Victoria Hohmann: Von Verwandlungen und Vom Dazwischen

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Victoria Hohmann: Von Verwandlungen

Kurzgeschichten bzw. kurze Erzählungen haben es nicht leicht in Deutschland, denn Verlage sind da sehr zurückhaltend. Was also tun, wenn einem die Texte samt den Ablehnungsbescheiden allmählich die Schubladen verstopfen?

Man könnte beispielsweise einen eigenen Verlag gründen.

Auf der Leipziger Buchmesse suchte ich nach Kurzgeschichten und kurzen Erzählungen. Es müssen schließlich nicht immer 400 Seiten sein. An einem kleinen Stand wurde ich fündig und erstand zwei Bände mit kurzen Texten von Victoria Hohmann. Ein Blick in die Bücher hatte mich sofort überzeugt. Im Gespräch mit der Autorin erfuhr ich, dass Victoria Hohmann genau das getan hat: Sie hat einen eigenen Verlag gegründet! Texte hatte sie ja genug, und jetzt konnte sie diese im eigenen Verlag veröffentlichen.

Der erste Band »Von Verwandlungen« erschien 2017 und erlebt bereits die 2. Auflage, der zweite Band »Vom Dazwischen« wurde in diesem Jahr veröffentlicht.

Zunächst überrascht die bilderreiche Sprache in »Von Verwandlungen«, denn die hat sich weit von ausgetretenen Pfaden entfernt!

Auf der Schwelle des Caféhauses entglitt Herrn W. die Zeit jedes Mal. Das dunkle Holz des Raums raunte von Jahrzehnten. Welt entrollte sich beim Betreten des roten Läufers im Eingang. Das Draußen blieb vor der Glastür angeleint, vergeblich nach dem Herrchen kläffend.

Also keine adjektiv-lastigen Beschreibungen, hier sprechen die Bilder für sich. Das raunende Holz des Raumes, der rote Läufer, der sich entrollt, als passiere gleich etwas ganz Besonderes.

Dann fallen als Stilmittel elliptische Sätze auf, bei denen das Entscheidende fehlt oder auch gerade nicht, da man als Leser/in jeden dieser Sätze selbst vervollständigen kann:

Blaubeertraum, fragte Genoveva. Ja, sagte der Mann, Herr W., der gerne seinen Namen verraten hätte. Ihr, nur ihr. Ob sie heute Abend schon etwas vorhabe? Genoveva starrte ihn an. Aus der Blaubeertraum. Sie musste gar nichts sagen.
Sorry, sagte sie trotzdem.
Der da drüben sei ihr Freund, nicht wahr.
Genoveva nickte und manövrierte ein Stück Blaubeertraum auf einen Teller.
Da habe er sich ja ganz schön ins Fettnäpfchen. Er dachte nur. Vielleicht. Haha.
Kein Problem. Er solle sich nicht. Sie fühle sich geschmeichelt, zwinker, zwinker. Den Kaffee bringe sie gleich. Er könne ruhig schon.

Lesegewohnheiten werden durchbrochen, beispielsweise durch Dialoge mit Regie-Anweisungen:

Christoph: Aber der Absperrzaun. Wie soll man denn da. Den haben sie doch damals extra.
Mutter: Wo ein Wille ist
Christoph: Hat denn keiner. Irgendjemand muss doch etwas gesehen haben.
Mutter: Mitten in der Nacht?
Christoph: Aber
Mutter: (schweigt)
Christoph: Da muss doch jemand. Wie er sich am Zaun empor.
Mutter: Ein Teil lag wohl im Garten. Das darf man sich nicht vorstellen. Alles abgesperrt. Mehrere Tage
Christoph: (schweigt)
Mutter: Dein Vater und ich, wir. Naja, ob der sich mit der Katinka.
Christoph: (schweigt)
Mutter: Bei der Versicherung soll es ja auch nicht so.

Victoria Hohmann: Vom Dazwischen

In Ihrem zweiten Band mit zwölf Texten wagt sich die Autorin noch weiter vor, z. B. in der Erzählung »Hater II«:

Der Mann will. Aufschreie. Ruck, der durch alles geht. Ruck, wie es einem niemand versprechen kann, so groß das Maul auch ist, so schamlos die Rhetorik. Der Mann will. Am liebsten Absolutes. Das muss doch drin sein. Einmal. Wofür hat man es sonst, das Leben. Ganz GROß. KOTZEN. Ob er den Finger in den Hals, den Kopf aus dem Fenster. Ob er. Warum ist er nicht längst Bulimiker, nicht anorektisch. Vielleicht sind Frauen da konsequenter. Schweiniger. Stehen zu ihrer Natur. Kotzen, wann es ihnen passt. Oder. Ist er. Haten. Kotzen ist das nicht.

Hier wird das Wort »schweinig« erfunden und gleich gesteigert. Dann irritiert möglicherweise einige Leser das Wort Haten: Ist das die denglische Variante des englischen Verbs »to hate«, also hassen? Tatsächlich entstammt der Begriff der Rapper-Sprache und bedeutet vielmehr so etwas wie »etwas (aus Prinzip) schlecht machen«. »Hater« sind in der Sprache des Netzes auch aggressive Neider.

Victoria Hohmann gewährt manchen Protagonisten eine gewisse ironische Selbständigkeit. So tritt der Mann höchstpersönlich auf und wendet sich an uns Leser, indem er an den Bühnenrand tritt (also gewissermaßen aus der Erzählung »Hater II« in die Erzählung »Hater II«.)

Hallo. Ich bin der Mann, der Mann dieser Geschichte. Jetzt und heute verlange ich meine 15 Minuten Aufmerksamkeit. Äh, ich meine: Ruhm. Äh. Ehre. Äh.
Hallo? Hallo?
Na gut. Dann wenigstens 5. Hallo? Verdammt. Bitte. Bitte bitte. 5×60 Sekunden. Sie können die Zeit stoppen, meinetwegen. Das ist doch nicht. So gut wie. Das kann doch nicht. Zu viel. Es geht um Minuten. Sekunden, verstehen Sie, hallo. Mehr nicht.

Victoria Hohmann experimentiert mit Sprache, Aufbau und Leser-Erwartungen. Das tut vor allem den Erzählungen gut. Und den Leserinnen und Lesern, wenn sie der Autorin folgen wollen.

Malte Bremer

Victoria Hohmann: Vom Dazwischen: Erzählungen/Kurzprosa. Taschenbuch. 2018. VHV-Verlag. ISBN/EAN: 9783981862133. EUR 15,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige
Victoria Hohmann: Vom Dazwischen: Erzählungen/Kurzprosa. Kindle Edition. 2018. VHV-Verlag für Literatur und Kultur » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

Victoria Hohmann: Von Verwandlungen: Erzählungen. Taschenbuch. 2017. VHV-Verlag. ISBN/EAN: 9783981862119. EUR 11,99 » Bestellen bei amazon.de Anzeige
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1 KOMMENTAR

  1. […] Die nächste Station war die Leipziger Buchmesse (die ich übrigens zwei Wochen nach einer OP bestritt, obwohl eigentlich 6 Wochen Erholung angesagt gewesen wären – und ehrlich gesagt, gar nicht weiß, wie ich das überlebt habe. Insbesondere den letzten Tag, an dem auch meine Lesung vor Ort stattfand. Für mich war das, im Nachhinein, die Feuertaufe. Fazit: Wenn einem etwas lebenswichtig ist, wird man es schaffen.) Auf der LBM las ich allerdings nicht aus „Vom Dazwischen, sondern aus „Von Verwandlungen“, da ich da schon besser einschätzen konnte, was ankommt und sich für ein breiteres Publikum eignet. Ein Glücksfall vor Ort war die Begegnung mit dem Literaturkritiker Malte Bremer von literaturcafé.de – der beide Bücher erstand und, restlos begeistert, eine Buchkritik schrieb. (Hier nachzulesen: literaturcafé.de) […]

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