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Beitrag vom 28. Februar 2017 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

»Ein wenig Leben« von Hanya Yanagihara – Die Wahrheit ist fast immer eine andere

»Ein wenig Leben« von Hanya Yanagihara

Vier Studenten unterschiedlicher Hautfarbe, Herkunft und Zukunftspläne finden sich in New York zusammen. Sie kennen sich vom College, und man lernt sie nach und nach in ihren sehr verschiedenen Charakteren und Leidenschaften kennen.

Zuerst ist der fast 1.000 Seiten starke Roman »Ein wenig Leben« von Hanya Yanagihara
ein sanftes Herantasten an die gegenwärtigen Lebensbedingungen ihrer Protagonisten.

Da ist JB, der Künstler, Malcolm, der Architekt aus reichem Elternhaus, Willem, der Schauspieler werden will, und Jude St.Francis, der geheimnisvolle und von heftigen Schmerzattacken gepeinigte letzte in der Runde, der sein Jurastudium beendet hat.

Die vier Freunde befinden sich nach dem Ende ihres Studiums auf der Suche. Es geht ihnen um gute Jobs, die nicht so leicht zu finden sind, um das Leben und den Sinn ihres Tuns, um Ablösung von herkömmlichen Bindungen, um neue Erfahrungen, um Liebe, Sex und Freundschaft! Letztere hält sie zusammen. Sie sprechen viel miteinander. Reich oder arm, weiß oder schwarz spielt die geringste Rolle, obwohl diese Merkmale sicher auch bei der Identitätsfindung von Belang sind.

Ganz allmählich wird der Leser in Bann gezogen von ihrem Lebensdrang, ihren Fragen aneinander, auch von den Alltäglichkeiten wie Umzüge, Wohnungs- oder Jobsuche.

Man begleitet die Jungs durch ihr halbes Leben. Sie sind sehr verschieden von Charakter und Herkunft. Jude trägt offensichtlich ein schweres Schicksal mit sich. Er ist der Geheimnisvolle und mehr und mehr die zentrale Figur, von dem man nur wenig weiß, der sich nie äußert und doch von allen geliebt wird.

Fesselnd und atemberaubend in ihrer Dramatik und von grausamer Düsternis scheint seine Kindheit überschattet gewesen zu sein.

Was hatte es mit dem Heim oder dem Kloster auf sich? Er fügt sich selbst Leiden zu, indem er sich mit Rasierklingen verletzt, um die Vergangenheit und seinen Selbsthass, der aus dieser Vergangenheit resultiert, zu ertragen. Nach außen hin bleibt er verschlossen, liebenswert und liebenswürdig, und jeder bemüht sich, hinter sein Geheimnis zu kommen.

Vorsichtig führt uns die Autorin in die Tiefen der Beziehungen. Hier ist von Hass, menschlicher Destruktivität, von Misstrauen und echter Zuneigung, von Kränkungen, Verstehen und nicht zuletzt von einer tiefen und unverbrüchlichen Freundschaft und homosexuellen Beziehung die Rede.

Als Leser ist man erschlagen von der Wärme der Gefühle und dem Zusammenspiel von Liebe und Freundschaft, von Glück und Verzweiflung. Es ist ein Buch, das einen zum Weinen bringt!

Hanya Yanagihara beschreibt das Amerika, das wir kennen; ein Amerika, von dem so mancher junge Mensch träumen mag. Vom Auf und Ab der Möglichkeiten, von Verlusten, vom Abstand des Kleinen zum Großen, von Chancen und von der schier unbegrenzten Freiheit, die junge Menschen beim Aufbruch ins Leben erhoffen dürfen. Die einen finden ein bescheidenes Glück, und die anderen sind geplagt von Sehnsucht nach der einen wahren und großen Liebe und von der Unerfüllbarkeit erhoffter Lebensträume. Die Wahrheit ist fast immer eine andere.

Hier erleben wir ein Amerika, das es heute nicht mehr gibt! Fast setzt der Roman einen Schlusspunkt unter das freie, liberale Vielvölkerstaatengemisch, das in den Vorstellungen der westlichen Welt die wahre Freiheit Amerikas verkörperte.

Claudine Borries

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. Hanser Berlin. ISBN/EAN: 9783446254718. EUR 28,00 » Bestellen bei Amazon.de
Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Hörbuch-Download. 2017. HörbucHHamburg HHV GmbH. EUR 37,19 » Bestellen bei Amazon.de
Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben: Roman. Kindle Edition. 2017. Hanser Berlin » Herunterladen bei Amazon.de

10 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Eva Jancak schrieb am 28. Februar 2017 um 09:47 Uhr

    Ein ziemlich gehyptes Buch kommt mir vor, obwohl mir das Thema eigentlich liegen müßte.
    Aber die Blogger wurden zum Probelesen in eine einsame Hütte eingeladen, die profeissionellen Rezensenten erhielten, habe ich bei “Ex Libris” gehört, sogar eine Broschüre, wo drin stand, wie sie rezensieren sollten und zuerst kamen, glaube ich, die Lobeshymnen, dann die kritischeren Stimmen.
    Ja, ja es gibt immer das oder die Bücher des Jahres, während wahrscheinlich vieles andere unbeachtet überbleibt!
    Bin gespannt, wann ich das Buch im Schrank finden werde?

  2. Uli schrieb am 1. März 2017 um 11:00 Uhr

    Verehrte Frau Jancak,

    Sie behaupten, der Verlag gebe in der Broschüre vor, “wie sie rezensieren sollen”. Das ist natürlich großer Blödsinn, offenbar haben Sie die Radiosendung nicht gehört oder nicht verstanden. Ich tippe bei Ihnen auf Letzteres.

    Erinnern Sie sich noch, dass ich Ihnen vor einiger Zeit mal schrieb, dass man erst recherchieren solle, bevor man öffentlich etwas behauptet? Nun, da Sie offenbar “glaube ich”, irgendwas irgendwo irgendwann gehört haben und sich wie schon so oft selber etwas dazuerfinden, habe ich mal beim Verlag nachgefragt und folgende Antwort erhalten:

    ” … die zitierte Formulierung, Sie schreiben es ja selbst, stammt vom Rezensenten. Wir machen selbstverständlich keine „Vorschriften“, wie ein Buch zu lesen sei, allein die Vorstellung ist absurd. Was wir machen: den Rezensenten, genauso wie den Buchhändlern, ausführliche Informationen zu den Büchern liefern, die uns besonders am Herzen liegen – also ganz normale Öffentlichkeitsarbeit, wie Verlage sie schon immer tun …”

    Klingt schon ein wenig anders, “glaube ich”, nicht wahr? Wäre ich der Verlag und hätte ich Ihren obigen Kommentar hier gelesen, wäre ich stinksauer, denn Sie verbreiten schlicht falsche Informationen!

    In was für einem Schrank wollen Sie das Buch übrigens finden? Gehen Sie gefälligst hin und kaufen Sie es sich, so wie es jeder normale Leser tut! Und hören Sie endlich auf zu jammern, dass Sie niemand beachtet, sondern gehen Sie mal in sich und fragen sich, woran das wohl liegen mag.

    MfG
    Ulrich Lucas

  3. Eva Jancak schrieb am 1. März 2017 um 13:58 Uhr

    Ich habe es in “Ex Libris” gehört und so verstanden und in welchen Schrank ich das Buch finden will?
    Im “Wortschatz” oder den beim Literaturhaus vielleicht, zu dem ja oft komme.
    Wortmeldungen lieber Herr Lucas setzen sich oft aus Gehörten zusammen und das, was ich gehört habe, stimmt.
    Die Formulierung, die in dieser Broschüre steht, habe ich natürlich nicht ganz im Kopf, sie wurde auch nicht vorgelesen, aber die Meinung, die sich daraus bildete, war, daß der Verlag für das Buch offenbar sehr viel Werbung machte und warum soll der Verlag auf mich sauer sein oder mich vielleicht sogar klagen, nur weil ich im “Ex Libris” hörte, daß der Verlag eine Broschüre an die Rezensenten versandte.
    Da ist ein Verlag wohl toleranter als Sie, liebe Grüße aus Wien!

  4. Uli schrieb am 1. März 2017 um 14:47 Uhr

    1. Sie merken aber schon, dass zwischen “”offenbar sehr viel Werbung machte” und “sogar eine Broschüre, wo drin stand, wie sie rezensieren sollten” ein klitzekleiner Unterschied ist?

    2. Das, was Sie gehört zu haben glauben, stimmt eben nicht! Vermutlich weil Sie nicht richtig zugehört haben.

    3. Der Verlag könnte sauer sein, weil Sie behaupten, die Broschüre diene dazu, die Rezensenten zu beeinflussen.

    4. Was hat das alles mit Toleranz zu tun?

  5. Eva Jancak schrieb am 1. März 2017 um 17:48 Uhr

    Haben Sie das Buch gelesen und wie hat es Ihnen gefallen?

  6. Uli schrieb am 2. März 2017 um 08:10 Uhr

    Nö, hab ich nicht. Das steht auch gar nicht zur Debatte. Und warum lenken Sie schon wieder vom Thema ab?

  7. Eva Jancak schrieb am 2. März 2017 um 09:47 Uhr

    Weil ich mich mit Ihnen nicht streiten will!

  8. Eva Jancak schrieb am 2. März 2017 um 10:39 Uhr

    Und hier der Beitrag von Ö1 mit einem Kommentar von Sigrid Löffler
    http://oe1.orf.at/artikel/461621

  9. Uli schrieb am 2. März 2017 um 10:45 Uhr

    Nicht, weil Sie wissen, dass ich recht habe?

  10. Uli schrieb am 2. März 2017 um 11:23 Uhr

    Ja, Frau Jancak, das haben Sie sehr schön verlinkt und ich habe es mir jetzt zum dritten Mal seit gestern angehört. Wenn Sie mir/uns jetzt bitte noch den Timecode (das bedeutet Minute und Sekunde) in dem Beitrag nennen, aus dem hervorgeht, dass die Broschüre “vorgibt, wie sie zu rezensieren haben”? Vielen Dank!

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