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Das Kreuz oder Die Buchstabensuppe
von Arnold Schiller

An der mit Plastik verschalten Decke der Turnhalle hingen an Seilen braune Holzringe. Um mich herum standen miteinander verschraubte Spanplatten, damit mich niemand beobachten konnte. Vor mir stand eine Schulbank und da saß ich nun im Wahllokal und wusste nicht, was ich wählen sollte. Natürlich hatte ich mich mit den Wahlprogrammen von der Autofahrerpartei über die Christsozialen, den Grünen, Kommunisten, Liberalen, Republikanern, Sozialisten bis zur allerletzten Partei auseinandergesetzt. Autofahrer, Bündnisgrüne, Christsoziale, die einen fairen Gegner heutzutage in jedem Kleinkrieg lächerlich machen, neuerdings ohne parteiliche Querelen reden so tatkräftig über verschiedene Werte xenophobisch, yuppiehaft, zerstörend daher, das einem die Lust auf das Wählen vergangen ist.
     Da erscheint einem blau gleich grün und weiß gleich schwarz. Vor mir lag der Wahlzettel mit Namen und Kreisen rauf und runter und jeder Kreis schrie »Kreuz mich an!«. In mir blieb nur der Gedanke: Einer ist doch wie der andere. Eine einzige Buchstabensuppe war das. B wie geh und zahlen zu Zahlen wie 90 zu C gleich S. Wo war denn da noch ein Unterschied?
     Die meisten hatten ein D im Namen und nannten sich Demokraten, demokratisch oder sonst was schönes. Doch bei manchen Programmen kamen mir mehr als Zweifel, ob der Name der Inhalt ist. Wie David gegen Goliath kommt man sich vor und schon steht man wieder vor einer Partei und ich weiß nicht, was ich wählen soll. Ob freie Bürger in einem freien Staat nicht hier bereit sind ihre Freiheit abzugeben? Nein, ich werde wählen, wenn ich auch nicht weiß, wen ich nun wählen werde! »Sind Sie fertig?«, fragte ein Helfer, ohne hereinzuschauen. Ich verneinte seine Frage. Habe ich denn schon solange darüber nachgedacht? Liste eins und zwei und drei, welcher ist für mich dabei? Es wird sich doch was finden lassen. Ob Grün ob Grau ob Gelb ob Blau und Rot und Weis und Schwarz - bei soviel Farben ist doch eine dabei!
     Was soll ich nur wählen?
     Alle haben sie um meine Stimme gekämpft, doch keiner hat seine Lösung betont, sondern nur die schlechte Lösung der anderen. Alle glauben wohl, nur weil die andere Lösung schlecht ist, sei ihre Lösung gut. Sie haben mich sogar überzeugt, ihre Lösungen sind alle falsch, aber einer muss doch die Probleme lösen. Nun soll ich diesen Einen wählen, der eine Lösung findet. Doch alles, was hier zur Wahl steht, ist ähnlich. Es ist doch alles X wie Y.
     Das war es!
     Heureka, in den ersten Kreis schrieb ich ein schönes gleichmäßiges X wie Xaver, dann schrieb ich in den zweiten Kreis ein X wie Xanthippe. Der dritte Kreis schien mir wie ein O und mir fiel da gleich Xylophon zu ein. So setzte ich in jedes O ein X und beim letzten Kreis setzte ich gemächlich ein Ypsilon.
     Ich hatte gewählt.

© 1998 by Arnold Schiller. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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