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Beitrag vom 3. Oktober 2010 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Buchtipp: Der baden-württembergische Ministerpräsident hat das Gedächtnis verloren

Joachim Zelter: Der MinisterpräsidentIm Roman von Joachim Zelter geht es um den baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Dies ist jedoch keine Leseempfehlung aus aktuellem Anlass. Denn Zelters Ministerpräsident ist ein netter. Man traut ihm nicht zu, dass er Kinder und Rentner im Stuttgarter Schlossgarten niederknüppeln lassen würde, um danach wie ein kleiner Junge auf dem Schulhof zu behaupten: »Die haben angefangen!«

Auch Zelters Ministerpräsident hat etwas Kindliches, denn sein baden-württembergisches Staatsoberhaupt hat das Gedächtnis verloren.

Jochim Zelters Roman »Der Ministerpräsident« hat es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2010 geschafft – und das Buch ist eine absolute Leseempfehlung für den Bücherherbst 2010 und darüber hinaus.

Warum der Roman nicht auf die Shortlist kam, darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht ist er zu böse, zu ironisch, zu aktuell, zu politisch und im Kern zu treffend. Die Buchpreisjury mag es in der Regel ernster, und ohne DDR oder Zweiter Weltkrieg im Plot hat ein Buch kaum eine Chance auf den Gewinn.

Nach einem Autounfall erwacht der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg in einer noblen Promi-Kinik im Schwarzwald. Dummerweise weiß er nicht mehr, dass er Ministerpräsident ist, denn Teile seines Gedächtnisses wurden beim Unglück ausgelöscht. Dumm auch, dass in Kürze Landtagswahlen sind und die Chancen für eine Wiederwahl enorm hoch. Oder waren sie das?

Kurz nachdem der Ministerpräsident sein Bewusstsein wiedererlangt hat, taucht ein Mann namens März an seinem Krankenbett auf. März scheint der Wahlkampfberater des Politikers zu sein, und er tut alles, um den Landesvater wieder in Leben und Landespolitik einzugliedern – sehr zum Missfallen der Ärztin, die bereits froh darüber ist, dass der Ministerpräsident überhaupt wieder sprechen kann.

Doch da wird beim Hinhören die erste Katastrophe offenbar: Der Ministerpräsident hat seinen schwäbischen Dialekt verloren – stattdessen ist sein Englisch besser geworden.

In dieser Story ist eine Prise Althaus und ein Löffelchen Öttinger enthalten, und so zusammengefasst klingt es wie eine alberne Politsatire.

Aber davon merkt der Leser nichts. Wie schon in seinen anderen Werken schafft es Zelter meisterlich, dass seine Handlung ein leichtes Übergewicht ins Absurde erhält, ohne dass dies auffällt. Beim Lesen verschwimmt diese Grenze, und trotz der Absurdität wirkt die Geschichte glaubhaft. Genauso könnt es passieren – wenn nicht jetzt, dann demnächst.

Denn kaum ist der Schock der anti-schwäbischen Sprachmutation überwunden, wird die nächste Katastrophe offenbar: Der Präsident hinkt! Wie soll er jemals im Wahlkampf wieder dynamisch wirken? Aber März ist Vollprofi, und zufällig zeigt sich eine Lösung: Ist der Ministerpräsident mit dem Fahrrad unterwegs, fällt die Behinderung nicht auf. Also wird der Wahlkämpfer als Rennradfahrer inszeniert, der auf dem Sportgerät den ökologischen Umweltgedanken verkörpert. Die Not wird zur Tugend gestylt.

Gekonnt eingesetztes Lokalkolorit, eingeflochtene echte Persönlichkeiten wie Peter Sloterdijk und immer wieder herrliche Anspielungen jeglicher Art – das Buch ist voll davon. Nicht alle muss man (er-)kennen, doch gibt es viel zu entdecken.

Wunderbar die Szene, wie der Ministerpräsident den Wahlkampf auf der Burg Hohenzollern beginnt, um von dort hinab zum Sonderparteitag nach Hechingen zu radeln. Ein kleiner Bub zeigt auf ihn und sagt: Er hinkt ja. Doch anders als im Märchen wird der Junge bei Zelter schnell aus dem Weg geräumt.

Und während der Ministerpräsident als vorbildliche Politmarionette agiert, eröffnet der Autor eine zweite Ebene, indem er zeigt, wie der Politiker zum Menschen wird und zu einem besseren Leben als dem eines Politikers findet.

Auch das mag in dieser kurzen Zusammenfassung furchtbar platt und pathetisch klingen, aber auch das tut es bei Zelter nicht. Zelter weiß genau, wann der Bogen überspannt wäre, und agiert mit intelligentem Humor, mit Worten und Handlung an und auf diesem Spannungsbogen.

Dieser Roman ist keine 200 Seiten lang, man kann ihn mühelos an einem oder zwei Nachmittagen lesen: ein großer kleiner Roman für ein Wochenende. Und eine Geschichte, die hängen bleibt.

Wolfgang Tischer

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