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Porusnyj Awral
Eine fantastische Reise mit der Viermastbark Kruzenshtern (Ex-Padua)
Von Brunhilde Sadler

Die Kruzenshtern

Der letzte legendäre Flying P-Liner,1926 auf der Tecklenborgwerft für die Hamburger Reederei Laeisz gebaut.

Ab 1945 unter sowjetischer, 1992 unter russischer Flagge. 1995 und '96 Weltumsegelung. 3.400 qm Segelfläche. Länge 114m, 3545 BRT, Tiefgang 6,5m, Masthöhe 55m über Deck. Crew: 68 Mann, 110 Kadetten, Platz für 40 Trainees.

Postkarte von der Kruzenshtern

Der Traumurlaub oder die jährliche Reise war fast immer ein wenig neben dem Ideal. Eine Insel - ob Süd ob Nord -, das Meer - ob Sonnenauf- oder Untergang - mehr bei Sonnenuntergang - immer sehnsüchtig Schiffen, besonders Großseglern, hinterher blickend. Dieser Wunsch, eine Reise mit ihnen, blieb offen. Manchmal hilft der Zufall. In Warnemünde lagen sie, grandios anzusehen. Die russischen Großsegler MIR und SEDOV zur Besichtigung. Jetzt geschieht es, alles passt: die misslichen Umstände, denen man entfliehen möchte, ein Alter, von dem man nicht weiß, wissen kann, wie lange noch.
     Der letzte Traum musste Realität werden.

Windjammer, ein dreidimensionaler Film, in den Fünfzigern, genauer 1957, von Mike Todd in die Kinos gebracht, ein nachhaltiges Erlebnis. Da klebten wir in den Kinosesseln, fuhren mit. Erste sehnsüchtige Gefühle, Seemann oder Pirat als Berufswunsch.
     Ein Prospekt der MIR versprach eine Transatlantik-Regatta aller Windjammern von Cadiz via Bermudas, weiter nach Amerika, Kanada und Amsterdam, zurück nach Bremerhaven, ein fünfmonatiger Törn, in Etappen mitzusegeln, als Trainee und erschwinglich.
     Ich buchte kurz entschlossen auf der Kruzenshtern, ehemals Padua, ein Schwesterschiff der untergegangenen Pamir und in russischem Besitz; die alte Windjammer liebevoll restaurieren und als Schulschiffe in Betrieb nehmen. Im Westen wäre dieses Schiff längst verschrottet worden.
     Idealismus leistet sich der, der es sich nicht leisten kann. Wie schön, dass es in der sich ausbreitenden Ellbogenmentalität, gerade Russland ist es, dass sich dieses kostspielige Unternehmen leistet.
     Wir Trainees sind schnell Kruzenshterner geworden.

Aber der Reihe nach.
     Erst mal hatte ich eine Anfahrt von dreitausend Kilometern per Zug München-Cadiz zu bewältigen, mit Umsteigen, Stadtfahrten zu anderen Bahnhöfen in Paris und Madrid, alles mit schwerem Seesack, der in seiner Unförmigkeit schon die Aufmerksamkeit hervorrief, man zieht oder schleift ihn hinter sich her. Ich schleppte mich schwitzend ab, war ein ums andere mal nahe daran, ihn wegzuwerfen, ihn irgendwo stehen zu lassen. Die Nacht im Zug verging mit drei wunderschönen Französinnen, die nicht daran interessiert waren, meine Fragen zu beantworten, sondern charmant lächelnd den Kopf schüttelten und sich ihrer Körperpflege hingaben.
     Kurz vor der Ankunft in Cadiz ging mit Donner und Blitz ein Gewitter nieder, mit Hagelschauer, und das ausgetrocknete Land wurde zum Sumpfgebiet, gerade als ich aus dem Zug stieg. So stand ich mit meinem Seesack am Bahnhof, durch die Hagelkörner den Himmel absuchend, nach Masten Ausschau haltend. Ich wusste, dass die Höhe der Kruzenshternmasten, an die sechzig Meter, alle Häuser überragen würde. Den Seesack hinter mir herziehend verließ ich den Bahnhof, nass und gänzlich ohne Frisur, stand mit letztem Blickrest auf einer Piazza, die von Menschen überquoll - und Schiffsmasten so viel ich wollte. Die spanische Bark, die Gorch-Forch, die  Americo Vespucci, die typisch italienisch mit bunten Lichterketten mehr volksfestmäßig leuchtete, waren zur Besichtigung freigegeben. Bark an Bark, mit Trauben von Neugierigen. Ich lief den Kai ab - keine Kruzenshtern! Bin ich hier falsch? Tränen und Regentropfen liefen übers Gesicht, was so egal unter all den Regenschirmen war, es beachtete mich niemand. Die Männer der Guardia Civil, die sich träge in der Nase bohrten, schüttelten die Köpfe, wussten nichts von einer Kruzenshtern. Die Zunge klebte am Gaumen, ich wollte ankommen, endlich und sofort. Den nassen Seesack auf dem Kopfsteinpflaster stehen lassend, mitten in der Menge, wagte ich einen letzten Versuch und dann nach mir die Sintflut, dieser Spruch kam der Situation sehr nahe und so lief ich den ganzen Hafen suchend ab.
     Kaum Hundert Meter, was sehe ich in kyrillischen Buchstaben: Kruzenshtern! Das kann man sich nicht vorstellen, wie erleichtert ich einem russischen Kadetten in schmucker Uniform, der an der Gangway Dienst tat, in die Arme fiel. »Ich bin ein Trainee«, stieß ich radebrechend auf Englisch hervor. Er verstand, ich deutete nach hinten, dort irgendwo liegt ein grüner Seesack »mei Bagage«, dieser Pascha wie er hieß beruhigte mich, schickte einen Kadetten los, den Seesack zu suchen und herzubringen.
     Angekommen, geschafft, ich atmete ruhig durch.
     Ein Serviceoffizier nahm mich ins Innere des Schiffsbauches, über schmale Eisenstege hinunter durch lange Gänge, es brummte, hämmerte und stampfte in diesem Bauch. In perfektem Englisch, erklärte und zeigte er mir, was ich wissen musste. Ich versuchte es in Deutsch, Englisch, wahrscheinlich noch Portugiesisch. Generelles und Wichtiges wurde verstanden. Dass wir zu mehreren in einer Divisionskammer untergebracht sein würden, war mir bekannt, nur dass Männlein und Weiblein quer drunter und drüber liegen, war neu. Möglich, dass er es an meinem Blick erkannte, wie entsetzt ich auf die vier anwesenden älteren Männer starrte, die grob geschätzt nicht weit von meinem Alter entfernt, noch lange keinen Grund für mich darstellten, bei ihnen zu nächtigen, fünf Wochen lang. Weißhaarig, bärtig, ob dick oder dünn, nicht im entferntesten entsprach einer meiner Toleranz. Unmöglich! Hier wollte und konnte ich nicht bleiben. Abend für Abend über einem Alten in mein Etagenbett klettern, ich, die immer ziemlich freizügig herumläuft. Ich versuchte es, dem reizenden blond und blauäugigen Michael Serviceoffizier zu übersetzen. Er müsse mit dem Kapitän reden. Ich erklärte, um die Angelegenheit zu untermauern, unnötigerweise, dass ich bewusst seit Jahren alleine schlafe und nicht die Absicht hätte, es zu ändern. So kann und wollte ich die Reise nicht beginnen. Schnell fiel die Entscheidung. Er schulterte meinen nassen Seesack und wies mir eine andere Koje zu, in der eine etwa siebzigjährige Engländerin untergebracht war. Ich war zufrieden. Dadurch büßte ich zu Beginn der Reise einige Sympathien der Trainees ein. Schnell waren meine Habseligkeiten im schmalen Spint verschwunden. Die Neugier trieb mich an Deck, zu prüfen wie es sich darauf steht. Fest wie ein Brett lag die Kruzenshtern im Wasser, nicht das kleinste Schaukeln, blanke Bohlen besser als das Parkett einer Wohnung, Poller und Masten schwarz-weiss gestrichen, ebenso die Leitern, um hinauf zu steigen. Majestätisch und stolz erhob sie sich, die größte aller Barken. Ein Fest für sie und vor allen für die Kadetten. Eine Menge Menschen standen bewundernd und Erläuterungen suchend am Pier, und die schmucken Kadetten, auf die ich jetzt schon stolz war, gaben in fließendem Englisch Auskunft. Stolz war ich auch, an Bord zu sein, all die bewundernden Blicke, die ich auf diesen Segler geworfen hatte, jetzt in den Augen der Vorbeigehenden zu sehen.

Der Start aller Windjammern war für den nächsten Tag geplant. König Juan-Carlos gab seiner Bark die Ehre und allen den Startschuss. Auch die Spanier segelten diese Regatta mit. Sicher der Grund, weshalb ganz Spanien Cadiz bevölkerte.
     Gegen Abend folgte ich der Musik auf der Piazza, ging von Bord, ruhiger geworden. An einem der vielen Weinstände genehmigte ich mir einige Gläser und schon sah die Welt anders aus. Es hatte aufgehört zu regnen, die Musik, der Tanz der Señioras im Takt auf der Piazza, die geschmückten Segler taten ihr Übriges.
     Anschließend meine erste Nacht in einem schmalen bequemen Bett. Niemand, der seekrank wurde. Ein derart schönes ruhiges Liegen im leichten Wiegen ließ mich mit blanken Augen erwachen. Kaum konnte ich die Abende erwarten, um mich wieder in die Koje legen zu können. Fünf Wochen genoss ich diesen Schlaf.

Ein Frühstück in der Messe und die offizielle Vorstellung unserer kleinen Gruppe.
     Zehn Trainees standen sich neugierig gegenüber, aus England, Deutschland und der Schweiz. Eine Erfahrung, wie ich sie kaum glauben wollte. Mein mäßiges Englisch, sowieso fast in Vergessenheit geraten, wurde von beiden Seiten als mangelnde Intelligenz gewertet. Die Deutschen vergaßen ihr Deutsch, sie palaverten Englisch, um den Engländern in nichts zurückzustehen. Erschütternd mitzuerleben, wie die Deutschen tatsächlich, wie es böse Kritiker behaupten, besser sein wollten, englischer als die Engländer. Geradezu lächerlich und beschämend. Meiner Bitte, bei der Übersetzung zu helfen, kamen sie sehr lau nach. So ließ ich es rasch sein. Dafür wurde auf dem du bestanden, der wunderbaren Freundschaft wegen, die nun beginnen sollte und der ich sehr skeptisch gegenüberstand, die ich eigentlich ablehnte. Was soll's, es wurde geduzt, auch ohne Freundschaft. Im Gegenteil: man sprach einen nicht so sympathischen Menschen mit dem du überhaupt erst gar nicht an.
     Eine Tischplatzordnung gab es nicht, frei die Entscheidung. Am nächsten Tag saßen die Engländer und die Deutschen an getrennten Tischen und ein sechs Worte Englisch sprechender Deutscher mit mir an einem Tisch. Ein wenig ausgestoßen kamen wir uns vor. Mit welcher Arroganz die Engländer ihre Sprache sprechen, ohne Rücksicht, ob man sie verstand, , ist unglaublich; meine englische Zimmergenossin redete auf mich ein, wandte sich dann ab, entrüstet über meinen verständnislosen Blick. Eine junge Schweizerin letztendlich war so nett, immer wieder zu übersetzen, sie wurde zum Verbindungsglied zwischen den Sprachschwierigkeiten.
     Ein Haufen egoistischer Individualisten, die die Liebe zu den Windjammern verband, ganz offensichtlich eifersüchtig, sie zu teilen. Ob ich mich da ausnahm? Sicher nicht.
     Endlich auf See, der Startschuss war gefallen, das erste Porusnyj Awral erklang mit einer Sirene, zwei Worte - Porusnyj Awral - Segelalarm, und egal in welchem Teil des Schiffes sich Bootsmänner oder Kadetten befanden: selbst der Schneider, der Segelmacher, der Schmied, die gesamte Mannschaft, ausgenommen der Koch, den wir manchmal allerdings gerne an den höchsten Mast gebunden hätten, fanden sich an ihrem Mast ein, aufmerksam, gespannt die Befehle abwartend vom Kapitän, dann gebrüllt von den Bootsmännern. Zwanzig bis dreißig Mann standen um ihren Mast, drehten Taue und Seile von den Nagelbänken, wickelten, zurrten, einige eilten die Masten hoch, dass einem beim Zusehen schwindelte. Stahlseile wurden von Winden gedreht, eine Präzision, der ich und die anderen Trainees nie müde wurden zuzusehen; es dauerte nicht lange und einige der Trainees beteiligten sich an der Arbeit. Anschließend hingen wir über der Reeling um zu sehen, ob sich der Aufwand gelohnt hat, wir im Wind sind?
     Egal zu welchem Zeitpunkt Alarm gegeben wurde - das konnte alle zwei Stunden geschehen, mitten in der Nacht kam es durch die Lautsprecher, auch ganz Unbeteiligte durften mithören -, die Kadetten knüpften ihren Matrosenlatz, den wir von alten Fotos kennen. Diese Matrosenkragen waren der Ausweis der Zugehörigkeit. Fünf Uniformen wurden getragen, eine adretter als die andere, dazu passende Käppis. Schmuck sahen sie aus die Jungs und waren selbst stolz darauf.

Morgens um neun Uhr begann die Arbeit, eine Gruppe Kadetten stellte sich in Dreierreihe vor ihren Bootsmann, der die Arbeit für den Tag zuwies. Das ging vom Matten-Flechten, Abrosten, Neu-Streichen, Messing-Polieren, über das Taue-Winden, Neu- Einziehen, hin zum PollerPutzen und -streichen. Setz dich nie auf einen Poller, wurde mir gesagt, das sind die Eier des Bootsmannes. Nie sah ich jemanden darauf sitzen, obwohl es der einzige bequeme Platz zum Sitzen gewesen wäre. Die unterste Etage des Schiffes glich einem Baumarkt: alles gab es, bis zur kleinsten Schraube, nichts dauerte, alle Reparaturarbeiten wurden sofort erledigt. Sogar Vorhänge wurden neu genäht. Um das Innere des Schiffes kümmerten sich ebenso die Kadetten, eine Arbeit, um die sie sich nicht rissen, aber die getan wurde. Türen abwaschen, Toiletten, Bäder, Gänge, Bullaugen putzen, Küchendienst, Abfall beseitigen. Am Ende des Schiffes hing eine Eisentonne, die angeheizt allen Müll verbrannte, den ganzen Tag lang. Leider war dies auch der einzige Platz für die Raucher, der Abfallgestank kam schön zwischen die Zähne, hier lohnte die Zigarette. Wer dienstfrei hatte, lag mit Büchern an Deck, sonnte sich die milchigweißen dünnen Beine. Obwohl es genügend zu essen gab, sah ich keinen dicken Kadetten. Egal zu welcher Tageszeit holten sie die Gitarren und sangen. Ich hatte nie ein Feindbild von den Russen, viel eher beneidete ich sie um ihre Mentalität, die Tiefe, die ihnen nachgesagt wird. Ich glaube, es stimmt. Freundlich, ohne aufdringlich zu sein, begegneten sie uns. Wenig Ressentiments gegenüber den Deutschen. Nur Nikolai, ein Fitnessfanatiker, morgens um sechs schon an Deck, zwanzig Klimmzüge, recken und strecken, dünn und schmal, Gesicht eines alten Haudegens aus Wildwestfilmen, antwortete auf meine Frage, ob er Deutsch verstünde, er kenne nur »Hände hoch!«. Ich erschrak. Dass er im Krieg war gegen die Deutschen, erzählte er; damals musste er ein Kind gewesen sein. Immer herzlich begrüßte er mich am Morgen und wollte mich einschließen in seine Gymnastik, von wegen, seine glich dem Leistungssport der Leichtathletik. Er musste an die siebzig sein, mit der Figur eines Zwanzigjährigen. Ich war froh über meine zwei Kniebeugen, wog sicher das doppelte wie er.
     Erstaunlich wie viele Kadetten nicht nur Englisch sondern auch Deutsch sprachen, in Kaliningrad lernten sie es in der Schule. Ich genoss die Unterhaltung mit ihnen, erfuhr aus ihrem russischen Alltag zu Hause.
     Bald saß ich abends mit einem jungen Serge beim Schachspielen. Seine Liebenswürdigkeit wusste ich zu schätzen, es blieb nicht nur ein Verdacht, dass er besonders rücksichtsvoll mit mir spielte. Obwohl ich überhaupt keine Chance hatte zu gewinnen, erreichte ich ein Remis. Schätze, die Russen werden mit einem Schachcomputer im Kopf geboren. Schachspielen wurde auf unserem Schiff honoriert und geehrt. Feste dafür wurden organisiert. Der Beste wurde ausgezeichnet; gegen wen gespielt wurde, erfuhr ich nicht, wahrscheinlich gegen ein anderes Schiff. Alle erschienen in Paradeuniform, und kleine Präsente wurden an die Sieger verteilt. Ernsthaft und feierlich stellte sich die Mannschaft zum Gruppenfoto auf. Außerdem hatten wir das Vergnügen, dass ein Reporter aus Moskau an Bord eine Dokumentation für eine Zeitschrift schrieb und den gesamten Tagesablauf auf Film bannte, jede unserer Bewegungen, alles erschien dem Reporter aufnehmenswert. Schon morgens, bewaffnet mit Kamera, traf ich ihn an Deck. Ich liebte es, die Sonnenaufgänge zu erleben und dabei einmal das Knie zu beugen, und schon hing er auf einem Seil und fotografierte.
     Danach begann der Alltag, um ein Schiff voran zu bringen und zweihundert Menschen zu versorgen. Dieser Alltag wurde in seiner Routine alle zehn Tage gründlich unterbrochen. Es folgte das Großreinemachen. Zuerst wurde mit einem Riesenschlauch das Deck mit Meerwasser abgespritzt; während die Kadetten steuerbord mit grünen Schrubber und backbord mit roten Schrubbern das Deck bürsteten, legten sie ihre Uniformen darauf, übergossen sie mit großem Gejohle mit heißem Wasser und schrubbten, was das Zeug hielt, um sie sauber zu bekommen. Anschließend wurden die Taue und Seile zum Aufhängen benutzt. Das Schiff sah aus wie eine Zirkusmanege.
     Der Rest des Tages blieb zum Sonnen, kreuz und quer lag man auf den vier verschiedenen Decks, spielte Schach, Backgammon, Gitarre oder las Liebesromane, nur durch Essengehen unterbrochen. Ich sah an den Segeln hoch, wartete auf Porusnyj Awral. Schallte der Befehl durch die Lautsprecher, schnellte jeder noch so nackte Körper in Nullkommanix in die Uniform und zu seinem Bootsmann, der durch die Flüstertüte schrie, worauf sich alle in die Seile hängten. Die Trainees, die Unbeschäftigten, mussten sich auf ihrem Deck einfinden, um den Ablauf nicht zu stören. Wir hingen über der Reeling, um zu sehen, ob der Segelalarm uns richtig in den Wind stellte.

Hier war der Platz der Romantik. Der Abend das reinste Vergnügen. Sonne zum Greifen nahe und alle an Deck, wenn sie unterging. Ein Sternenhimmel wölbte sich, als könne man ihn berühren. Die Bewegung des Schiffes ließ das Firmament vor und zurück wippen. Magisches ging davon aus, Zauberer und Magier holen hier ihre Inspiration. Diese wunderbaren Sternenhimmel wirkten ebenso fassbar wie unfassbar, ebenso endlich wie unendlich. Nie wird einer diese Erlebnisse vergessen. Das Geräusch des Windes in den Segeln, der schnelle Schnitt durchs Wasser, reflektierende Schaumkronen, die hell aufleuchten. Oder am Tage, den Blick hoch in die Masten, auf denen Kadetten sitzen, Taue und Stahlseile umwickeln, Reparaturarbeiten ausführen, wie sie dem Wind ausgesetzt sind, so als säßen sie bequem in einem Sessel, da kam schon Neid auf. Ich wagte es nicht, einen Fuß auf die unterste Sprosse zu setzen.
     Entspannt war dieses Leben an Bord, dafür sorgte der Kapitän; durch den Lautsprecher informierte er alle. »Seht mal den Regenbogen« oder »Seht am Bug die Delphine«. Eine derart gute Atmosphäre unter den Kadetten, Matrosen und Bootsmännern dürfte einmalig sein. Nie hörte ich Schimpfen, Toben oder Ähnliches, keinem Matrosen flog das krumme Messer in den Rücken, das die Bootsmänner an ihrer Seite tragen, wie ich es eigentlich erwartet hätte: wer kannte nicht die Geschichten von Jack London. Nein, dieses Schiff bot ein Zuhause für alle.

Das Unglück.
     Ich hatte Wache bis zwei Uhr nachts, gegenüber die Positionslichter eines Tankers, der die Eintönigkeit der Wache unterbrach. Drei Kadetten bewegten das Ruder nach Anweisung des Diensthabenden, der von oben die Befehle rief; meine Tätigkeit war mehr zur Dekoration, aber ich genoss es, in der Stille der Nacht draußen zu sein. Anschließend ging ich in meine Koje, versuchte zu schlafen, bis ein unheimliches Knirschen am Rumpf mich aufschreckte; ich dachte, wir seien auf Grund gelaufen, der Eisberg, der die Titanic sinken ließ, und rannte mit meinem Friesennerz an Deck. Tatsächlich hatte uns jener Tanker, ein Kroate, der, mit Gas beladen, schlief und seinen Autopiloten eingeschaltet hatte, vorn am Bug mitgenommen, den Anker versenkt, die Reeling eingedrückt und fuhr weiter. Als schwerer Segler waren wir nicht dazu in der Lage, so schnell auszuweichen, alle Bemühungen, ihn mit Licht- und Morsezeichen zu warnen, waren umsonst. Wir mussten zusehen, wie er uns rammte. Der Alarm brachte alle auf die Beine. Was sich auf der Kommandobrücke tat und tatsächlich abgespielt hat, erfuhren wir nicht ganz genau, und Vermutungen machten die Runde. Am Morgen sahen wir erst den ganzen Schaden. Nun gab es Gesprächsstoff für die nächsten Tage und ausreichend Filmmaterial. Aus Stricken wurde ein Geländer provisorisch hochgezogen, ansonsten blieb der Schaden bis zu den Bermudas unrepariert. Ich überlegte, dass, wäre Schlimmeres passiert, mit der Kruzenshtern unterzugehen, ein Seemannsgrab zu finden, noch immer besser sei, als zu Hause im Bett zu sterben.

Eines verlangt die wochenlange Reise auf einem Segelschiff. Die Crew gibt sich Mühe, dich einzubeziehen. Aber die Arbeit muss weitergehen. Ein Angebot, sich in die Arbeit zu vertiefen, gibt es täglich. Ich sorgte für die Selbstbestimmung meines Tagesablaufes, hing stundenlang ohne mich zu langweilen über der Reeling, saß am Bug auf dem Ersatzanker, ließ mich wiegen, sah einigen wenigen Fischen zu. In der Saragossasee schwammen wunderschöne Algen, die je nach Sonneneinwirkung leuchteten. Meist fühlte ich mich durch das Glasen zum Essen gestört. Später lag ich mit einem Buch hinten am Heck, wo es dampfte und stank, rauchte Zigaretten, und die Kadetten, die frei hatten, spielten. Wir unterhielten uns, lernten ein wenig Russisch, tauschten Meinungen und manchmal auch Sympathien.
     An einem bestimmten Breitengrad wurden die Vorbereitungen für das Neptunfest getroffen, drei Tage lang wurde gemalt und ausgeschnitten. Ein Fest mit Verkleidungen; Piraten und Teufel tauchten uns ins Wasser und schenkten und ein Taufzertifikat samt Urkunde, als Trainee teilgenommen zu haben.

Wir waren stolz auf alles, was unser Schiff leistete, so ein Zugehörigkeitsgefühl entwickelt sich schnell. Vielleicht geht es nirgendwo so schnell wie auf einem Segelschiff. Ich wage zu behaupten, dass auf der Kruzenshtern ein ganz besonderes Klima herrschte, vom Kleinsten bis zum Kapitän. Einmal beobachtete ich bei einem Segelalarm, wie unser Kapitän auf der Brücke einen Strick knotete, wie er in dem Film High-Noon vom Baum hängt, und damit scherzhaft seinem ersten Ingenieur drohte, wenn die Segel nicht schnell genug gesetzt werden, würde sein Kopf darin ruhen; alles lachte.
     Kein Urlaub mit Animateuren, kein Aktivurlaub. Es ist das Kennenlernen einer anderen Lebensmöglichkeit und ein wenig mehr sich selbst. Ein Zusammenleben ohne Ausweichmöglichkeit. Lehrmeister ist das Meer, abhängig von Wind, Wolken, von Himmel und Sonne. Vielleicht sollten unsere Ur-Instinkte aktiviert, aufgefrischt und benutzt werden.

Eine jahrelang von mir eingeübte Meditation beginnt damit, dass ich mich hinsetze, die Beine grätsche, die Augen schließe, mich konzentriere und sage: »Stelle dir das Meer und sein Rauschen vor«.
     Eines Morgens saß ich in alter Gewohnheit an Deck, flüsterte die Worte, öffnete die Augen, sah meine Wirklichkeit gewordene Vorstellung und lachte so laut, dass sich alle Jogger an Deck umdrehten. Ich bin am Meer, höre das Rauschen! Hoffentlich noch lange - und vielleicht einmal wieder auf der Kruzenshtern.

Brunhilde Sadler

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