Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
Maltes Meinung

Die Textkritik im literaturcafe.de

Bedienungsanleitung: Zunächst sehen Sie den gesamten Text. Anschließend folgen die zusammenfassende Bewertung sowie die Detailkritik. Vom Text aus können Sie durch Anklicken der verlinkten Wörter oder Wortgruppen direkt zu der entsprechenden Detailkritik springen und wieder zurück. Basierend auf dieser Besprechung erhält der Text »Lesebrillen« verliehen, wobei fünf Brillen die beste Wertung darstellen.

Der Rezensent: Malte Bremer, Jahrgang 1947, studierte Germanistik in Freiburg, liest viel, schreibt, (veröffentlicht aber nichts, und wenn, dann nur im literaturcafe.de), misstraut allen Adjektiven, ist Brillenträger und Weintrinker.

Sie wollen hier auch Ihren Text besprechen lassen? Dann verwenden Sie für Einsendungen bitte ausschließlich unser Formular, das Sie hier finden, und lesen Sie die Teilnahmebedingungen aufmerksam durch.

Textkritik vom 25. Januar 2016 | Textart: Lyrik
Brillen: Keine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine BrilleKeine Brille

Weite Tiefen

von Hans-Walter Voigt

Laut pochten meine Adern
bei diesen Luftgeschwadern.
Ich zitterte und schrie.
Sirenen heulten in der Nacht, als Häuser brannten
und Menschen um ihr Leben rannten.
Der Himmel spie

die Flugzeugteile und die Bomben,
wir saßen in den Katakomben,
die Erde bebte.
Es ging ein Zittern durch den Raum,
in Angst der letzte Abschiedstraum,
der leise, still entschwebte.

Ich fiel und fiel in weite Tiefen
vorbei an Kindern, die da schliefen
im Wolkenmeer.
Ich spürte, wie die Tränen liefen
zwischen den Lidern, die noch schliefen
und weinte sehr.

© 2015 by Hans-Walter Voigt. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Zusammengepfuschter Betroffenheitsmatsch

Die Kritik im Einzelnen

Bereits bei der wichtigtuerischen Überschrift ahnt man schon, wo’s lang gehen wird: Weite Tiefen! Warum nicht Tiefe Weiten? Wo ist da der Unterschied? Und welch rätselhafter Beginn: Wieso pochen des lyrischen Ichs Adern bei den Luftgeschwadern? Ist es etwa von allen guten Adern verlassen? Und was fangen die Geschwader mit den Adern an, während das lyrische Ich zittert und schreit? zurück

Mo-ment! Die ersten drei Verse boten 1 dreihebigen Jambus, 2x klingend, 1x voll. Damit ist eine Struktur vorgegeben, auch was das Reimschema betrifft (aabccb). Jetzt aber folgt ein sechshebiger Jambus: Soll das etwa die Zerstörung durch Bomben symbolisieren? Dann doch bitte weder Rhythmus noch Reim, sondern nur Fragmente!
Vers vier hatte 6 Jamben, Vers fünf hat 4, Vers sechs nur noch 2, dafür voll und mit einem Enjambement.
So geht’s halt zu beim Stümpern: Hauptsache, es reimt sich irgendwie, sonst ist es ja wohl kein Gedicht. Und der Inhalt spielt eh keine Rolle. zurück

Immerhin wird das Reimschema eingehalten; das Metrum wechselt in 2x vierhebig und 1x zweihebig.
Das rettet jedoch nicht den absonderlichen Inhalt: »Der Himmel spie« DIE Flugzeugteile und DIE Bomben? Welche denn? Bislang dachte ich, Flugzeuge haben die Bomben abgeworfen – Irrtum: Hier ist der HErr persönlich am werkeln, schmeißt Bomben und auch noch Flugzeugteile wie Seitenruder, Flügel und Fahrgestelle auf die rennenden Menschen. Was soll das?
Erstaunlich ist das Verhalten der Menschen: Da sie in den Katakomben sitzen,  müssen sie folgerichtig sitzend um ihr Leben rennen durch die Straßen in den Katakomben oder wie oder was? Ist egal, denn die Erde bebte (und hat wohl nebenbei die Wörter durcheinander gewirbelt!). Aber warum? Wegen der aufprallenden Fahrgestelle? Bebten die Katakomben mit? zurück

Reim stimmt, Metrum hat Neues zu bieten: 2x vierhebig und 1x dreihebig.
Ein Zittern geht durch den Raum? Das ist nur zu verstehen, wenn man sich erinnert an den dritten Vers, da zitterte nämlich das lyrische Ich (und schrie dabei); folglich geht jetzt das ent-aderte lyrische Ich rennend & Raum-erzitternd & sitzender Weise durch die Katakomben (den einzig bekannten Raum).
Jetzt wird’s mystisch: In Angst der letzte Abschiedstraum, der leise, still entschwebte. Seit wann sind Träume laut? Seit wann haben Träume Angst? Entschwebte folglich ein erster Abschiedstraum, ein lauter, geschwätzig?
Selbst Umstellproben ergeben keinen Sinn: Die Abschiedsangst, die leise, entschwebte still im letzten Traum oder die stille Traumangst, die letzte, entschwebte im leisen Abschied. Klingt auch nicht schlecht und ist inhaltlich genau so leer. zurück

Reim stimmt, Metrum stimmt mit dem letzten Dreierpack überein.
Warum das in den Katakomben herumzitternde lyrische Ich jetzt unvermittelt in tiefe Weiten – pardon: weite Tiefen stürzt, vorbei an Kindern, die da schliefen im Wolkenmeer, bleibt ungeklar, so dass sich Leser/in selbst einen Reim darauf machen muss/darf/kann:
Das lyrische Ich hat sich zu Tode gezittert, wollte dann in den Himmel und wurde dort vom HErrn in die Hölle geschickt  – es handelt sich also letztlich um eine Höllenfahrt. Denn dann und nur dann könnte das lyrische Ich das Reich der ungetauften Kinder durchqueren, die ja gemäß katholischem Magieverständnis weder erlöst noch verdammt werden können, weil halt das Taufritual fehlt, und die sich deswegen zwangsweise in einem Zwischenreich aufhalten müssen wie z. B. dem Wolkenmeer. zurück

Reimschema ändert sich (aabaab), auch das Metrum liefert Neues: 2x zweihebig; in der vorletzten Zeile nervt der Daktylus, denn verzichtete man auf den Artikel vor Lidern, wäre alles im Rahmen. Selbst solch leicht zu behebenden Fehler werden nicht bemerkt.
Erst wird das lyrische Ich seine Adern los, jetzt pennen – weil blutmäßig unterversorgt – seine Lider und merken deshalb nicht, dass sich zwischen (sic!) ihnen die Tränen die Füße wund laufen, weil sie nicht raus können! Wenn das mal nicht zum Weinen ist … zurück

© 2016 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.