Ein Schandweib und fünf Rezensionen

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Rezension 3 von Angela Zerfaß:
»Der Zusatznutzen ist sehr groß«

Infos über die Autorin Claudia Weiss: »Schandweib« auf dem iPhone»Schandweib« von Claudia Weiss ist mein erstes E-Book, das ich gelesen habe, da ich bisher den haptischen Eindruck eines Buches bevorzugt habe. Ich mag es, zu sehen, wie lange das Lesevergnügen noch anhält, wie viele Seiten noch vor mir sind. Dabei ist das Lesen des Buchs auf dem iPad 2 leicht zu handhaben und, da der historische Krimi spannend aufgebaut, gut recherchiert und ausdrucksstark geschrieben ist, hat mir das E-Book wirklich Lesevergnügen bereitet.

Manche historischen Romane kommen etwas aufgesetzt daher und wirken übertrieben. Bei »Schandweib« merkt man den historisch-authentischen Rahmen, fühlt sich zurückversetzt ins Hamburg um 1700 und nimmt Anteil am Schicksal von Ilsabe Bunk, der mehrere Verbrechen vorgeworfen werden und die verteidigt wird vom neu in der Stadt eingetroffenen Procurator Wrangel.

Dennoch würde ich, wenn die Zusatzelemente im Anhang des E-Books nicht wären, weiterhin zum gedruckten Buch greifen. Doch die Möglichkeit, anhand von Kartenmaterial und Biographien zu bekannten historischen Personen, die man während des Lesens zusätzlich anklicken kann, nicht nur mehr zu erfahren, sondern auch mehr zu sehen, hat mich für dieses E-Book eingenommen.

Die Videos mit Erklärungen von Claudia Weiss auf dem Rundgang zu den Schauplätzen des Buches durch das heutige Hamburg sind eine Bereicherung. Genauso die Vertonung zweier Schandlieder und die zahlreichen Bilder aus der Zeit. Beeindruckend war auch der Blick in die Original Gerichtsakten.

Mein Fazit: Das Buch »Schandweib« hat mich gefesselt, weil es gut geschrieben und die Geschichte spannend ist. Als E-Book besonders zu empfehlen, weil der Zusatznutzen des Bild- und Filmmaterials gegenüber dem gedruckten Buch aus meiner Sicht groß ist.

Angela Zerfaß

Rezension 4 von Steffi Lange:
»Insgesamt kein ›Fressbuch‹«

Ich bin von allem fasziniert, was das Mittelalter betrifft, weil ich jedesmal staune, wie es die Menschen in dieser Zeit geschafft haben, so lange jeweils zu überleben, und lese – obwohl als selbständige Unternehmensberaterin nicht gerade mit viel Freizeit gesegnet – alles, was ich dazu finde, auch wenn sich die Qualität teilweise sehr unterscheidet.

E-Books lese ich, seit ich meinen iPad im März 2011 gekauft habe – das erste war, Bücher zu laden. Es ist zwar doch nicht so, wie ein »richtiges« Buch in der Hand zu halten, aber bei meinem Verbrauch im Urlaub schon sehr praktisch, nicht 10 Bücher schleppen zu müssen.

Zum Buch: Insgesamt fand ich es gut und flüssig geschrieben und man merkte die Liebe der Autorin zu Hamburg.

Da die Verlinkungen zu einer Menge Zusatzinformationen führten, hätte die Autorin einige Geschichtsexkurse in den Gesprächsrunden ruhig auch dorthin verlegen können. Ich komme an solchen Stellen immer leicht ins Blättern, um zu sehen, ob nicht bald die Handlung weitergeht. Für einen Film ist das ja sicher gut zu verwenden + wenn es als Drehbuchvorlage gedacht war, war es schon richtig.

Heißt aber auch: ich habe mir jede Verlinkung angesehen; man wird davon nicht dümmer, den Lesefluss hat es aus meiner Sicht nicht gestört, und einiges hatte ich wirklich noch nie gehört. Die verlinkten Zusatzinfos fand ich also gut und sehr nützlich – echter Mehrwert gegenüber einem Buch, das das alles nicht in Fußnoten unterbringen kann – und wer liest den Anhang? Ich schon, aber viele Leser kenne ich nicht, die das tun.

Nochmal zum Buch: Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin keine große Sympathie für ihre wichtigsten Protagonisten empfand. »Mannweib« ist ja ein Mittelalterausdruck für das, was wir heute die »emanzipierten Frauen« sind. Ich hätte sie also nicht von vorn herein als Mannweib im Wortsinne angelegt. Und auch Wrangel war die ganze Zeit ziemlich spröde, obwohl kein Hamburger, von denen ich das erwartet hätte. Die Abelsons dagegen und auch Claussen sind viel liebenswürdiger, aber der Eindruck kann auch trügen.

Die Bösewichter sind schön böse und ich bin froh, dass der Henker nicht als das Ungetüm dargestellt wurde, als das er den Menschen erschienen sein muss, sonst wäre das Buch abgedriftet. Der ist also wirklich gut gelungen.

Insgesamt kein »Fressbuch« – ich konnte es zeitweise ohne Probleme weglegen – was mir bei Katja Fox nicht gelingt – aber es lässt sich gut lesen und schildert die Situation damals in Hamburg und das Leben und Leid der Menschen so anschaulich, dass man mitempfinden kann.

Steffi Lange

Rezension Nummer 5 von Ulrich Seyfried:
»Müsste ich wählen, würde ich mir die Printausgabe kaufen«

Mit »Schandweib« ist Claudia Weiss ein historischer Roman gelungen, der von der ersten Seite an fesselnd ist und der – auch durch seine immer wieder überraschenden Wendungen der Geschichte – es auch bis zur letzten Seite bleibt.

Die Geschichte erzählt den historisch belegten Hamburger Kriminalfall des »Schandweibs« Ilsabe Bunk aus dem Jahre 1701. Die Autorin macht den Leser nicht nur mit den an diesem Fall beteiligten Personen bekannt, sondern auch mit den gesellschaftlichen und politischen Umständen und den moralischen Vorstellungen jener Zeit. Die sind es letztendlich, die aus der Geschichte erst einen Kriminalfall machen. So überrascht es nicht, dass sich das Leben der Menschen um 1700 grundsätzlich um die selben Dinge dreht wie heute: Liebe, Macht, Geld, Glaube, – die richtige Mischung also für einen spannenden Roman. Allein der historische Kontext macht dann erstaunlicherweise aus diesem Mix einen drastischen Kriminalfall.

Recht detailliert gewinnt man z. B. Einblick in die inquisitorische Foltermethoden, oder die Herstellung von Cremes und Salben aus tierischen und menschlichen Zutaten. Auch alle besuchten Plätze und Straßen werden akribisch genannt. Für Hamburger sicher interessant, andere interessierten sich vermutlich eher für allgemeiner gehaltene, genauere Beschreibungen der Orte. Insgesamt aber ein wirklich spannender Roman in historischer Kulisse, kurzweilig, informativ und packend.

Die Geschichte kommt als klassisches Medium Buch in gebundener Fassung mit 511 Seiten daher und digital als E-Book zum Lesen auf iPad, Tablet oder anderem Device.

Das Lesen eines Buchs auf dem iPad nötigt mir immer noch Überwindung ab – im Gegensatz zu Magazinhaftem wie SPIEGEL oder stern. Mir scheint, das eBook (auch das Enhanced eBook, wie in diesem Fall) hat seine Bestimmung noch nicht recht gefunden.

744 digitale Seiten ermüden meine Augen und Arme mehr, als die 511 Seiten des gedruckten Werks. Die Story ist durchsetzt mit Links zu Google-Maps-Inhalten (Internetverbindung also auch mobil vonnöten) oder kurzen Erklärungen von Begriffen. Daran kann man sich schnell gewöhnen: die Erklärung eines Begriffs über eine verlinkte Seite »nachzuschlagen«. Das Setzen eines Lesezeichens allerdings funktioniert nur für eine ganze Seite und das Textlayout lässt in diesem Fall doch sehr zu wünschen übrig: Schusterjungen und Hurenkinder in Scharen! Dass das »…« vom Buch- in den eBook-Text gar nicht mit exportiert wurde, sondern durch Leerzeichen ersetzt worden ist, ist ein handwerklich schwerer Fehler.

Was das eBook jedoch »enhancen« lässt, sind die Audio- und Videozugaben. Kurzweilig präsentiert, vertieft es tatsächlich den Stoff des Buches. Ein wirklich wertvolles Feature, das es in der Buchversion einfach nicht gibt und das wirklich begeistert!

Müsste ich wählen, würde ich mir die Printausgabe kaufen und zusätzliche, vertiefende Informationen auf einer Internetseite vorfinden wollen (wie www.schandweib.de).

Ulrich Seyfried

Die App konnte im App Store nicht gefunden werden. :-(

1 Kommentar

  1. Es ist richtig: amazon.COM verkauft mehr Ebooks für das kindle als gedruckte Bücher. In den USA: Für Deutschland liegen keine Zahlen vor. Ein schönes Beispiel dafür, wie Statistik missbraucht wird. Man muss nur einen Ausschnitt Zahlen vorlegen und einige zusätzliche Informationen weglassen. Alle anderen sagen dann, was man nicht sagen darf, aber gern hören will. Das ist “Marketing”, keine verlässliche Information.

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