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Beitrag vom 8. Februar 2016 | Rubrik: Literarisches Leben

Roger Willemsen (1955 – 2016). Ein Nachruf.

Roger Willemsen (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Roger Willemsen (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Bevor ich Roger Willemsen das erste Mal traf, war er für mich das, was er für viele bis heute ist: dieser Intellektuelle aus dem Fernsehen. »Wie ist denn der so?«, wurde ich oft gefragt, und die Tonlage der Fragestellung ließ vermuten, dass man sich von mir erhoffte, ich würde die Vorurteile bestätigen. Doch ich geriet ins Schwärmen.

Meine Kollegin Eileen Stiller hatte damals den Interviewtermin mit Roger Willemsen ausgemacht. Das war auf der Buchmesse 2005. Zusammen sind wir zum Stand des S. Fischer Verlags gegangen. Ich weiß noch, dass ich wenig mit diesem Interviewpartner anfangen konnte. Dieser Intellektuelle aus dem Fernsehen eben. Ein Jazzliebhaber. Sicher eingebildet, sicher leicht überheblich. Denn wer waren wir schon? Menschen, die was im Internet machten.

Wir saßen zu dritt in einem dieser eigenartigen Interview-Hinterzimmer der Verlagsstände, die gleichzeitig auch Lagerraum sind. Die Buchmesse als Hochamt des Intellektuellen, das war mein Einstieg ins Gespräch, und fast höre ich meine Vorurteile aus meinem damaligen Frageton heraus.

Doch dieser Mann war ganz anders. Mit welchem Eifer und Ernst er die Fragen annahm und mit wie viel Witz und Selbstironie er sie beantwortete. Wie präsent er war und wie sehr er den Eindruck vermittelte, dass für ihn in diesem Augenblick nichts auf dieser Welt existiere, außer dieses Interview. Roger Willemsen galt als begnadeter Interviewer, aber er war auch ein begnadeter Interviewpartner.

Neunmal habe ich mit ihm gesprochen. Meist in den Messe-Hinterzimmern des Verlages, mal im Innenhof der Messe, später auch in seiner Garderobe kurz vor seinen Auftritten. Und immer war die Gesprächssituation so intensiv wie beim ersten Mal, als spiele es gar keine Rolle, dass da in einem großen Saal nebenan Hunderte auf ihn warten.

Genauso war er auf der Bühne. Da saß er an einem Tisch, hatte ein Buch in der Hand und begann dann doch einfach zu erzählen. Auch hier hatte man dein Eindruck, dass dieser Mann nur für das Hier und Jetzt in diesem Theatersaal lebt und seine Erlebnisse dem Publikum scheinbar das erste Mal berichtet.

Dass ich neunmal mit Roger Willemsen sprach, lag auch an seiner ungeheuerlichen Kreativität und Neugier, mit der er mindestens ein Buchprojekt im Jahr realisierte. Darunter waren eigene Texte und Beobachtungen wie »Der Knacks« und »Momentum«, aber auch Herausgegebenes wie Jack London oder Brehms Tierleben. Und immer wieder Reisenotizen. Er fuhr durch Deutschland und schrieb darüber, er fuhr aber auch nach Afghanistan. Er war ein Kritiker der Afghanistan-Politik der USA, als Georg W. Bush noch Präsident war. Willemsen veröffentlichte ein Buch mit Interviews mit Insassen und ehemaligen Insassen des US-Gefangenenlagers Guantanamo. Aufgrund seines Engagements riet man ihm von einer USA-Reise ab. Das Thema zog sich seitdem durch jedes unserer Interviews. Recht früh war Willemsen von Obama enttäuscht, der nichts an all den Dingen geändert hat, die sein Vorgänger einführte. Guantanamo existiert bis heute. Willemsen engagierte sich u. a. für Amnesty International und für die Rechte der afghanischen Frauen. Willemsen reiste weiterhin nach Afghanistan und berichtete aus erster Hand. Er blieb offen, neugierig und engagiert.

Zunächst vermutete ich dahinter immer die antrainierte Professionalität des Fernsehschaffenden. Klar, dass er vor dem Interview meinen Namen wusste, weil er ihn sicherlich davor nochmals in seiner Interviewübersicht nachgesehen hatte.

Doch Willemsen war wirklich so und das beeindruckte mich umso mehr. Wenn er einen auf einer Veranstaltung sah, winkte und lächelte er immer kurz und rief ein »Grüß Sie, Herr Tischer!«. Er schien niemanden zu übersehen und jeden wahrzunehmen.

Ich erinnere mich an eine Situation an einem Messe-Sonntag, als nach dem Ende der Veranstaltung die Teppiche in den Gängen schon entfernt waren und das Abbau-Chaos begann. Mit einer Begleiterin war ich auf dem Weg zum Ausgang, und wir liefen am S. Fischer-Stand vorbei. Dort stand noch Willemsen, im Gespräch mit einigen Verlagsmitarbeiterinnen. Dann wieder dieser Moment: Er sah einen, unterbrach kurz das Gespräch, schüttelte meiner Begleiterin und mir die Hand und war wieder so unglaublich präsent und herzlich, wie ich es nur bei ihm erlebt habe.

Das letzte Mal gab er mir auf der Leipziger Buchmesse 2014 die Ehre. Zum ersten Mal sprach ich auf der Bühne vor Publikum mit ihm. Eine ungewohnte Situation, denn natürlich hatte ich mich immer mit dem Promi Roger Willemsen unterhalten, doch immer war es ein Zweiergespräch gewesen. Als sich bereits eine halbe Stunde vor dem angekündigten Termin die Leute vor der Bühne versammelten und als es dann übervoll war und die Leute dicht gedrängt selbst auf dem Boden saßen, wurde mir bewusst, mit wem ich da sprach – mit wem ich auch sprach. Damals war »Das Hohe Haus – Mein Jahr im Parlament« erschienen. Ganz ein anderes Buch, aber dennoch wieder ein typisches Willemsen-Projekt. Ein Jahr auf der Zuschauertribüne des Plenarsaals sitzen und darüber zu schreiben, da hätte eigentlich jeder draufkommen können. Doch Willemsen war einer, der die Ideen hatte und sie – wiederum mit viel Neugier – umsetzte. Ein Buch, das wieder ein Bestseller wurde.

Als Roger Willemsen Mitte des Jahres 2015 wegen einer Krebserkrankung alle öffentlichen Termine absagte, war dies eine traurige Nachricht. Und dennoch freute ich mich darauf, ein zehntes Mal mit ihm zu sprechen, wenn alles überstanden ist.

Dazu wird es nicht mehr kommen. »Der Schriftsteller und Publizist Roger Willemsen ist am 7. Februar 2016 im Alter von 60 Jahren in seinem Haus in Wentorf bei Hamburg gestorben«, schreibt der S. Fischer Verlag auf seiner Website.

Wolfgang Tischer

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Barbara Fellgiebe schrieb am 9. Februar 2016 um 14:15 Uhr

    Ja Wolfgang, genau so war er.
    Und was ist oder war das Geheimnis des Roger Willemsen?
    Der eloquenteste Vertreter der deutschsprachigen Literatur ist nicht mehr unter uns.
    Iris Radisch hat ihm eine Champagnerprickelnde Art bescheinigt.
    Jeder, der ihm begegnet ist, stellte sich die Frage:
    Was macht diesen Mann so faszinierend? Er selbst gibt uns die Antwort:
    Es ist seine Gegenwärtigkeit. Er ist immer ganz bei der Sache, widmet sich jedem Moment voll und ganz, macht jeden Bühnenauftritt zu einer Einmaligkeit, erzählt haarsträubende Begebenheiten mit einer Wortakrobatik und Sprachgewandtheit die besticht und dem Zuhörer das Gefühl vermittelt: Er meint mich, das erzählt er nur mir.
    Er war ein gleichermaßen begnadeter Interviewer wie Interviewter.
    Ein Literat, der in keine Schublade passte, denn er versuchte sich in jedem Genre: Roman, Kinderbuch, Poesie, Satire, Kurzgeschichten, Reiseberichte, Sachbücher und zuletzt das Hohe Haus.
    Ein Ausnahmemensch der wahrlich unersetzlich ist. Gewiss, jeder Mensch ist unersetzlich, aber viele hinterlassen eine Lücke, manche ein Loch. Roger Willemsen hinterlässt einen Krater.
    Dank moderner Medien wie youtube bleiben uns viele seiner Auftritte präsent, jeder Zeit abrufbar. Das ist tröstlich und warm zu empfehlen.
    Ich hatte das Privileg, Roger im Juli 2012 an ein Ende der Welt zu begleiten und ihm in Portugal die letzte Bratwurst vor Amerika zu präsentieren. Danach entspann sich ein umfangreicher Mailwechsel zwischen uns, den ich hüte wie einen Schatz.
    Ausser in der letzten figurierte Roger Willemsen in jeder meiner Buchmessenimpressionen im Literaturcafe. Kunststück: Er war der begeistertste und begeisterndste Buchmessebesucher mit hoch ansteckendem Enthusiasmus.
    Nun ist er seinem geliebten Freund Dieter Hildebrandt gefolgt. Das war zu früh Roger!

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