Vito von Eichborn: »In eine Suchmaschine ›gutes Buch‹ einzugeben, ist witzlos« – Buchmesse-Podcast Leipzig 2011

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Vito von EichbornDass Verlage »bestimmen«, was die Leute lesen, ist ein weit verbreitetes Vorurteil und ein Irrtum. Denn es die Buchhändler, die entscheiden, ob sie dem Verlagsvertreter bestimmte Bücher abkaufen und in den Laden stellen. »Wie wird der Handel auf das Buch reagieren?« Das ist die Frage im Verlag.

Doch ein großer Teil des unabhängigen Buchhandels wird verschwinden. Durch die großen Ketten und das Aufkommen von eBooks, wird es kaum mehr unabhängige Buchhandlungen geben, die die literarischen Perlen im Programm der Verlage erkennen und ihren Kunden verkaufen. Bestimmen künftig nur noch Algorithmen in Online-Shops, was wir lesen sollten?

Nein, meint Vito von Eichborn, der Gründer und ehemalige Verleger des Eichborn Verlags. Um gute und literarische Bücher aus den Neuerscheinungen auszusieben, brauche es Menschen. Man könne in eine Suchmaschine nicht den Begriff »gutes Buch« eingeben und sinnvolle Ergebnisse erwarten.

Wenn man wie die Verlage mit Inhalten handelt, müsse man sich derzeit sehr viele Gedanken machen, denn wenn wir »Buch« meinen, meinen wir »Inhalt«. Das Buch – egal ob auf Papier oder in elektronischer Form – wird wieder zum Nischenprodukt werden, das es vor hundert Jahren immer schon war. Bücher waren nichts für die breite Masse, es gab sie nur im gehobenen Bürgertum.

Wie das mit dem eBook und dem Verschwinden der unabhängigen Buchhandlungen ausgehen wird, das kann auch Vito von Eichborn nicht voraussagen: »Man weiß das Ergebnis von Revolutionen nie.«

Der Begriff »gute Literatur« impliziere, dass das Buch nicht beschreibbar sei, dass es nicht Genre sei. In eine Suchmaschine »guter Roman« einzugeben, sei witzlos. Gute Literatur lässt sich nur über das Image derer vermitteln und finden, die die Qualität suchen und anderen davon berichten. Das Extreme und neue finde nicht in der Mitte statt.

Im Internet hat Eichborn noch keine Website entdeckt, die solches leistet. In den meisten Portalen und Foren fände sich Genre-Literatur und »Kokolores« oder Autoren empfehlen ihre Bücher selbst.

Zudem geht es im ausführlichen Gespräch um die von Eichborn als langweilig empfundene »abgeschriebene Wirklichkeit« vieler zeitgenössischer Romane. Vito von Eichborn: »Ich will als Leser keine Wirklichkeit! Die habe ich selbst. Ich will mein Leben in anderer Form nicht anderswo lesen.«

Außerdem fragen wir nach, was aus seinem Projekt geworden ist, verborgene und vergriffene Bücherschätze zu heben und neu aufzulegen.

5 KOMMENTARE

  1. Zu viel Fantasie wiederum will bis auf Fantasyfans vermutlich auch kaum jemand lesen.
    Ist mir die hoffentlich nicht weltfremde Frage erlaubt, seit wann Verlage oder Buchhandlungen bestimmen, was ich lese? Ich habe doch allein schon via Internet viele Möglichkeiten diejenige Literatur zu finden, von der ich mir vorstelle, sie könnte zurzeit das Richtige für mich sein. Mancher Roman, der mir einiges mitgegeben hat, wird gar nicht, längst nicht mehr gedruckt, an dem hat ein Antiquariat ein wenig nur verdient.

  2. “Die Veränderung der Form bringt auch Veränderungen der Inhalte mit sich” – meint Vito v. Eichborn. Es ist zu hoffen! Allein, mir fehlt (noch) der Glaube.
    Denn dazu müsste man sich in den Institutionen, den Verlagen, aber auch bei den Autoren einmal grundlegend die Frage nach dem geistigen Eigentum und seiner Bedeutung stellen, müsset man aufhören, weiter an der “ICH-habe-das-gemacht” zu kleben wie eine Made am Speck. Warum bieten die Autoren und Verlage nicht einen Teil ihrer Literatur oder gleich alles frei kopierbar an? Es wäre zumindest eine Möglichkeit. Das digitale Buch als Appetizer für das gedruckte.
    Oder haben die Literaten und Verlage Angst vor den schlimmen eBook-Piraten? Nun, der amerikanische Autor John Sclazi fragte vor einigen Jahren in seinem Blog: “Wer sind Piraten? Das sind Leute, die für Dinge nicht zahlen wollen (z.B. Schwachköpfe), oder die, die nicht zahlen können (z.B. Studenten in chronischer Pleite). Die Schwachköpfe hatten wir schon immer, die würden uns nicht mal bezahlen, wenn sie das Geld dafür hätten. Ich mache mir keine Sorgen um die, ich hoffe einfach nur, dass sie in einen verlassenen Brunnenschacht stürzen, sich die Beine brechen und an Wundbrand sterben, nach ein paar extrem schmerzhaften Tagen des Leidens und Verdurstens, und dann hoffe ich, die Ratten kauen das Fleisch von ihren Knochen und scheißen es in die Löcher. Und das wars dann zu denen.” (Quelle: gulli.com)
    Die aber, die nicht zahlen können, verurteilt Scalzi in keinster Weise, im Gegenteil, wer seine Bücher online komplett lese, werde dadurch vielleicht eines Tages zum Käufer. (Solche Erfahrungen hat z.B. Paulo Coelho mit einigen seiner Bücher gemacht.) Und wenn sie das Buch dann doch nicht kaufen: Was soll’s.
    Aber weiter zu den geforderten neuen Formen. Warum schreiben Autoren noch immer abgeschlossene Werke? Warum keine Remixe wie in der Musik, warum keine offenen, weiterschreibbaren und zum aktiven Verändern einladenden Texte? Das würde sensibilisieren – für Literatur und Bücher an sich – und nicht für die nur allzu oft dahinter stehenden kommerziellen Interessen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin sehr wohl der Meinung, dass man die Leistung eines Autors, Musikers oder Wissenschaftlers schätzen sollte – und zweifellos brauchen wir auch Buchhandlungen (und vor allem solche, die sich den großen Ketten und deren Reduktionen widersetzen) -, aber warum versuchen wir nicht Kunst und Kultur mal anders zu denken, nein, besser, sie anders zu produzieren, zu vertreiben und zu rezipieren? Ich habe z.B. gerade einen kleinen Prosa-Band gelesen (online). Das Buch heißt “Formenverfuger / Formenverfüger” und ist – in der gedruckten Version wie in der digitalen – mit einer Creative Comons Lizenz versehen, die das Kopieren nicht nur erlaubt, sondern – unter gewissen Bedingungen – sogar erwünscht.
    http://www.archive.org/details/FormenverfugerFormenverfger.StckeAusProsa
    Überdies gibt es in dem Buch einen Text, den der Autor nur begonnen hat, nach zwei Seiten aber abbricht und sich mit folgenden Worten an den Leser wendet: “Genug gelesen! Schreib’ den Text selber weiter, verändere ihn, bau ihn an anderer Stelle ein, nimm ihn auseinander und montiere ihn neu, zerstöre ihn und lass ihn lebendig werden…”
    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

  3. Achja, und Seitenraureißen finde ich auch gut bei einem Buch. Missa z.B. fordert in seinem Band den Leser genau dazu auf. Und warum auch nicht?

  4. “Das Buch – egal ob auf Papier oder in elektronischer Form – wird wieder zum Nischenprodukt werden, das es vor hundert Jahren immer schon war.” (Vito von Eichborn)
    Schon möglich – schon möglich! Ich bin diesbezüglich anderer Meinung! Vor ca. hundert Jahren kann es noch keine breite Leserschaft gegeben haben, weil die schulischen Grundlagen dafür fehlten. Die Menschen bemühten sich gerade auf breiter Front sich von der dumpfsinnigen Schreckensherrschaft der christlich katholischen Kirche in Europa zu befreien. Heute haben wir eine völlig andere Situation. Wir leben im Zeitalter des gierigen Konsums – und dazu gehört auch das Lesen.
    Das allerdings, was gelesen werden will und möchte stellt völlig andere Ansprüche – besonders inhaltlich und so wie es vermarktet werden soll. Das ist unübersehbar und aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken!!! Deutlich sichtbare Zeichen hinterlassen solche Veränderungen natürlich bei den klassischen Verlagen und bei den klassischen Buchläden. Was nicht heißen soll, dass sich das Buch als solches verkrümeln wird. Ganz sicher nicht! An den jährlichen Neuerscheinungen kann man das zweifelsfrei ablesen. Eine Zahl, von der man vor hundert Jahren nur träumen konnte. Ich bin absolut optimistisch, dass das Buch, gleich in welcher Form es vermarktet werden soll, nicht in der Schublade der Vergessenheit verschwinden wird – wer das glaubt setzt auf Bücher – ich meine inhaltlich – die wenig Interesse wecken. Nicht zu vergessen das liebe Geld!!! Das sehnsuchtsvoll seine Taschen weit geöffnet hat – warum auch nicht!!!
    Dietmar Dressel

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