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Beitrag vom 1. Oktober 2007 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps, Literarisches Leben

Unabhängige Verlage ein subjektiver Bericht

Skulptur "Unabhängige Verlage"Kleine Verlage, junge Verlage, Independent-Verlage, junge Verleger und Büchermacher: Spätestens seit der Leipziger Buchmesse 2005 liest man so einiges über dieses Phänomen und das Interesse daran lässt nicht nach. Worüber spricht man eigentlich, wenn es um diese Verlage mit so prägnanten Namen wie Blumenbar, mairisch, Tisch 7 oder Kookbooks (keine Rezepte!) geht?

Jung und klein und unabhängig

Das sind drei durchaus sprechende Eigenschaften, will man das Phänomen beschreiben. Denn immer sind die Verlage personell klein und werden meist von nicht mehr als fünf Leuten gestemmt.

Konzernunabhängig sind sie zudem und die Verlagsprogramme können tendenziell wohl als »Independent« tituliert werden, oder zumindest »als ab vom Mainstream der großen Publikumsverlage«. Und jung? Wo hört jung auf und wo fängt alt an?

Dazu zweierlei: 1. Viele der Büchermacher sind zwischen 20 und 40 Jahre alt; bleibt jedem selbst überlassen, das jung oder alt zu finden. 2. Häufig ist es ein »junges« Programm, das verlegt wird. Das ist zum einen das Alter oder sagen wir: die Reife der Autoren. Zum andern geht es um die Bücher, die oft mit einem Stil aufwarten, der jung, frisch, oft urban oder nennen wir es: von Gegenwart durchwirkt ist.

Aha, hier deutet sich die Begrenztheit der Schublade »junger Verlag« an. Und sicherlich widerstrebt es auch den meisten »jungen Büchermachern« auf diese drei Etiketten festgelegt zu werden. Das »junge Verlagsprogramm« ist so ein Beispiel: Seit die Independents auf dem Buchmarkt stehen und vor allem seit sie sich mehr oder weniger auch als solche begreifen und sich vernetzen (wie am 14. Juli am Wannsee beim Literarischen Colloqium Berlin oder noch öffentlichkeitswirksamer bei der Leipziger Buchmesse 2007) bringt man die Verlage in den Medien meistens mit jungen Debütautoren in Verbindung oder mit den oft zitierten literarischen Fräuleinwundern. Stimmt ja auch teilweise. Aber auch Debütautoren können schon um die vierzig sein und mit dem Phänomen Fräuleinwunder – abgesehen vom Geschlecht – herzlich wenig zu tun haben wie zum Beispiel Doris Konradi, die mit »Fehlt denn jemand« bei Tisch 7 debütierte und jüngst ihren zweiten Roman »Frauen und Söhne« herausbrachte.

Liest man die Verlagsprogramme quer, sticht außerdem die Individualität derselben ins Auge. Bleibt man beim Beispiel Tisch 7, so findet man dort zeitgeschichtliche Themen neben historischen und Krankenhaus-Romanen. mairisch in Hamburg bietet Freshness, Gegenwartsliteratur aus der Mitte und vom Rand, rockig, poppig, tiefsinnig, ironisch. Hier brillieren die klugen »Krill«-Sequenzen von Michael Weins neben der Film-Affinität von Finn-Ole Heinrich, der sicher und neu erzählt und im November seinen ersten Roman, »Räuberhände«, veröffentlicht. Gewagte mediale Experimente gibt es bei mairisch übrigens nicht nur im übertragenen Sinne: 2006 veröffentlichte der Verlag die Hörspiel-Anthologie »pressplay« im mp3-Format.

Mehr Literatur wagen

Gewagt ist aus meiner Sicht sowieso eines der Schlüsselwörter, spricht man über die Independents. Es ist imposant, dass sich junge Leute zusammenraufen, ein Herz nehmen und auch ohne finanziellen Rückhalt loslegen. Schlüsselwort Nummer zwei, als logische Konsequenz: Enthusiasmus, der Berge versetzt. Bettina Hesse (Tisch 7) meint, »Man muss, glaube ich, Berufsoptimist bleiben, man muss sich sagen, ‘Irgendwie schaffen wir das schon’.« Oder Daniel Beskos (mairisch): »Ich werde oft gefragt, ob wir vom Verlag leben können und ich sage dann, dass wir nicht davon leben müssen. Und das sehe ich als Vorteil, denn wenn man sich die Gewinnsparten der Buchbranche anguckt, dann sind die Gewinne so mickrig, dass man total viele Kompromisse machen müsste … Wir müssten pro Halbjahr nicht zwei Titel, sondern fünf machen oder sechs. Nur wären diese fünf oder sechs inhaltlich nicht mehr so gut, weil wir es einfach nicht schaffen würden, die Inhalte so tief zu bearbeiten, dass sie wirklich gut sind und dass sie Qualität haben. Und das wär uns eigentlich zu blöd.«

Die finanzielle Unabhängigkeit der Verleger von ihrem Verlag bietet also auch Freiheit. Die Freiheit zur eigenen Auslegung von literarischem Wert, um nur eine zu nennen. Die Finanzierungsfrage und die Freiheit zu tun, was einen interessiert, hängt aber auch mit individuelleren Lebens- und Arbeitsentwürfen zusammen, zu denen sich viele junge Menschen im 21. Jahrhundert entscheiden. Sich also seinen Unterhalt hier und da zurechtzuschustern, ein bisschen Sinn hier, ein bisschen Geld da. Und immer die Nase in den Wind der Selbstverwirklichung halten. Man könnte meinen, der flexiblere Arbeitsmarkt hat seinen Teil dazu beigetragen, dass es zur Häufung von Leidenschaftsprojekten wie den Independents gekommen ist.

Dat liebe Jeld

Finanzen sind natürlich trotzdem ein problematisches Thema, gerade für die kleinen Verlage. Das zeigt sich wohl am meisten da, wo es jeden Verlag schmerzt: im Vertrieb. Bei einer personellen Größe von zwei bis vier Mitarbeitern kann man sich selten einen reinen Vertriebler leisten. Der Vertrieb wiederum macht die Bücher erst für ein größeres Publikum lesbar. Doch kosten Vertreter, die die Buchhandlungen mit Titeln bestücken, einen Independent Verlag im Verhältnis zum Gewinn, den man durch sie erzielen kann schmerzlich viel. Natürlich besteht trotzdem die Möglichkeit, sich von einem Buchhändler das Buch bestellen zu lassen, binnen 24 Stunden ist es dann abholbereit. Nur ist das Buch im Laden nicht zu »erstöbern«.

Der Online-Versandhandel ist für die kleinen Verlage ein wesentlicher Vertriebsweg, viele der Verlage vertreiben auf ihren Homepages ihre Titel auch direkt. Außerdem erweisen sich zunehmend Lesungen als profitabel, denn hier geht das Geld direkt an den Verlag. Allen denjenigen, die sich jetzt ob des Marketingaspekts bei Lesungen empören, sei versichert, dass sich dennoch gerade die Besuche von Lesungen und Veranstaltungen von Independent Verlagen empfehlen: Oft handelt es sich dabei nämlich zum einen um unterhaltsame Cross-Veranstaltungen mit Künstlern oder Musikern, und zum andern entsteht hier viel leichter eine persönliche und offene Gesprächsatmosphäre, die man bei Lesungen größerer Verlage eher vermisst. Das liegt auch daran, dass die Independents mit ihren Lesern eines teilen: das Ausgehmilieu. Selbst und live erlebt bei den Hamburger Transit-Abenden von mairisch.

Ehrlich!

Diese offene Gesprächsatmosphäre ist keine Übertreibung, sondern eine Erfahrung, die ich im Laufe der Recherche immer wieder gemacht habe: sowohl in den Interviews mit den Verlegern Bettina Hesse und Daniel Beskos als auch in einer Podiumsdiskussion der edition körber stiftung, zu der Martin Baltes (Orange Press), Sascha Nicola Simon (Tulipan Verlag), Klaus Sander (Supposé) und Sebastian Wolter (Voland & Quist) geladen waren. Hier herrschte die Freude vor, Erfahrungen mitzuteilen, im Gegensatz zu verstocktem Schweigen aus Angst vor Konkurrenzspionage, so dass die Besucher nach dem Gespräch beschwingt und gut informiert nach Hause gehen konnten.

Auch unter den jungen Büchermachern wächst der Wunsch nach Vernetzung und Austausch und gegebenenfalls zukünftigen Kooperationen: Die teilnehmenden Independents haben von der gemeinsamen »LeseInsel Junge Verlage« der vergangenen Leipziger Buchmesse sichtlich profitiert. Eines der Resultate war die gemeinsame Messezeitung fünf null. Gerade was die Vertriebswege betrifft, ist die Zusammenarbeit der Verlage aber noch ausbaufähig; zumal hier alle mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Titel überwiegend an eine junge und urbane Leserschaft wenden, liegt die gemeinsame Hinwendung zum Vertrieb via Internet nahe. Wie so oft war der casus knacktus, warum dies lange Zeit nicht als gemeinsame Anstrengung unternommen wird, die Arbeitsüberlastung, der Status Quo und die Meinung: Es geht ja auch so irgendwie. Doch gibt es hier neue Bemühungen, die auf der Frankfurter Buchmesse zum ersten Mal vorgestellt werden sollen.

Die Großen und die Kleinen und der Schriftsteller

Auf den Punkt gebracht unterscheiden sich die Independents von den großen Publikumsverlagen durch: weniger Konkurrenz untereinander, mehr Vielfalt, weniger Geld, mehr literarische Freiheit.

Aus Sicht des Schriftstellers, der einen Verlag sucht, spielt es vielleicht zunächst nicht so eine Rolle, bei welchem Verlag das Manuskript veröffentlicht wird, Hauptsache, es wird veröffentlicht – und zwar nicht im Eigenverlag. Zunächst vielleicht.

Aber, Schriftsteller, bedenke: Alle Verlage, auch die kleinen, werden überschüttet mit unverlangt eingesandten Manuskripten. Hier ist also nicht notwendigerweise mit einer rascheren Antwort zu rechnen als bei einem der großen Publikumsverlage. Doch gesetzt den Fall, dieser Schritt sei bereits überwunden und ein kleiner Verlag interessiert sich für den Autor, hat es durchaus ein paar handfeste Vorteile, in einem Independent Verlag zu veröffentlichen. In einem kleinen Verlag gibt es weniger Neuerscheinungen und deshalb mehr Aufmerksamkeit, die dem einzelnen Titel zuteil wird sowohl in der PR, die für den Titel gemacht wird, als auch im begleitenden Lektorat. Der einzelne Titel rückt damit auch nicht so schnell in die Vergessenslandschaft der Backlists, wie dies bei einem Verlag mit fünfzig Titeln pro Halbjahr geschieht. Und gerade als literarischer Newcomer ist ein intensiv begleitender Lektor ein Luxus ohnegleichen. Manche Independents leisten zudem Unterstützung bei Stipendienanträgen, Wettbewerben und Ausschreibungen. Die Gewinnbeteiligung bei einem kleinen Verlag ist natürlich nicht so groß, ebensowenig wie die Auflagen riesig wären. Dafür besteht jedoch die höhere Wahrscheinlichkeit, dass das Endprodukt von Qualität ist, individuell aufgemacht, gut bearbeitet, und nicht auf der Seite 83 der Verlagsvorschau landet. Jeder Titel bekommt die Aufmerksamkeit eines Spitzentitels, wie mir Bettina Hesse und Daniel Beskos glaubhaft versicherten. An dem bestmöglichen literarischen Resultat ist natürlich auch dem Verlag gelegen.

Woran den Verlegern bei Manuskripten außerdem gelegen ist und was sie Autoren raten, kann hier im literaturcafe.de in einem separaten Artikel nachgelesen werden.

Wie weiter?

Nach der Messe ist vor der Messe. Frankfurt naht und Jürgen Boos, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, verkündet, es habe 12 % mehr Messeanmeldungen aus dem Segment Independent Verlage gegeben als im Vorjahr. Wieder wird es eine gemeinsame Messezeitung geben, die vier eins, und wieder: zahlreiche Neugründungen.

In Zeiten des stagnierenden Buchmarktes gibt es durchaus Erfolgsmeldungen, sexy Lichter, die von unten kommen, die mit den prägnanten Namen. Es scheint, als sei die Entwicklung noch keineswegs am Ende. Gut so.

Anika Stracke

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