Robert Seethaler: Das Feld – einheitlich bestellt

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Bank, Birke und Buch: Robert Seethaler: Das Feld
Bank, Birke und Buch: Robert Seethaler – Das Feld

Vom Schauspieler, der skurrile Storys schreibt, zum literarischen Schriftsteller, dessen Werke wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste stehen: Robert Seethaler hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. »Das Feld« ist sein neuester Roman. Er begeistert trotz einer Schwäche.

Robert Seethaler hat sich in seinen Romanen schon immer der Außenseiter angenommen, der einfachen Menschen, die mit den Umständen des eigenen Lebens kämpfen. Als Seethalers Bücher vor einigen Jahren noch beim Verlag Kein & Aber erschienen sind, da wirkten diese und ihre Protagonisten immer ein klein wenig abgedreht. Es schienen perfekte Vorlagen für die Verfilmung als deutsche Tragikkomödien.

Mit dem »Trafikant«, aber auch mit dem späteren Wechsel zum Verlag Hanser Berlin, vollzog sich eine Veränderung. Spätestens »Ein ganzes Leben« hatte die skurril-komödiantischen Züge abgelegt. Immer noch ging es um die kleinen Leute und ihren Kampf mit den Umständen des Lebens, doch das Erzählte erschien wirklicher, und Komik und Humor blitzen seltener und in anderer Form hervor. Seethaler schaffte es, das Leben eines einfachen und einfältigen Menschen zu beschreiben, ohne ihn als dumm darzustellen und ohne sich über ihn lustig zu machen. Obwohl in »Ein ganzes Leben« viel und Schlimmes passierte, war Seethalers Text von der stoischen Ruhe und Lakonie des Protagonisten geprägt. Oder ist es umgekehrt? Selbst mit der Cover-Gestaltung schien man sich bei Hanser Berlin dieser Lakonie anzupassen.

Jetzt also »Das Feld«, Robert Seethalers sechster Roman, auf dessen Cover landschaftslos ein Rabe unter einer Birke sitzt.

Eine Birke steht neben dem »Feld«. So wird der ältere Teil des Friedhofs des fiktiven Städtchens Paulstadt genannt. Schon lange wurde im Feld niemand mehr begraben.

»Das Feld« ist ein Kapitelgeschichten-Roman. Jedes Kapitel trägt den Namen eines Verstorbenen, und in jedem Kapitel spricht die oder der Tote aus dem Grab. Sie erzählen nichts über die Zeit nach dem Tod, außer, dass sie scheinbar immer noch dort unten in der Erde zu liegen scheinen und nicht im Himmel sind. Sie erzählen von ihrem Sterben oder auch nicht. Sie erzählen prägende Ereignisse aus ihrem Leben oder auch nicht. Jedes Kapitel ein Leben oder ein Ausschnitt davon, jedes Kapitel eine Geschichte. Das Gemeinsame ist das Leben in Paulstadt. Oft haben sich die Leben miteinander verknüpft, mal mehr, mal weniger. Und die Geschichten sind unterschiedlich lang, die kürzeste besteht nur aus einem Wort. Mit den Geschichten der Toten wird das Bild vom damaligen Leben in Paulstadt gezeichnet. Damals, das war die Zeit irgendwann nach dem 2. Weltkrieg.

Wieder beschreibt Robert Seethaler in seinem lakonischen Stil neben Banalem viel Ungeheuerliches und auch Erschreckendes. Das Nebeneinander in den Geschichten übt einen unglaublichen Reiz aus. Wenngleich: Es bleibt immer Seethalers Stil, in dem da erzählt wird. Die Figuren selbst haben keine eigenen Stimmen, alle sprechen sie, wie Seethaler schreibt. »Das Feld« und Paulstadt sind überzogen von Melancholie, so richtig glücklich schien hier keine und keiner. Einheitlicher Stil und einheitliche Stimmung.

Die Kapitel tragen die Namen der sprechenden Leichen, bis auf das erste, das zunächst wie ein Fremdkörper wirkt und in dem ein Lebender die Hauptrolle spielt. Er scheint es zu sein, der den Leuten auf dem Feld zuhört oder ihnen gar die Stimmen gibt. Dieses erste Kapitel hat einen einführenden und erläuternden Duktus und erklärt das, was jetzt kommt. Es ist keine Rahmenhandlung – und dennoch knüpft Seethaler Ende und Anfang meisterlich zusammen, so wie auch der Tod die Menschen weiter erzählen lässt.

Wolfgang Tischer

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6 KOMMENTARE

  1. Kurz nachgefragt: welches ist in Ihren Augen die “Schwäche”?
    Lese das Buch gerade in sehr kleinen Häppchen und bin gespannt auf Meinungen.

    • Hallo,
      ich zitiere aus der Besprechung:

      Wenngleich: Es bleibt immer Seethalers Stil, in dem da erzählt wird. Die Figuren selbst haben keine eigenen Stimmen, alle sprechen sie, wie Seethaler schreibt.

      Beste Grüße
      Wolfgang Tischer

  2. Ich glaube Seethaler hat es nicht nötig, seinen Figuren verschiedene Stimmer zu geben, wie im Kasperltheater für die Kinder. Wie auch im “Ganzen Leben” waren die Figuren für mich stimmig. Und da es sich um Tote “jenseits des Lebens” handelt, können sie doch ohnehin nur raunen, flüstern, tuscheln … Habe das Buch in “Alliteratus” besprochen und ihm ein “äußerst lesenswert”, ohne Einschränkung gegeben. Letztendlich entscheiden doch die Leserinnen und Leser.

  3. Dass in einem Roman die Figuren keine individuellen Stimmen haben, galt schon einmal als großes Stilmittel. Ich denke zum Beispiel an die “expressionistischen” Bücher von Hans Henny Jahnn. Da reden alle wie promovierte Philosophen, egal, ob Matrose oder Bauer. Aber das ist großartig. (“Expressionistisch” in Anführungszeichen, da ich den Etiketten der Germanisten und Kritiker grundsätzlich misstraue.)

  4. Interessante Kritik. Erlauben Sie mir aber eine Korrektur: Im Satz «So wird der älterer Teil des Friedhofs des fiktiven Städtchens Paulstadt genannt.» müsste «ältere» statt «älterer» stehen.
    Freundliche Grüsse

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