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Beitrag vom 27. August 2009 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Schule des Erwachsenwerdens: »Unser allerbestes Jahr« von David Gilmour

David Gilmour: Unser allerbestes JahrIm Original heißt David Gilmours Roman »The Film Club: No School. No Work… Just Three Films a Week«. Dieser Titel bezeichnet den Inhalt dieses tendenziell autobiografischen Romans wesentlich besser als der deutsche: Ein Vater erlaubt seinem sechzehnjährigen Sohn den Schulabbruch mit der Auflage, jede Woche drei Spielfilme mit ihm anzusehen.

Dies mutet zunächst merkwürdig an, der Autor sieht jedoch keinen anderen Ansatz, die Probleme seines Sohnes anzugehen: Jesse hat keinerlei inneren Zugang mehr zur Schule, schwänzt ständig, seine Leistungen sind mehr als ungenügend. Den Vorschlag seines Vaters nimmt er mit Handkuss an: Nach dem Motto »Was haben wir schon zu verlieren?« bietet der Vater Jesse freie Kost und Logis. Im Gegenzug hat sich der Sohn lediglich an zwei Regeln zu halten: Zusammen mit seinem Vater wird Jesse jede Woche drei vom Vater gewählte Filme ansehen. Dieser Handel wird sofort ungültig, sollte Jesse mit Drogen erwischt werden. Da der Vater selbst berufliche Probleme hat und die Auftragslage eher schlecht ist, hat er jede Menge Zeit, sich um den Sohn zu kümmern.

Es beginnt eine dreijährige Schule des Erwachsenwerdens. Der Vater begleitet seinen Sohn auf dem Weg in die Erwachsenenwelt, versucht ihn mit Filmen aufzurütteln und zu prägen. Der renommierte Filmkritiker Gilmour folgt bei der Filmauswahl keiner bestimmten Strategie, er entscheidet nach Situation und Stimmungslage. Die Liste ist ebenso lang wie vielfältig und zieht sich wie ein Band durch die Filmgeschichte. Dabei spielen weder das Niveau noch der Kassenerfolg des jeweiligen Films eine Rolle. Es ist für jeden Cineasten eine Freude, sich gleichermaßen unterhaltsam wie lehrreich durch die Filmgeschichte führen zu lassen. Es ist nicht wichtig, ob man den besprochenen Film bereits kennt, denn Gilmour beschreibt die Filme auf amüsante und anschauliche Weise: Beim Leser wird die Neugier auf unbekannte Filme geweckt, vertraute Filme bestätigen ihn oder bescheren bisweilen völlig neue Aspekte.

Oft muss man schmunzeln, wenn die Sichtweisen von Vater und Sohn schon allein wegen ihres unterschiedlichen Alters auseinander driften: So versucht der Autor oft voller Elan, dem Sohn seinen Blick auf die Filmwelt zu vermitteln, und erinnert uns dabei an unser eigenes Scheitern: Wer hat nicht selbst schon einmal vergeblich mit missionarischem Eifer versucht, sein Gegenüber für etwas persönlich Wertvolles zu begeistern? So kniet sich Gilmour zum Beispiel mit Verve in den Beatlesfilm Yeah Yeah Yeah (A Hard Day’s Night), beschreibt dem Leser seinen eigenen Zugang zu diesem Film, dessen Wichtigkeit für ihn persönlich und wie auch für die Filmwelt, seine Ehrfurcht, mit der er auch heute noch den Film betrachtet. Man liest mit, voller Begeisterung, hat den Film so vielleicht noch nie gesehen und freut sich über diese wirklich lehrreichen und kurzweiligen Ausführungen. Wie geht es Jesse damit? »Sorry, Dad«. Der Film zieht an ihm vorüber, ohne ihn irgendwie zu berühren. Frustriert fragt sich Gilmour, ob er sich etwa jetzt schon in einen sabbernden alten Trottel verwandelt habe?

Dass sich Jesse in den drei Jahren zwangsläufig weiterentwickelt, scheint für den Vater nicht einfach zu sein. Wie eine Glucke macht er sich um die Stimmungslagen seines Sohnes Gedanken, ertappt sich immer wieder bei Selbstzweifeln. Ist dieser Weg wirklich der richtige? Da der Junge sich gerne in seiner Welt verkriecht und anfangs kaum Außenkontakte pflegt, ist der Vater eine Bezugsperson, die normalerweise vielleicht Altersgenossen wären. Er hat die einmalige Möglichkeit, seine eigene Jugend noch mal zu erleben, ist mehr Freund als Vater. Trotz Fehlschlägen wie Jesses Drogenkonsum, der eigentlich einen Abbruch des Experiments zur Folge haben müsste, durchstehen beide Jesses Entwicklungszeit. Er nabelt sich immer mehr vom Vater ab, was diesem sehr zu schaffen macht.

Den Reiz des Buches macht diese Offenheit Gilmours aus: Er gestattet dem Leser ohne Scham einen tiefen Blick in sein Innerstes. Seine Regungen muten wie Tagebucheinträge an, was anhand des autobiografischen Hintergrundes sehr mutig ist.

Leider verliert die Geschichte zum Ende hin an Intensität. Wie um dem Ganzen gezwungenermaßen ein rundes Ende zu verschaffen, quält sich Gilmour über die letzten Seiten des Buches. Der Sohn wird erwachsen, braucht ihn immer weniger und geht seiner Wege. Dass es ein Happy-End gibt, versteht sich, da es sich um einen autobiografisch angehauchten Roman handelt – Gilmour würde wohl kaum das Scheitern seines Sohnes autobiografisch verbraten.

Es war sehr kurzweilig, das Buch zu lesen. Dass das Experiment Schulabbruch nicht scheiterte, war wohl Glück. Unser Glück, denn sonst wäre dieser lesenswerte Roman wohl nicht entstanden.

Michaela Helm

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