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»Serotonin« von Michel Houellebecq – Männerverachtende Trostlosigkeit

Stapelweise »Serotonin« in einer Buchhandlung
Stapelweise »Serotonin« in einer Buchhandlung

Vielleicht hat Michel Houellebecq mit »Serotonin« schon jetzt den traurigsten Roman des Jahres geschrieben. Vielleicht auch den unterhaltsamsten und geistreichsten. Selten schien ein Text so im Jetzt verankert.

Natürlich könnte man sagen, dass Houellebecq immer den gleichen Roman schreibe. Ein Mann im Niedergang, einer der sich zu den Alten zählt, der sein Leben als beendet ansieht, obwohl er keine 50 Jahre alt ist. Wie ein Tier legt er sich in einem Hochhausappartement zum Sterben, nachdem er im zuvor bewohnten Hotelzimmer nicht mehr rauchen darf.

Es gibt kaum einen Autor, den das Feuilleton so sehr in die Nähe seiner Figuren rückt. Und es gibt kaum einen Autor, der seine Texte so gekonnt im Hier und Jetzt verankert, dass ihm einige Kritiker sogar attestieren, er habe in »Serotonin« den Protest der Gelbwesten vorweggenommen. Das ist völliger Unsinn, zeigt jedoch sehr gut, wie gut es Houellebecq schafft, dass die Kritiker das hineinlesen, was sie gerne herauslesen wollen. Das gilt für so viele Aussagen seiner Hauptfigur Florent-Claude Labrouste. Man liest sie im weihevoll vorgetragenen Ernst des Erzählers mit Vergnügen, merkt jedoch beim genauen Nachdenken, wie beliebig diese Aussagen oftmals sind, beispielsweise über die Niederlande. Doch es ist die Eindeutigkeit seiner Urteile, die diese so amüsant machen.

Umgekehrt geht man Houellebecq ebenso auf den Leim, würde man seinem Erzähler aufgrund seiner derben Wortwahl Frauenfeindlichkeit vorwerfen. Will man es tatsächlich auf ein geschlechtliches Urteil anlegen, so ist »Serotonin« ein eher männerfeindliches Werk. Doch was soll das? Wie schafft Michel Houellebecq diese kritikambivalente Vielschichtigkeit? Ganz einfach: Indem er allen etwas bietet, indem er die Vielschichtigkeit und Vielgedanklichkeit des Lebens ohne Angst und Tabus in seine Texte legt. Das zeigt sich in oftmals simplen Dingen. Seine Figur Florent-Claude Labrouste ist ein sehr intelligenter und intellektueller Mensch, der dennoch derb über andere urteilt. Er zitiert Philosophen genauso selbstverständlich, wie er über einen Supermarktkomplex ins Schwärmen gerät. Alltagsgegenstände, Autos oder Waffen werden meist mit ihren Markennamen benannt, was sie uns weitaus näher bringt. Und während es in vielen aktuellen Romanen so etwas wie das Internet nicht zu geben scheint, ist hier dem Protagonisten das Drama eines Hotelzimmers ohne WLAN bewusst. Dass die Politik das Leben der Menschen mehr oder weniger beeinflusst, auch das findet sich so konkret nur bei Houellebecq erwähnt und tief in den Figuren verankert. Die Betrachtungen der Hauptfigur, die massiv das von Houellebecq erfundene Super-Antidepressivum »Captorix« nimmt, sind voller Selbstmitleid, doch ohne nervig-mitleidigen Ton. Die Sprache und die Beobachtungen sind fein gearbeitet, obwohl in großen Teilen des Romans wenig geschieht.

Selten liest man eine Übersetzung, bei der man – wie hier in der phänomenalen Übertragung von Stephan Kleiner – mit Bestimmtheit weiß, dass der Übersetzer dem Autor absolut gewachsen ist und weiß, was erzählt wird. Kleiner hat in seiner Wortwahl eine herausragende Arbeit geleistet.

Indem es die Hauptfigur nicht auf Identifikation anlegt, kann man den Text trotz Trostlosigkeit genießen, sich an Sprache und Urteilen erfreuen, gelegentlich den Kopf schütteln, sich der Melancholie und Weltuntergangsstimmung hingeben, obwohl er nur den Untergang eines einzelnen beschreibt.

Wolfgang Tischer

Michel Houellebecq: Serotonin: Roman. Gebundene Ausgabe. 2019. DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783832183882. EUR 24,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige
Michel Houellebecq: Serotonin: Roman. Kindle Ausgabe. 2019. DUMONT Buchverlag » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

2 Kommentare

  1. Die Begeisterung kann ich nicht teilen, und ich finde diesen Autor grundsätzlich überbewertet. Meiner Meinung nach hat dieser (alternde) Mann immense persönliche Probleme. Unter anderem mit Sexualität. Dass das gesame Feuilleton Bravo schreit, ist mir unverständlich. Aber ich habe oft eine andere Meinung zu Büchern als die “Fachleute”.

    • Die „Fachleute“ haben vielleicht einfach die gleiche Denke, was den Autor nur in deren Welt „gut“ sein lässt. Für den eigenen Geschmack ist das unwichtig.

      Bloß gut, dass es NOCH andere Meinungen gibt. Das freut mich!

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