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Beitrag vom 26. April 2009 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Mein Herz schlägt in Afrika – Eine Reise mit Henning Mankell

Buch: Mein Herz schlägt in Afrika - Eine Reise mit Henning MankellDass der Krimiautor Henning Mankell große Teile des Jahres in Afrika verbringt, ist mittlerweile bekannt. In Mosambiks Hauptstadt Maputo arbeitet der Schöpfer von Kommissar Wallander als Theaterregisseur. Obwohl sich Mankells Afrika-Erfahrungen in Büchern wie »Chronist der Winde« oder »Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt« wiederfinden, hält sich der schwedische Autor ansonsten eher bedeckt, was sein dortiges persönliches Hilfsengagement angeht.

Umso erstaunlicher und interessanter, dass es ZDF-Redakteur Jens Monath gelungen ist, Henning Mankell für eine gemeinsame Reise durch Afrika zu gewinnen. Die zweiteilige Reportage war jeweils dienstags am 28. April und 5. Mai 2009 um 20:15 Uhr im ZDF zu sehen und ist nun auch als DVD verfügbar.

Wir haben uns vorab das gleichnamige Begleitbuch zur Fernsehsendung angesehen.

Schon beim Blick auf das Cover fällt angenehm auf, dass hier nur verhalten mit dem schwedischen Autor geworben wird. Er ist auf dem Cover eher klein abgebildet und lediglich im Untertitel heißt es: »Eine Reise mit Henning Mankell«. Es wird also nicht der Eindruck erweckt, dass Mankell Mitautor des Buches sei. Obwohl das knapp über 200 Seiten starke Werk immer wieder Passagen aus Mankells Reisetagebuch oder aus seinen Afrika-Büchern enthält, sind als Autoren klar Hildegard Buder-Monath und Jens Monath angegeben.

Das Buch zeichnet nochmals die Stationen der Fernsehreise nach, im Mittelpunkt stehen jedoch klar die Menschen, denen das Fernsehteam begegnet ist, und deren persönliche Geschichte.

Im Vorwort betont das Autorenteam, dass Afrika zwar ständig mit den oft gleichen Themen wie Hunger, Armut und Krieg in den Medien präsent sei, doch dass in diesen Berichten die leisen Töne überhört werden. Diese will die zweiteilige Fernsehsendung und das Buch vermitteln.

Thematisch kommt »Mein Herz schlägt in Afrika« ebenfalls nicht um diese afrika-typischen Themen herum, doch mithilfe der porträtierten Personen werden nicht nur Probleme, sondern auch Lösungen aufgezeigt: Die Mutter eines auf dem Weg nach Europa ertrunkenen Mannes engagiert sich dafür, dass weniger Flüchtlingsboote die afrikanische Küste verlassen und die jungen Männer eine Perspektive im eigenen Land haben. Eine Designerin kreiert ihre Mode bewusst in Afrika und nicht in New York, obwohl sie auch dazu die Chance gehabt hätte. Immer wieder wird bei den Gesprächspartnern der Stolz auf das eigene Land und den Kontinent deutlich. Denn eines ist klar: Auch dieses Buch kann und will nicht »das Afrika« repräsentieren, und es sind in der Tat nur 5 der 53 Länder, die das Team bereiste, obwohl diese Reise bereits strapaziös und anstrengend genug war, allerdings auch »aufregend, lustig und inspirierend«, wie die mitreisende Journalistin Dunja Hayali über die Dreharbeiten schreibt.

Der journalistisch geschriebene Stil des Buches liest sich flott, der Leser wird nicht mit überflüssigen Details, Zahlen oder Statistiken gelangweilt. Das Werk enthält zudem zahlreiche farbige Bilder aus der Fernsehdokumentation, ist jedoch kein Bildband. Es schildert auch die Eindrücke der Reisenden, dennoch bleiben diese angenehm im Hintergrund. Auch Widersprüchliches wird thematisiert: So zahlt das Team beispielsweise Bestechungsgelder, um eine »Drehgenehmigung« auf einem Markt zu erhalten. Der örtliche afrikanische Producer ist böse, und Monath muss einsehen: »Würden wir – und andere Weiße – nicht immer gleich zahlen, hätte der Kampf gegen Korruption vielleicht eine bessere Chance.«

Die Reise von Fernsehteam und Schriftsteller endet im sagenumwobenen Timbuktu in Mali. »In einer Zeit, als in Europa die Menschen hungerten, Hexen verbrannt wurden und hunderttausend an Pest und Cholera starben, war Timbuktu eine Oase der Zivilisation und Bildung«, schreiben Hildegard und Jens Monath. Heute ist davon nicht mehr viel übrig, doch in einem kleinen Museum findet Mankell noch einige der alten Handschriften und Bücher, die das Vorurteil widerlegen, dass es in Afrika nur eine mündliche Überlieferung gebe – ein Vorurteil, mit dem in der Kolonialzeit die angebliche kulturelle Minderwertigkeit Afrikas begründet wurde und das sich in gewisser Weise leider bis heute hält.

Gerade für diejenigen, die sich noch nicht näher mit dem afrikanischen Kontinent befasst haben, gibt dieses Buch und die Fernsehreise einen guten ersten Einblick in die Vielfältigkeit des Landes und das Denken der dortigen Menschen.

Nachtrag vom 28. Mai 2009:
Stimmiges Buch und schlechte Fernseh-Umsetzung der Reise

So gut und vor allen Dingen dramaturgisch stimmig das Buch aufgebaut ist, so sehr enttäuscht die ZDF-Dokumentation. Das erstaunt, ist doch der Regisseur der Dokumentation auch der Autor des Buches.

Vielleicht ist es gerade die eingangs erwähnte Zurückhaltung, die das Buch bei der Person Henning Mankell walten lässt, obwohl er natürlich auch darin im Mittelpunkt steht.

Im Fernsehbeitrag tritt er jedoch zu sehr als allwissender Europäer auf, der zwischen den afrikanischen Menschen steht und wirkt wie der Führer eines Völkerkundemuseums. Unweigerlich fällt einem der Monty-Phyton-Sketch aus »Die Ritter der Kokosnuss« ein, in dem ebenfalls ein allwissender Fachmann schlaue Dinge erzählend durch die Gegend schreitet, bevor er unvermittelt geköpft wird.

Hinzu kommt die ZDF-Journalistin Dunja Hayali, die im Buch gar keine Rolle spielt, aber im Film die interessierte Reisegefährtin mimen darf, wobei sie lediglich als Stichwortgeberin fungiert, die Henning Mankell zuvor abgesprochene Fragen stellen darf. Offenbar dient sie auch als ZDF-Marken-Maskottchen, weil beim Sender jemand die Devise ausgegeben hat, dass jede ZDF-eigene Produktion auch ein ZDF-eigenes Gesicht benötigt.

Zu kurz, zu schnell, zu oberflächlicher wird im Film alles dargestellt, und der Tiefpunkt sind ohne Frage die kitschig nachgestellten Szenen. Überhaupt haben viele Bilder einen hohen Kitschfaktor, der selbst einen Strand voller Unrat oder einen heftigen Sandsturm schön erscheinen lässt.

Wer die Land- und Menschenporträts Klaus Bednarz’ aus Russland kennt, der weiß, wie man ein Land und seine Bewohner eindrucksvoll präsentieren kann. Von solchen Ambitionen ist bei der Fernsehdokumentation »Mein Herz schlägt in Afrika« leider überhaupt nichts zu spüren.

Die Reise im Buch hat eine stimmige Dramaturgie: Sie beginnt bei Henning Mankells Theater-Inszenierung in Mosambik und endet in Timbuktu, dem Höhepunkt der Reise. Von diesem im Buch sehr gut funktionierenden Spannungsbogen ist im Film nichts übrig geblieben, denn hier wird alles sehr beliebig aneinandergereiht.

Also ein Grund mehr, das Buch zu lesen, als den Film zu schauen.

  • Mein Herz schlägt in Afrika auf DVD
    Steffen Bayer, Dietmar Deißler, Thomas Piechowski, Hilde Buder-Monath, Carsten Claus, Hamilton Wende, Sadibou Marone, Jens Monath, Fabian Gatza, Pedro Salamao, Matthias Windrath, Almahady Cissé, Michiko Yokoe, Harrison Simfukwe, Ellen Goerlich, James Mbiri: Mein Herz schlägt in Afrika. DVD. Universum Film GmbH. ISBN/EAN: 0886973933992. EUR 5,67 » Bestellen bei Amazon.de
  • Das Buch zur Fernsehsendung
    Mein Herz schlägt in Afrika: Eine Reise mit Henning Mankell von Hildegard Buder-Monath (4. März 2009) Gebundene Ausgabe. Gebundene Ausgabe. 1600. . EUR 19,95 » Bestellen bei Amazon.de
    Mein Herz schlägt in Afrika. DVD. . EUR 0,00 » Bestellen bei Amazon.de

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Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken

  1. Weltbild News-Blog schrieb am 28. April 2009 um 14:15 Uhr

    Mein Herz schlägt in Afrika: Henning Mankell & seine Wahlheimat…

    Afrika. Dabei hat man sofort unendlich weite Savannen vor einer untergehenden blutroten Sonne vor Augen. Afrika bietet eine unglaubliche Vielfalt an atemberaubenden Naturszenarien, von kargen Steppen, in denen Löwen und Elefanten das Sagen haben, …