ohren geschlagen, das nervt allmählich: wie wär’s denn mit kastanienfarbigen Augen oder etwas lifestylemäßig Hipperem wie cyberpurple Augen – man möge bitte die entsprechenden Haarfärbe- bzw. Lippenschmiermittelkatalogen konsultieren, da gibt es Aberwitziges! zurück
Der Satz kann mühe- und problemlos entfernt werden, schließlich haben sich ihre vollen Lippen nach den seinigen gesehnt, einen leidenschaftlichen Blick hatte es nie gegeben (von wegen weiterhin!!!); und dass sie ihn mit leidenschaftlichem Blick (auch das ist offenbar ein wichtiges Wort, da es schon wieder bemüht wird) anschaut statt mit leidenschaftlichen Ohrläppchen: wozu muss das erwähnt werden? Hätte ein einfaches sie schaute ihn leidenschaftlich an nicht völlig gereicht? Doch, hätte – aber am allerbesten wäre kein Satz an dieser Stelle. zurück
In diesem Winzsatz fehlt entweder ein Komma oder ein und – ach, wenn man nicht alles selber macht! Dass nicht klar ist, womit der Protagonist ihre Lippen berührt, lasse ich als bewusstes Gestaltungsmittel durchgehen wegen der späteren Auflösung. zurück
Es freut mich, dass ich zu den beiden letzten Sätzen nur eine einzige Frage habe: warum muss er den Bildschirm mal wieder abstauben? Hat er sich im vergangenen Jahr schon häufiger einen Satz staubiger Lippen geholt? Wenn das gemeint ist, darf es so stehen bleiben; ist das nicht gemeint, reicht aus: Er wird wohl seinen Bildschirm abstauben müssen. Das ließe offen, ob er nochmals und immer wieder die Bildschirmlippen küssen möchte oder dank des staubigen Erlebnisses so ernüchtert ist, dass er lediglich den Staub loswerden will. In allen Fällen ist jedoch demnächst verzichtbar. zurück

© 2002 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.