
Italien in den 1990er Jahren: ein abgelegenes Haus an einem sonnigen Hang in Piemont, ein junger Mann, der schreibt, beobachtet, nachdenkt. In »Das kleine Haus am Sonnenhang« führt uns Alex Capus an einen Ort, der geografisch und innerlich verortet ist. Ein Rückzugs- und Resonanzraum für Erinnerungen, Gedanken und das Schreiben.
Skizzen und Betrachtungen
Das Buch des Schweizer Autors Alex Capus (»Léon und Louise«) ist kein Roman, sondern ein Büchlein mit einer losen Folge von autobiografischen Skizzen, mit Anekdoten aus dem Italien der 1990er Jahre und mit sehr persönlichen Betrachtungen. Ein Buch von Alex Capus über Alex Capus. Ein Buch darüber, wie der Autor lebt, schreibt und wie beides ineinandergreift.
»Als ich noch ein ziemlich junger Mann war, nicht mehr Student und noch nicht Schriftsteller, habe ich für fast kein Geld im Piemont ein kleines Haus gekauft.« Mit diesem Satz beginnt das Werk. Das titelgebende Haus wird zum Dreh- und Angelpunkt: ein Ort der Einsamkeit, an dem Capus an seinem ersten Roman arbeitet, und zugleich ein Treffpunkt für Freunde und mit seiner Freundin – heute seine Frau.
Capus erzählt von Begegnungen und Begebenheiten, die oft beiläufig wirken und gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Es sind Erinnerungen, die nicht auf eine Pointe hin konstruiert sind, sondern sich wie selbstverständlich ergeben. Und immer wieder kreisen sie um die Frage: Wie entstehen Geschichten? Warum schreiben wir?
»So bedient sich jeder, der eine Geschichte schreibt, aus dem Fundus seiner Seele, den er angehäuft hat mit Dingen, die er erlebt oder gesehen, gehört oder gelesen oder sonst wie erfahren hat. Es kann nicht anders sein. Man holt sich seine Mosaiksteine immer aus dem Steinbruch der Vergangenheit, niemand schöpft beim Erzählen das der leeren Luft; nicht das Geringste.«
Einblicke ins Schreiben und keine Anleitung
Solche Sätze sind es, die dieses Buch besonders für Schreibende interessant machen. Capus gewährt Einblicke in seine Arbeitsweise – ohne daraus eine Anleitung zu machen:
»Ich suche nicht nach literarischem Stoff; nicht in der Kneipe und auch sonst nirgendwo. Ich bin froh, wenn der Stoff mich in Ruhe lässt. Auch trage ich kein Notizbuch mit mir.«
Wenn man viele Bücher eines Autors gelesen hat, dann ist man oft begierig nach Details zum Schreibprozess dieser Autoren, Einblicke hinter die Kulissen in seine Denk- und Arbeitsweise.
In dieser Hinsicht erinnert »Das kleine Haus am Sonnenhang« an Bücher wie »Das Leben und das Schreiben« von Stephen King, »Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede« von Haruki Murakami oder an den Film »Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit«.
Schreibt man selbst, freut man sich, wenn der ein oder andere Schreibtipp dabei herausspringt. So erklärt Capus, warum er kein Notizbuch mit sich führt. Capus beschreibt, warum reale Ereignisse in der Literatur oft unglaubwürdig wirken und wie er verhindert, dass sich Menschen in seinen Figuren allzu eindeutig wieder erkennen.
»Wir schreiben, was wir in uns haben und wie wir sind; wie denn sonst.« Diese Haltung durchzieht das gesamte Buch. Der Klappentext spricht von einer »kleinen Philosophie der Gelassenheit und des stillen Glücks«. Capus schreibt klar, leise, reduziert, unaufgeregt und auf die Essenz bedacht.
Warum Neues, wenn das Gewohnte richtig ist?
Auffallend ist der Einsatz von Semikolons, die Gedanken verbinden, ohne sie ganz zu glätten.
Capus gibt sich auf diesen Seiten so, wie man ihn sich als Erzähler vorstellt: sympathisch, bodenständig, unaufgeregt. Im nächstgelegenen Ort entdeckt er die Bar »Da Pierluigi« – und bleibt ihr treu. »Ich brauche nur eine, und da geh ich dann hin.« Ähnlich verhält es sich mit der Pizza: Warum etwas Neues probieren, wenn die gewohnte Fiorentina genau richtig ist?
Es sind solche beiläufigen Beobachtungen, die das Buch tragen. Sie erzählen von einer Haltung, die selten geworden ist: Genügsamkeit, Ruhe, ein Vertrauen darauf, dass das Wesentliche bereits da ist.
Das Haus am Sonnenhang bleibt dabei der Mittelpunkt. Ein Buch, das ein wenig Nostalgie und Fernweh aufkommen lässt. Capus erzählt von den Gesprächen in der Kneipe mit den immergleichen Besuchern, von einem verschwundenen Opferstock in der Kirche und einem Störenfried auf dem Dachboden des kleinen Hauses.
»Das kleine Haus am Sonnenhang« ist kein Buch, das sich nicht aufdrängt. Und doch bleibt es. Vielleicht gerade deshalb. Weil es nicht beeindrucken will, sondern einfach erzählt. Ein Buch, das man gerne liest, vielleicht sogar ein zweites Mal.
Juliane Hartmann
Alex Capus: Das kleine Haus am Sonnenhang. Gebundene Ausgabe. 2024. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446279414. 22,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
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