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Wie der Pianist eines Klavierkonzerts

Ein Interview mit der Übersetzerin Gabriele Haefs (»Sofies Welt«)

Literatur-Café: Jeder kennt wohl den Bestseller »Sofies Welt«, und den meisten ist sicherlich auch der Name des Autors Jostein Gaarder bekannt. Ihren Namen werden aber die wenigsten mit dem Werk in Verbindung bringen. Dabei haben Sie als Übersetzerin maßgeblich dazu beigetragen, dass wir Gaarder überhaupt auf Deutsch lesen können.
     Ist das nicht etwas frustrierend? Und woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Übersetzerinnen und Übersetzer in der Regel kaum einer kennt?

Haefs: Ich weiß nicht, warum so wenig auf die Leute geachtet wird, die übersetzen; ich verstehe es auch nicht. Ein Buch zu kaufen und zu lesen, ohne auf den Namen des Übersetzers oder der Übersetzerin zu achten, kommt mir so vor, als kaufte jemand eine Aufnahme eines Klavierkonzertes, und interessierte sich zwar für den Komponisten, aber nicht für den Pianisten. Der Komponist ist natürlich wichtiger, aber ein schlechter Pianist kann schließlich die gesamte Hörfreude ruinieren. Aber sicher trägt es zu dieser Situation bei, dass die Rezensenten oft nicht einmal erwähnen, dass ein Buch übersetzt ist. Überspitzt lässt sich sagen, dass Rezensenten erklären, das Buch sei schlecht übersetzt, wenn ihnen irgendwas nicht passt. Sind sie zufrieden, dann loben sie die schöne Sprache des Autors. Alle Kolleginnen und Kollegen können solche Beispiele anführen. Bei mir war es z. B. eine Rezensentin von der ZEIT, die schrieb, das Buch sei ja sehr schön, die Übersetzung aber total daneben, denn der eine Junge rede so schrecklich altmodisch. Aber der Witz war, dass der Junge auch im Original so altmodisch redete. Er sammelte altmodische Redewendungen, und alle wandten sich angeekelt ab, wenn er den Mund aufmachte und dachten »nicht schon wieder«. Beim Publikum, das das Buch noch gar nicht gelesen hat, kommt aber nur an: »schlecht übersetzt«. Und machen kann man gar nichts, höchstens einen Leserbrief schreiben, der in den meisten Fällen nicht abgedruckt wird, und wenn doch, dann gilt man als beleidigte Leberwurst.

Literatur-Café: Wie ist es denn mit den Autoren? Wissen die wenigstens Ihre Arbeit zu schätzen?

Haefs: Ja, die meisten Autoren schätzen unsere Arbeit sehr, gerade Autoren, die in hierzulande weniger verbreiteten Sprachen schreiben, denn die wissen genau, dass ohne die Vermittlertätigkeit der Übersetzenden ihre Bücher hier keinen Verlag finden würden. Aber es gibt immer einige wenige, die gerade so viel Deutsch können, dass sie alles besser wissen und doch alles falsch verstehen. Eine Kollegin bekam z. B. einen wütenden Brief eines schwedischen Autors, der ihr mitteilte, wenn sie nicht einmal die Wochentage könnte, sollte sie die Finger von Übersetzungen lassen. Der gute Mann hatte gedacht, Sonnabend sei dasselbe wie Sonntag …

Literatur-Café: Übersetzer werden in der Regel auch nicht sonderlich gut bezahlt. Profitieren Sie wenigstens auch davon, wenn ein übersetztes Werk ein großer Erfolg wird? Hat man es danach leichter neue Aufträge zu erhalten?

Haefs: Das ist unterschiedlich, es gibt eine Faustregel: Je größer der Verlag, umso weniger ist er willens, die Übersetzer am Erfolg zu beteiligen. Aber in den meisten Fällen gibt es eine Beteiligung, das ist aber von Buch zu Buch und von Vertrag zu Vertrag unterschiedlich. Leichter, neue Aufträge zu bekommen, ist es auf jeden Fall, wenn man einen oder mehrere Bestseller übersetzt hat. Aber bei weniger verbreiteten Sprachen ist es auch so, dass die Übersetzer und Übersetzerinnen selber Verlage auf interessante Neuerscheinungen hinweisen, gewissermaßen mit Titeln hausieren gehen, und dann bekommt man natürlich auch den Auftrag, wenn ein Verlag das Buch will. Mir geht es im Moment so, dass ich viele Bücher bekomme, die mit Philosophie zu tun haben, z. B. demnächst einen Roman, in dem Sören Kierkegaard eine tragende Rolle spielt. Wird bei Piper erscheinen, den deutschen Titel weiß ich leider noch nicht.

Literatur-Café: Sie übersetzen u. a. aus dem Schwedischen. Ist der Konkurrenzdruck dort geringer als beispielsweise bei der englischen Werken?

Haefs: Ich übersetze zwar auch aus dem Schwedischen und Dänischen, vor allem aber aus dem Norwegischen - Sofies Welt z.B. ist ja ein norwegischer Titel. Aber der Konkurrenzdruck ist nicht geringer als bei Englisch oder Französisch, es gibt zwar weniger Übersetzer, aber es wird auch weniger übersetzt. Und Leute mit krankhafter Konkurrenzangst gibt es eben überall. Ich habe z. B. eine nette Kollegin, die munter herumerzählt, ich sei zu doof, um Sofies Welt zu übersetzen und habe nur eine Rohfassung geschafft, die der Verlag dann fertig stellen musste. Und solche Fälle habe ich aus dem Bereich englische und französische Übersetzungen wirklich en masse gehört.

Literatur-Café: Das scheint in der Tat sehr verbreitet zu sein. Auch Harry Rowohlt erzählt ja immer wieder süffisant, dass Wollschläger mit der deutschen Version des Ulysses eine ganz passable Rohübersetzung abgeliefert habe.
     Ich nehme aber an, dass sicherlich niemand auf Anhieb einen Autor wie Gaarder übersetzen wird.

Haefs: Wie wir Aufträge erhalten, habe ich ja schon erzählt. Etwa zu einem Drittel so, dass ein Verlag von einem geeigneten Titel hört, ihn einkauft und fragt, ob wir ihn übersetzen wollen. Zwei Drittel kommen durch eigene Initiative zustande, wir finden ein schönes Buch und suchen dafür einen Verlag. Bei Sofies Welt überschnitt sich das, der zuständige Verlagslektor konnte Norwegisch lesen, was natürlich ein seltener Glücksfall ist, und hatte auf der Jugenbuchmesse in Bologna diesen Titel entdeckt. Ich dagegen wollte für das in Norwegen früher erschienene Kartengeheimnis von Jostein Gaarder einen Verlag finden, weil ich dachte, das ist als erstes Buch von einem hier unbekannten Autor sicher leichter unterzubringen als so ein Schwergewicht wie Sofies Welt, und so sind wir uns gewissermaßen auf halbem Wege begegnet.

Literatur-Café: Wie sind Sie zum Beruf der Übersetzerin gekommen?

Haefs: Wie wir zu diesem Beruf kommen, ist ganz unterschiedlich. Die meisten haben irgendetwas anderes studiert – z. B. Lehramt – und finden keine Stelle. Ich habe Sprachwissenschaft studiert, mit Schwergewicht auf keltischen und skandinavischen Sprachen, und als ich fertig war, ging das Stellenstreichen im Kulturbereich los - aber Sprachen konnte ich ja immerhin.

Literatur-Café: Zu übersetzen ist sicherlich eine Sache, ein literarisches Werk ins Deutsche zu übertragen, erfordert aber sicher spezielle Fähigkeiten.

Haefs: Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, ich glaube, man muss sich sehr für Sprache interessieren und darf sich nicht scheuen, gegen geheiligte Regeln der Deutschlehrer und Dudenmacher zu verstoßen, um einen spannend zu lesenden Text zu schaffen. Und man muss lernen, sich schnell über irgendeinen Sachverhalt zu informieren, sonst braucht man ein Jahr, um ein Buch über ein bestimmtes Thema zu übersetzen – z. B. Sören Kierkegaard – und dann kann man vom Übersetzen natürlich nicht leben. Das wäre wie ein Schuster, der pro Woche nur ein Paar Schuhe besohlt.

Literatur-Café: Nutzen Sie bei Ihrer Arbeit auch das Internet.

Haefs: Sicher nutze ich das Internet, lese die Online-Ausgaben von Zeitungen in meinen Sprachen und habe schon allerlei Wörterbücher gefunden. Für Sprachinteressierte möchte ich auf die Homepage http://tarbh.smo.uhi.ac.uk/saoghal/mion-chanain/ hinweisen. Sie gehört einem gälischen College in Schottland und bietet Zugang zu den meisten europäischen Minderheitssprachen, ob man nun einen kurzen Lehrgang »Litauisch für Reisende« machen möchte oder wissen, welche Veröffentlichungen der Verein für den Erhalt des Dialektes der Insel Jersey schon herausgebracht hat.

Literatur-Café: Haben Sie sich auch schon mal selbst als Autorin versucht?

Haefs: Ja und nein, demnächst werde ich z. B. über Fürst Pückler schreiben, das Begleitheft für ein Hörbuch über seine Reisen. Aber ich bin ziemlich zuversichtlich, dass ich nie einen Roman schreiben werde. Wenn mir jemals eine gute Idee kommt, versuche ich es natürlich, aber ich glaube nicht, dass diese Idee sich jemals einstellen wird.

Literatur-Café: Frau Haefs, wir danken Ihnen für das Gespräch!

11.01.1999


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