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Das Literarische Quartett spezial mit jungen Menschen: Die besseren Experten

Das Literarische Quartett spezial - U21: Sara Akinsola, Gastgeberin Thea Dorn, Conrad Henzler und Lucas Stiller (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Das Literarische Quartett spezial – U21: Sara Akinsola, Gastgeberin Thea Dorn, Conrad Henzler und Lucas Stiller (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Zum Welttag des Buches sendete das ZDF eine Spezialausgabe des Literarischen Quartetts mit Thea Dorn und drei Gästen unter 21 Jahren. Eine Spezialausgabe mit normalen Menschen. Es war eine bemerkenswert gute Sendung.

Warum, so lautet eine hier stetig gestellte Frage und Klage, sitzen im Literarischen Quartett die Immergleichen? Selbst als man unter Gastgeberin Thea Dorn das Konzept der Sendung änderte und nicht mehr, wie bei Marcel Reich-Ranicki und später bei Volker Weidermann, nur ein wechselnder Gast dabei war, sondern gleich drei Stühle variiert besetzt wurden, bestand dieser Wechsel dennoch aus dem Pool der Immergleichen. Es sind die gleichen Literaturkritiker, Schauspieler, Autoren und Vea Kaiser, die beständig das Ensemble im Foyer des Berliner Ensembles bilden. Selbst wenn ab und zu einmal ein anderes Gesicht aus dem Feuilleton dabei sein sollte, ist dieses austauschbar.

Als mit Volker Weidermann das Literarische Quartett wiederbelebt wurde, sagte dieser damals in einem Interview, er könne sich gut z. B. auch einmal eine Buchhändlerin als Gast vorstellen. Dazu ist es nie gekommen. Das Literarische Quartett blieb das Karussell der Immergleichen. Man wusste, wer was wie sagen würde.

Bis jetzt! Zum Welttag des Buches, dem 23. April 2022, wagte man beim ZDF ein Experiment. Nicht spät in der Nacht, wenn niemand mehr zuschaut, sondern früh an einem Samstagmorgen, wenn noch niemand zuschaut, sendete man eine Spezialausgabe des Quartetts. Man wolle zeigen, so Thea Dorn in einem Vorspann, dass das Vorurteil nicht stimme, dass junge Menschen nicht mehr lesen. Daher hatte das ZDF Menschen unter 21 Jahren im Februar dazu aufgerufen, das Smartphone zu schnappen und sich mit einem maximal einminütigen Video für diese Spezialausgabe U21 zu bewerben. Man wolle, so wurde Thea Dorn in diesem Aufruf zitiert und so sagte sie es im Einspieler vor der Sendung, »erfahren, ob Literatur vielleicht sogar helfen kann, besser durch diese – gerade für junge Menschen – schwierige Zeit zu kommen.« Weiter hieß es:

»Die vorgeschlagenen Bücher sollen deshalb Romane sein, die sich besonders eignen, in dieser Zeit gelesen zu werden. Themen wie Lockdown, Depression, Tod, Trauer, Angst, Einsamkeit, Freundschaft oder Zuversicht sind nur einige Stichwörter. Ob es sich bei dem Roman um eine Neuerscheinung, einen Titel aus den vergangenen Jahren oder einen echten Klassiker der Literatur handelt, ist freigestellt.« (Aus der ZDF-Pressemeldung vom Februar 2022)

In vier Auswahlrunden hat die Redaktion des literarischen Quartetts dann die drei ausgewählt, die am 23. April 2022 zusammen mit Gastgeberin Thea Dorn auf der Bühne des Berliner Ensembles saßen und über Bücher diskutierten.

Es waren dies die 21-jährige Studentin Sarah Akinsol, der 16-jährige Schüler Conrad Henzler und der 17-jährige Schüler Lucas Siller.

Die Art der diskutierten Bücher war nur geringfügig anders als sonst. Ein Titel von LYX hätte es normalerweise nicht ins Quartett geschafft. Bücher dieses Imprints des Lübbe Verlags, das schwerpunktmäßig für junge Leserinnen konzipiert ist, finden sich beständig auf den Bestsellerlisten. »Romantisch, cool und supersexy« lautet der Wahlspruch von LYX, in dem Autor:innen wie Mona Kasten veröffentlichen.

Ganz im woken Zeitgeist hatte man für die Sendung den Titel »Felix Ever After« der nicht-binären Transperson Kacen Callender ausgewählt.

Das Wohlfühlbuch »Hard Land« von Benedict Wells wurde diskutiert, aber auch der Bestseller »GRM – Brainfuck« von Sibylle Berg. Thea Dorn brachte »Der Fremde« von Camus mit. Das Buch habe sie begeistert, als sie im Alter der Mitdiskutierenden war, und sie wollte herausfinden, ob es heute junge Menschen noch begeistern könne.

Mit den drei Gästen hatte das ZDF eine hervorragende Wahl getroffen! Eine weitere hervorragende Entscheidung war es, die Spezialausgabe nicht an irgendeinem vermeintlich hippen und coolen Ort aufzuzeichnen, sondern exakt dort und exakt so, wie die anderen Ausgaben, nämlich im Foyer des Berliner Ensembles.

Auf den immergleichen Stühlen saßen somit nicht die immergleichen Menschen.

Man konnte dennoch feststellen: Es war ein ganz normales Literarisches Quartett. Thea Dorn machte ihre Sache gut, hielt sich zurück, agierte nicht als besserwisserische Erwachsene. Wie in den »normalen« Ausgaben stelle sie an den richtigen Stellen die richtigen Nachfragen und ergänzte für die Zuschauer Informationen zum Verständnis der Bücher.

Die Schüler diskutierten genauso gekonnt und analytisch über die Titel wie die immergleichen Literaturexperten. Bisweilen besser. Da wurde in der Sache verhandelt und nicht ad personam. Da wurde über das Funktionieren von Figuren und Plot gesprochen, ohne sich in schlechten Nacherzählungen zu verheddern. Camus wurde als Klassiker nicht auf einen Thron gehoben, sondern realistisch als leicht überholt betrachtet. Und man konnte feststellen, dass aufgesetztes Moralisieren in Büchern, wie es in letzter Zeit öfters gefordert wird, bei der jungen Zielgruppe nicht ankommt und durchschaut wird. Da gab es kein Name-Dropping und keine intellektuellen Querverweise. Da wurden Bücher wie »Hard Land« trotz erkannter Schwächen in ihrer Rolle als Wohlfühlliteratur akzeptiert und das leserische Reibungspotenzial von »GRM« gelobt.

Obwohl das ZDF wieder zu einem bescheuerten Folgentitel griff (»Junge Leute im Leserausch«), war es eine normale und gute Sendung ohne Firlefanz, die zeigte, dass es nicht Experten braucht, sondern Menschen, die das sprachliche und analytische Vermögen besitzen, über Bücher mehr zu sagen, als dass sie »großartig« sind. Die drei Gäste hatten es.

Wenn es weiterhin die Immergleichen sein sollten, wäre es zumindest der Wunsch, dass hin und wieder eine oder einer der Drei zwischen den Experten der Spätausgabe des literarischen Quartetts sitzt. Es wäre eine Bereicherung.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 23.04.2022 besprochenen und erwähnten Bücher:

2 Kommentare

  1. Guten Tag aus Barcelona.
    Habe den grössten Teil der Sendung zufällig gesehen. Fand sie erfrischend offen und sehr argumentiv. Die jugendliche Runde kann sich sehen und hören lassen und kann jeden Vergleich mit den sogenannten „Experten“ aushalten. Ich wünsche mir weitere Folgen dieses sehr ansprechenden Formats.

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