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StartseiteBuchkritiken und TippsTaugenichts im 70er-Sommer: »Fahrtwind« von Klaus Modick

Taugenichts im 70er-Sommer: »Fahrtwind« von Klaus Modick

Der Roman »Fahrtwind« von Klaus Modick

Ein Buch, erfrischend wie der Fahrtwind auf der Urlaubsreise: Klaus Modick hat Josef von Eichendorffs Taugenichts in die 70er-Jahre versetzt. Ein Buch für den lauen Sommerabend.

Weil ihn der Vater nervt, er möge endlich mal im elterlichen Betrieb mit anpacken oder einfach verschwinden und sich selbst sein Brot erwerben, schnappt sich der Taugenichts seine Geige und zieht hinaus in die Welt. Er fiedelt sich durch Österreich bis nach Rom. »Aus dem Leben eines Taugenichts« von Josef von Eichendorff ist eine spätromantische Novelle, erstmals 1826 veröffentlicht. Unbeschwert zieht der Künstler durch die Welt, geht keiner geregelten Arbeit nach, erlebt so manches Abenteuer, findet die große Liebe und am Schluss gibt es natürlich ein Happyend. Nicht nur glückliche Zufälle durchziehen das kleine Büchlein, sondern immer wieder auch Lieder und Gedichte, darunter das bekannte »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt …«

Im Roman »Fahrtwind« von Klaus Modick berichtet ein Erzähler in einer Art Vorwort von einem Uni-Seminar in den 70ern, in dem der Taugenichts behandelt wird. Schon damals fragte sich der Erzähler, der offenbar Modick selbst ist, wie sich der romantische Text heute erzählen ließe. »Was für ein Ton wäre anzuschlagen? Wie würde das klingen?«

Klaus Modick (Foto: Malte Bremer)
Klaus Modick (Foto: Malte Bremer)

So versucht sich der Autor knapp 50 Jahre später an einem moderneren Taugenichts, den er jedoch in den 1970er-Jahren belässt, zwischen Flowerpower und RAF. Die Geige wird zur Gitarre.

»Fahrtwind« ist mehr als eine literarische Fingerübung von Klaus Modick. Es lohnt sich, das Eichendorffsche Original und anschließend Modicks Version zu lesen. Originell greift sich Modick Schauplätze und Figuren des Originals und überträgt sie glaubhaft in die 1970er – so glaubhaft, wie das eben mit einer fast märchenhaften romantischen Erzählung möglich ist. Modicks Text hat die Leichtigkeit des Originals, ist lustig, ohne zur Parodie zu verkommen. Den Garten in Rom verlegt Modick in die Villa Massimo, jener berühmten italienischen Einrichtung der bundesdeutschen Kulturförderung. Modicks Taugenichts ist begeistert: »Man kriegt also eine Wohnung in Rom und Geld obendrauf fürs — für gar nichts?« Für ihn ein Traum: »Müßiggang als honorierter Dauerzustand«.

Der Taugenichts der 1970er referenziert bisweilen den Taugenichts des 19. Jahrhunderts. Doch es sind die Songs der 70er wie die Beatles, Bob Dylan, aber auch Paulo Conte und Walter Scheel auf dem gelben Wagen, die den »Fahrtwind« durchziehen.

Dass es zu diesem herrlich-leichten Sommer-Roman keine Playlist gibt, hat sich unmittelbar mit diesem Text geändert.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

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