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»Der Aufstieg« von Amy McCulloch: Irgendwann wird die Luft dünner

Amy McCulloch: Der Aufstieg

Sommer, Sonne, Superhitze. Da kommt ein Thriller, der auf über 8.000 Metern Höhe spielt, echt gut gelegen. Ob unserer Rezensentin die Geschichte »Der Aufstieg – in eisiger Höhe wartet der Tod« eisige Schauer über den Rücken jagt?

Ich geb’s zu, ich bin nicht so der Thriller-Leser, da stecken mir die Bücher von Deutschlands meistgelesenem Thriller-Autor noch zu sehr in den Knochen. Allerdings hege ich eine Affinität zu Bergsteigergeschichten, seit ich Jon Krakauers »In eisige Höhen« gelesen habe. Mich faszinieren Menschen, die sich in Todesgefahr begeben, um den Gipfel eines über 8.000 Meter hohen Berges zu besteigen. Wobei, auch ich zähle zu den Todesmutigen. Der Gipfel meines Berges lag sogar über den 8.848 Metern des Mount Everest. Der Mauna Kea, ein Vulkan auf Hawaii, ist – vom Meeresboden aus gemessen – 10.203 Meter hoch und damit höchster Berg der Erde. Davon ragen 4.207 Meter aus dem Meer, und ich wurde bei meiner Ankunft auf dem Gipfel (mit dem Allradjeep über eine Schotterstraße) dermaßen höhenkrank, dass ich meinte, ich müsse sterben. Damit stand fest, dass meine Todeszone bei 3.000 Metern beginnt – seitdem wage ich mich auf keine höheren Berge mehr. Umso mehr inspirierte mich, über Expeditionen zu lesen, die sich auf über 8.000 Meter wagen.

»Der Aufstieg« dreht sich um die Expedition auf den achthöchsten Berg der Erde, den 8.163 Meter hohen Manaslu in Nepal. Protagonistin Cecily, eine ehrgeizige Journalistin, will es sich und der Welt nach der Trennung von ihrem Freud, einem bekannten Abenteuerreporter, beweisen, dass sie die bessere Story an Land ziehen kann. Cecily bekommt die Chance ihres Lebens: Ein Exklusivinterview mit der Bergsteigerlegende Charles McVeigh, der vor dem letzten großen Rekord seiner Karriere steht: Alle vierzehn Achttausender innerhalb eines Jahres zu besteigen. Das Interview ist mit der Bedingung verknüpft, dass Cecily mit Charles den letzten Gipfel, den Manaslu besteigt. Die Gruppe setzt sich unter anderem aus einem Expeditionsleiter, einer Influencerin, einem Selfmade-Millionär und einheimischen Sherpas zusammen. Noch bevor die Gruppe zum Basislager aufsteigt, nimmt das Unheil seinen Lauf und es gibt den ersten Toten. War es ein Unfall oder Mord? Diese Frage wird Cecily auch bei den anderen Todesfällen beschäftigen, denn von Anfang an ist ihr klar, dass im Camp irgendetwas nicht stimmen kann und einer von ihren Kameradinnen oder Kameraden ein eiskalter Mörder ist.

Ein Kompliment geht zunächst an Leena Flegler, die das Werk von Amy McCulloch ins Deutsche übersetzt hat. Die Übersetzung ist durchweg gute Handwerkskunst, und an keiner Stelle wünsche ich mir das englische Original zum Lesen.

Die Autorin Amy McCulloch bestieg 2019 als jüngste Kanadierin den Manaslu. Dort zwischen Gletscherspalten und eisigen Stürmen reifte die Geschichte heran. Das macht die Faszination des Romans aus: Man ist quasi live dabei bei der Expedition, spürt die Kälte, die klammen Finger, die dünne Luft, die das Atmen erschwert, die Anstrengung in der Höhe, wo jeder Schritt sich anfühlt, als hätte man Gewichtssteine an den Füßen hängen.

Was für den einen, der sich fürs Bergsteigen interessiert, spannend liest, dürfte für den Leser, der einfach einen fesselnden Thriller lesen möchte, langwierig sein. Hier fehlen das Tempo und die berühmten Cliffhanger, wie sie Sebastian Fitzek anwendet. Dafür schreibt McCulluch besser als Fitzek, obwohl mich ihre Protagonistin Cecily als Figur der Journalistin nicht unbedingt überzeugt. Die Blog-Posts, die sie an ihre Redaktion schickt, haben den Charakter langweiliger Influencer-Posts und ich vermisse den Wortlaut einer erfahrenen Journalistin, die einer guten Story auf der Spur ist.

Je höher die Bergsteiger auf ihrem Weg zum Gipfel kommen und unterwegs mit anderen Expeditionen zusammentreffen, desto tiefer fällt der Blick auf Cecilys Vergangenheit, die – wie kann es anders sein – ein düsteres Geheimnis mit sich herumträgt. Die Geschichte trägt sich durch die spannenden und realistischen Schilderungen am Berg beim Auf- und Abstieg zwecks Akklimatisierung und im Basislager. Doch irgendwann wird die Luft dünner und dem Thriller geht nach etwa der Hälfte der 488 Seiten die Luft aus, weil man das Ende errät, bevor der Gipfel erreicht ist. Trotzdem ist Amy Mc Culloch mit »Der Aufstieg« ein spannender Thriller gelungen, der mir zwar keine eisigen Schauer über den Rücken jagte, mich aber über zwei Tage hinweg bestens unterhalten hat.

Birgit-Cathrin Duval

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