»Ich bin nicht meine Eltern« – Über das Buch »Räuberhände« von Finn-Ole Heinrich

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Cover RäuberhändeDas Paradies der Jugend ist ein Schrebergartenhaus, es gehört Samuel und Janik. Hier kiffen sie, hier trinken sie Criss, Bier, Schnaps und Cola, reden und schweigen, lachen und posen. Samuel und Janik stehen kurz vor dem Abitur und vor allem: Sie sind Freunde. Ungefähr die besten, die man sich vorstellen kann. Janik, der Sohn aus gutem und furchtbar liberalen Holzelternhaus, und Samuel, Sohn der alkoholkranken Pennerin Irene. Ohne Vater aufgewachsen, hat sich Samuel in den Kopf gesetzt, dass sein namenloser Erzeuger Türke sei. Und so beschließen sie, gemeinsam in Istanbul nach Samuels Vater zu suchen. Kurz vor der Abreise macht Janik einen verhängnisvollen Fehler und stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Ihre Reise steht unter einem schlechten Stern. Die beiden fahren trotzdem los.

In seinem Romandebüt erzählt der 25-jährige Finn-Ole Heinrich die Geschichte einer Freundschaft und liefert damit einen herausragenden Coming-of-Age-Roman. Die beiden Jungs sind wie Brüder von zwei verschiedenen Planeten. Sie entdecken das Leben, die Liebe und die Schuld, versuchen die Ablösung vom Elternhaus und suchen nach ihrem Plan fürs Leben.

Bemerkenswert ist, wie Heinrich trotz seines »jungen Alters« tiefe Einsicht in Hintergründe und Motive menschlichen Handelns hat. Denn die Freundschaft zwischen Janik und Samuel zeichnet sich nach Janiks Verrat vor allem durch das aus, was nicht gesagt wird. Heinrich versteht es, seine Psychogramme nicht nur auf die beiden Hauptfiguren zu verteilen, sondern auch in den Nebenfiguren und sonstigen Beziehungen aufleuchten zu lassen. Am stärksten zeigt sich seine Fähigkeit zu literarisch-psychologischer Differenziertheit in der wechselseitigen Bindung zwischen Samuel und seiner Mutter Irene. Samuel ist hin- und hergerissen zwischen Schuldgefühlen gegenüber seiner Mutter, Verdruss, Verantwortlichkeit, Wut auf sie, Scham wegen ihr und seiner Suche nach alternativen Bezugspersonen. Die Figur der Irene wird in ihrem Kampf zwischen ganz ähnlichen Gefühlen – Schuld, Frust, Wut darüber, zu kurz gekommen zu sein, und der Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit – und ihrer Alkoholsucht schmerzhaft lebendig.

Die zerbissenen »Räuberhände«, das titelgebende Bild für Samuels inneren Kampf, sind Indiz für die familiäre Vertrautheit, den Grad des Wissens, das Janik und Samuel übereinander haben. »Samuel achtet sehr auf sein Äußeres, nur seine Finger sind zerbissen. Wahrscheinlich ist es die Stelle, an der seine Ordnung am augenfälligsten bröckelt: Das Chaos am Ende seiner Finger Es sind die Räuberhände, die ihn verraten.«

Sprachlich weist Heinrich eine große Bandbreite an Stimmen auf: von lyrischen, sehr haptischen Bildern – etwa eines Basarbesuchs in Istanbul – über die Literarisierung filmischer Mittel wie Standbilder und Großaufnahmen bis hin zu derber, vulgärer Jugendsprache.

Heinrich spricht die Sprache seiner Figuren, das lässt diese dem Leser förmlich auf den Pelz wachsen. Gleichzeitig verlässt er sich auf seinen Erzähler Janik: Der sieht viel und genau, feinfühlig, aber nie pathetisch.

Jedem Kapitel ist die Beschreibung einer Fotografie vorangestellt. Schnappschussartig flechtet Heinrich Janiks Erinnerungen ein, eigene wie ausgedachte. Die Erinnerungen ergeben eine neu erzählte Geschichte – genau wie Familiengeschichte entsteht: durch das wieder und wieder neu Erinnern und Erzählen. Auf der narrativen Ebene handelt es sich bei den Fotos um eine Parallelgeschichte zur Romanhandlung. Gleichzeitig verleihen sie der Geschichte ihren »dräuenden« Unterton, die Ahnung, dass das alles nicht gut ausgehen kann.

Heinrich, der Schriftsteller als Techniker, spielt hier quasi »Drei auf einen Streich«.

Leichtfüßig schafft er Bilder, freimütig bedient er sich verschiedener Medien, vermengt gekonnt literarische, filmische und fotografische Mittel, ohne dass es konstruiert wirkt. Selbstredend ist dieses Buch mit seiner Textur aber konstruiert, Werk des Autors. Doch Heinrich vermag es, mit seiner doppelten Geschichte den Leser zu fesseln, immer schneller lesen zu wollen, um die eigene Vorstellung von der Katastrophe mit Janiks und Samuels Geschichte zu vergleichen. Hat man das Buch zu Ende gelesen, will man diese »Foto-Geschichten« sofort noch einmal lesen, um den Faden rückwärts wieder aufzurollen. Ähnlich wie in Barbra Streisands »Herr der Gezeiten« präsentiert der Autor im Laufe seiner Erzählung ein Erlebnis, das den seelischen Zustand seines Helden erklärt und das Geschehene in ein neues Licht rückt. Vergangenheit und Zukunft werden hier diametral erzählt: Der eine Handlungsstrang kann nur mit dem anderen geschlossen werden und umgekehrt.

Diese gegenseitige Befruchtung von Film und Literatur ist sicherlich auch dem Studienfach des gebürtigen Cuxhaveners geschuldet. Der vielfach ausgezeichnete Autor studiert derzeit Filmregie in Hannover. Es ist der gegenwärtigen Literatur zu wünschen, dass er sich auch zukünftig dem Schreiben widmet, denn solch eine Intensität findet man selten.

Anika Stracke

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3 KOMMENTARE

  1. Schön, wenn die sprachliche Inkompetenz des/ der Kommentierenden der des besprochenen Autors entspricht. Da “flechtet” er, da werden “Psychogramme verteilt”,und er “vermag es (…),immer schneller lesen zu wollen”. Super! Weiter so, dann ist die Literatur bald auf einem Niveau angelangt, wo du kann schreibe was wolle.

  2. das buch ist das schklechtestte buch das ich je gelesen habe ich hab noch nie so ein scheiß buch auch nur in der hand gehbt oder auch nur den klapentext von so einem scchlechten buch gelesen am liebsten hätte ich schojn nach den ersten paar seiten aufgehört aber für die schule musste ich mich durch zwingen und erst die stelle wo Janik einen geblasen bekommt und dann auch noch die Pennermutter fickt war meine laune nur noch am arsch dank diesem scheiß buch wie kann ein verlag auch nur so ein buch unterstützen ich frage mich echt wer so etwas privat lesen würde der größte schrott auf erden und es gibt schon ech viel scheiß

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