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Beitrag vom 14. März 2011 | Rubrik: E-Books, Literarisches Leben, Literatur online

eBook-Millionärin Amanda Hocking: Bestseller sind nicht planbar und Verlage sind nicht böse

Millionären durch eBooks: Amanda HockingDie 26-jährige Autorin Amanda Hocking aus Austin, Minnesota, gilt als Paradebeispiel für die neuen Autoren, die in Eigenregie und ohne Verlag mit eBook-Verkäufen Millionen verdienen. Ihre Erfolgsgeschichte wanderte in den letzten Tagen durch die internationalen Medien.

Hocking schreibt Vampir-Romane und veröffentlicht und verkauft sie selbst über eBook-Portale für Amazons Kindle, Apples iBooks und andere. In nur zehn Monaten sei sie so Millionärin geworden, berichtet in Deutschland auch SPIEGEL Online. Und das, obwohl – oder weil – ihre Bücher teilweise nur 49 Cent kosten.

Müssen jetzt die Verlage zittern? Kann sich jeder mit dem Schreiben von eBooks eine Yacht an der Côte d’Azur leisten?

Nein, schreibt Amanda Hocking nun in einem lesenswerten und ehrlichen Blogbeitrag. Erfolg sei im Literaturbereich nicht planbar und Verlage brauchen keineswegs vor Selbstverlegern zittern.

»Ich glaube nicht, dass ich irgendwie megasupertoll bin«

Amanda Hocking kann gar nicht verstehen, warum das Medieninteresse an ihr in den letzten Tagen so groß war:

Oh, das Internet sagt so viele Dinge über mich. Ich verstehe gar nicht, warum das Netz in der letzten Woche mich ausgesucht hat, aber es war nun mal der Fall. Mein eMail-Postfach wurde überflutet und meine Followerzahl auf Twitter hat die 1.000 übersprungen.

Gerade auch was ihren Erfolg beträfe, sei in den Medien ein Bild vermittelt worden, das so nicht richtig sei.

Ich möchte euch alle wissen lassen, dass ich nicht glaube, dass ich irgendwie megasupertoll bin oder etwas in der Richtung. Alle sind enorm daran interessiert, was ich mache und wie ich so erfolgreich wurde, und so wie ich das verstehe, liegt das daran, dass viele Leute glauben, dass sie meinen Erfolg wiederholen können und das, was ich getan habe. Und da ich glaube, dass ich nicht der einzige bin, der das macht, was ich mache – andere werden ähnlichen Erfolg haben, manche vielleicht sogar mehr -, denke ich, dass das nicht oft passieren wird.

Kein Bestseller über Nacht, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit

Als Selbstverleger zu agieren, sei eine Menge Arbeit und es sei viel schwieriger als wenn man bei einem Verlag unter Vertrag sei. Vielen Leuten sei gar nicht bewusst, wie viel Arbeit in ihren Büchern stecke. Man könne nicht über Nacht ein paar Wörter zu einem In-Thema zusammenzimmern, online stellen und wenn man am nächsten Tag aufwacht, läge die Million auf dem Bankkonto.

Ihr Erfolg sei nicht über Nacht gekommen, sondern das Resultat jahrelanger literarischer Arbeit. Doch die Zeit und Energie, die sie nun als Selbstverlegerin ins Marketing stecken müsse, sei enorm. Lieber würde sie weitere Bücher schreiben. Dass sie das derzeit zeitlich nicht könne, beunruhige und ängstige sie. Nie im Leben habe sie einen Druck wie derzeit gespürt.

Amanda Hocking legt auch Wert darauf, dass all ihre Texte lektoriert wurden.

Die Leute glauben, einen Lektor braucht man nur, damit er den Text ein paar mal durchliest, um Rechtschreib- und Grammatikfehler zu verbessern. Und obwohl das tatsächlich ein Teil der Arbeit ist, ist es doch so viel mehr. Ein Lektor hilft, die Sätze auf den Punkt zu bringen, schaut nach überflüssigen Wiederholungen, hilft generell mit dem Werk voranzukommen etc.

Selbstverleger sind kein Schreckgespenst für etablierte Verlage

Was Amanda Hocking gar nicht versteht: Warum ihr Name genannt wird und sie angeblich das Schreckgespenst für die etablierten Verlage sei und dass sie es denen mal so richtig gezeigt habe, wie man wirklich erfolgreich eBooks verkauft.

Zunächst einmal: kein Verleger hat Angst vor mir. Das ist Quatsch. Ich bin ein Mädchen, das ein paar Bücher geschrieben hat, die sich gut verkaufen. Das macht denen doch keine Angst – sie wollen nur ein Teil davon sein, so wie sie Teil jedes Bestsellers sein wollen.

In den USA mache der eBook-Anteil an den Buchverkäufen vielleicht 20% aus. Natürlich werde der Anteil steigen, davon ist die Autorin überzeugt, aber es werde noch lange, vielleicht sogar für immer, gedruckte Bücher geben. Hocking schätzt, dass es mindestens 5-10 Jahre dauern wird, bis der Anteil der eBook-Verkäufe den der gedruckten Bücher übersteigen wird. Außerdem seien nicht alle eBooks im Selbstverlag herausgegeben.

Ich verstehe nicht, warum Schriftsteller solche Vorbehalte gegenüber Verlagen haben. Vieles von dem, was ich in der letzten Zeit über mich gelesen habe, klang so, als wäre ich Dorothy aus dem Film »Der Zauberer von Oz«, die die böse Hexe besiegt.

Verlage machen großartige Dinge und das schon seit langem. Sie sind nicht irgendwelche großen bösen Gebilde, die die Literatur oder die Schriftsteller töten wollen. Es sind Unternehmen, die auch in einer schlechten Wirtschaftslage mit ihrer reichhaltigen Erfahrung auf diesem Gebiet Geld verdienen wollen.

Niemand weiß, wie man aus einem Buch einen Bestseller macht

Amanda Hocking blickt auf ihren Kollegen J. L. Bryan, der genau das gleiche schreibe wie sie, die gleichen Preise für seine Bücher verlange, der genauso gut sei – und der dennoch nicht den gleichen Erfolg wie sie habe. Und warum? Hocking weiß es nicht.

Es ist die Wahrheit, die sich daraus ableiten lässt. Niemand weiß, wie man aus einem Buch einen Bestseller macht. Verlage und Literaturagenten geben oft vor, es zu wissen. Aber wenn sie es wirklich wüssten, würden sie nur Bestseller auf den Markt bringen, was jedoch nicht der Fall ist.

Amanda Hocking betont, dass sie selbstverständlich stolz darauf sei, was sie als Autorin und Selbstverlegerin erreicht habe und dass es ihr Spaß mache, aber ihre Geschichte solle nicht die falsche Hoffnung schüren, dass jeder über Nacht ein berühmter und gut bezahlter Autor werden könne.

Amanda Hocking hat einen lesenswerten Beitrag mit einer gesunden und realistischen Selbsteinschätzung geschrieben, den man immer wieder lesen sollte, wenn PR-Agenturen und eBook-Portale aufgrund einer digitalen Online-Veröffentlichung das Blaue vom Himmel versprechen. Er könnte einem auch auf den Kopf fallen.

Link ins Web:

4 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Annorra schrieb am 15. März 2011 um 11:54 Uhr

    Ich freue mich für viele, die es so schaffen – mehr als für Autoren, die es über einen Verlag geschafft haben.
    Gut finde ich auch ihre realistische Sicht auf viele Dinge, wie sie da Mythen vorbeugen will.

  2. Rouven schrieb am 19. März 2011 um 20:27 Uhr

    Niemand weiß, wie man aus einem Buch einen Bestseller macht

    Einfach in der Buchhandlung nur einen einzigen Titel anbieten, dann haben die Lesewilligen keine andere Wahl als das einzige angebotene Werk zu kauft.

    Tatsächlich ist es ja so dass die Leser nur das zu lesen bekommen was von den Verlagen vorverdaut wurde und anscheinend erfolgversprechend ist, da bringt der neue Selbstverleger-Boom doch endlich die absolute Meinungsfreiheit ins Buch

    viel Spaß beim lesen wünscht euch
    Rouven

  3. Laura Frenzens schrieb am 21. März 2011 um 09:22 Uhr

    Es gibt auch deutschsprachige heimliche Ebook-Bestseller: mein rumänischer Psychologie-Kollege Mario Brocallo lebt von seinem Pornosucht-Ratgeber (PSratgeber) auch recht gut (aber in Rumänien lebt es sich halt billiger …)

    Laura

  4. Caro schrieb am 21. März 2011 um 17:23 Uhr

    Als Autor von ebooks Fuß zu fassen ist sehr schwer. Das, was Verlage bieten, ist unersetzlich: eine funktionierende Infrastruktur, Menschen, die wissen, wie man Bücher verlegt; Lektoren, Übersetzer, Kontakte in Redaktionen usw. Ich würde lieber in einem Verlag meine Texte veröffentlichen als bei Amazon…

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Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken

  1. Amanda Hocking gilt als Paradebeispiel für die neuen eBook-Autoren verlinkte am 15. März 2011 um 21:16 Uhr

    [...] 26-jährige Amanda Hocking aus Austin, Minnesota, hat laut einem Aritkel auf http://www.literaturcafe.de in Eigenregie mit Vampirromanen in Form von eBooks Millionen verdient. In einem Interview erfahren [...]

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