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»Writers & Lovers« von Lily King: Leben im Roman

Cover der deutschsprachigen Ausgabe: Writers & Lovers
Cover der deutschsprachigen Ausgabe: Writers & Lovers

Nicht schon wieder ein Roman über einen Schriftsteller! Zu oft schreiben Autoren über ihre eigene Berufsgruppe. Es gibt zu viele Romane mit erfolglosen Autoren als Protagonisten. Immerhin ist die Hauptfigur in Lily Kings fünftem Roman eine 31-jährige Schriftstellerin.

Im März 2020 erschien »Writers & Lovers« auf Englisch, vier Monate später folgte die deutsche Ausgabe im Verlag C. H. Beck, übersetzt von Sabine Roth. 300 Seiten, gelbe Schrift auf pinkem Kartoneinband, orangenes Vorsatzpapier. Lesebändchen.

Writers & Lovers: Buch ohne Schutzumschlag
Writers & Lovers: Buch ohne Schutzumschlag

Der deutsche Buchtitel entspricht dem englischen Original und verrät einiges über den Inhalt. Die Covergestaltung der beiden Ausgaben fällt jedoch komplett unterschiedlich aus. Die graphische Sonne mit schwarzem Kern und bunten Strahlen auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe hat nichts mit dem englischen Quasi-Stillleben mit Blumen und Obst zu tun. Die Version von C. H. Beck macht neugierig, man erwartet keine klassische Schreib- und Liebesgeschichte.

Das Leben der Ich-Erzählerin Casey ist ein Drama: Sie trauert um einen engen Verwandten, ist hoch verschuldet. Sie hat gesundheitliche Probleme, Stress beim Kellnerjob, kein Glück in der Liebe. Nichts klappt. Alles stockt. Auch das Schreiben an ihrem Roman.

Kings Roman ist nicht nur tragisch. Manchmal auch lustig. Manchmal beides. »Aber ich kann mich nicht mit einem Mann treffen, der in drei Jahren nur elfeinhalb Seiten geschrieben hat. So etwas überträgt sich«, berichtet Casey ihrer besten Freundin über ein mögliches Date.

Casey steht zwischen zwei Männern. Die beziehungstechnische Unverbindlichkeit des Romans würde perfekt in die heutige Zeit passen. Allerdings spielt der Roman vor über 20 Jahren: Lady Dianas Tod im Jahre 1997 wird erwähnt. Casey sucht die Namen von Literaturagenten aus einem Buch heraus und nicht im Web, verschickt ihr Manuskript per Post, telefoniert mit ihren Lovern statt zu whatsappen.

Die junge, erfolglose, überschuldete Schriftstellerin mit kompliziertem Liebesleben. Klingt nach Seifenoper und Chicklit.

Würde die Protagonistin plötzlich beschließen, eine bekannte Schriftstellerin zu werden und über Nacht einen Roman schreiben. Würde ihre beste Freundin, die zwei Bücher in ihrem Leben gelesen hat, ihr Buch genial finden. Und würde das Buch ein Bestseller werden – dann müsste man »Writers & Lovers« klischeegenervt weglegen. Zum Glück passiert das nicht.

Es ist die Figur der Casey, die einen weiterlesen lässt. Casey wird lebendig, wenn sie über das Schreiben spricht. Und über Bücher.

Casey ist intellektuell: Sie hat Literatur studiert, viel gelesen, in einem Buchladen gearbeitet. Sie spricht mehrere Sprachen: »Jede Unterhaltung war eine Gelegenheit zu glänzen, sprachliche Pirouetten zu drehen, die mich stolz machten und ihn überraschten. Aber was wir sagten, weiß ich nicht mehr. Gespräche in fremden Sprachen prägen sich mir nicht auf die gleiche Art ein wie Gespräche auf Englisch«, schreibt Casey in Gedanken an ihren Ex-Freund, bei dem sie eine Zeit in Barcelona wohnte.

Casey bewegt sich in literarischen Kreisen. Ihre Freunde und (Ex-)Lover schreiben alle. Was schreiben die anderen? Wie äußere ich Kritik am Werk eines Bekannten? All das wird thematisiert, mag Autoren bekannt vorkommen.

»Sag uns, dass die ihre Finger nicht spürt. Emotionen schlagen sich im Körper nieder.« Die beste Freundin und Erst-Lektorin weist Casey auf »Show, don’t tell« hin.

Casey ist emanzipiert. Und macht sich gleichzeitig von Männern abhängig. Auch sehr zeitgemäß.

Casey nennt den Roman, an dem sie jahrelang geschrieben hat, ihr »Zuhause« und ihren »Zufluchtsort«. Sie lebt und liebt das Schreiben. King vermittelt sprachlich Stimmungen und Emotionen, sodass der Leser in Caseys Welt eintauchen kann.

Die deutschsprachige Ausgabe von Writers & Lovers
Die deutschsprachige Ausgabe von Writers & Lovers

Im überflüssigen Vorwort schreibt Lily King, dass vieles an Caseys Geschichte autobiographisch sei. Warum spoilert King dies auf den ersten drei Seiten? Das macht es schwer, Casey von Lily zu trennen. Im Nachwort wäre die Information sinnvoller untergebracht gewesen.

Lily King sagt – ebenfalls im überflüssigen Vorwort –, sie habe den Roman geschrieben, den sie mit Anfang dreißig gerne selbst gelesen hätte. Viele Autoren behaupten das.

Lily King macht jungen, schreibenden Frauen Hoffnung. Diese sind das Zielpublikum, das mit »Writers & Lovers« einen unterhaltsamen Roman zu lesen bekommt.

Juliane Hartmann

King, Lily; Roth, Sabine (Übersetzer): Writers & Lovers: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. C.H.Beck. ISBN/EAN: 9783406756986. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
King, Lily; Roth, Sabine (Übersetzer): Writers & Lovers: Roman. Kindle Ausgabe. 2020. C.H.Beck. 17,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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