Büchermachen IX: Von Qualitäten und arroganten Klugscheißern

Jeden Samstag berichtet der Lektor, Verleger und Literaturagent Vito von Eichborn über das Büchermachen. Es geht ihm nicht um Theorien, sondern um das Handwerk auf dem Weg zur »Ware Buch«. Er redet Klartext, räumt mit Vorurteilen auf – und will zum Widerspruch anregen. Und er bittet um Fragen über den Buchmarkt, um an dieser Stelle darauf einzugehen.

Eine Kolumne von Vito von Eichborn

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Immer wieder stoße ich hier im literaturcafe.de wie da draußen auf Leute, die genau wissen, was gut und schlecht ist, sei’s in der Literatur oder der Politik. Und in der Gruppe dient es der Bestätigung, gemeinsam »den Scheiß« abzulehnen. Gegen die AfD zu sein – klar, bin ich dabei. Aber sind diese Wähler allesamt minderbemittelte Idioten? Jeder siebte wahlberechtigte Nachbar? Machen wir’s uns gruppendynamisch zu einfach?

Marielouise Ritter benutzt im Kommentar zu meiner letzten Kolumne das Wort »Pöbel« ohne »« – sie konstatiert ihn also als gegeben. Ich dachte, dieser grauslige Elite-Begriff sei längst untergegangen! Sie entscheidet offensichtlich auch, wer dazu gehört. Und sie verdammt »Shades of Grey« und redet von »Crap« als Lektüre – wo nimmt sie das her, die weit überwiegende Unterhaltungsliteratur und deren Leser von oben herab zum »plebs« zu erklären? Soviel Hochmut auf einmal? Toll, wenn jemand so von sich selbst überzeugt ist und sich weit über den verblödeten Massen wähnt.

Die »Shades« erschienen als Buch zuerst in einem australischen Kleinverlag – der gigantische Welterfolg entstand also nicht durch das vielbeschworene Konzernmarketing (das folgte später – witzigerweise in den USA bei dem! Literaturverlag Knopf mit 17 Nobelpreisträgern), sondern durch schiere Nachfrage der Leserinnen.  Ich bin zwar keine, kann also nicht mitreden – aber sich auf ein hohes Ross zu setzen, ohne die gesellschaftlichen Hintergründe und mitmenschlichen Fragen zwischen den Geschlechtern und Bedürfnisse von hundert Millionen Käuferinnen ernst zu nehmen, ist billige Arroganz.

Im übrigen, Mme Ritter, brauche ich ja wohl den Unterschied von Tablet und Buch nicht zu erläutern, also Eulen nach Athen zu tragen. Nix gegen den Tolino für unterwegs. Daran die Form-Inhalt-Frage aufzuhängen, ist Quatsch.

Absolut richtig ist dagegen der folgende Kommentar: »Träum weiter!« Eben, was denn sonst? Aufgeben? Verdammt, ja, dies ist eine Prophezeiung: Lesen wird »in« sein! Erzählt sie weiter als self-fulfilling prophecy!

Karen Sell jedoch meint, die Büchermacher sollten für »das Lesen« werben. Das wäre so, wie wenn der Fahrradhändler für »das Fahrradfahren« und der Bio-Bauer für »die Natur« werben würden. Jede Werbung für ein Buch ist Werbung für »das Lesen« – umgekehrt: Ohne Begierde für einen bestimmten Inhalt zu wecken, führt Werbung ins Nirwana. Denn dummerweise interessiert sich kein Arsch für »das Lesen«. Und zu der Wertigkeit der Inhalte – siehe oben.

Ich selbst fand Comics toll. (Von Akim und Micky Maus bis zu dem grandiosen Windsor McCay – »Little Nemo«, der ist, ja, »ein Traum«.)  Später las ich ein Heft nach dem anderen von »Jerry Cotton« – gerne auch noch als Student. Vor ein paar Wochen war’s ein Grisham, kürzlich ein Follett – übrigens aus dem 1-Euro-Regal im Café. Klasse gemacht.

Ich habe tausende von Manuskripten abgelehnt. Ganz aktuell in diesen Tagen eine sich selbst überschätzende Lyrikerin und einen intellektuellen Mediziner mit selbstgestrickter Philosophie, die ins Leere läuft. Ich muss, richtig, beruflich entscheiden, was ich als Agent oder Verleger für eine breitere Öffentlichkeit für wert und geeignet halte. Aber bitte, selbstverständlich: Irrtum vorbehalten. Vielleicht bin ich zu beschränkt für manchen Inhalt? Und zweitens freue ich mich über jeden Leser, der über netzmäßige Kurztexte hinausfindet, am besten in Buchform. Auch wenn’s in meinen Augen der letzte Scheiß sein sollte.

Chacun à son goût.

Vito von Eichborn

Fragen? Meinungen? Kommentare? Vito von Eichborn freut sich über Rückmeldungen! Am besten unten in den Kommentaren oder per Mail an buechermachen(at)literaturcafe.de.

Vito von Eichborn, 1943 geboren, Studium, Journalist und Aussteiger, begann 1973 im Lektorat bei Fischer in Frankfurt. 1980 Gründung des Eichborn Verlags, den er 1995 freiwillig verlies: »Das war der Fehler meines Lebens.« Geschäftsführer bei Verlagen in Hamburg. Lebt seit 2007 in Bad Malente. Gründete zwischenzeitlich auf Mallorca den Verlag Vitolibro, den er mit norddeutschen Regionalia, literarischen Ausgrabungen und Kuriosa fortsetzt. Ist manchmal Agent für Autoren (»nur, wenn das Projekt marktfähig ist«), schreibt, lektoriert, entwickelt Projekte.

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2 KOMMENTARE

  1. Prima ! Habe mir erlaubt, den Beitrag ins Autorennetzwerk zu übertragen. Hoffentlich sind Sie damit einverstanden.
    Kollegiale Grüße!

  2. Und wenn Sie mich jetzt auch auf den Pranger stellen, ist der Kommentar von Frau Ritter, auch wenn sie die Anführungszeichen vergessen hat, ehrlich und sollte also nicht so bloßgestellt werden. So denken, fürchte ich, viele und Sie wissen das wahrscheinlich auch!
    Als ich ein Kind war, wurden die Micky-Mouse Hefte, die man ins Sommerkinderlager mitnahm, einkassiert und in der Bibliothek konnte man sie gegen angeblich Wertvolleres umtauschen. Das hat sich jetzt verändert und der Wert der Micky-Mouse erkannt. Ja, die Zeit änder viel, hat schon Johnnn Nestroy gesagt.
    Ich lese viel und quer über den Tellerrand und “Shades of grey” habe ich einmal im offenen Bücherschrank gefunden und die in Wien sind sehr gut, da findet man manchmal wahre Schätze darin und auf meine Leseliste gesetzt, weil ich es gerne lesen möchte.
    Den “Harry Potter” nicht und Krimis manchmal gern, obwohl ich eigentlich gegen Gewalt bin und so viele Morde für unrealistisch halte.
    Ich bin auch der Meinung, daß jeder lesen soll, was ihn interessiert, aber ich habe einmal auf meinen Blog geschrieben, daß ich Sophie Kinsellas “Schnäppchenjägerin” für ein tolles Buch über die Kaufsucht halte und prompt von einer Leserin eine kalte Dusche bekommen, daß ich sowas lese und auf den Buchpreislisten dürfen ja auch keine Krimis und keine Genres stehen.
    Dann stet das “Literarisch Wertvolle” darauf und die Buchhändler stöhnen, weil die Leute das nicht lesen wollen!
    Also, ich glaube, wir brauchen da mehr Toleranz, die Leute sollen lesen, was sie wollen und sie könnten dieser Dame auch höflicher sagen, daß “Pöbel” eigentlich ein Schimpfwort ist, das man nicht gebrauchen sollte, liebe Grüße aus Wien, beziehungsweise Harland bei St. Pölten!

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