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Beitrag vom 19. August 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Virginia Ironside: Zu dumm für den Seniorenteller?

Ironside-Seniorenteller»Sag mal, du kennst dich doch mit Literatur aus?« fragte mich meine Nachbarin. »Ja, schon, wieso?« – »Also, da hat mir jemand ein Buch geschenkt, das ich unbedingt lesen muss, es soll ganz doll witzig sein, aber ich weiß nicht, ich muss überhaupt nicht lachen, ich finde da nichts Witziges! Vielleicht bin ich zu dumm für das Buch? Könntest du da nicht mal reinschauen und mir erklären, was da witzig sein soll?«

Also gut. Hier ist sie. Sieben Jahre zu spät, ich weiß, aber besser spät als nie. Eine Buchbesprechung. Und ja, es ist weder der 1. Januar noch der 1. November, aber irgendwann muss man ja anfangen. Carpe diem und all das. Außerdem: Wünschen wir uns nicht alle insgeheim, wir hätten mit 20 ein Buch besprochen? Oder mit dreißig! Oder vierzig! Aber nun, in meinem 60. Lebensjahr – oder besser gesagt: meinem neunundfünfzigsten, oder vielleicht doch dem sechzigsten? Mir fällt da gerade dieser unangenehme Mensch ein, der mir neulich einen Vortrag darüber hielt, dass ich mich, obwohl erst neunundfünfzig, bereits in meinem sechzigsten Lebensjahr befände. Vollkommen konfus das alles, aber wie heißt es so schön: Der Klügere gibt nach.

Na? Fanden Sie das witzig? Ja? Danke! Nein? Schade. So fängt der Text an. Nämlich. Ungefähr. Habe noch eins draufgesetzt, indem ich das ursprüngliche Wort Tagebuch ersetzte durch Buchbesprechung. Damit’s echt witzig wird.

In dem laberigen Stil geht es weiter. Habe aber nicht weiter gelesen – wer bin ich denn? Seit wann muss man ein versalzenes Menü bis zum Ende wacker runterwürgen, bevor man sich das Urteil erlauben darf, dass es versalzen war?

Kostprobe von Seite 237, zufällig aufgeschlagen:

Bin wie immer mit dem Nachthemd unter dem Mantel zum Laden um die Ecke geschlurft, als mir Sheila the Dealer über den Weg lief. Sie sah richtiggehend irrsinnig aus. Ihr Gesicht war übersät von aufgekratzten Pickeln, wie man es bei kokainsüchtigen Topmodels sieht, und sie war so dünn, das reinste Skelett, dass man gute Lust hatte, ihren Arm zu nehmen und wie ein Streichholz zu zerbrechen, nur um zu sehen, ob es ging.

Wenn sie wie immer so schlurft, warum schreibt sie es dann erst hier? Wann und wo sieht man ein kokainsüchtiges Topmodel ungeschminkt? Man würde es doch gar nicht erkennen! Dass ein Skelett dünn ist, muss man eigentlich niemandem erklären. Und am Ende muss es geht heißen statt ging. So viel Salz in so einem winzigen Abschnitt!

Immerhin wissen wir jetzt, wie Irrsinn aussieht: Erstens verkratzte Pickel im Antlitz, zweitens kokainabhängig, drittens magersüchtig: eben heidiklummelig.

Witzig ist das nicht, und schon gleich gar nicht komisch, wie auf der Umschlagrückseite suggeriert wird!

Das mir vorliegende Buch von 2010 hat bereits die 19. Auflage erreicht. Das heißt jedoch nur, dass es massenweise verkauft wurde. Aber auch gelesen? Oder nur verschenkt an ältere Menschen? So wie die Lokalkrimis?

Nichtsdestotrotz: Dass manche Bücher massenweise verkauft werden, ist gut! Denn mit dem Geld können Verlage Literatur fördern, die das verdient.

Der Titel ist im Original übrigens ganz anders: »No! I don’t Want to Join a Bookclub«. Das geht natürlich nicht im Deutschen, denn wer kennt schon einen Buchklub?

Auch die beiden Nachfolger von 2012 laufen bestimmt vorzüglich: Nein! ich geh nicht zum Seniorentreff! (Im Original: The Virginia Monologues) sowie Nein! ich möchte keine Kaffeefahrt! (Im Original: No! I Don’t Need Reading Glasses).

Meine Nachbarin jedenfalls konnte ich schnell erlösen:
»Du bist nicht zu dumm für dieses Buch, du bist einfach nicht dumm genug!«

Malte Bremer

Virginia Ironside: Nein! Ich will keinen Seniorenteller: Das Tagebuch der Marie Sharp. Taschenbuch. 2010. Goldmann. ISBN/EAN: 9783442468683. EUR 8,95 » Bestellen bei Amazon.de
Virginia Ironside: Nein! Ich will keinen Seniorenteller: Das Tagebuch der Marie Sharp. Kindle Edition. 2011. Goldmann Verlag » Herunterladen bei Amazon.de

10 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Cornelia Lotter schrieb am 19. August 2013 um 19:28 Uhr

    Bei meiner gerade 90 gewordenen Großtante lag das Buch auch auf dem Tisch. Muss sie mal fragen, ob sie es witzig findet.

  2. Johanna Sibera schrieb am 21. August 2013 um 18:10 Uhr

    Das Problem sehe ich vor allem in zwei Tatbeständen: Erstens einmal segeln die beiden Ironside-Bücher “Nein, ich mag keinen Seniorenteller” und “Nein, ich gehe nicht zum Seniorentreff” sozusagen unter falscher Flagge: Wo steht eigentlich, dass die Autorin sie von der ersten bis zur letzten Seite als “witzig” und “unterhaltsam” eingestuft sehen will? Und zweitens hapert es wie so oft an der Übersetzung – natürlich schleichen sich bei schlampiger und lieblos hingefummelter “Translation” Fehler ein.

  3. Peter Hakenjos schrieb am 28. August 2013 um 13:59 Uhr

    Dass sich das Buch gut verkauft hat einen ganz simplen Grund: der Titel ist hervorragend! Ich bin 65 und mir gehen diese ganzen Euphemismen auf den Nerv, die das Alter kleinreden möchten, als ob es eine Schande wäre. Einer dieser Euphemismen ist das Wort “Senior”. Wir, die wir mit den Stones und den Doors jung waren, fühlen so etwas wie Wut in uns über den jetzt Realität gewordenen Jugendwahn und da kommt ein Buch, das genau diese Wut in einem knuffigen Titel verbalisiert, gelegen. Manchmal, nur manchmal hilft ein guter Titel ein Buch verkaufen :-)

  4. Juergen schrieb am 28. August 2013 um 22:19 Uhr

    1. Ich fand den Absatz … hmmm… unterhaltsam
    2. Ich weiß, was ein Buchclub ist und bin erst 42. Der Bertellsmann Verlag (schon mal gehört?) hat damit seine Erfolgsgrundlage gebildet.

  5. Emilia schrieb am 29. August 2013 um 07:55 Uhr

    Hm, der Titel allein hat bei mir damals nicht die Erwartung geweckt, dass ich mich bei dem Buch “totlachen” würde. Ich habe mir eine Hörprobe (Sprecherin: Hannelore Hoger) zu Gemüte geführt und anschliessend das Hörbuch gekauft. Ich fand das Buch sehr amüsant und unterhaltsam. Ein netter Einblick in das “Seniorenleben” der Marie Sharp.

    Also, “nicht dumm genug” finde ich hier wirklich fehl am Platz, nur weil eventuell das nötige Einfühlungsvermögen oder Interesse für das Thema fehlt.
    Hier kann es doch unmöglich um die Frage der Dummheit gehen. Jeder hat halt seine Art von Humor. Ich kann auch nicht über alles lachen, was mir vorgesetzt wird. Ist schon OK!
    Aber das Zerpflücken des Buches hier, finde ich irgendwie unpassend und unberechtigt.
    Dieses Buch kann ich meinen Freundinnen durchaus als leichte Lektüre empfehlen.
    Ich würde es nur nicht als “ganz doll witzig” bezeichnen, sondern als “nettes Buch”.

  6. Peter Hakenjos schrieb am 29. August 2013 um 09:43 Uhr

    Hallo Emilia und Juergen
    ich habe das Buch auch bis zum Ende gelesen und fand es nicht grottenschlecht. Aber lustig eben auch nicht. Es gibt schon en wenig einen Einblick in unser Empfinden (ich bin 65 und schreibe für meine Generation). Nur manchmal hatte ich das Gefühl, dass es peinlich ist. Gerade die Stelle, wo ihr Freund so grässlich stirbt war meines Erachtens im Kontext unpassend.
    Gekauft habe ich es mir, weil mir der Titel imponiert hat. Dass die Erwartung einer zynischen Auseinandersetzung mit dem Bild, das die Gesellschaft von uns Alten hat, etwas enttäuscht wurde, ist eine andere Geschichte. Verstehen tue ich auf jeden Fall alle, die wegen des Titels ein komisches Buch erwartet haben im Stil des “Hundertjährigen”. Ich muss auch Juergen recht geben: die Adressaten des Buches, zu denen ich eindeutig gehöre, wissen durchaus, was ein Buchclub ist. Ob das 20-jährige noch wissen, sei dahingestellt. Nur wäre mit dem Titel keine Katze hinter dem Ofen hervorzulocken gewesen – auch ich als alter Kater nicht :-)

  7. Johanna Sibera schrieb am 29. August 2013 um 14:12 Uhr

    Hallo, “alter Kater” und alle anderen,

    gut, dass es noch Leute gibt, die wissen, was ein Buchclub ist. Und schön wäre es, wenn von diesen armen Kindern, die nach acht!! Jahren mit der Pflichtschule fertig sind und dennoch nicht sinnerfassend lesen können (und da gibt es mehr als man befürchten möchte, ich glaube, nicht nur bei uns in Österreich) dies auch wüssten und im Rahmen eines solchen zum Lesen angehalten würden. Aber zur Lesefreude und Leselust kann man niemanden zwingen, doch freue ich mich über jede Debatte, die sich mit einem Roman oder Sachbuch befasst. Eine schöne, temperamentvoll geführte Diskussion erhöht doch den Wert eines Buches, finde ich.

  8. Uli schrieb am 29. August 2013 um 15:37 Uhr

    @Johanna Sibera
    Ihren letzten Satz unterstreiche ich. Es gibt patente Kritiker, die mit ihren Texten tatsächlich eine Diskussion anstoßen wollen und es gibt Malte Bremer. Letzterer möchte mit seinen Kritiken nur eigenen Frust loswerden. “Dumm genug …” usw. ist sein typische, langweiliger Duktus.

  9. Ute schrieb am 1. September 2013 um 12:00 Uhr

    Danke, danke, danke für diesen Artikel!!! Ich habe das Buch vor Jahren gelesen und dachte ebenfalls, ich bin zu blöd dafür! Ich find nichts, aber auch gar nichts witzig dran. Es war langweilig und öde. Ich frage mich gerade, warum ich es ganz gelesen habe …

  10. Eva Mieslinger schrieb am 10. September 2013 um 13:24 Uhr

    Malte Bremer lesenswert wie immer. Nichtsdestoweniger möchte ich von ihm niemals mehr dieses verballhornte NICHTSDESTOTROTZ lesen. Auch wenn es alle anderen benutzen.

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