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StartseiteNotizenKurt Tucholsky und Ostern: »Die deutsche Politik …«

Kurt Tucholsky und Ostern: »Die deutsche Politik …«

Das Gedicht »Fröhliche Ostern« von Theobald Tiger (Kurt Tucholsky) im Erstdruck (mit Ei)

Bei der Vorbereitung für die Online-Lesung am Ostersonntag auf ein Gedicht von Tucholsky gestoßen. Ein Gedicht aus und für andere Zeiten. Erstmals 1914 in »Die Schaubühne« unter dem Pseudonym Theobald Tiger erschienen. Nach dem gestrigen Tage wirkt es aktueller den je. Daher heute schon ein Ostergedicht.

Fröhliche Ostern

Kurt Tucholsky (alias Theobald Tiger)

Da seht aufs neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase kakelt wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.

Und auch der Mensch reckt frohbewegt die Glieder –
er zählt die Kinderchens: eins, zwei und drei …
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Der fleißige Kaufherr aber packt die Ware
ins pappne Ei zum besseren Konsum:
Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare,
Die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm.

Das junge Volk, so Mädchen wie die Knaben,
sucht die voll Sinn versteckte Leckerei.
Man ruft beglückt, wenn sie’s gefunden haben:
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Und Hans und Lene steckens in die Jacke,
das liebe Osterei – wen freut es nicht?
Glatt, wohlfeil, etwas süßlich im Geschmacke,
und ohne jedes innre Gleichgewicht.

Die deutsche Politik … Was wollt ich sagen?
Bei uns zu Lande ist das einerlei –
und kurz und gut: Verderbt euch nicht den Magen!
Vergnügtes Fest! Vergnügtes Osterei!

Erstmals erschienen am 9. April 1914 in »Die Schaubühne«, Seite 433.

So sah das Werk im Originaldruck aus:

Das Gedicht »Fröhliche Ostern« von Theobald Tiger (Kurt Tucholsky) im Erstdruck

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