Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Beitrag vom 11. Januar 2016 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Carol: Lesbische Liebe ist besser auf Papier

Carol im Kino

Bisweilen haben schlechte Literaturverfilmungen auch ihr Gutes, denn man kann die wunderbare literarische Vorlage (wieder-)entdecken.

So verhält es sich bei der Verfilmung von Patricia Highsmiths Roman »Carol«, die derzeit in den Kinos zu sehen ist.

Die von Patricia Highsmith filigran und vielschichtig gezeichnete Geschichte einer lesbischen Liebesbeziehung wurde von Regisseur Todd Haynes flachgebügelt und die von Cate Blanchett gespielte Carol zur kühlen Egoistin.

Der Plot ist einfach, aber nicht platt

Der über 450 Seiten starke Roman »Carol« erschien 1952 unter dem Autoren-Pseudonym Claire Morgan. Und das nicht etwa, weil Patricia Highsmith nicht zu ihrem lesbischen Liebesroman stehen würde, sondern weil Verlage schon damals in Schubladen dachten. 1949 war Highsmiths Roman »Zwei Fremde im Zug« erschienen. Alfred Hitchcock hatte die Filmrechte erworben, und Highsmith war über Nacht berühmt. Sie galt und gilt bis heute als Krimischriftstellerin und Meisterin des »Suspense«. Ein Roman über die Beziehung zweier Frauen passte da marketingtechnisch nicht hinein. So schreibt Patricia Highsmith in ihrem Nachwort zur aktualisierten Neuauflage 1984:

Falls ich einen Roman über eine lesbische Beziehung schriebe, würde ich dann als Verfasserin lesbischer Bücher eingestuft werden? Damit mußte ich rechnen, selbst wenn ich in meinem ganzen Leben kein zweites derartiges Buch schreiben würde.

Als 1953 die Taschenbuchausgabe erschien, wurde »Carol« zu einem Erfolg, und später war es kein Geheimnis mehr, dass Claire Morgan Patricia Highsmith ist. Ursprünglich lautete der Titel des Buches »Salz und sein Preis« (»The Price of Salt«).

Der Plot der Geschichte ist zwar einfach, aber alles andere als platt, auch wenn ihn Regisseur Todd Haynes mit seiner Verfilmung aus dem Jahre 2015 dazu macht.

Der Beginn der Handlung beruht, laut Highsmiths Aussage, auf einer selbst erlebten Situation. Die 19-jährige Therese will Bühnenbildnerin werden und arbeitet im Weihnachtsgeschäft als Aushilfe in der Spielwarenabteilung eines New Yorker Kaufhauses. Sie verliebt sich in eine Kundin, die eine Puppe für ihre Tochter kaufen will. Euphorisch und im Übermut schickt ihr Therese eine Weihnachtskarte hinterher – und so entwickelt sich zwischen Therese und der gut 10 Jahre älteren Carol eine Liebesbeziehung. Highsmith erzählt die Geschichte konsequent aus Thereses Blickwinkel, jedoch nicht in der Ich-Form.

Carols Ehe, so erfahren wir, ist am Ende, die Scheidung steht kurz bevor. Die beiden Frauen entfliehen der beklemmenden Situation und fahren mit dem Auto quer durch die USA. Bald wird ihnen bewusst, dass Carols Noch-Mann einen Privatdetektiv auf sie angesetzt hat, der kompromittierendes Material sammeln soll. Carol fliegt schließlich zurück, um für das Besuchsrecht bei ihrer Tochter zu kämpfen. Therese bleibt mit dem Auto allein, und am Ende des Romans wird sie stärker und nicht mehr als die naive Frau vom Anfang der Geschichte ebenfalls nach New York zurückkehren.

Konsequente Erzählperspektive

Was den Roman zu einem Meisterwerk macht, das ist die konsequent durchgehaltene Erzählperspektive und das Zweifeln nicht nur an dieser Liebesbeziehung, sondern am Beruf und am Lebensweg an sich. Was ist überhaupt Liebe? Wen lieben wir und warum? Mit Therese und Carol hat Highsmith zwei unglaublich tiefe Charaktere gezeichnet, die mit ihrer Lebenssituation kämpfen. Am Schluss steht sogar Hoffnung. Auch das machte den Roman damals zu etwas Besonderem, als homoerotische Geschichten meist mit Selbstmord oder mit der »Heilung« der Protagonisten endeten.

Carol im Kino

Darin, dass Regisseur Todd Haynes und Autorin Phyllis Nagy bei ihrer filmischen Adaption die Therese-Perspektive verlassen, mag der Kern ihres Scheiterns liegen. Wo Highsmith die Auseinandersetzung um Carols Tochter nur andeutet und Therese sie nie zu Gesicht bekommt, walzt Haynes alles aus und lässt den Vater die weinende Tochter buchstäblich der Mutter entreißen. Es ist erstaunlich, dass bei Highsmith auch die Charaktere der Männer Tiefe haben, während sie beim männlichen Regisseur zu plumpen Gefühlstrotteln jeglicher Couleur werden. Der Tiefpunkt des Filmes ist ohne Frage die Szene im Anwaltsbüro, die mit so albern-überzogener Melodramatik daherkommt, dass selbst eine TV-Vorabendserie wie filmische Hochkultur wirkt. Man möchte in den Kinosessel beißen.

Vielleicht ist es auch das zu dominante Gesicht der Darstellerin Cate Blanchett, das Carol im Film zu einer gelangweilten reichen Frau werden lässt, die sich zur Zerstreuung junge naive Mädchen sucht, um mit ihnen auch sexuell etwas Spaß zu haben. Ihre Freundin Abby muss diese dann fast zuhälterinnengleich »übernehmen«, wenn Carol ihrer überdrüssig wird und daheim mal nach dem Rechten sehen muss. Auf der anderen Seite dann Rooney Mara als Therese, die in der Stieg-Larsson-Verfilmung noch die coole Hackerin spielte. Ihre Verwandlung zwischen diesen beiden Rollen ist bemerkenswert, in »Carol« darf sie jedoch leider nur mit großen runden Augen in die Welt blicken.

Den Roman »Carol« gibt es mit Wechselcover. Einmal zum Film und nach Entfernen wieder mit Originalcover.

Den Roman »Carol« gibt es aktuell mit Wechselcover. Einmal zum Film und nach Entfernen des aufgeklebten Filmmotivs wieder mit Originalcover.

Für sich gesehen sind die Detektiv-Szenen eine der amüsantesten Momente im Film, doch auch hier tragen Haynes und Nagy dick auf, und es wird wild mit der Pistole rumgefuchtelt. Was ist diese Carol hier doch für eine unkontrollierte Zicke! Man könnte noch viele solcher Belege anführen, die jegliches Gespür fürs Original vermissen lassen. Dass die Filmemacher Therese zu einer Fotografin machen, um die ausgelutschte Fotometapher einsetzen zu können, ist einer davon.

Und wenn sich Todd Haynes dann zumindest situativ an einer ähnlichen Abschlussszene wie Highsmith versucht, so will man der Film-Therese zurufen: »Du bist und bleibst ein naives Dummchen und hast in den letzten 118 Minuten wohl gar nix gelernt, oder?«

Ein Vergleich zwischen Buch und Verfilmung ist stets problematisch. Doch in diesem Fall ist es enttäuschend, dass im Film nichts von der Tiefe des Textes übrig blieb. Allerdings sollte man dem Film dankbar sein, dass er das Buch wieder ins Gespräch bringt. Bei der Lektüre unmittelbar nach dem Kinobesuch, wird sich zwar für einige Seiten noch Cate Blanchetts Gesicht zwischen Leser(in) und Buchseite schieben, doch Patricia Highsmiths hochkarätige Erzählkunst lässt auch dieses bald verblassen.

Wolfgang Tischer

Patricia Highsmith: Carol: oder Salz und sein Preis (detebe). Taschenbuch. 2015. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257243246. EUR 13,00 » Bestellen bei Amazon.de
Patricia Highsmith: Salz und sein Preis. Gebundene Ausgabe. 2005. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257064025. EUR 21,90 » Bestellen bei Amazon.de
Patricia Highsmith: Carol: oder Salz und sein Preis (detebe). Kindle Edition. 2013. Diogenes Verlag AG » Herunterladen bei Amazon.de

Nachtrag: »Der Film hat tolle Bilder« ist ein Negativurteil

Im Grunde genommen ist diese Beitrag keine Filmkritik, sondern ein Lob der literarischen Vorlage. Es ist bedauerlich, dass nichts von deren Qualität im Film spürbar ist und der Film stattdessen auf  Klischees setzt. Viele Kinogänger(innen) lieben das. Oft wird die Atmosphäre des Films, die tollen Bilder und die Darstellung der 1950er Jahre gelobt.

Robert McKee ist eine der besten Drehbuch-Spezialisten Hollywoods. Für Regisseur Peter Jackson (Der Herr der Ringe) ist McKee der »Guru der Gurus« im Drehbuchbereich.

In seinem Blog analysiert McKee unter dem Titel »Funktioniert/Funktioniert nicht« die Drehbücher aktueller Filme. Erstaunlicherweise kommt McKee für Carol zum Ergebnis »Funktioniert nicht«, obwohl man vielleicht erwarten würde, dass ein Drehbuch-Spezialist die Vereinfachung und Verflachung der Story für notwendig hält.

Doch McKee wirft den Drehbuchautoren ebenfalls die Verflachung der Geschichte vor, und er bezieht sich dabei nicht auf die literarische Vorlage. Es sei den Drehbuchautoren nicht gelungen, den Figuren und ihrer Geschichte Tiefe zu geben. Stattdessen flüchtet sich die Story in ein Sozialdrama und Klischees um den Ehemann, der das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter erkämpfen möchte. »Wenn Drehbuchautoren plötzlich wie hier das Genre wechseln, so liegt es daran, dass sie nicht dazu in der Lage sind, komplexe Charaktere für eine Liebesgeschichte zu erschaffen, also wählen sie den einfachen Ausweg: Sozialdrama.

Auch das bei Carol immer wieder gehörte Lob, der Film stelle die Atmosphäre der 50er gekonnt dar und habe »schöne Bilder«, demontiert McKee. Visuell arbeite der Film ebenfalls nur mit aneinandergereihten Klischee-Einstellungen. »Immer wenn Sie aus dem Kino kommen und denken „Tolle Bilder!”, dann ist die Verfilmung misslungen. »Visuelle Filmkunst (Cinematography) sollte nie Dekoration sein, sondern immer ausdrucksstark; eine unmerkliche Transparenzebene, die uns unterbewusst in die Tiefe der Figuren und der Geschichte führt«, schreibt McKee.

3 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Anja Baumhoff schrieb am 13. Januar 2016 um 17:24 Uhr

    Lieber Herr Tischer,

    ich kann Ihnen ganz und gar NICHT zustimmen. Der Film ist wunderbar gemacht. Mit großer Sorgfalt. Er hat eine bezaubernde Musik und fängt die Atmosphäre der 1950er Jahre ein, wie bisher noch kein Film!

    Ehrlichgesagt bezweifle ich, dass Sie ihn wirklich gesehen haben … (sorry) ;-)

    Anja Baumhoff

  2. Kim schrieb am 14. Januar 2016 um 15:29 Uhr

    Also da kann ich Ihnen gar nicht zustimmen. “Carol” ist ein wunderschöner Film, der zu Tränen rührt und gerade Rooney Mara hat mich sehr in der Darstellung der “Therese” überzeugt. Werde mir den Film gerne noch ein weiteres Mal ansehen.

  3. Anja Baumhoff schrieb am 17. Januar 2016 um 18:55 Uhr

    Lieber Wolfgang Tischer,

    Ich hatte Ihnen ja geschrieben mit der Bitte, meinen Kommentar zu löschen. Aber offenbar möchten Sie meine Vermutung, dass Sie den Film nicht gesehen haben, trotzdem weiter in Netz lassen. Also ich lege nach.
    Zuerst: natürlich haben Sie ihn gesehen. Mea Culpa. Und trotzdem: wir haben nicht den gleichen Film gesehen. Soll heißen: wir haben ihn offenbar mit anderen Augen gesehen.

    Wenn Sie den Film „Carol“ als „schlechte Literaturverfilmung“ charakterisieren, dann tut das weh. Mir ist nicht nachvollziehbar, das Heynes die Geschichte „flachgebügelt“ hätte. Im Gegenteil. Ich habe „Carol (nicht als) kühle Egoistin“ wahrgenommen. Weiter schreiben Sie, der Film sei „gescheitert“. Das ist starker Tobak, vor allem bei den vielen Auszeichnungen, den das Werk erhalten hat.

    „Darin, dass Regisseur Todd Haynes und Autorin Phyllis Nagy bei ihrer filmischen Adaption die Therese-Perspektive verlassen, mag der Kern ihres Scheiterns liegen.“ Das sehen vermutlich nur Sie so.

    Auch den Ehemann als „Gefühlstrottel“ zu bezeichnen, lässt mich ratlos zurück. Und weiter: „Was ist diese Carol hier doch für eine unkontrollierte Zicke!“ Wir waren offenbar nicht im gleichen Film. Und Sie vermissen „Gespür fürs Original“. Nun, wenn man den Film mit den Mitteln der Literaturkritik bewertet, dann ist man wohl auf verlorenem Posten. Mich erinnert das an Filmbesprechungen aus den 1970er Jahren, wo es um die Frage ging, wie gut ein Buch in einen Film „übersetzt“ wurde. Heute wissen wir dagegen, dass der Film ein eigenes Medium mit eigenen Gesetzen ist. Deshalb ist es auch gut, dass es Literaturkritiker UND Filmkritiker gibt, und das vereint sich nicht immer gut in einer Person. Als Literaturkritiker fand ich Sie immer sehr gut. Zu bemängeln, dass der Film dem Buch nicht gerecht wird, ist natürlich möglich. Verkennt aber, was es bedeutet, das Buch filmisch zu adaptieren. Ich glaube, es ist selten so gut gelungen wie in diesem Film, der ein Meisterwerk ist. Und dem Buch nicht nimmt.

Kommentar zu diesem Beitrag schreiben

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *