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Beitrag vom 18. November 2014 | Rubrik: E-Books, Literarisches Leben

Voll digital: Literaturkonferenz therapiert E-Book-Angst

Nina George

Die Deutsche Literaturkonferenz hatte in der vergangenen Woche zum Symposium nach Berlin eingeladen. »Voll digital – 10 Jahre E-Books: Schreiben, Lesen und Verlegen« war das Motto.

Die Literaturkonferenz e. V. ist quasi der Über-Verein des deutschen Literaturbetriebs. Ihm gehören von den Autorenverbänden PEN und VS, über Börsenverein und Bibliotheksverband bis hin zu den Lektoren und Übersetzern so ziemlich alle Lobby-Gruppen an, die irgendwas mit Büchern machen.

Das und das relativ hohe Durchschnittsalter des Publikums ließ eine Bedenkenträgerkonferenz der Buchschnüffler und Buchhaptiker befürchten – doch dann kamen zwei Powerfrauen auf die Bühne.

Oje, es wird wieder schlimm werden! – Wirklich?

Die Zeichen für ein E-Book-Symposium waren nicht die besten: Das Auditorium der Bibliothek der Humboldt-Universität liegt unter der Erde wie eine Kellerwohnung. Kein Handy-Empfang. Gibt es W-LAN für die Besucher? Nein. Twittern ausgeschlossen.

Der Saal ist voll. Doch man sieht weder Vertreter der digitalen Bohème noch Vertreter der jungen E-Book-Verlage unter den Zuschauern. Die meisten sind reiferen Alters und eher weit von dem entfernt, was diese Älteren »Digital Natives« nennen.

Die Autorin Kathrin Schmidt begrüßt für die Literaturkonferenz, und da ist es gleich am Anfang ihrer Worte: Das Rascheln und der Geruch von Papierbüchern werden erwähnt. Oje, es wird wieder schlimm werden!

Doch schon Schmidts kurze Rede leitet vorsichtig dazu über, dass man sich dennoch aufgeschlossen mit Readern und Tablets beschäftigen müsse. Sie leitet zu Moderator Frank Simon-Ritz über, der fragt, was gesellschaftlich durch die Digitalisierung passiere.

Das Format des Symposiums ist traditionell-konservativ. Es gibt jeweils rund halbstündige Vorträge vor dem Plenum und anschließend eine Fragerunde. Keine »Table-Sessions« und »Fishbowl«-Formate, mit denen derzeit viele Kongressveranstalter glauben, dröge Veranstaltungen aufpeppen zu können, statt auf gute Redner zu setzen.

E-Book: Ein ideologisch aufgeheiztes Thema

Elisabeth Ruge betritt die Bühne. Sie müsse, entschuldigt sie sich, ihre Vortragsnotizen von ihrem Smartphone ablesen, weil das mit dem Ausdruck irgendwie nicht geklappt habe – allein das ist schon ein unfreiwilliges Plädoyer für die Überlegenheit der digitalen Form.

Elisabeth Ruge

Ruge hat den Berlin Verlag geleitet, baute dann erfolgreich die Berliner Dependance des Hanser Verlags auf und ist nun als Literaturagentin unterwegs. Ihr neuestes Projekt ist eine Schreibschule mit und für Profis.

Die Diskussion um das E-Book und die Digitalisierung sei ein »ideologisch aufgeheiztes Thema«, so Ruge. Oft habe man das Gefühl, dass das Digitale immer mit einem Verlustszenario wahrgenommen werde.

Ihr Aha-Erlebnis habe sie beim Bestseller »Ziemlich beste Freunde« gehabt. Obwohl der Film seinerzeit schon in den Kinos lief, waren die deutschen Buchrechte noch zu haben. Ruge griff zu und bescherte Hanser Berlin den ersten großen Bestseller. Weit über 300.000 Exemplare mit einem überdurchschnittlich hohen E-Book-Anteil wurden verkauft. Ruge weist auf die großen integrativen Möglichkeiten des Digitalen hin. Behinderte Menschen, die bislang Bücher nicht ohne weiteres lesen konnten, haben durch die neuen E-Book-Standards plötzlich einen einfacheren Zugang zu Texten. So sei das E-Book-Format EPUB3 aus dem DAISY-Standard entstanden, der für Sehbehinderte entwickelt wurde.

Elisabeth Ruge redet ohne Powerpointfolien und bleibt beim Thema Integration, wenngleich mit anderen Vorzeichen. So würden die Digitalabteilungen der Verlage nach wie vor nicht wirklich in den Betrieb integriert. Und auch die Lektoratsarbeit werde, laut Ruge, immer mehr von Leuten gemacht, die nicht in den Verlagen säßen. Die Begeisterung der Lektoren für die Texte würde so nicht mehr in die Verlage getragen. Zudem müssten Lektoren immer mehr Zusatzarbeiten übernehmen.

»Das Lektorat ist das Herz des Verlages«

»Das Lektorat ist das Herz des Verlages, das kraftvoll schlagen muss«, postuliert Elisabeth Ruge. Das Marketing habe zu viel Gewicht bekommen. Die guten und erfolgreichen Verlage der Zukunft seien die, in denen ein starkes Lektorat säße mit einer guten Tech-Abteilung. Als Positiv-Beispiel führte sie den Guardian auf, wo sich »Technik« und Newsroom kreativ bereichern.

Symposium der Deutschen Literaturkonferenz

All das, so Ruge, erfordere Abenteuerlust und Offenheit. Sie spricht von bricolage, von »höherer Bastelei«. Dazu gehöre auch, über gemeinsame Open-Source-Plattformen nachzudenken, um die Überwachungsapparate der Staaten und Konzerne zurückzudrängen. Viel zu sehr werde die Kreativität dadurch gedrosselt, und gerade Verlage verharren derzeit in Erstarrung. Natürlich sei diese Plattform eine Vision, doch solle man darüber einmal nachdenken.

Der Auftakt des Symposiums war gelungen. Plötzlich ging es um Visionen und Möglichkeiten: Das Digitale war als Selbstverständlichkeit gesetzt, die es zu nutzen und formen gilt.

»Ich liebe meinen Verleger, aber brauche ich ihn noch?«

»Ich liebe meinen Verleger, aber brauche ich ihn noch?« Dieser Frage ging als zweite Rednerin Nina George nach. Der Bestsellerautorin (»Das Lavendelzimmer«) gelang mit ihrem sehr humorvollen Vortrag ein bemerkenswerter Brückenschlag. Ihre Rede war ein Plädoyer für Verlage, ohne ein Plädoyer gegen das Self-Publishing zu sein. En passant brachte sie das Publikum auf den aktuellen Stand und erläuterte die großartigen Möglichkeiten des Self-Publishing: Die Hälfte der entsprechenden Bestsellerlisten werde von Self-Publishern eingenommen. Mit Blick auf die Zahlen der BoD-Self-Publishing Studie und dem Rückgang der Hobby-Autoren analysierte George, dass offenbar viele Hobby-Autoren beschlossen hätten, jetzt keine Hobby-Autoren mehr zu sein. Natürlich gebe es jede Menge Mist, aber auch viele Perlen – zumindest im Bereich der Genre-Literatur.

Nina George

Doch warum entscheiden sich so viele Autorinnen und Autoren bewusst gegen einen Verlag? Nina George hat auf Basis ihrer eigenen Beobachtungen eine »offizielle« und eine ehrliche Begründung ausgemacht: So geben viele Self-Publisher an, dass sie die Kontrolle über ihren Text behalten wollen und durchs Selbermachen höhere Margen erzielen.

Spricht man eher informeller mit Self-Publishern (George erwähnt hier die Hotelbar), so werden eher Selbstverwirklichung, Ruhm und Spaß als Gründe genannt.

Die Angst der Debütautoren

Doch die wirklichen Gründe, meint Nina George, lägen noch etwas tiefer: Es sei die Angst der Debütautoren! Die Angst vor Verlagen, die Angst vor professioneller Textarbeit, die Angst vor Profi-Kritik. Es fehle vielen Self-Publishern an Erfahrung, und sie weichen vor Textarbeit zurück. »Ich kann es doch auch so!« – davon seien viele Self-Publisher überzeugt. Solange ein E-Book gekauft werde, könne man dem Autor nichts von Erzähltechniken erzählen. Die Sterne-Wertung der Leser ersetze das Lektorat.

Und mit Blick auf die anwesenden Verleger rief George: »Liebe Verleger, gebt uns Geld, Freiheit – und gebt uns Liebe!«

George weiter: Die wenigsten Autoren schreiben als Hauptberuf. Mühevoll schreiben sie als Nebentätigkeit – und dann erleben sie die frustrierende Verlagsarbeit, die Diskussionen um Cover und U4. Hinzu kämen miserable Verlagsverträge mit Total-Buy-Out-Klauseln und Laufzeiten bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors.

Self-Publishing hingegen biete die Freiheit, schneller auf Trends zu reagieren und schneller zu veröffentlichen. Doch müsse man dafür alles selbst machen oder Profis hinzuziehen. Self-Publishing bedeute daher auch Investition statt Vorschuss. Und nichts sei schlimmer als Rechtschreibfehler!

Auf der anderen Seite kenne kein Buchhändler und kein Bibliothekar die Self-Publisher. Nina George: »Ich brauche den Verleger für den Vertrieb im Buchhandel. Ich brauche ihn, damit ich mich nicht über den Preis definieren muss, sondern über den Inhalt. Und: Mehr noch braucht aber der Verleger mich!«

In der anschließenden Diskussion wurde Nina George gefragt, ob die Überwachung und Mitprotokollierung des Leseverhaltens bei E-Books nicht dazu führe, dass Autoren gezwungen werden, ihren Text nach Publikumsvorgaben zu schreiben. Das, so George, sei eine urbane Legende (»Ihr E-Book weiß alles über Sie!«). Es sei die Suche nach dem Gral des Bestsellers. Doch der wurde nie gefunden.

»Das Buch ist nicht Mittel, sondern Zweck«

So trat nach dem kurzweilig und informativen Vortrag der Bestseller-Autorin anschließend Peter Kraus vom Cleff ans Mikrofon, der kaufmännische Geschäftsführer des Rowohlt Verlags. Ihn hatte man auf Podien schon ernster erlebt, doch wirkte er hier in seinem Vortrag sichtlich entspannter und selbstkritischer. Genau wie seine Vorrednerinnen sprach er ohne Folienhintergrund. »Das Buch ist für uns nicht Mittel, sondern Zweck« konstatierte Kraus vom Cleff. Natürlich sprach er von der Qualität der Verlagsarbeit (»Korrektorat und Kollationieren – die Älteren werden sich erinnern«). Die Preisgestaltung von Büchern habe auch was mit Respekt vor der Kunst zu tun. Und: Das E-Book kannibalisiere das Taschenbuch. Der Verleger sprach von der Orientierung, die die Leser durch einen Verlag erwarten, und betonte, dass man bei Rowohlt mehr Lektoren als früher habe, obwohl man nur halb so viele Titel wie damals produziere.

Peter Kraus vom Cleff

Verlegen, so Peter Kraus vom Cleff, heißt Haltung einnehmen. Das Risiko liege bei den Verlagen, Vorschüsse müssen daher den künftigen Erfolg abbilden. Ein Self-Publisher trage hier ein viel größeres Risiko, da seien 70% Tantieme durchaus gerechtfertigt.

Gerne hätte man bei Peter Kraus vom Cleff an der ein oder anderen Stelle kritisch nachgefragt. Oder anders: Selbst wenn man Kraus vom Cleffs Aussagen für das Haus Rowohlt wohlwollend abnimmt, bleibt die Frage, ob dies alle Verleger so sehen. Sagen tun sie es meist.

»Politisches Vollversagen«

»Es geht jetzt bergab«, leitete Christian Sprang seinen Vortrag ein, denn nun gab es Powerpointfolien mit viel Text und Paragrafen zu sehen. Trotz der trocken-juristischen Materie über die Rechtsprobleme beim E-Book bemühte sich auch der Justitiar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels um Verständlichkeit und Unterhaltungswert (»Was ist mit der Erschöpfung von Urheberrechten gemeint? Die Juristen im Saal können die nächsten zwei Minuten mal ihre E-Mails checken …«). Sprang listete all die Dinge auf, die beim E-Book noch nicht so ganz geklärt sind. Das ging von der Frage des Verleihs über die Preisbindung bis hin zur Steuerfrage. Dass E-Book keinen ermäßigten Steuersatz haben, bezeichnete Sprang als »politisches Vollversagen«.

Christian Sprang

Dass der Begriff des E-Books im Gesetz recht schwammig formuliert sei, freute Sprang. Er sehe das ganz anders als Mario Sixtus, der dies in einem Blogbeitrag thematisierte. Die unklare Definition sei gewollt und verschaffe viel mehr juristischen Spielraum, sagte Sprang.

So ganz nahm man es dem Vertreter des Börsenverein dann aber doch nicht ab, dass man umdenken müsse und der Rechtsrahmen zum Wohle des Verbrauchers definiert werde, der gute Inhalte bekommen müsse.

Konfliktpotenzial im Raum

Wie sehr hier die Meinungen auseinander gehen, das machte gleich darauf Barbara Lison deutlich, die in ihrer Rolle als Leiterin der Stadtbibliothek Bremen sprach. Die einzelvertraglichen Lizenzverträge – so es sie überhaupt gebe – machen es bisweilen unmöglich, dass im Digitalen die Bibliotheken ihrem öffentlichen Auftrag nachkommen könnten, um Bücher allen zugänglich zu machen. Das Konfliktpotenzial stand deutlich im Raum.

Barbara Lison

Zu guter Letzt sprach Robert Staats, Geschäftsführer der VG Wort. Und während die Qualität des Vortragsstils schon bei Frau Lison leicht abnahm, die zusammen mit dem Publikum auf überladene Powerpoint-Höllen blickte, war Staats Vortrag für ein juristisches Fachpublikum konzipiert, aber nicht für die anwesenden Zuhörer.

Nicht auszudenken, wenn der Tag damit begonnen hätte.

So aber blieb – trotz vieler offener und fehlender Fragen – ein überaus erfreulicher Gesamteindruck zurück.

Offen blieb indes auch die Frage, woher die »10 Jahre« im Titel des Symposiums kamen: Schließlich gab es mit dem Rocketbook den ersten Serien-E-Reader schon vor über 10 Jahren. Dessen sei man sich bewusst, sagt eine Vertreterin der Literaturkonferenz, aber die Jahreszahl sei so schön rund und spiegle den Zeitraum der öffentlichen Wahrnehmung des Phänomens E-Book wider. Auch das wollen wir an diesem Tag so hinnehmen und nicht näher hinterfragen.

Wolfgang Tischer

Korrekturhinweis: Aufgrund eines Verhörers hieß es in einer ersten Version beim Vortrag von Elisabeth Ruge »Tag-Abteilung« statt »Tech-Abteilung«. Dies wurde korrigiert.

3 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. textluder schrieb am 20. November 2014 um 08:59 Uhr

    immer dasselbe,
    eine Branche hat in dieser Form ausgespielt,
    und was muss man sich anhören,
    Steuerermäßigungen auf Ebooks?
    ja, nee is klar, soll der Steuerzahler doch,
    wenn wir verpennen ….
    Verleger werden noch geliebt?
    meinetwegen, solange sie mir nicht ins Geschäft greifen,

    OMG, verlegt eure Bücher selbst, für Preise, die eure Leser zahlen können
    und lasst den Großteil der Branche langsam aber stetig ins Meer rutschen ..

  2. Adelheid Seltmann schrieb am 20. November 2014 um 12:50 Uhr

    Das eBook, das Kindl/Amazon im Augenblick leisten kann und das sich die Verlage leisten bzw. ihren Autoren zur Verfügung stellen, hat so etwa den Entwicklungsgrad, den die alten Kutschen – Autos hatten, als das mit dem Auto anfing: sie setzen nur elektronisch um, was das gedruckte Buch vorgibt. Das eBook kann als crossmedia eBook, wie es zur Zeit nur das Authoring Programm von Apple möglich macht, sehr viel mehr: Videos werden zu z.B. elektronischer Musik eingespielt, Texte werden zu diesen Videos eingesprochen, daneben werden sie auf farbigem Hintergrund in anspruchsvollem Layout auch als lesbar dargeboten, Essays können hinzugefügt werden und Hintergrund Informationen. Dieses Buch macht allerdings dann wirklich eine Revolution des Verlagswesens notwendig: es lässt sich nicht mehr drucken und traditionell verlegen, es
    wird anders wahrgenommen, nämlich als Gesamtkunstwerk gehört und gesehen und gelesen, alles ist möglich, und es wird auch ein anderes Schreiben, eine andere Literatur hervorbringen, Poetry, die nicht mehr wie in den Jahrhunderten der Gutenberg Ära vom Buchstaben geprägt wird in erster Linie. Die Performance – leicht vom Tablet aus zu steuern, wird vielfältig möglich. “Digital Art Poetry” entire3, z.B. jetzt in 11 Büchern bei iTunes zum Download
    vorhanden.

    Deutsches Epitaph I

    Adelheid Seltmann
    Dieses Buch ist mit iBooks auf Ihrem Mac oder iPad und auf Ihrem Computer mit iTunes zum Download verfügbar. Multi‑Touch‑Bücher können mit iBooks auf Ihrem Mac oder iPad gelesen werden. Interaktive Features funktionieren u. U. am besten auf einem iPad. Für iBooks auf dem Mac ist OS X 10.9 oder neuer erforderlich.

  3. Horst Eckert schrieb am 9. Dezember 2014 um 21:57 Uhr

    Warum ist es “ein unfreiwilliges Plädoyer für die Überlegenheit der digitalen Form”, wenn man es nicht schafft, eine Datei auszudrucken? Eher im Gegenteil, oder?

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