Ein Schandweib und fünf Rezensionen

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Rezension 2 von Stephanie Thoma-Kellner:
»Viel zu sehr dem Denken in konventionellen Buchstrukturen verhaftet«

Schandweib auf dem iPhoneGelesen wurde das E-Book auf einem iPad der ersten Generation mit Betriebssystem 5.0 in der App »iBooks« mit einer Textgröße, die eine Seitenzahl von 635 ergab. Aufgrund persönlicher Leseerfahrung auf dem iPad in den Apps »Kobo«, »iBooks«, »Kindle« und dem »Bluefire Reader« konnte die Qualität des E-Books und der Extras mit ungefähr hundert deutschen und englischen E-Books sowie „enhanced E-Books“ von byook und vook verglichen werden.

Zunächst zum Buch.

Der historische Roman »Schandweib«

Die Autorin wurde durch historische Gerichtsakten zu ihrem Roman inspiriert. Die Autorin erklärt ihre Faszination für den Fall, der tatsächlich 1701 in Hamburg verhandelt wurde, in einem Videointerview. Dieser Fall hat alles, so Claudia Weiss, was ein Roman braucht: eine ungewöhnliche Hauptfigur, Sex und Aberglauben und eine Zeit, die uns vertraut erscheint aber gleichzeitig völlig fremd ist.

Doch noch so interessante historische Fakten reichen nicht, um eine Erzählung durchgängig spannend zu gestalten. Schon mit der Wahl der Erzählperspektive – nicht die Angeklagte, sondern ihr Anwalt ist die eigentliche Hauptfigur des Romans – verliert die Geschichte an Wirkung und Brisanz. Was dem »Schandweib« widerfahren ist, wird nur im Nachhinein, im Rahmen der Verhöre, dargestellt. So ist für den Leser Liebe und Leiden der lesbischen Ilsabe nicht »hautnah« erfahrbar, wie es eine andere Erzählweise ermöglicht hätte.

Dem Spannungsbogen des Romans abträglicher ist jedoch, dass man immer wieder spürt, dass die Autorin »vom Fach« ist. Das klingt dann viel zu sehr nach Geschichtsunterricht und nicht nach einer aufregenden Geschichte. Das Problem ist vielleicht, dass Experten einfach zu viel wissen. Da ist es oft nicht leicht, wichtige historische Tatsachen zugunsten einer lebendigen Alltagsschilderung zu übergehen. Auch mag es sein, dass der bereits feststehende Ausgang der Geschichte der erzählerischen Leidenschaft Abbruch getan hat. Jedenfalls wurde der Roman erst im letzten Drittel, als es mehr um die von der Autorin erfundenen politischen Intrigen ging, deutlich temporeicher und flüssiger in der Erzählweise.

Die Darstellung der verschiedenen Persönlichkeiten erschien nicht immer ganz glaubhaft. So wird zwar immer wieder gesagt, wie wichtig der Angeklagten Ilsabe/Hinrich die persönliche Ehre ist – und die historische Erläuterung dazu im Anhang ist äußerst schlüssig –, aber in der Geschichte selbst ist dieser wichtige persönliche Antrieb für den modernen Leser nicht völlig nachvollziehbar entwickelt. Beweggründe und Ziele der anderen weiblichen Hauptfigur, der behüteten und überaus gebildeten Jüdin Ruth Abelson, wirken dagegen manchmal fast zu radikal und modern. Der Zwiespalt des Protagonisten, der als junger Anwalt zwischen humanistischen Idealen und rauer Rechtswirklichkeit einen Ausgleich finden muss, ist dagegen gut gelungen. Auch die Irrungen und Wirrungen zwischengeschlechtlicher Beziehungen in vergangenen Zeiten, oft für heutige Verhältnisse absurde Sitten und Gebräuche bedingt, sind sehr treffend dargestellt.

Insgesamt ist der Roman manchmal ein bisschen lang und leider auch hin und wieder etwas langatmig geraten. Besonders die Dialoge wirken oft mehr wie Vorträge und gar nicht wie Gespräche. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass in der wörtlichen Rede sehr oft Imperfekt als Vergangenheitsform verwendet wird, was im Deutschen eher unüblich ist. Vermutlich soll so der Sprechweise ein altertümelnder Klang verliehen werden. Für den Leser kann dieses Stilmittel jedoch durchaus anstrengend sein.

Trotz dieser Kritikpunkte ist der Roman jedoch durchaus lesenswert – schon einfach deshalb, weil die Autorin mit ihrer Einschätzung absolut recht hat, dass der historische Gerichtsfall der Ilsabe Bunck alles hat, was ein Roman braucht. Mit anderen Worten: die besten Geschichten schreibt eben immer noch das Leben!

Die technischen Details

Die technische Umsetzung als E-Book ist grundsätzlich in Ordnung – Kapiteleinteilung, Kapitelüberschriften, Initialen, Absatzbildung und Blocksatz sind gelungen.

Bedauerlicherweise ist bei der Konvertierung aber ein ärgerlicher Fehler unterlaufen und beim Lektorat nicht entdeckt worden. Vermutlich wird das Symbol für Auslassungszeichen (…) in der »iBooks«-App nicht dargestellt. Jedenfalls gehen eine Anzahl von Sätzen ohne Satzzeichen ineinander über. Leider ist in diesen Fällen vom Schreibstil her auch nicht immer ohne Weiteres erkennbar, ob wirklich nur die Auslassungszeichen fehlen oder vielleicht doch Wörter oder Satzteile. Das stört beim Lesen, und sollte bei einem professionell hergestellten E-Book nicht passieren.

Die Zusatzelemente des E-Books sind leider noch viel zu sehr dem Denken in konventionellen Buchstrukturen verhaftet. In den Buchtext eingebunden sind nur das Glossar, Links zu Google Maps, sowie ein historischer Stadtplan von Hamburg. Die wenigen wirklich faszinierenden Extras finden sich ausschließlich ganz konservativ am Ende des E-Books und sind nicht flüssig in den Text integriert. So bereichern die »Enhancements« nicht das Lesererlebnis an sich, sondern bilden lediglich einen mehr oder weniger interessanten multimedialen Anhang.

Einige Bemerkungen zu den einzelnen Elementen.

Die Extras »im Text«

Speziell das Glossar ist nicht besonders geglückt. Teilweise werden einfachste Begriffe erklärt. Das ist nicht nur überflüssig, sondern birgt auch die Gefahr, Leser zu nerven und zu langweilen. Dann wieder werden interessante Begriffe oder Umstände gar nicht erläutert oder es wird doppelt erklärt – erst verlinkt im Glossar und dann im nächsten Satz von der Autorin selbst. Wenn endlich auch noch Seiten auftauchen, auf denen gleich sechs oder mehr Begriffe nachzuschlagen sind, fühlt man sich als Leser leicht erschlagen.

Eine wesentlich einfachere und flexiblere Lösung bietet hier etwa die »Kobo«.App. In dieser App kann der Leser nämlich selbst entscheiden, welche Begriffe er wo nachschlägt. Ohne die App zu verlassen, kann man entweder in Wikipedia oder mittels einer Google-Suche mehr über Orte, Jahre, Persönlichkeiten oder Fachbegriffe erfahren.

Bilder fehlen in den Erklärungen des Glossars zum größten Teil. Wenn Bilder auftauchen, dann sind es einfach aus Wikipedia übernommene Gemälde – was die Vermutung nahelegt, dass Wikipedia wohl generell als Quelle für das Glossar herhalten musste. Amüsant sind jedoch die Bildunterschriften: »Public domain via Wikipedia Commons.« »Public Domain« ist aber ein Rechtsbegriff aus dem angelsächsischen Raum, den es im deutschen Rechtskreis in dieser Form nicht gibt. Der vergleichbare deutsche Begriff  ist »gemeinfrei«. Ob das betreffende Bild von »Wikipedia Commons« stammt, ist dabei jedoch egal. Entscheidend ist, dass gemeinfreie Werke wegen Ablauf des Urheberrechtsschutzes von der Allgemeinheit frei benutzbar sind. Gerade ein Verlag sollte in diesem Bereich auf Korrektheit achten …

Der historische Stadtplan ist ein wirklich fantastisches Extra, dessen Einbindung in den Text jedoch leider richtig schiefgegangen ist. Denn aus dem Text heraus lässt sich der Stadtplan nicht auf Straßenebene zoomen, sodass außer roten Fähnchen auf grünlichem Grund keine Einzelheiten erkennbar sind. Nur wenn man sich den Stadtplan im Anhang noch mal ansieht, hat man die Möglichkeit, sich endlich die Details anzusehen. Ärgerlich!

Die Links zu Google Maps schließen automatisch das Buch und führen wirklich nur zur schnöden Landkartenansicht von Google Maps. Umständlich und langweilig. Wenn der Blick auf eine Landkarte wirklich etwas zum Leseerlebnis beiträgt, sollte sich diese Karte direkt im Text öffnen und beliebig zoomen lassen.

Der »BONUS«

Die Extras im »BONUS«-Bereich sind wesentlich besser als die Elemente, die im eigentlichen Text das Leseerlebnis bereichern sollen. Es ist wirklich schade, dass dieses Material in den Anhang verbannt worden ist, anstatt innovativ in den Romantext eingebaut zu werden.

Die »Fakten und Hintergründe« sind gut aufgebaut und interessant erklärt. Mehr Bildmaterial in diesem Bereich wäre jedoch schön. Außerdem sollte sich der Text nicht so deutlich mit dem Interview der Autorin im Staatsarchiv überschneiden. Gerade bei einem so umfangreichen Roman sollte das Bonusmaterial nicht alles doppelt und dreifach darstellen, sondern wirklich Neues enthalten.

Die Originaldokumente zu diesem Fall sind ein ganz fantastisches Extra. Was jedoch fehlt, ist eine genaue Abschrift der Dokumente. Für einen Fachmann ist der Text in diesem Fall zwar noch leicht zu lesen. Aber für interessierte Laien kann es leicht schwierig werden, historische Schriften ohne Weiteres zu entziffern.

Der Ansatz der Videorundgänge, Schauplätze zu präsentieren und die Autorin persönlich zu Worte kommen zu lassen, ist eine tolle Sache. Problematisch dabei ist nur, dass in den meisten Fällen von den Originalschauplätzen des »Schandweibs« nichts mehr zu sehen ist und dass der Text mehr oder weniger nur wiedergibt, was dem Leser schon aus Roman, der Hintergrunddarstellung oder dem Glossar bekannt ist.

Die vertonten Schandlieder sind natürlich ebenfalls ein ganz tolles Extra. Ob die kunstliedhafte Interpretation von Spottliedern, die am Richtplatz gegrölt wurden, so gut passt, ist natürlich Geschmackssache. Völlig unverständlich ist jedoch, warum die Musik nicht direkt in den Text eingebunden worden ist und sich nur im Anhang findet. Das gleiche gilt für das Bildmaterial im »BONUS« – zur Bereicherung des Leseerlebnisses hätten diese Bilder im Text des Romans auftauchen müssen und nicht als ein Postskriptum à la »ach ja, da war noch was« im Anhang.

Resümee

Um das Leseerlebnis an sich wirklich zu bereichern, muss der Verlag noch wesentlich mehr kreativen Mut aufbringen.

Warum nicht Soundbytes automatisch in den Text einfließen lassen – Geräusche, Stimmen, Musik? Warum nicht historische Gewandung von Schauspielern vorführen lassen – ganz konkret: Ilsabe/Hinrich erst in Frauen-, dann in Männerkleidung? Warum interessante Details ganz konservativ in den Anhang verbannen? Warum so ein ödes, starres Glossar? Warum so wenig Bilder? Warum nicht mehr Details zum Alltagsleben Anfang des achtzehnten Jahrhunderts – wie etwa Kochrezepte, Schnittmuster, eine anschauliche Währungsumrechnung?

Mit mehr Mut, mehr Kreativität und einem spielerischen Ansatz könnte man einen historischen Roman in eine audiovisuelle Zeitreise verwandeln. Damit wäre ein E-Book sehr viel mehr als nur eine platzsparende E-Version des Romans.

Ohne Frage, dem Lesen auf elektronischen Geräten gehört die Zukunft – und für viele Leser auch schon die Gegenwart. Denn auch wenn kein E-Book je das schöne Gefühl eines gebundenen Buches ersetzen wird, spricht die Statistik eine deutliche Sprache: Amazon.com verkauft inzwischen mehr Kindle E-Books als gedruckte Bücher.

Gerade für eingefleischte Leseratten, die bereits -zig Regalmeter Bücher im Haus haben, ist das E-Book die Antwort auf ihre Gebete. Pendler und Leute, die beruflich viel unterwegs sind, müssen nicht mehr mit nur einem leichten Paperback auskommen, sondern haben gleich ihre ganze Lieblingsserie dabei. Bilderbücher werden unkaputtbare Mitmachbücher. Die Möglichkeiten, die sich in Zukunft für Schulbücher und Leihbibliotheken bieten, werden in Deutschland gerade erst mal angedacht, geschweige denn umgesetzt.

Aber damit Leser gerne gutes Geld für E-Books ausgeben, müssen E-Books ihnen auch etwas bieten. Da dürfen keine Konvertierungsfehler vorkommen. Und »enhanced« darf sich nicht nur auf ein verlinktes Glossar und einen kleinen multimedialen Anhang beziehen.

Stephanie Thoma-Kellner

Die App konnte im App Store nicht gefunden werden. :-(

1 Kommentar

  1. Es ist richtig: amazon.COM verkauft mehr Ebooks für das kindle als gedruckte Bücher. In den USA: Für Deutschland liegen keine Zahlen vor. Ein schönes Beispiel dafür, wie Statistik missbraucht wird. Man muss nur einen Ausschnitt Zahlen vorlegen und einige zusätzliche Informationen weglassen. Alle anderen sagen dann, was man nicht sagen darf, aber gern hören will. Das ist “Marketing”, keine verlässliche Information.

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