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TV-Verfilmung von »Altes Land«: Abgewürgt im Feldwegmonolog

Iris Berben spielt die ältere und alte Vera Eckhoff in der Romanverfilmung »Altes Land« von Dörte Hansen. (Foto: ZDF/Mathias Bothor)
Iris Berben spielt die ältere und alte Vera Eckhoff in der Romanverfilmung »Altes Land« von Dörte Hansen. (Foto: ZDF/Mathias Bothor)

Ist dieses pathetische Flüchtlingsdrama die Verfilmung von Dörte Hansens Bestseller »Altes Land«? Es wirkt wie die Verschmelzung von ZDF-History und ZDF-Vorabendserie. War das Buch nicht viel leichter und eleganter als die Schminke im Gesicht von Iris Berben? Beim Wiederlesen des Buches muss man staunen.

Stolz auf den Cover-Coup

Der Roman »Altes Land«, 2015 im Knaus Verlag erschienen, der mittlerweile in Penguin umfirmiert wurde, war ein Überraschungsbestseller, geschrieben von der ehemaligen NDR-Journalistin Dörte Hansen. Es war ihr Debütroman.

Auf den ersten Blick schien das Buch in die damals beliebte Kategorie zu gehören »Enkelin aus der Stadt ist gezwungen, zu ihrer Oma zu ziehen und entdeckt Landleben und Familiengeschichte« (In diesem Fall Tante und Nichte). Doch schon mit dem Cover signalisierte man dem Lesepublikum, dass dieses Buch anders gelagert ist. Der damalige Knaus-Verleger Wolfgang Ferchl ist heute noch stolz auf diesen optischen Coup.

Mit bildreicher Sprache und dennoch lakonischem Stil und mit perfekt dosierter Ironie zeichnet die Autorin das Leben auf dem Dorf, das Leben im »Alten Land«, einer Gegend südwestlich von Hamburg an der Elbe gelegen.

In vielfacher Hinsicht zeigt Dörte Hansen den Wandel der Gegend auf. Obstbauern zwischen Chemie und Bio-Anbau, Städter, die das heile Landleben suchen und Bauern, deren Kinder die Höfe nicht übernehmen wollen.

Szene wie im Bauerntheater: Die junge Vera (Maria Ehrich) hat Courage und vertreibt Hinnis (Marius Ahrendt) gewalttätigen Vater aus dem Haus von Karl Eckhoff (Milan Peschel). (Foto: ZDF/Boris Laewen)
Szene wie im Bauerntheater: Die junge Vera (Maria Ehrich) hat Courage und vertreibt Hinnis (Marius Ahrendt) gewalttätigen Vater aus dem Haus von Karl Eckhoff (Milan Peschel). (Foto: ZDF/Boris Laewen)

Fünf Jahre später hat das ZDF das Buch als »Event-Zweiteiler« in zweimal 90 Minuten verfilmt. Sherry Hormann adaptierte das Buch und führte Regie. Die Besetzung ist hochkarätig, u. a. sind Iris Berben, Maria Ehrich, Nina Kunzendorf, Svenja Liesau, Peter Kurth, Milan Peschel und Matthias Mattschke mit dabei. Die Erstausstrahlung im TV erfolgte am 15. und 16. November 2020. Bis November 2021 ist der Zweiteiler kostenlos in der ZDF-Mediathek verfügbar.

Angekitschtes Vertriebenendrama?

Aber ist das wirklich die Verfilmung von Dörte Hansens Buch? Was man im ersten Teil zu sehen bekam, war das typische angekitschte ZDF-Vertriebenendrama. Flucht übers Haff und die Nachkriegszeit in grau-blauen Farben. Alle Figuren unfähig zur Kommunikation. Da wurde angeschwiegen, angeschrien, beleidigt, beschimpft, geflucht und gezetert. Ablehnung und Misstrauen überall. Konflikte vornehmlich zwischen Frauen, zwischen Halbschwestern, Mutter, Tochter und Tante.

Vera Eckhoff (Iris Berben) erfüllt ihrem Stiefvater Karl (Milan Peschel) auf der weißen Bank vor dem Haus einen langgehegten Wunsch. (Foto: ZDF/Georges Pauly)
Vera Eckhoff (Iris Berben) erfüllt ihrem Stiefvater Karl (Milan Peschel) auf der weißen Bank vor dem Haus einen langgehegten Wunsch. (Foto: ZDF/Georges Pauly)

Milan Peschel und Iris Berben waren überbordend auf alt geschminkt, dass man sich in einer Folge »Sketchup« wähnte und ein wenig darauf wartete, dass gleich Dieter Krebs mit dicker Brille ums Eck käme. Freundliche und konfliktfreie Kommunikation schien es nicht zu geben. In Tatort-artiger Weise begann es mit Handlungsschnipseln, die man als Zuschauer langsam zusammenbauen konnte. Eine beliebte Anfangsdramaturgie in Fernsehfilmen, um auf simple Art Neugier zu erzeugen, um dann nach 6 Minuten mit dem Schriftzug »Eine Woche früher« nochmals neu zu beginnen. Eine »Was-uns-später-noch-erwarten-wird«-Dramaturgie, die man in Büchern gerne als »Prolog« bezeichnet.

Das Buch »Altes Land« hat keinen Prolog. Man gewinnt den Eindruck, dass die acht Seiten des ersten Kapitels in der Verfilmung zu langen 90 Minuten geworden sind.

Steht das alles so im Buch? So düster und schwermütig wie der Film war es doch nicht? Kann man sich so täuschen?

Fast alles steht so im Buch

Nimmt man »Altes Land« von Dörte Hansen nach fünf Jahren wieder zur Hand, muss man feststellen, dass tatsächlich (fast) alles so im Buch steht. Teilweise wortwörtlich. Das Ankommen der Vertriebenen vor dem Hof, der alte Schrank, der dem Klavier weichen muss. Später dann im zweiten Teil die Reise nach Polen ins ehemalige Ostpreußen, die im Film seltsam verkürzt in Smartphone-Fotos erzählt wird. Was die Autorin Dörte Hansen alles in beiläufige und daher umso wirkungsvollere Sätze packt, wird im Film üppig ausgebreitet. Er wirkt überladen, obwohl er merkwürdige Leerstellen lässt, wie es beispielsweise mit der Zahnarztpraxis weiterging.

Monolog auf dem Feldweg: Svenja Liesau als Anne von Kamcke und Matthias Matschke als Burkhard Weißwerth. (Foto: ZDF/Boris Laewen)
Monolog auf dem Feldweg: Svenja Liesau als Anne von Kamcke und Matthias Matschke als Burkhard Weißwerth. (Foto: ZDF/Boris Laewen)

Die Ironie, mit der Dörte Hansen auf die Städter und die aufs Land gezogenen Städter blickt, scheint im Film nur ansatzweise durch. Matthias Matschke spielt den Herausgeber einer Heiles-Land-Zeitschrift gut und nicht überzogen, doch dieser Handlungsstrang wird nicht auserzählt, sondern in einen merkwürdigen Feldwegmonolog abgewürgt. Die häufigen Vor- und Rückblenden werden mal mit einer Zeitangabe versehen und mal nicht.

Die Figuren werden nur älter geschminkt. Kaum eine durchläuft eine erkennbare und nachvollziehbare Entwicklung.

Fargo im Buch, eklig im Fim

Nichts von der beeindruckenden Erzählweise Dörte Hansens findet sich im Film wieder, obwohl das meiste vom Inhalt akribisch nachgebildet ist. Wenn sich die Mutter auf dem Dachboden erhängt, weil die Schwiegertochter das Haus nicht verlassen will und Klavier spielt, wirkt das im Film befremdlich konsequent, während es im Buch fast lyrisch heißt, sie »schien in der Luft zu tanzen«. Das Schlachten eines Rehs wird im Buch von einem Protagonisten mit der Häcksler-Szene aus dem Film »Fargo« verglichen. Im ZDF-Film wirkt es nur eklig.

Das Taschenbuch »Altes Land« von Dörte Hansen. Der Roman erschien 2015.
Das Taschenbuch »Altes Land« von Dörte Hansen. Der Roman erschien 2015 im Knaus Verlag, jetzt Penguin.

Und wie oft in TV-Produktionen muss die Landschaft, müssen Obstbäume und reetgedeckte Höfe als Lokalkolorit ausreichen. Von der plattdeutsche Sprache, die man selbstsicher im Buch belassen und nur ein einziges Mal mit einer erklärenden Fußnote versehen hat, ist im Film nichts zu hören.

Die Verfilmung scheitert an den Details, das Buch ist fünf Jahre nach Erscheinen umso lesenswerter.

Wolfgang Tischer

Hansen, Dörte: Altes Land: Roman. Gebundene Ausgabe. 2015. Albrecht Knaus Verlag. ISBN/EAN: 9783813506471
Hansen, Dörte: Altes Land: Roman. Taschenbuch. 2017. Penguin Verlag. ISBN/EAN: 9783328100126. 12,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Hansen, Dörte: Altes Land: Roman. Kindle Ausgabe. 2015. Albrecht Knaus Verlag. 10,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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7 Kommentare

  1. Also: Ich war auch enttäuscht von dem Film, von dem ich mir nach der Vorankündigung und den guten Schauspielern viel erwartet habe. Als ‘Südländerin’ Bayerin habe ich mich drauf gefreut, mehr über die Mentalität der ‘Nordländer’ zu erfahrender und zu verstehen.
    Beim Film haben mich am meisten die (fast) willkürlich eingestreuten Rückblicke der Protagonisten nach Kriegsende gestört. Es wäre besser gewesen, den 1. Teil kurz nach dem Krieg und den 2. Teil in unserer Zeit zu senden. Irgendwann habe ich nicht mehr durchgeblickt. Schade! Den 2. Teil habe ich mir nicht mehr angesehen.
    Das Buch habe ich noch nicht gelesen, kann also nichts dazu sagen, ob der Film dem Buch nahe kommt.
    Aber den Maskenbildnern ein großes Lob. Das war Kunst!

  2. Nachdem ich das Buch vor 2 Jahren mit grosser Begeisterung gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf die Verfilmung. Ich war schon am ersten Abend enttäuscht von der Umsetzung. Die Schauspieler haben wirklich sehr gut gespielt, auch wenn die Maske etwas sehr dick aufgetragen war. Schade, dass der Spurensuche in Masuren nicht mehr Raum gegeben, das Sterben des alten Karl dafür extrem in die Länge gezogen wurde. Schade – das Buch hätte soviel Potential für einen wunderbaren Film gehabt.

  3. Ich hatte mich auf den Film gefreut, nachdem ich mit Begeisterung vor ca. 2 Jahren das Buch gelesen hatte. Die ständigen Zeitsprünge, das kurze, schnelle Sein mit düsteren Bildern in den jeweiligen Zeiten hat mich irritiert. Ich werde das Buch noch einmal lesen. Ich fand es atmosphärisch viel dichter und ausdrucksstärker. Die Sprache, die Mentalität der Menschen sowohl im Alten Land als im jungen hippen Ottensen, die das Buch ausmacht, wurden im Film nicht erreicht.

  4. Ich habe das Buch mehrmals gelesen, weil es mir ausnehmend gut gefallen hat.
    Nichts von der plattdeutschen Sprache ist übernommen worden. Ich war einfach
    nur enttäuscht von dem Film. Und Iris Berben hat ihre Rolle total überzogen und
    nur bärbeissig gespielt. Nein, der Film war absolut nicht gut.

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