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Schreiben mit Kondom: Diversität, politische Korrektheit, Empfindlichkeitslesen und die Literatur

Schere

Künstler und Autoren werden immer häufiger mit der Anforderung konfrontiert, sich in ihrer Selbstdarstellung und sogar in ihren Werken politisch korrekt zu geben – oder sie versuchen dies freiwillig, weil sie glauben, das tun zu müssen. Der Berliner Schriftsteller Tom Liehr seziert das Phänomen.

Comedykill

Viele bekannte Comedians, darunter Chris Rock und Jerry Seinfeld, treten grundsätzlich nicht mehr an amerikanischen Universitäten auf, weil Verstöße gegen die political correctness während solcher Auftritte inzwischen regelmäßig mindestens zu Unterbrechungen, oft aber auch zu Eklats und regelrechten Ausschreitungen führen, und längst nicht mehr nur an den Unis. Lautstark brüllen selbsternannte Anwälte des Minderheitenschutzes Künstler nieder, die mit ihren Programmen unterhalten und durchaus auch diese Leute zum Nachdenken anregen wollen. Der deutsche Karnevalist Bernd Stelter geriet während eines Auftritts mächtig ins Schwimmen, weil sich eine Dame im Publikum lautstark darüber aufzuregen begann, dass sich der Komiker über Doppelnamen (!) lustig machte. Der Kabarettist Dieter Nuhr gab kürzlich frustriert zur Kenntnis, dass er kaum noch wisse, was er in seinen Programmen thematisieren solle, da inzwischen so gut wie jede menschliche Eigenschaft als Witzmotiv tabu sei, und es könne immer jemanden geben, der sich beleidigt fühlen könne – zugleich, stellte er fest, gehöre er offenbar als »alter weißer Mann« derjenigen Clique an, die die Schuld an allen Problemen der Welt trägt. Der Monty Python John Cleese, derzeit unterwegs mit seinem Programm »Last Time To See Me Before I Die«, bezeichnet die politische Korrektheit, die nach seinen Worten völlig außer Kontrolle sei, als einen dramatischen Fehler, vor allem in Kunst und Kultur: Leute, die mit ihren Gefühlen nicht zurechtkämen (und offenbar nicht über sich selbst lachen können), würden deshalb anderen Verhaltensvorschriften machen, und sie würden unnachgiebig darauf drängen, dass diese eingehalten werden. Die Comedyszene wird auf diese Weise ihrer Existenzgrundlage beraubt. Vom sogenannten Body Shaming bis zum Schwulenwitz, nichts geht mehr, und wenn sich eine »marginalisierte Gruppe« (zu denen wohl auch Doppelnamenträger gehören), wie man das derzeit (hoffentlich noch bis zum Erscheinen dieses Beitrags) nennt, auch nur sehr entfernt düpiert fühlen könnte, oder jemand, der ihr zwar nicht angehört, aber stellvertretend für sie annimmt oder behauptet, dass es so sein könnte, ist das Ende der Komikerkarriere näher als die nächste Pointe.

Doch die Stand-Upper und Büttenplauderer markieren hier nur die Spitze eines äußerst gefährlichen Eisbergs. Es kann alle und jeden treffen. Die Autorin Sarah Kuttner (»Mängelexemplar«, Fischer) stellte im Jahr 2012 ihr damals neuestes Buch »Wachstumsschmerz« (Fischer) im Hamburger »Uebel & Gefährlich« vor, und sie erzählte dabei von ihrem eigenen Aufwachsen in den Achtzigern. Zu dieser Zeit, also als Kind, hatte sie, wie sie ausführte, eine aus dunklem Stoff hergestellte Puppe mit übertrieben dicken Lippen besessen, die sie »Negerpuppe« genannt hatte. Ein Lesungsgast mit afrikanischen Wurzeln fühlte sich dadurch rassistisch beleidigt, weshalb er die Veranstaltung störte, gar die Polizei rief, um Anzeige erstatten zu können, und im Nachgang der ganzen Sache wurde Sarah Kuttner einem Shitstorm biblischen Ausmaßes ausgesetzt. Die Presse sprang an, und ein Ex-Kollege aus Kuttners Zeit beim Popfernsehen »VIVA« ließ sich sogar dazu herab, die Schriftstellerin nachträglich wegen ihrer – seiner Aussage nach – damals schon deutlich spürbaren rassistischen Neigung anzuscheißen. Die Hirnrissigkeit dieser Angelegenheit ist dabei höchstens ein Nebenaspekt, denn es ist auf keinem Planeten dieses Sonnensystems eine rassistische Beleidigung, wenn eine erwachsene Autorin davon berichtet, als Kind ein Spielzeug »Negerpuppe« genannt zu haben, und dabei spielt nicht einmal eine Rolle, ob das fiktiv oder tatsächlich autobiografisch ist. Im Kern geht es um etwas Anderes, nämlich darum, dass die Tyrannei der politisch Korrekten die Kunst erreicht hat – und sie existentiell bedroht.

Zeitalter der Übervorsichtigkeit

Seit 9/11 hat sich ein völlig irrationales Sicherheitsdenken etabliert. Millionen und Milliarden von Fluggästen stehen seither stundenlang an Check-Ins an und lassen klaglos intimste Kontrollen über sich ergehen, weil ein Haufen armseliger Arschlöcher vor zwanzig Jahren vier Flugzeuge entführt hat – mit bekanntem Ausgang. Die Passagiere würden wahrscheinlich auch akzeptieren, wenn sie nur noch 100 Milliliter an Körperflüssigkeiten mit in die Maschinen nehmen dürften – Hauptsache, es dient der gefühlten Sicherheit. Nur kein Risiko, das ist das Motto dieses Zeitalters der Übervorsichtigkeit mit seinen Helikoptereltern, Spurhalteassistenten, Uploadfiltern und Virenscannern. Wir sind ständig in Angst und Panik (oder wir tun so, als wäre das der Fall), und wir begegnen dem mit vorauseilender Übervorsichtigkeit. Wir lassen uns in unwürdiger Weise kontrollieren und permanent überwachen, weil das möglicherweise irgendwas verhindert. Dass dieses Vorgehen jedweder Verhältnismäßigkeit entbehrt und einen aktiven Raubbau an unseren Freiheiten darstellt, scheint niemanden ernsthaft zu stören. Ein Mensch wird vor einen in den Bahnhof einfahrenden Zug gestoßen, und im Nachgang dieses unglaublich tragischen Ereignisses wird allen Ernstes gefordert, zu versuchen, im Hinblick auf solche Vorfälle die Sicherheit auf und von Bahnhöfen zu verbessern. Warum nicht die Menschen gleich nach der Geburt in wattierte Särge stecken, künstlich (vegan) zwangsernähren und bis zum Abnibbeln nur noch mit Helenefischermusik beschallen?

Schere

Angst ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sondern der mit Abstand schlechteste Ratgeber von allen. Wer Angst davor hat, bei dem, was er tut, einen Fehler zu machen, sollte die fragliche Aktivität lieber lassen, denn etwas Gutes kann dabei nicht mehr herauskommen, vor allem, wenn es um kreative Prozesse geht. Bei Autoren nennt man das »Schere im Kopf«: Die Sorgen um eine mögliche Interpretation und um Rückschlüsse auf die Autorenperson und ihr Umfeld bestimmen den Schöpfungsvorgang. Einfacher gesagt: Man traut sich nicht, etwas zu schreiben, das man eigentlich schreiben wollte, weil man mögliche Konsequenzen fürchtet.

Das kann in Teilbereichen durchaus vernünftig sein, etwa, wenn autobiografische Geschehnisse aufgegriffen werden und die daran beteiligten Personen später im Text auf eine Art erkennbar werden, die zu Irritationen Anlass geben könnte (man will der Ex ja nicht noch Kanonenfutter für den Scheidungsanwalt liefern), aber hiervon abgesehen sollten Künstler – also Autoren – ihre Möglichkeiten nicht vorauseilend dadurch beschneiden, dass sie sich zeitgeistige Verhaltenskonzepte auferlegen. Davon wiederum abgesehen sind Versuche, es allen recht zu machen, nirgends anzuecken, niemanden aufzuregen oder – vor allem versehentlich – zu beleidigen unterm Strich genauso sinnlos wie jene, die Welt gegen alle denk- und undenkbaren Attacken abzusichern. Das Fass hat schlicht keinen Boden; die einzige aussichtsreiche Option bestünde im Totalverzicht. Sicher ist, wer die Welt meidet, und auf der sicheren Seite etwa beim Schreiben ist man nur, wenn man es ganz lässt.

Die Welt ist, wie sie ist

»Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär‘ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt«, texteten Die Ärzte vor ein paar Jahren (»Deine Schuld« auf »Geräusch«, 2003, Hot Action Records). Diese simple Wahrheit sollte das Mantra aller Menschen sein – wir können die Welt gemeinsam besser machen, da ist nämlich noch eine Menge Luft nach oben, und am Ende könnten wir sie dann mit recht gutem Gewissen verlassen. Ziemlich sicher wäre die Welt perspektivisch besser, wenn wir alle intensiv aufs Klima achten würden (aber nicht nur, wie manche fordern), wenn wir alle mehr Zivilcourage zeigten und wenn wir uns nicht, wenn gerade keiner hinschaut, wie egoistische Arschlöcher benähmen. Es gibt auch Leute, die behaupten, dass die Welt besser wäre, wenn sämtliche Aspekte, die mit tradiertem, internalisiertem oder immanentem Geschlechterrollenverhalten zu tun haben, im Orkus landen würden. Ob diese Leute recht haben oder nicht, sei dahingestellt, aber sie gehen ja noch einen Schritt weiter.

Der Autor Stefan Schwarz, der u. a. so hinreißende Bücher wie »Hüftkreisen mit Nancy« und »Das wird ein bisschen wehtun« (rororo) geschrieben hat, legte kürzlich einen nicht ganz ernstgemeinten Ratgeber mit dem Titel »Der kleine Gartenversager« (Aufbau) vor, in dem er von seinen Erfahrungen als »der erfolgloseste Kleingärtner Leipzigs« berichtet. Schwarz nimmt das Familienleben aus Männersicht aufs Korn, das ist seine Marke. Für das Gartenbuch durfte er sich dafür von der »Spiegel online«-Kritikerin Anne Haeming anhören, er würde »sexistischen Quatsch« unter Verwendung »vorgestriger Virilitätskonzepte« abliefern. Anlass sind beispielhaft Schwarz‘ Formulierungen wie »Ich weiß, wie Frauen darauf reagieren, wenn sie jemanden entdecken, der das gleiche Blütenkleid trägt, …« und ähnliche.

Es geht hier nicht um Kritik an der Kritik – die genauso frei ist wie die Kunst, denn es handelt sich um eine. Es geht darum, was die Kritikerin mit ihrer Aussage verdeutlicht: Sie will die Welt nicht abgebildet sehen, wie sie ist, sondern bereits so, wie sie sie gerne hätte. In der realen Jetztwelt trifft Stefan Schwarz den Nagel statistisch betrachtet zu 90 Prozent auf den Kopf, aber in der schillernd-gleichgeschalteten, vorurteilsfreien, diversen Traumzukunftswelt der Kritikerin hat die Tatsache nichts zu suchen, dass die allermeisten lebenden Frauen auch im Jahr 2019 pikiert darauf reagieren, wenn eine andere anwesende Frau die gleichen Klamotten trägt. In ihrer Humorlosigkeit, die sie mit vielen politisch korrekten Moralaposteln und -apostelinnen teilt, wird bereits das zum Ausdruck von Sexismus – einem Etikett, das in seiner zerstörerischen Wirkung auf dem besten Weg ist, dem Rassismus den Rang abzulaufen. Stefan Schwarz erträgt diese Kritik mit Humor, aber andere mögen da über weniger Dickfelligkeit verfügen.

Die Kritikerin ist mit diesem Ansatz aber nicht allein, ganz im Gegenteil. Dem Erwartungsdruck, ebenso progressiv zu schreiben, wie die liberale Elite derzeit denkt, setzen sich Autoren auch freiwillig selbst aus. Es gilt, in der fiktionalen Prosa eine Gesellschaft zu skizzieren, die die Diversität lebt, in der die Gleichbehandlung etabliert ist, in der die Geschlechter und ihre Übergänge keine Rolle mehr spielen, oder die Art und Weise, auf die man – ganz egal, mit wem oder was – bevorzugt Sex hat, und in der außerdem Herkunft, kultureller Hintergrund, religiöse Orientierung, Körperform oder etwaige Störungen oder Behinderungen für den Umgang miteinander absolut und ausnahmslos irrelevant sind. In der es keine Schönheitsideale mehr gibt und auch keine diesbezüglichen Präferenzen, in der sich Antidiskriminierungsgesetze überflüssig gemacht haben, auch im sozialen Miteinander, und in der es Quoten nicht einmal für die Messung der ohnehin nicht mehr existenten Fernsehzuschauer gibt.

Möglicherweise nicht ganz in dieser Tragweite, aber in diese Richtung geht es bereits. In einem großen Autorenforum wurde kürzlich eine Debatte zum Thema »Diversität in Romanen« geführt, verbunden mit der Frage, wie man es schafft, diese angemessen abzubilden, also den »marginalisierten Gruppen« mehr Raum zu verschaffen, ohne das wie ein gekünsteltes Kasperletheater mit Figurencasting nach Ankreuztabelle ([x] schwarz, [x] schwul, [x] behindert, [x] Adipositas III usw.) wirken zu lassen. In einem anderen Thread wurde über »diverse Helden in (bekannten) Romanen« diskutiert, also über Geschichten mit Hauptfiguren, die einer sozial oder genetisch oder über andere Indikatoren – von denen es einige gibt – definierten marginalisierten Gruppe angehörten (Ratespiel für zwischendrin: Wer gehört keiner marginalisierten Gruppe an? Wer weiß es? Wer weiß es? Richtig: eingeborene, nichtbehinderte, mittelalte, leicht übergewichtige weiße Heteromänner mit christlichem Sozialisationshintergrund). Neben den Vorwürfen der Krampfhaftigkeit und Verlogenheit muss man sich, finde ich, hier vor allem die recht wichtige Frage nach dem Warum anhören. Wem tut man damit einen Gefallen? Was erreicht man? Geht es beim Schreiben darum, eine Gesellschaft abzubilden – oder darum, eine zu skizzieren, zu entwerfen? Ergibt sich die Vielfältigkeit der Figuren nicht eher aus ihren zahlreichen individuellen Eigenschaften (zu denen auch einige der genannten gehören können, aber nicht müssen) als aus willkürlichen identitätspolitischen Kategorien? Und: Warum erzählt man überhaupt? Wenn man auf diese letzte Frage eine befriedigende Antwort gefunden hat, werden alle anderen Fragen obsolet, und auch über Diversität muss man sich keine Gedanken mehr machen, denn das ist entweder ein Thema, weil das für die eigene Kunst und ihre Motive ohnehin ein Thema ist, oder eben nicht, fertig. Und das ist keine gestrige Weißeraltermannansicht, sondern nicht weniger als die Basis der künstlerischen Freiheit. Wer Aspekte wie Diversität – ob nun angenommene oder reale – in seine schriftstellerische Arbeit hineinzwingt, erreicht damit nur eines, nämlich dass es eine weitere schlechte Geschichte gibt. Davon aber gibt es schon genug.

Sensitivity Reading – Bullshit-Bingo für die Generation Weichei

Man kann es aber noch weiter treiben. Im gleichen Autorenforum berichtete eine Teilnehmerin kürzlich von einem kreativliterarischen BarCamp, bei dem es ums sogenannte »Sensitivity Reading« (»Empfindlichkeitslesen«) gegangen sei. Bei dieser spannenden Tätigkeit werden Texte u. a. auf Mikroaggressionen untersucht (dieser Satz beispielsweise enthielt eine). Diese lustigen kleinen Gesellen und die Suche nach ihnen sind ein Lieblingsinstrument der Generation Y, der Millennials, also der rund ums Jahr 2000 Geborenen, die der marginal umstrittene amerikanische Autor Bret Easton Ellis (»American Psycho«, KiWi, 1991) als »Generation Wuss« bezeichnet, was man locker (und zutreffend) mit »Memme« oder »Weichei« übersetzen kann – es sind die Kinder der Übervorsichtigkeit, großgezogen von Helikoperteltern, die drei Tage vor dem Abflug am Terminal anstehen. Ellis (der selbst mindestens einer marginalisierten Gruppe angehört) wird im Gegenzug fast reflexartig nach weit rechts umgesiedelt, und ihm wird unterstellt, den gefährlichen Irren im Weißen Haus heimlich zu lieben. (Den Begriff »Irre« verwendet man natürlich nicht mehr, denn das ist eine diskriminierende Bezeichnung für Menschen mit schweren psychischen Störungen. Oder es war eine, in längst vergessenen Zeiten. So oder so, Trump ist definitiv ein Irrer, und zwar nach allen Definitionen, aber das gehört hier jetzt nicht her.)

Die eigentlich halt- und unterm Strich belanglose Theorie von den Mikroaggressionen, die sich in Mikroangriffe, Mikrobeleidigungen und Mikroentwertungen unterscheiden, stammt von einem Psychologen namens Derald Wing Sue, der sie bislang allerdings noch nicht verifizieren konnte (womit er nicht alleine ist), was aber nicht nötig ist, denn von der Zielgruppe wurde sie längst beherzt inhaliert, verinnerlicht und angewendet. Dieses Werkzeug wird von den gönnerhaften Wohlstandsweltverbesserern, vor allem aber von den etwas verschrobenen Identitätspolitikern sogar aufs Äußerste geliebt, denn es ist dazu in der Lage, versteckten, un(ter)bewussten und nicht einmal auf den zweiten Blick erkennbaren Rassismus, verborgene Homophobie, Misogynie, Ableismus und ähnliche Denkweisen (Sexismus!) zu entdecken oder, genauer, zu entlarven. Ein klassisches – allerdings auch recht plakatives – Beispiel dafür ist die schwarzhäutige Person, die in Bayern in ein Taxi steigt und sich nach der Beschreibung des Fahrziels vom Fahrer ein Lob dafür anhören muss, wie gut sie deutsch spricht. Nach Derald Wing Sue wäre das ein Zeichen für unbewussten, aber latenten, internalisierten, gar strukturellen Rassismus, denn hinter dem faden und sicher nicht sehr klugen Kompliment verbirgt sich nach Meinung des Psychologen und seiner Jünger die Überzeugung des Taxifahrers und seines gesamten Umfeldes, dass ein Nichtweißer kein Einheimischer sein kann und (am Ende einer etwas längeren Argumentationskette) irgendwie auch nicht ins Land oder auf andere Weise dazugehört. Diese seltsame Kausalität gilt mithin als anerkannte Erklärung für solche und ähnliche Äußerungen – und als willfährige Handhabe, um politische Gegner zum Schweigen zu bringen, indem man sie nämlich kurzerhand als Rassisten enttarnt, wofür Mikroaggressionen den Generalschlüssel liefern. Dass die meisten Nichtweißen, die bislang beim bayerischen Taxifahrer eingestiegen sind, einfach kein Deutsch oder nicht so gut deutsch konnten, weil statistisch betrachtet sehr viel mehr Weiße als Nichtweiße in Bayern leben, spielt an dieser Stelle keine Rolle, denn der Fehler des Taxifahrers besteht schon darin, die Hautfarbe überhaupt wahrzunehmen. (Es soll mit diesem Beispiel nicht verniedlicht werden, wie anstrengend und entwürdigend es für Menschen ist, die erkennbar nicht der ethnischen Mehrheit in einem Land angehören, und deshalb von einigen fortwährend wie/als Ausländer behandelt werden. Darum geht es nicht.)

Kein Autor will eine Hauptfigur, möglicherweise sogar einen Protagonisten haben, der ein Rassist ist (oder homophob oder misogyn ist, oder sich gegenüber behinderten Menschen intolerant oder gar abwertend verhält), das wäre ein GAU, würde Geschichte, Text und Autor auf exakt null entwerten. Rassisten und ihre Brüder im Geiste, also Sexisten, Ableisten usw., sind menschlicher Mist, der letzte Abschaum, Dreck, den man mit Füßen treten darf. Alle politische Korrektheit endet, wenn ein Rassist zugegen ist, das kann man Shitstorms, die bei solchen Gelegenheiten angepustet werden, auf beeindruckende, aber auch sehr tragische Weise ablesen. Zwei Umstände verkomplizieren diese Sache noch weiter: »Moderne« Soziologen und Psychologen, vor allem aber die Interessenvertretungen einiger Gruppen gestehen nur betroffenen Personen die Berechtigung zu, dieses Erkennen ihrerseits zu praktizieren; Angehörige marginalisierter Gruppen sind demnach die »Berechtigteren«, um beispielsweise die Unterscheidung zwischen Rassisten und Nichtrassisten vorzunehmen, wobei nicht wenige behaupten, der Rassismus wäre, wie oben angedeutet, internalisiert, wäre ein struktureller, der bei allen hier Geborenen oder hier Sozialisierten immanent ist, da wir in einer postkolonialen und postnationalsozialistischen Gesellschaft leben und das qua Geburt und/oder Sozialisation verinnerlicht haben, ob wir nun wollen oder nicht (die Tatsache, dass sich viele Lebensläufe – möglicherweise sogar die meisten – ab der Schwelle zur Selbstbewusstwerdung emanzipieren, wird leichterhand beiseitegewischt). Diese Feststellung wird oft ergänzt um das herablassende Zugeständnis, dass die Betroffenen es ja nicht böse meinten und (nur) nicht anders könnten, aber zur Annahme von Hilfe bereit sein müssten. Als Gesprächsgegenüber sind sie allerdings erst einmal raus, und darum scheint es auch oft zu gehen: Den Begriff »Rassist« (und vergleichbare) so weit auszudehnen, dass er letztlich jeden einschließt, dem man damit begegnen möchte, während man sich als »Berechtigterer« autoelitarisiert. Wem man damit einen Gefallen tut, lässt sich leicht beantworten, aber am meisten profitieren dürften die echten, die reinrassigen Rassisten, die verblüffenderweise plötzlich Bestandteil einer riesigen »Gemeinschaft« sind, oder diese, wenn man sehr schräg weiterdenkt, quasi anführen.

Doch Hilfe ist nahe. In den U. S. of A. hat sich »Sensitivity Reading« zu einem vergleichsweise gut bezahlten Service entwickelt, denn die Panik in Verlagen und Produktionsstudios, versehentlich etwas (Mikro-)Rassistisches zu veröffentlichen, um dann die Investition in einem kurzen, heftigen Shitstorm zu verlieren, ist vor allem dort riesengroß (was vor dem Hintergrund der Tatsache, wer das Land derzeit führt, sensationell originell ist). Viele Firmen wälzen dieses Risiko übrigens teilweise auf die Künstler ab, indem Verträge mit Ausstiegsklauseln versehen werden, die bei öffentlichen Verfehlungen der Künstler greifen – wozu auch Scheißestürme gehören, die nicht einmal selbstverschuldet sein müssen.

Von dieser Angst, die überwiegend den (a)sozialen Medien zu verdanken ist, leben die als Zusatzlektoren getarnten Zensoren, die »blinde Flecken« in Texten ausmachen, für Ausgewogenheit sorgen, Klischees und Vorurteile tilgen. Und dabei aus Kunst weichgespülten Dünnschiss machen. Oder was bitte sonst?

So absurd der Gedanke ist, sich quasi auf latentes Softnazitum probegegenlesen zu lassen – auch hierzulande hat sich inzwischen ein entsprechendes Angebot etabliert. Autoren laden ihre Texte hoch und erhalten Korrekturvorschläge zurück, also die beurkundete Bestätigung der eigenen Unfähigkeit, die unerwünschten internalisierten Vorurteile beim Schreiben zu unterdrücken, sich politisch korrekt auszudrücken, positiven Umgang mit marginalisierten Gruppen zu pflegen, diese angemessen zu berücksichtigen und so weiter und so fort. Oder, einfacher gesagt: Sie bekommen die Bestätigung der Tatsache, dass sie – und letztlich wir allesamt – misogyne, homophobe Rassisten, Sexisten, Ableisten usw. sind, und es ohne fremde Hilfe nicht schaffen, Texte zu verfassen, die dem aktuellen Anspruch der politischen Korrektoren genügen.

Wie dämlich ist das denn?

Möglicherweise würden die Sensitivity Reader auch viele Adjektive und Substantive als diskriminierend oder mikroaggressiv markieren. Die Autorin Anke Stelling bietet in ihrem ganz wunderbaren und aus gutem Grund preisgekrönten Roman »Schäfchen im Trockenen« (Verbrecher, 2019) einen kleinen Exkurs zum Schimpfwort »dämlich« an, das die Protagonistin, Mutter von vier Kindern, ihrem (seinerseits politisch vollständig unkorrekt agierenden) Nachwuchs gegenüber nicht anwenden will, weil es diskriminierend ist, denn es würde sich schließlich auf Damen – also Frauen – beziehen. Bevor ich etymologische Quellen bemüht habe, habe ich gemutmaßt, dass es ursprünglich um »Damen von Stand« ging, sich also auf adelige Frauen zu den Zeiten der Feudalgesellschaften bezog, die um jeden Preis Regeln und Rituale einzuhalten hatten, auch wenn die konkrete Situation möglicherweise etwas anderes, Vernünftigeres gebot. Dämlich verhält sich jemand, der es besser könnte und wissen müsste. Tatsächlich ist die Wortherkunft aber eine völlig andere und hat mit dem weiblichen Geschlecht sehr schlicht und sehr ergreifend überhaupt nichts zu tun – der Wortstamm führt ins Dunkel, in die Nachbarschaft der Dämmerung, und endet nach einer längeren Entwicklung beim niederdeutschen »dämelen«, demnach man »nicht recht bei Sinnen« ist, also gleichsam mental dämmert. Nunwohl, selbst wenn die Mutmaßung hier falsch war, mag für viele andere Begriffe gelten, dass sie – wenigstens ursprünglich – eine Gruppe diskreditieren und diskriminieren. »Dumm« bezeichnete fraglos Menschen mit geminderter Intelligenz (stimmt etymologisch auch nicht ganz), den »Irren« hatten wir weiter oben schon, aber wer unterstellt, man würde sich mit der jetztzeitigen Verwendung irgendwelcher Begriffe auf eine historische Bedeutung beziehen, der ist, mit Verlaub, ein Idiot. Das ist übrigens, was die Wortgeschichte anbetrifft, keineswegs ein abwertender Terminus für Menschen mit Lernschwächen, obwohl er eine Zeitlang so verwendet wurde, sondern bezeichnete ursprünglich (das Wort kommt aus dem Griechischen) »Privatpersonen« und »einfache, ungelehrte Bürger«, also alle, die nicht zufällig Platon oder Aristoteles hießen.

Aber nichts davon hat die geringste Bedeutung. Das überdeutliche Augenzwinkern und die intensive Selbstironie, mit der Anke Stelling die fragliche Episode verbindet, verweisen auf die Absurdität dieser Denkweise. Und auf das Falschsein des Dampfers, auf dem man sich befindet, wenn man Bedeutungsvermutungen anstellt, um politische Ziele durchzusetzen. Oder sich darauf einlässt, dieses dämliche Spiel mitzuspielen.

Womit wir zum Gendern kommen (einem meiner Lieblingsthemen, wie ich zugeben muss). Die Brücke hierhin mag auf den ersten Blick im Nebel liegen, aber ich hoffe, zügig für klarere Sicht sorgen zu können.

»Ist ein Arzt anwesend?« ist fast schon eine klassische Phrase. Jemand bricht im Flugzeug oder auf der Straße zusammen, wurde verletzt, war das Opfer einer Giftattacke oder zeigt plötzlich seltsame Symptome. Dann kommt der Ersthelfer und ruft Sekunden später immer diesen Satz. Es ist lautsprachlich unmöglich, »Ärzt*innen« zu sagen (jedenfalls vorläufig, bis ein Geräusch für den Stern gefunden wird), aber immerhin könnte die Person ja »Sind eine Ärztin oder ein Arzt anwesend?« rufen (nachdem er sich zwischen »Ist« und »Sind« für den Satzanfang entschieden hat), um sich geschlechtergerechter auszudrücken und niemanden (versehentlich) zu diskriminieren, vor allem anwesende Ärztinnen. Nunwohl, jene Menschen, die absichtlich Genus und Sexus verwechseln und den Oberbegriffen unterstellen, sie würden – nicht zuletzt, weil sie häufig (aber nicht immer) dem konkretisierenden Singular entsprechen – nur Männer meinen, weshalb es nötig wäre, alle anderen Geschlechter in einer anderen Form des Begriffs irgendwie unterzubringen, denken aus guten Gründen nicht weiter. Denn auch »Ärzte und Ärztinnen« oder »Ärzt*innen« kommt zwar einer vermeintlichen Geschlechtergerechtigkeit näher, aber was ist mit all den anderen Merkmalen, die der Begriff »Arzt« im Moment seiner Schöpfung impliziert hat? Waren das nicht, davon abgesehen, dass sie Männer waren, außerdem weiße, privilegierte, vor allem den Herrschenden dienende Leute, und zu jener Zeit, als sich die Bezeichnung durchsetzte, nämlich im Mittelalter, auch noch in der Hauptsache Christen? Es mag ja sein, dass das Geschlechteretikett, das der grammatikalisch weniger Informierte da erkennt, besonders plakativ erscheint, aber wenn schon linguistische Gerechtigkeit, dann bitte richtig.

Doch – und hier liegt der Denkfehler jener, die das auch für Kunst und Literatur, gar für die Spracherziehung fordern – das Gendern ist ein symbolischer Vorgang, ein Versuch, über die Schriftsprachgestaltung zu verdeutlichen, dass es in der Gesellschaft Ungerechtigkeit gibt, die es auszumerzen gilt, aber die ikonischen Aspekte dieses Vorgangs werden auch von dessen Befürwortern gerne übersehen. Sie meinen, es müsse eine diskriminierungsfreie Sprache her, und das Gendern wäre der Anfang.

Solche Ansätze gibt es übrigens tatsächlich. Eine Sprache, die ohne Missverständnisse und »gerecht« ist, muss zwar erst noch erfunden werden, aber es arbeiten – leider – Menschen an genau dieser Erfindung. Ziel ist eine verbale Kommunikation, mit der man niemanden mehr beleidigen oder diskriminieren kann, selbst wenn man will (was meistens nicht der Fall ist), denn jeder Mensch hat unbedingt das Recht zu beleidigen und zu diskriminieren – oder das Recht, von derlei zu erzählen. Außerdem könnte man mit einer solchen Sprache nichts mehr sagen, nicht kommunizieren, und erst recht keine Literatur mehr herstellen.

Eine solche Sprache wäre, unter uns, natürlich völliger Blödsinn. Um endlich den Nebel von der Brücke zu pusten: Etymologie und Semantik nebst Konnotation sind nämlich nicht dasselbe. Es spielt keine Rolle, wie ein Begriff vor Jahrtausenden, Jahrhunderten oder auch Jahrzehnten entstanden ist, entscheidend ist nur, wie er derzeit verwendet wird und welche Bedeutung er im aktuellen Kontext, in unserer Verwendung hat, denn die Sprache ist ein Werkzeug, das wir nach unseren Wünschen und Intentionen einsetzen. Wenn wir »Arzt« als Oberbegriff bemühen, dann meinen wir im Jahr 2019 des Herrn Menschen, die diesen Beruf ausüben. Wir meinen nicht die weißen, männlichen, privilegierten Leibärzte der mittelalterlichen Herrscher. Und selbst wenn Anke Stellings Etymologievermutung gestimmt hätte, würden wir auch keine Frauen diskriminieren, wenn wir jemanden, ganz gleich welchen Geschlechts, »dämlich« nennen. Wir machen uns nicht über Menschen mit psychischen Störungen lustig, wenn wir den amtierenden nordamerikanischen Herrscher als »Irren« bezeichnen. Und wir verhalten uns nicht misogyn oder mikroabwertend, wenn wir angesichts eines abgebrochenen Stuhlbeins erklären, dass der Stuhl zum Tischler gebracht werden muss. Wir sagen damit nicht, dass uns ein männlicher, christlicher, heterosexueller Schreiner aus dem Abendland lieber wäre. Wir abstrahieren und meinen die verdammte Berufsgruppe. Und damit Männer und Frauen und andere Geschlechter, und uns sind Hautfarbe, Religion, Herkunft, sexuelle Präferenzen, Körperform, Geruch und Geschmack vollständig egal. Hauptsache, die Person kann den Stuhl reparieren. Anders ist das höchstens, wenn sich die Gruppe konkretisiert, wenn man also beispielsweise eine Ansprache vor Tischlern hält. Je nach Sozialisation und Situation und Kultiviertheit des Sprechers mag es da geboten sein, von Tischlerinnen und Tischlern zu sprechen. Und dabei denen symbolisch zuzuzwinkern, deren Geschlecht mit dem unaussprechlichen Sternchen gemeint ist.

Einschüchterung, Absolutheitsanspruch und Dogmatismus

Lukas Bärfuss, der diesjährige Träger des Georg-Büchner-Preises, sagte in einem Interview, das im Rahmen der Preisbekanntgabe mit ihm geführt wurde: »Rücksicht ist eine große menschliche Tugend, die in der Kunst leider fehl am Platze ist.« Damit könnte man den gesamten Beitrag kurz zusammenfassen, aber warum etwas knapp sagen, das auch ausführlich geht? ;)

In den Nullerjahren wurde das geflügelte Wort von den »religiösen Gefühlen« populär, begannen sich die Menschen also darum zu sorgen, ob das, was sie an Kritik an Religionen und Religionsgemeinschaften anzubringen hatten, möglicherweise jemanden, der diesen Religionen und Religionsgemeinschaften angehörte, verletzen oder beleidigen könnte. Im konkreten Umgang war es umgekehrt: Religiöse Leute gingen dazu über, jeder Kritik mit der Keule des persönlichen Beleidigtseins zu begegnen, also einen Diskurs in einen unmittelbar zwischenmenschlichen Vorgang umzudeuten, womit sie sogar den leider aus jedweder Israelkritik quasi automatisch erwachsenden Antisemitismus in den Schatten stellten. Die – oft notwendige – Auseinandersetzung wurde damit vollständig ausgehebelt. Wer jemanden beleidigte, und sei es ohne Absicht, ohne direkte Nennung, sogar ohne direkte Ansprache, entzog sich selbst der Grundlage für seine Äußerungen. Und keiner der Beleidigten musste je beweisen, wirklich beleidigt zu sein.

Wie auch?

Seither wird dieses absurde Paradigma auf alle gesellschaftlichen Ebenen ausgedehnt. Dass eine Beleidigung nur vorliegt, wenn der Absender einer Nachricht dies auch beabsichtigt, interessiert längst keinen mehr. Ganz im Gegenteil. Als Ausschlusskriterium genügt, dass etwas falsch verstanden werden könnte. Wir haben den Konjunktiv zum Imperativ gemacht – und die Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt.

Die politische Korrektheit, die übrigens keine Erfindung der Linken ist, sondern im achtzehnten Jahrhundert von einem amerikanischen Bezirksrichter ausgedacht wurde, geht in ihrer aktuellen Deutung (in den Neunzigern wurde sie noch von den Rechten als herabsetzende Bezeichnung okkupiert) davon aus, dass es ein korrektes, ein richtiges Verhalten gibt, wenn es um Kommunikation geht, und jeder, der sich daran nicht hält, verhält sich demzufolge unkorrekt, also falsch. Politisch korrekt spricht, wer keine Begriffe verwendet, die – jetzt oder früher mal – diskriminierend verwendet werden oder wurden, wer alle Gruppen berücksichtigt, nicht mit der Sprache wertet, und außerdem versucht, niemanden versehentlich anzupinkeln (ich weiß, das können sowieso nur Männer). Es mag Kontexte und Situationen geben, in denen das sinnvoll ist (ich arbeite an einer diesbezüglichen Liste, aber sie ist noch nicht sehr lang), doch in der Kunst und damit der Literatur ist derlei, um es mit Lukas Bärfuss‘ Worten zu sagen, fehl am Platze. Nicht die Sprache gibt ihre Verwendung vor, sondern umgekehrt. Nicht irgendein gesellschaftlicher Anspruch schreibt vor, was in der Kunst zu geschehen hat, sondern der Künstler. Kunst ist subjektiv und ungerecht und vereinfachend oder umfassend oder verkomplizierend, sie ist verwirrend, unrichtig, provokant, sie ist egoistisch und altruistisch und falsch und im Kern das Allerrichtigste, aber sie ist eines nie: Regelkonform. Kunst darf alles. Was ausgedrückt werden soll, darf ausgedrückt werden. Die Kunstfreiheit ist eine der größten und schönsten von allen – wir sollten uns täglich an ihr erfreuen. Dann lebt es sich auch leichter mit etwaigen Konsequenzen.

Schreiben mit Kondom

Leider sagt sich das so einfach. Während der vergangenen Jahre wucherte dieser Kontrollpilz durch die sozialen Medien, aber auch klassische Plattformen wie Foren und Gruppen wurden betroffen. Überall wurden die Stimmen immer lauter, die zunächst davon sprachen, dass »der Ton die Musik« mache, um nach und nach zum Kern der Angelegenheit zu kommen, nämlich der Durchsetzung sozialphilosophischer Paradigmen. Politische Korrektheit heißt nicht ohne Grund so. Obgleich als allgemeingesellschaftlicher Fortschritt verkauft, ist sie ein politischer Grundsatz, den man auch – sogar aus guten Gründen – verneinen kann. Trotzdem greift dieser Anspruch um sich, werden allerorten nicht mehr nur erkennbare persönliche Angriffe geahndet, sondern auch gefühlte, allgemeinere, mikroaggressive. Der Siegeszug der »sozialen Medien« mit ihrer Ausschließlichkeit der positiven Zustimmung lässt uns zugleich verlernen, wie differenziert wird. Was nicht gefällt, ist automatisch für die Tonne. Noch rasch ein kleines Shitstörmchen, und die Verhältnisse sind wieder klar. Dass wir im Jahr 2019 wieder bei simpelstem Schwarzweißdenken angekommen sind, sollte uns kollektiv beschämen.

Das Problem ist, dass es funktioniert. Ich habe das an mir selbst bemerkt. Ich bin spontan und sehr emotional, ich provoziere gerne, weil das ein gutes Mittel ist, um andere aus der Reserve zu locken, überhaupt zu aktivieren. Wenn ich etwas zu sagen habe, sage ich es, aber ich höre anschließend auch gerne zu, lasse mich belehren und korrigieren, damit habe ich kein Problem, und auch nicht damit, mich zu entschuldigen, wenn es geboten ist – und diese Chance sollte man immer bekommen. Inzwischen allerdings bemerke ich, dass ich antizipiere. Ich mache mir, bevor ich an einer Diskussion teilnehme, ein Posting loslasse, etwas erwidere, intensive Gedanken darüber, ob ich anecke, ob ich mikroaggressiv unterwegs bin, wie das, was ich äußern möchte, aufgefasst werden könnte (obwohl ich es nicht so meine). Ich erwische mich knietief in dieser Falle. Ich denke länger darüber nach, wie ich etwas formuliere, als darüber, was ich zum Ausdruck bringen will. Im Ergebnis verzichte ich inzwischen oft auf die Teilnahme an solchen Gesprächen, die aufgrund der technischen Gegebenheiten ohnehin voller Potential stecken, (auch absichtlich) missverstanden zu werden. Aus einem Autorenforum, in dem auch Freundschaften entstanden sind, habe ich mich nach Jahren ganz verabschiedet, weil ich mich oft – durchaus im positiven Wortsinn – gereizt fühlte, aber die perspektivisch unvermeidlichen Reaktionen zu anstrengend wurden. Gegen Konjunktive kann man nicht anreden.

Schlimmer noch, es hatte mein Schreiben erreicht. Wenn ich mich in der Anfangsphase neuer Projekte befand, in Schreibklausur saß und, wie normalerweise, die ersten Seiten im Flow rauspowern wollte, hockte ich auf einmal stattdessen gefühlte Ewigkeiten vor einzelnen Formulierungen und grübelte. Ich stellte Figuren infrage, Szenen und Teile des Plots. Ich überlegte, ob ich den Eindruck erweckte, als Autor frauenfeindlich, rassistisch, ableistisch oder in anderer Weise herabsetzend unterwegs zu sein. Die Sittenwächter hatten es geschafft. Sie hatten mir ein Schreibkondom übergestülpt. Ich war auf dem besten Weg zum weichgespülten Dünnschiss, ganz ohne Sensitivity Reader.

Immerhin, der Ausweg war ein leichter, naheliegender, verbunden mit einer schlichten und wahren Erkenntnis: Ich weiß, dass es nicht so ist. Mögen doch irgendwelche selbsternannten Korrektoren daherkommen, und die unkorrekten Haare in meiner Suppe finden oder zu finden glauben, das ist mir egal, denn sie liegen falsch. Ich lege außerdem keinen Wert auf dieses Urteil. Ich möchte etwas erzählen und Menschen damit unterhalten. Ich bin nicht Schriftsteller, um den kleingeistigen Ansprüchen der humorbefreiten, liberalen Elite zu gefallen, die der einen, tragischen und dringend zu beseitigenden Ausgrenzung einfach die andere entgegensetzt, die Vorurteile in Bevorzugung umwandeln will, der Zensur und Beschränkung als probate Mittel erscheinen, um politische Ziele durchzusetzen, die, mit Verlaub, Unsinn sind. Während sie den echten Marodeuren gegenüber hilflos untätig bleiben.

Eine abschließende Ermahnung

Mein Lieblingsallergen sind Sätze, die mit »Gerade Autoren sollten« beginnen, denn es gibt sie nur mit einem akzeptablen Ende, das aber nie kommt: »einen Scheiß«. Ich kriege Pickel, Ausschlag, Würfelhusten und Spontanfußpilz, wenn ich diese Eröffnung höre. Exakt nichts »sollten« Autoren, denn sie sind frei, sie sind Künstler, und sie schreiben, was sie wollen, wie sie wollen. Autoren sind keine Sittenwächter, keine Vorkämpfer der gesellschaftlichen Liberalisierung und übrigens auch keine Vorbilder, sie versuchen nicht, es allen recht zu machen, sie sind keine Maurer, die die Schöne Neue Welt bauen, sie sind keinem moralischen Codex verpflichtet, und auch keinem Konsens, obwohl zum Beispiel der Begriff »politische Korrektheit« zu suggerieren versucht, dass es einen gibt. Gibt es nicht. Also, lasst Euch nicht einschüchtern. Wenn Ihr gendern und politisch korrekt schreiben wollt, weil Euch das wichtig ist, dann macht (bzw. versucht) es, aber geht diesen Weg nicht, nur weil andere behaupten, man müsse das tun. Lasst Euch nicht kategorisieren. Versucht nicht, allen zu gefallen, denn dann gefallt Ihr am Ende niemandem mehr, nicht einmal Euch selbst. Das ist übrigens auch die einzige Person, der gegenüber Ihr Verantwortung tragt. Macht die Welt besser, indem Ihr tolle Geschichten erzählt. Alles andere ist Bullshit. (Bingo!)

Tom Liehr

Tom Liehr (Foto:privat)Tom Liehr, Jahrgang 1962, hat Dutzende Kurzgeschichten und bislang zehn Romane veröffentlicht, zuletzt »Nachttankstelle« (2015) und »Landeier« (2017) bei Rowohlt. »Leichtmatrosen« (2013) wurde für die ARD verfilmt, »Geisterfahrer« (2008) ins Französische übersetzt; von diesem Roman befindet sich eine Graphic Novel in Vorbereitung. Im Winter 2019/2020 erscheint sein elfter Roman »Die Wahrheit über Metting« (Rowohlt). Liehr hat den 42erAutoren e. V. mitbegründet und gehört zu den Schöpfern der legendären Kunstfigur Rico Beutlich sowie des originellsten Literaturpreises der Republik, des Putlitzer Preises®. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Links zu Tom Liehr:
Autorensite Tom Liehr www.tomliehr.de
Autorensite Tom Liehr bei Amazon

Links ins Web:

Nachtrag: Von einigen Leserinnen und Lesern wurden weiterführende Links zum Themenbereich »struktureller/internalisierter Rassismus« und »Sensitivity Reading« gewünscht, auf die sich der Artikel bezieht. Wer mehr zum Thema und auch zu Gegenpositionen wissen möchte, sollte den Links folgen.

206 Kommentare

  1. Wie immer hat Tom Liehr hier einen sehr intelligenten und substanziellen Beitrag zu einem wichtigen Thema geleistet. Auch bei mir habe ich schon hin und wieder die “Schere im Kopf” festgestellt. Zumindest muss ich mir als Selfpublisher nicht von Verlagsseite sagen lassen, welche Szenen oder Worte ich sicherheitshalber herausstreichen soll.

  2. Da hab ich nach dem Fotografiestudium aufgehört zu fotografieren, weil man niemanden mehr fotografieren darf ohne schriftliches Einverständnis und weil die Straßenfotografie tot ist und keine künstlerische Fotografie mehr erlaubt ist, auf der ein kleines Kind abgebildet ist, (nur wenn es sich um Werbung handelt, ist es natürlich immernoch vollkommen selbsverständlich dass kleine Kinder süß und Frauen nackt sein müssen) und habe angefangen zu schreiben, weil ich in der Fotografie nicht mehr atmen konnte. Mal sehen wie lange ich in der Schrift noch atmen kann. Vielleicht muss ich ja irgendwann anfangen zu tanzen. Da kann man nichts falsch machen.

  3. Wer ist der Clown? Jener, der sich von jeder Bitte nach mehr Respekt angegriffen fühlt? Oder jener, der endlich zu mehr Respekt aufruft?
    Wenn die von dir zitierten Größen des Humors dagegen klagen scheinen sie leider zu unkreativ zu sein um statt nach unten, nach oben zu treten wir es raffinierter Humor tun sollte. Wenn sie noch immer in ihrem dreissig Jahre alten Humor schwelgen, leben sie im langweiligen und zum Glück verjährten Trott.

    • Dass sich Sprache und Bedeutungsraum ändern, ist doch unstrittig. Das gilt auch für den jüngerer Zeit viel bemühten Begriff “Respekt”.

      Aber verstehe ich dich richtig, dass “raffinierter Humor” heute wachsen sollte und gedeihen kann auf einem Boden von Un-Worten???

      Erbitte Lebenshilfe.

  4. Bravo, Tom Liehr!

    Du bringst das Elend auf den Punkt.

    Bei mir stand neulich in einer Lesung in einem Leipziger Szeneviertel (!!!) eine durchaus sympathisch wirkende Frau auf und erklärte, die Veranstaltung verlassen zu müssen. Sie forderte auch die anderen Zuhörer auf, zu gehen. – Na toll! – So etwas habe ich vierzig Berufsjahren noch nicht erlebt.

    Als fragte ich öffentlich nach, um diesen Vorwurf nicht stehen zu lassen.

    Den Zorn der Zuhörerin hatte eine Satire aus meinem »Angriff der Killerkekse« entfacht, in der es durchaus polemisch über dicke Menschen in engen Flugzeugen geht. Jahrelang haben meine Zuhörer darüber gelacht, und es gab nie eine kritische Zeile.

    Undjetzt wird man zur Überlegung gezwungen, eine derartige Geschichte vielleicht künftig besser wegzulassen, es könnte ja erneut passieren … das wäre doch pure Selbstzensur!

  5. Ich kann sie sehr gut verstehen Herr Liehr, denn auch wenn das Konzept der mikroaggression nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, so nimmt die political correctness mittlerweile wahnhafte Züge an. Trotzdem hätte ich mir noch einen Vermerk darüber gewünscht, dass nicht nur linksradikale und Studenten dieses Spiel beherrschen: sowohl AfD als auch NPD verklagten und verklagen kritische Journalisten und Autoren reihenweise, was übrigens auch der Grund ist aus dem fast niemand die AfD als rechtsextrem bezeichnet: es hat juristische Konsequenzen. Bei Interesse kann ich einen entsprechenden spiegelartikel suchen

  6. Weitestgehend Zustimmung von meiner Seite, die Gefahr steht jedoch auf beiden politischen seiten: nicht nur Studenten und linksradikale “weicheier” sondern auch die AfD und die NPD sind notorische Kläger gegen Autoren und Journalisten was auch der Grund dafür ist, dass die AfD beispielsweise als populistisch verharmlost wird. Bei entsprechendem Interesse suche ich ihnen gern den betreffenden spiegelartikel

    • Als dämlich würde ich die Debatte nicht bezeichnen, denn gesellschaftliche Gleichbehandlung ist noch längst nicht erreicht. Als schreibender Mensch sollte Ihnen auch klar sein, dass Sprache sehr einflussreich sein kann. Wenn wir also mit der Anpassung unserer Ausdrucksweise einen Unterschied machen können, finde ich das sinnvoll. Es mag nicht in jedem Kontext Sinn machen, Texte zu gendern. Aber in vielen Bereichen geht es gut und dann kann man es sehr einfach machen.

      • Wenn eine alte Dame bis vor den Europäischen Gerichtshof zieht, um durchzusetzen, dass sie in Schreiben ihrer Bank als “Kundin” angeredet wird … dann fällt mir wirklich kein anderes Wort als “dämlich” ein. Und in diesem Zusammenhang/Fall durchaus in Bezug gesetzt zum weiblichen Geschlecht.
        Eigentlich sollten die Männer nun auf die Barrikaden gehen und das Wort “herrlich” beanstanden.
        Was die gesellschaftliche Gleichbehandlung betrifft, so fehlen mir die soziologischen Fakten – zu den relevanten Hintergründen. Was mich persönlich betrifft, so kann ich nur sagen, dass ich mich noch nie schlechter behandelt fühlte. Liegt vermutlich aber auch an meiner Person (meinem Charakter), die schon als Teenager klar zum Ausdruck gebracht hat, was sie denkt und fordert.
        Apropos … “die” Person. Auch hier sollten die Männer aufschreien … Sind Männer etwa keine Personen? Ich plädiere für “das” Person.
        Im übrigen habe ich mich zu dem Thema auch schon mal geäußert (wen wundert’s).
        https://www.editionblaes.de/der-buergerinnen-und-buergermeister/

        • Sie machen es sich ein wenig einfach, wenn sie gendergerechte Sprache am Beispiel „die Person“ versuchen lächerlich zu machen – es gibt auch „der Mensch“ wo niemand auf die Idee kommt das zu gendern!

          Aber bei der Anrede oder Berufen einer Person kann man schon einen Unterschied machen und eine weibliche Person in ihrer Rolle als Kundin, Ärztin, Lehrerin oder Tischlerin, um hier bei den Beispielen aus dem Text zu bleiben, auch als solche zu bezeichnen und anzusprechen – bleiben wir beim Tischler, weil das im Text so wunderschön abwertend verwendet wurde – hier kann ich ohne Probleme sagen: „Ich bringe den Stuhl zur Tischlerei“ und habe somit ohne lang nachzudenken einen geschlechtsneutralen Ausdruck gefunden.

          Aus meiner Sicht ist nicht die bestehende Sprache das Problem, die eine gendergerechte Verwendung angeblich erschwert, sondern viel mehr das sich nicht auseinandersetzen wollen mit ihr – was ich gerade bei Autoren und Jornalisten sehr Schade finde.

  7. “Es ist lautsprachlich unmöglich, »Ärzt*innen« zu sagen (jedenfalls vorläufig, bis ein Geräusch für den Stern gefunden wird)”

    So eine Aussage zeigt, dass der Autor sich mit dem Thema nichts besonders intensiv beschäftigt oder zumindest nicht viel mit den Leuten gesprochen haben kann, die solche Formen verwenden. Denn es gibt einen Lautwert für den Stern: meistens ein Glottalstopp bzw. Knacklaut, der im Deutschen ohnehin schon vorkommt (z.B. in “vereisen” im Unterschied zu “verreisen” nach der Vorsilbe), oder eben eine winzige Sprechpause.

    Aber na gut, das ist ein kleines Detail. Das eigentliche Problem ist meiner Meinung nach, wie der Autor das ganze Thema angeht bzw. in welchem Licht er es hier darstellt: Diversität ist also ein “Weichspüler” und Menschen, die auf problematische Aspekte von Texten hinweisen, sind humorbefreit, kleingeistig und schränken die Freiheit der Kunst ein? Dabei geht es doch gerade darum, ein Mehr einzubeziehen, das im Literaturbetrieb aufgrund der alten Strukturen bisher und immer noch ausgegrenzt und/oder gering geschätzt wird. Es sollen mehr Stimmen und Weltsichten zu Wort kommen als vorher! Mehr Menschen sollen sich künstlerisch ausdrücken dürfen und sich dabei nicht (u.a. durch den herrschenden Sprachgebrauch) von vornherein ausgegrenzt fühlen.

    “Macht die Welt besser, indem Ihr tolle Geschichten erzählt”? Wie denn, wenn man immer nur die gleichen Muster reproduziert und sich gegenüber Kritik verschließt, die einem unangenehm ist? “Ich stellte Figuren infrage, Szenen und Teile des Plots” – genau da fangen sie doch meistens an, die tollen Geschichten! Schade, dass der Autor schon an diesem Punkt war und dann so eine 180-Grad-Drehung hingelegt hat, anstatt die Chance zu nutzen und seinen Horizont zu erweitern.

    Den Ton, in dem die Kritik zuweilen angebracht wird, kann man durchaus kritisieren. Das ist aber auch der einzige Punkt, in dem ich dem Autor hier zustimmen kann.

    Und mal ganz abseits aller Detailfragen und Meinungsverschiedenheiten über Diskussionskultur: Wenn sich jemand die Blöße gibt, dir im Kern “Du tust mir weh” zu sagen, und sich damit dir und oft einer großen Menge von Zuschauer*innen gegenüber noch einmal verletzlich macht, wie kann deine (nicht einmal erste, sondern ausformulierte und veröffentlichte) Reaktion da bitte SO ein Gedankengang sein?

    • Das Tolle an Literatur ist doch, dass der Konsum weitestgehend freiwillig ist.
      Wenn einem ein Text “wehtut”, hat man IMMER die Möglichkeit, das Buch wegzulegen. Man hat IMMER die Möglichkeit, eine Veranstaltung, auf der man sich nicht wohlfühlt zu verlassen.

      Man hat auch die Möglichkeit im Nachhinein den Autor darauf hinzuweisen; mit ihm in Kontakt zu treten und seinen Standpunkt zu erläutern.

      Das passiert aber fast nie: es endet immer in Betroffenheitskrakele. Möglichst laut. Möglichst öffentlichkeitswirksam.
      Geht es am Ende nicht nur häufig darum, die eigene Erbärmlichkeit ein wenig damit aufzupeppen, dass sich alle im Publikum sitzenden nach einem umdrehen? Das man möglichst viele likes bekommt, für einen möglichst bissig und angreifend formulierten Shitstorm-Post? Ohne Rücksicht auf Verluste – wo man doch im Einfordern von Rücksicht so großartig geübt ist.

      • Oder vielleicht verstehe ich zum Beispiel auch, dass Rassismus, Sexismus, Transfeindlichkeit, Ableismus, all diese mistigen Konzepte, ihren Schaden auch dann anrichten, wenn ICH das Buch weglege und die Veranstaltung nicht besuche.
        Vielleicht will ich ja eine Gesellschaft, in der Leute fair behandelt werden, und in der fair über Leute gesprochen wird, sogar wenn ich selbst nicht dabei bin.
        Ich weiß, schwer vorstellbar, aber ich kann dir versichern, solche Leute gibts.

        • Dann sei doch selber fair und lies den Text nochmal und versuche vor allem , ihn um Gottes Willen zu verstehen.
          Ich habe den Eindruck, du reagierst nur auf Reizworte und fährst sofort den Kamm hoch, ohne dahinter gestiegen zu sein, worum es geht.

          Du verstehst: da will einer beleidigen und beharrt auf seinem Recht es zu tun.
          Wenn es so wäre, könnte ich Deine Aufregung ja verstehen. Aber darum geht es in dem Text überhaupt nicht.

          • Ich habe den Text gelesen. Ich habe ihn ausführlich besprochen. Ich hab ihn schon richtig verstanden, mach dir da mal keine Sorgen drum.

  8. Auf den Punkt!
    Diese allgegenwärtigen Versuche der Zensur zu Gunsten einer pseudo liberalen aber extrem unfreien Zukunft kotzen mich an. Ich sage und schreibe was ich will, wann ich es will und zu wem ich es will.
    Respekt muss man sich verdienen und diese verweichlichten Gutmenschen, die der Ansicht zu sein scheinen ihnen stünde auch nur irgendetwas zu, sind das Letzte.

    Echte Freiheit werden sie nie verstehen, denn die finden sie nur in der aktiven Einschränkung anderer… Ich wünsche jedem SJW, dass ihm oder ihr die Zunge aus dem Maul faulen möge.

  9. Wow. Beim Lesen musste ich echt nochmal gucken ob ich hier nicht auf ner AFD-Fan Seite oder auf irgendeiner anderen rechtsextremen webseite gelandet bin.

    Wie hier gegen die “political correctness” ins Feld gezogen wird und fast schon als faschistische Bewegung dargestellt wird ist traurig, entlarvend, alarmierend und diffamierend.

    Manche Menschen gehen echt sehr weit, rassismus, menschenhass und faschistoide Äußerungen zu verteidigen.

    Hier wird relativiert, und rassismus verteidigt, das es gruselig ist. Die Zustimmung in den Kommentaren in Zeiten, in denen Rassisten und Faschisten wieder im deutschen Bundestags sitzt, ist nachvollziehbar, aber ebenso traurig, wie dieser “Artikel”.

    Ich danke euch dennoch sehr, da ihr sehr transparent eure Menschenfeindlichen argumentationsmuster zum Besten gebt und zeugt, wie fragil sie sind und keinerlei Tatsachen standhalten.

    Das traurige ist: ihr seid Faschisten. Keine Demokraten. Mit euch wird ein friedliches miteinander unter Menschen niemals möglich sein. Ihr missbraucht die Demokratie um faschistoide Aussagen und Taten zu vollbringen. Ihr seid der Grund für euren eigenen Hass. Nicht die Linken, die Grünen, die Ausländer oder sonstwas. Das seid ihr ganz alleine.

    Ich danke jedem Studenten, Antifaschisten der sich gegen rassistische Witze, Aussagen und Angriffe

  10. Diese politische Korrektheit gibt es nicht nur auf der Linken. Ich erinnere an die Shitstürme, weil eine Schokoladenfabrik eine Weihnachtspackung unter “1001 Nacht” verkaufte. Das war – natürlich – der Versuch, Deutschland zu islamisieren und sollte durch Boykott der Schokoladenfabrik abgestraft werden.
    Erstaunlich, wie ähnlich sich Linke und Rechte mittlerweile geworden sind. Gibt ja mittlerweile auch Links-Identitäre,

    • Der Unterschied ist halt, daß, zumindest in meiner Filterbubble, die Linken die “Guten” sind und man deren Kritik eher beachtenswert findet, als das, was AfD und Co. So hinausposaunen. Die machen sich mit 90% ihrer Kritik eigentlich nur völlig lächerlich. So wie man jedes Jahr eigentlich Wetten darauf abschließen kann, wann wieder jemand mit “Die zerstören unsere Traditionen! Der Osterhase heißt jetzt “Goldhase” und “Schmunzelhase”! Buhuuuuu” um die Ecke kommt, obwohl es sich eigentlich langsam wirklich herumgesprochen haben sollte, daß die von Anfang an (seit 1952 bzw 1973) so hießen.

        • Es steht in Anführungstrichen, weil es für mich “die Guten und “die Bösen” eigentlich nicht gibt. Die Welt ist nicht nur schwarz weiß und die wenigsten Menschen sind nur gut oder nur böse, darum scheue ich diese Einteilung meist.
          Ich bin selber links und meine Filterbubble ist links. Trotzdem gibt es auch im linken Spektrum Fanatiker, die ich nicht zu “den Guten” zählen würde. Ich würde nichtmal mich selbst unbedingt zu “den Guten” zählen. Ich bin keine schillernde Heiligengestalt, kein Paladin des Guten mit vor Rechtschaffenheit leuchtender Rüstung. Wobei nach meinem rein subjektiven Empfinden eine menge Leute aus dem rechten Spektrum durchaus die Kriterien erfüllen würden, um zu “den Bösen” zu gehören.

  11. Ja. Zustimmung in ganz vielen Punkten! Denn die Überängstlichkeit, die versucht, die Sprache zu regieren, und es ja auch ein gutes Stück weit schafft, vergisst eine wichtige Tatsache: Sprache beeinflusst sehr oft NICHT die politischen Realitäten, sondern spiegelt sie nur.
    Denn wenn Sprache politische Realitäten verändern könnte, hätten wir seit mehreren hundert Jahren das perfekte Matriarchat in den deutschsprachigen Ländern.
    Wieso?
    Na, weil es neun Verwendungsmöglichkeiten für den weiblichen Artikel “sie/Sie” gibt, aber nur einen für “er”.
    Ich habe eine Liste aufgestellt. Die Krönung ist: “Sehen Sie, meine Herren?” Eine rein männliche Gruppe wird ebenfalls mit einem weiblichen Artikel geziert.
    Ja, ja, Gender und Sexus, grammatische Form. Wenn es wirken würde, dann durch den Klang, nicht durch das, was wir alle seit der Schule schon vergessen haben. Aber es wirkt nicht, wenn wir mit gar großem Fleiß immerfort die weiblichen Berufsbezeichnungen herbeten. Und darum können wir uns die ganze Genderei, ja, die ganze Sprachkosmetik sparen. Können aber den, der rechte Parolen absondert, fragen, was er denkt und was er will. Denn damit wird derjenige Veränderungen erzielen, die zu verhindern sind. Nicht mit Sprache allein, sondern wenn sie auf Gleichgesinnte trifft. Und hier ist kritische Analyse gut und wichtig.

  12. Ja. Zustimmung in ganz vielen Punkten! Denn die Überängstlichkeit, die versucht, die Sprache zu regieren, und es ja auch ein gutes Stück weit schafft, vergisst eine wichtige Tatsache: Sprache beeinflusst sehr oft NICHT die politischen Realitäten, sondern spiegelt sie nur.
    Denn wenn Sprache politische Realitäten verändern könnte, hätten wir seit mehreren hundert Jahren das perfekte Matriarchat in den deutschsprachigen Ländern.
    Wieso?
    Na, weil es neun Verwendungsmöglichkeiten für den weiblichen Artikel “sie/Sie” gibt, aber nur eine für “er”.
    Ich habe eine Liste aufgestellt (siehe Blog-Link). Die Krönung ist: “Sehen Sie, meine Herren?” Eine rein männliche Gruppe wird ebenfalls mit einem weiblichen Artikel geziert.
    Ja, ja, Gender und Sexus, grammatische Form. Wenn es wirken würde, dann durch den Klang, nicht durch das, was wir alle seit der Schule schon vergessen haben. Aber es wirkt nicht, wenn wir mit gar großem Fleiß immerfort die weiblichen Berufsbezeichnungen herbeten. Und darum können wir uns die ganze Genderei, ja, die ganze Sprachkosmetik sparen. Können aber den, der rechte Parolen absondert, fragen, was er denkt und was er will. Denn damit wird derjenige Veränderungen erzielen, die zu verhindern sind. Nicht mit Sprache allein, sondern wenn sie auf Gleichgesinnte trifft. Und hier ist kritische Analyse gut und wichtig.

  13. Danke für diesen ehrlichen, und für viele sicherlich ungemütlichen Artikel!
    Mir schreiben sie mit vielem geradezu aus der Seele. Ich stelle auch bei mir fest, daß ich die Geschichten in meinem Kopf lieber genau dort lasse und für mich behalte. Unter anderem, weil sie mir etwas bedeuten und ich sie keinem Shitstorm aussetzen will. Ich stelle in letzter Zeit immer wieder fest, welch skurile Auswüchse doch die “Kritik im Namen der PC” annimmt. Da wird den machern von GoT vorgeworfen, daß es rassistisch sei, das Daeny eine weiße ist und man sie doch lieber als “Person of color” hätte casten sollen, weil weiße in der Serie überrepräsentiert sind. Oder der ausspruch “sexuelle Missbrauchserfahrungen sind kein Mittel zur Charakterentwicklung”. Doch. Als Autor, der einen (meist) bösen Charakter dies einem (meist) guten Charakter antun lässt schon. Wenn der Autor das in der Realität seiner Freundin zur “Charakterentwicklung” antut ist dies hingegen völlig indiskutabel. Es gibt eine Menge Dinge, die man in der Realität nicht erlebe will und aufs tiefste verabscheut, die aber allesamt in der Literatur und Unterhaltungsmedien generell ihren Platz haben. All dies aus allem herausstreichen, weil es bei irgendwem Gefühle verletzen könnte ist völlig utopisch. Niemand möchte ermordet werden oder einen Angehörigen dadurch verlieren. Also weg mit all den Krimis! Niemand möchte vergewaltigt oder missbraucht werden, also weg mit allen Büchern, die das enthalten. Krieg? Terror? Naturkatastrophen? Rassismus, Sexismus, Gewalt generell? Will niemand erleben und es könnte Menschen, die das erlebt haben verletzen. Weg damit! Was bleibt uns da noch? Reiseführer und Bildbände? Quizshows und Naturdokus (die aber bitte auch gewaltbefreit. Alles, was darüber hinausgeht, daß eine fleischfressende Pflanze eine Fliege verdaut bitte nur nach 23:00 ausstrahlen und mit deutlicher Warnung!)
    Wenn das so weiter geht sitzen wir in 10, spätestens 20 Jahren weinend vor leeren Bücherregalen und freuen uns auf den Börsenbericht als Spannungshighlight des Tages.
    Und ich werde Millionen dadurch verdienen, daß ich Leuten Zutritt zu meiner umfangreichen Bibliothek verbotener Literatur gewähre.

    • Liebe*r Celestin,

      leider übersehen Sie bei Ihrer Argumentation einen ganz relevanten Punkt: Was wir an Medien konsumieren, egal ob Bücher, Filme oder Serien, HAT Auswirkungen auf unser Denken, Fühlen und Handeln. Es gibt Hunderte Studien, die genau diesen Effekt belegen: Stereotype, die wir in Medien aufnehmen, führen dazu, dass wir sie auch im realen Leben als realistischer wahrnehmen. Das gilt für Vorurteile gegenüber schwarzen Menschen, gegenüber Frauen, gegenüber Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben (wie Ihr Beispiel) usw. Das kann man gerne wegleugnen, aber dann stellt man sich auf eine Stufe mit Flatearthern oder Klimawandel-Leugnern und ignoriert klare Fakten.

      Es gibt im Kopf keinen Schalter, den man umlegen kann, je nachdem, ob das, was man konsumiert, real ist oder Fiktion. Im Gegenteil. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass fiktive Literatur einen stärkeren Einfluss auf Leser*innen hat als nicht-fiktive. Stellen Sie sich vor, es gäbe in einem anderen Land der Welt Dutzende Romane, in denen steht, dass Deutsche fett und hässlich sind. Sie würden sich darüber beschweren, die Autor*innen dafür kritisieren, und alles, was Sie hören, wäre: “Stellen Sie sich nicht so an. Das ist doch nur Fiktion.” Irgendwie unangenehm, oder?

      Genau deswegen plädiert die “Kritik im Namen der PC” auch nicht dafür, Sexismus, Rassismus o.ä. aus Büchern “herauszulassen” (das scheint auch dem Autor dieses Artikels nicht klar zu sein), sondern den Kontext zu beachten, indem man diese Themen präsentiert, sich damit auseinanderzusetzen, zu recherchieren und keine Fehler zu reproduzieren. Würden Sie sich mit derselben Vehemenz weigern, Polizeiarbeit zu recherchierenn, wenn Sie einen Krimi schreiben? Oder sich weigern, nachzuvollziehen, wie es ist, in Indien zu leben, wenn Sie einen Roman dort ansiedeln? Wohl kaum.

      Ja, Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen ist harte Arbeit und bringt Verantwortung mit sich. Wenn man damit nicht leben kann und nur “unterhalten will”, sollte man sich gut überlegen, ob das die richtige Form der Unterhaltung ist oder man sich nicht lieber anderen Formen zuwendet. Literatur kann viel erreichen, sie kann aber auch viel zerstören. Und der Autor dieses Artikels hat schon allein damit, dass er die Bemühungen um mehr Fairness und Gerechtigkeit auf dem Buchmarkt lächerlich macht, sehr, sehr viel zerstört.

      • Wenn es irgendwo auf der Welt Romane gäbe, in denen alle Deutschen fett und hässlich dargestellt werden, würde ich mich nicht beschweren, sondern sie wahrscheinlich einfach nicht lesen. Es sei denn, sie gefielen mir aus anderen Gründen so, dass ich darüber hinwegsähe. Falls es mich überhaupt stören würde, was womöglich gar nicht der Fall wäre.

        • Dann gehen wir einen Schritt weiter: Sagen wir, Deutsche wären in diesen Büchern nicht nur fett und hässlich, sondern auch dumm. In Folge dessen macht jede Person aus Land X, die Sie trifft, Witze darüber, wie dumm Deutsche sind. Sobald Sie sich verhaspeln, lachen alle über Ihre Dummheit. Sie kriegen keinen Job, weil Deutsche gelten ja als dumm.

          Das klingt jetzt überzogen? Ist es aber nicht. Nicht für schwarze Menschen, Muslime oder queere Menschen. So funktionieren Vorurteile und Stereotype nämlich. Und indem wir sie in unseren Büchern verwenden, betonen und nicht ad absurdum führen, tragen wir zu solchen Entwicklungen unbewusst bei.

          Ich will das nicht. Sie?

          • Niemand wird gezwungen Romane zu lesen, in denen Deutsche als “dumm” dargestellt werden. Es gibt künstlerische Freiheit. Und es gibt die Freiheit des Lesers zur Ignoranz. So what?

          • Haben Sie meinen Kommentar gelesen? Es geht darum, dass ANDERE diese Bücher lesen und Vorurteile gegenüber einer Menschengruppe übernehmen. In meinem fiktiven Beispiel: Menschen aus X lesen Bücher über Deutsche und denken danach, Deutsche wären dumm.

            Und klar, wenn Sie gerne ignorante oder rassistische oder sexistische Literatur für ignorante oder rassistische oder sexistische Leser*innen schreiben wollen, dürfen Sie das tun (wobei das nicht unbedingt im Sinne unseres Grundgesetzes ist, nebenbei bemerkt). Aber dann darf man sich auch nicht wundern, dass man ignorant, rassistisch oder sexistisch genannt wird oder jammern, weil man ja “nichts mehr sagen darf”.

          • So besiegen wir den Rassismus sicherlich genauso schnell und effektiv wie den Klimawandel: Einfach wegignorieren, was uns nicht gefällt.
            Danke, Gregor!

          • Ich weiß nicht, in welchem Buchuniversum Sie sich bewegen, aber ich kenne keine Bücher, die auch nur annähernd so eine Wirkung haben, wie Sie sie da halluzinieren.

        • Wow, wie sachlich.

          Ich habe Psychologie studiert und arbeite in der psychologischen Forschung, das nur am Rande, und habe weiter unten auch eine Reihe von Links angegeben. Der Zusammenhang zwischen in den Medien dargestellten Stereotypen, der Akzeptanz von diesen Stereyotpen und der Art und Weise, wie Stereotype das Verhalten von Personen beeinflussen können, ist hervorragend erforscht. Also nein, ich hallunziere hier nichts.

          Natürlich passiert das nicht von heute auf morgen. Es passiert auch nicht, weil man “mal ein Buch” gelesen hat. Es passiert durch die Masse und über die Zeit hinweg. Und es ist ein unbewusster Effekt, der den meisten Personen gar nicht aktiv zugänglich ist. Deswegen braucht es ja kontrollierte Studien, um ihn darstellen zu können.

          Aber wenn wir jetzt schon an dem Punkt angekommen sind, wo anderen Diskutant*innen geistige Umnachtung vorgeworfen wird, weiß ich nicht, wo uns das hier noch hinführen soll.

          • Ich meine, wirklich. Konkretes Beispiel mal aus Sicht des Rezipienten: Ich lese gerne, und sagen wir mal relativ viel (Leider muss ich nebenbei arbeiten, und schreiben, und manchmal sogar essen, deswegen ist es weniger als ich gerne hätte, aber vielleicht immer noch überdurchschnittlich.), und besonders gerne Fantasy.
            Und ich suche und suche Bücher, in denen Frauen nicht nur Objekte sind. In denen wirklich weibliche Charaktere vorkommen. Manchmal finde ich welche. Aber selten. Und auch die guten haben ihre schrecklichen Momente. Wenn ich nicht gezielt suchen würde, würde ich wahrscheinlich fast nur Geschichten lesen, in denen Frauen Belohnungen sind für die cleveren, starken Männer. Und wenn ich mein ganzes Leben lang nur solche Geschichten rezipieren würde …
            Naja, sagen wir mal, es ist wohl kein Zufall, die Gamerbubble ein toxischer misogyner Rape-culture enablender Haufen Müll ist.

          • Ich glaube, die Bemerkung von Herrn Eschbach, von wegen Halluzinieren einflussreicher Bücher, ist eher einem Impuls in der Hitze des Gefechtes geschuldet. Er weiß eigentlich wie sehr Literatur die Gesellschaft beeinflussen kann und hat in der Vergangenheit auch selbst zutreffend darauf hingewiesen, z.B. dass die NASA sich von Science-Fiction-Werken inspirieren lässt (ausgerechnet von einem Nischengenre, das viele immer noch belächeln). Immer wieder hört man das von Naturwissenschaftlern. Wissenschaft und SF interagieren. Wer es genau wissen will: https://www.sueddeutsche.de/wissen/science-fiction-forschung-inspiration-1.4486445

      • Hier treffen einfach zwei Überzeugungen aufeinander. Es gibt Bücher, die wollen die Welt verbessern. Und es gibt die passenden Leser dazu, die ebenfalls die Welt verbessern wollen.
        Und dann gibt es Bücher, die haben keinen höheren Anspruch, als einfach unterhalten zu wollen. Und es gibt Leser (dazu zähle ich auch mich), die oftmals einfach genau das wollen: unterhalten werden.
        Beides ist ok, beides hat seine Daseinsberechtigung und man sollte sich einfach mal wieder ins Gedächtnis rufen, daß nicht jedes Buch und jeder Leser zusammen glücklich werden können. Und wissen sie was? Das finde ich vollkommen ok!
        Gerade bei Büchern, die einfach der Unterhaltung dienen, muss man sich vor Augen führen, daß es sich um Fiktion handelt und gerade diese Art von Büchern eben nicht die dort auftretenden Gruppen als Zielgruppe hat. Ich habe medizinisches Fachwissen. Und wissen sie was? Ich laufe vor sämtlichen Arztromanen oder Krankenhausserien schreiend davon. Meine Oma hat sie heiß und innig geliebt. Ich könnte mich jetzt ellenlang darüber auslassen, warum Arztromane völlig unrealistisch sind und ein völlig verklärtes, romantisiertes Bild zeichnen und wehement einfordern, daß man das doch in Zukunft ändert. Oder ich übe mich in Gelassenheit, meide persönlich diese Art von Literatur und lasse meiner Oma und Millionen von anderen glücklichen Lesern einfach ihren Spaß.
        Arztromane werden nicht für medizinisches Fachpersonal geschrieben. Krimis nicht für Polizisten oder Mörder. Gayromance nicht für schwule. Western nicht für Cowboys und Indianer. Shades of grey hat sich nie an erfahrene und praktizierende BDSMler gerichtet und Märchen werden nicht für Prinzessinnen und böse Stiefmütter verfasst.
        Man mag mich jetzt naiv und realitätsfern nennen. Aber ich steh dazu. Ich möchte, wenn ich lese nicht die Realität 1 zu 1 wiedergegeben sehen. Die Realität ist oftmals ziemlich scheiße. Für mich sind Bücher papiergewordene Tagträume, die der Autor mit uns teilt. Und da darf die Realität gerne außen vor bleiben.

        • Ich wiederhole mich jetzt zwar, aber: Das hat nichts mit Überzeugungen zu tun. Dass Inhalte von Romanen/Medien generell Einfluss auf Menschen haben, ist mit der am besten erforschte Bereich der Sozialpsychologie überhaupt. Das kann man ablehnen, aber genauso gut kann man sich auch hinstellen und behaupten, der Himmel sei grün, die Erde eine Scheibe oder es gäbe keinen Klimawandel. Nur, weil man nicht daran glaubt, ist es nicht weniger wahr. Meistens passiert es allerdings unbewusst, man kriegt das also selber gar nicht so mit.

          Natürlich darf und soll Literatur unterhalten, aber auch schlichte Unterhaltungsliteratur hat Einfluss auf die Leser*innen. Es gibt z.B. Studien, die gefunden haben, dass Leser*innen von “50 shades” über mehr Sexismus berichten als solche, die es nicht gelesen haben. Das ist nicht trivial. Natürlich gibt es eine gewisse künstlerische Freiheit. Polizeiarbeit wird in Krimis auch nicht immer realistisch dargestellt, ebenso wenig die Arbeit in Krankenhäusern in entsprechenden Arztromanen. Das ist auch kein Problem, solange es nicht dazu führt, dass Leser*innen in der Realität eine schlechtere Meinung von Polizist*innen oder Ärzt*innen haben.

          Unterhaltung und sensitives Schreiben schließen sich ja auch gar nicht aus. Ich kann einen simplen, romantischen, kitschigen Arztroman schreiben, ohne problematische Vorurteile über Ärzte, Krankenpflegepersonal, Homosexuelle oder andere Gruppen zu bedienen. Das bin ich meinen Leser*innen in meinen Augen sogar schuldig, insbesondere dann, wenn ich nicht für die Gruppe schreibe, ÜBER die ich schreibe (z.B. wenn ich Gay Romance für hetereo-Frauen schreibe). Denn das verstärkt die Probleme ja eher noch.

          Von daher: Tagträume ja, gerne, gar kein Problem. Auch gerne fluffige Geschichten ohne schwere Konflikte. Aber gerade da sollte ich mich doch bemühen, eine angenehme Atmosphäre für alle zu schaffen und nicht dafür zu sorgen, dass ein Teil der Leser*innen den Roman total frustriert zur Seite legt. Was spricht denn dagegen, dass der charmante Landarzt eine lesbische Schwester hat? Oder dass die Kriminaloberkommissarin Muslima ist? Oder dass der Ehemann der kriminalfälle-lösenden alten Lady im Rollstuhl sitzt? Eigentlich nichts. Im Gegenteil: Man tut sogar noch was Gutes damit UND unterhält.

          • Liebe Frau Brandt,
            ich glaube Ihnen gerne, dass es diese Forschungen gibt. Aber es gibt auch andere. So, wie Sie das darstellen, ist eigentlich jedes Buch gefährlich, weil es sicher jemanden verletzt (und oft tun das Bücher auch).
            Wenn Sie nur Bücher lesen, in denen Deutsche fett und dämlich sind, dann glauben sie das vermutlich irgendwann. Oder lesen den Quatsch nicht mehr.
            Wenn in unterschiedlichen Büchern Deutsche unterschiedlich dargestellt werden (wie sie ja auch in Wirklichkeit sind), dürfte das kaum diese Wirkung haben.
            Wenn Sie immer nur Texte aus der PC Filterblase lesen, dann akzeptieren Sie irgendwann keine andere Meinung mehr. Auch das folgt ja auch Ihrem Beitrag. Wenn es gar keine muslimischen Terroristen mehr in Büchern gäbe, um Muslime nicht zu beleidigen – das ist ja ihre Forderung – , ist das genauso Neusprech a la 1985, wie wenn es in den Büchern alle Muslime Terroristen sind. Und wenn alle, die nicht jede PC Sprachregelung übernehmen in den PC Texten als AfDler dargestellt werden, übernehmen das irgendwann die Leute, wie man hier in der Diskussion sehen kann.
            Und das gilt auch, wenn es als angebracht gilt, Leute zu beleidigen und zu verunglimpfen. Das tun viele leider viele PCler.

          • Natürlich sind Bücher eine mächtige Waffe. Manche haben die Welt oder die Sicht auf die Welt verändert – auch zum Guten, in vielerlei Hinsich. Es gibt sehr viele Studien, die zeigen, dass Harry Potter z.B. trotz aller Probleme, die das Buch hat, langfristig positive Einflüsse auf die jungen Leser*innen hatte. Die Wirkrichtung ist beidseitig. Aber als Autor*innen können wir entscheiden, in welche wir tendieren wollen.

            “Oder lesen den Quatsch nicht mehr.”
            Da sind wir schon am Punkt. Es gibt viele Leser*innen, die Bücher nicht mehr lesen wollen, in denen Frauen als Objekte behandelt oder Missbrauch als romantisch dargestellt werden. Und die Folge ist: Die Gegenseite stellt das als Zensur da, als Meinungsdiktatur. Funktioniert also offenbar nicht so richtig gut.

            “Wenn es gar keine muslimischen Terroristen mehr in Büchern gäbe, um Muslime nicht zu beleidigen – das ist ja ihre Forderung – , ist das genauso Neusprech a la 1985, wie wenn es in den Büchern alle Muslime Terroristen sind. ”
            Wie kommen Sie darauf, dass das meine Forderung ist? WENN ich eine Forderung habe, dann, dass wir uns als Autor*innen bewusst machen müssen, welche Effekte unsere Texte haben und was ein Roman über einen muslimischen Terroristen in der aktuellen Situation möglicherweise bei Leser*innen auslöst. Wenn mir egal ist, dass das Wasser auf den Mühlen der Afd-Anhänger sein kann: okay. Aber dann muss ich auch damit leben, dass Muslime das richtig scheiße finden.

            Abegesehen davon: Wie viele Romane oder Filme (sagen wir mal aus dem Bereich Thriller) kennen Sie, in denen Muslime als Held*innen vorkommen? Und in wie vielen sind sie die “Bösen”? Wir haben da in D ein massives Ungleichgewicht. Muslime werden also, im Gegensatz zu Deutschen, nicht immer unterschiedlich dargestellt, sondern überwiegend einseitig. Deswegen brauchen wir mehr Diversität und mehr Repräsentation, damit es irgendwann wirklich egal ist, ob die Muslima nun gut, böse oder irgendwas dazwischen ist. Aber das erreichen wir nicht, wenn wir nach wie vor alte Klischees bedienen, die es schon zu Tausenden gibt.

          • “Natürlich sind Bücher eine mächtige Waffe”. Aha.

            Ihre Replik bestätigt Liehrs Text. Ein Autor, der auf die Reaktionen seiner Leser hin schreibt (bzw. nicht schreibt), ist für die Kunst verloren. Er (Sie) schreibt Gesinnungsprosa. Das hat mit Literatur nichts mehr zu tun. Gehaben Sie sich wohl.

          • Ein Autor, der glaubt, er würde keine Gesinnungsprosa schreiben, ist nicht nur für die Kunst verloren.
            Es ist wie das übliche Gamergejammere.
            “Junger Held, deine Aufgabe ist, einen bewaffneten Aufstand gegen die ausbeuterische Regierung anzuführen, ihre Truppen zu besiegen und die gebeutelten Bürger bis zum Palast zu führen, um den Tyrannen zu entthronen und ein gerechteres Regime zu errichten!”
            “Mhm, jo, klingt gut!”
            “Du kannst dir aussuchen, ob du als Mann oder Frau spielst, und es gibt verschiedene Haarlängen.”
            “WARUM IST DA POLITIK IN MEINEM SPIEL ICH HASSE EUCH!!”

          • Sie sprechen von Ihren Thesen als bewiesene Fakten. Könnten Sie hier einige Studien verlinken, damit es ermöglicht wird, das nachzuvollziehen?
            Nach meinem Kenntnisstand (und ich bin eng befreundet mit einer Doktorandin in Sozialpsychologie und einem Doktoranden in Stressforschung und tausche mich gerne mit den beiden aus) sind gerade in der Psychologie viele Dinge nicht “beweisbar” sondern müssen jeweils auf Studienumfeld, Studiendesign und viele andere Faktoren hinweg bewertet werden und führen oft zu Indizien und nicht zu Beweisen.

      • Ach ja…. deshalb schaut mein „grüner“ Kollege, der sich immer sehr in diesem überkorrekten Neusprech ausdrückt und alle anderen darauf hinweist es ebenfalls zu tun, mir andauernd auf die Brüste, wenn er mit mir redet…. wirkt hier ja richtig klasse die neue Sprache… und deshalb hilft es also auch in den USA und England so gut….

  14. Der Artikel ist aus meiner Sicht deutlich überzogen und provoziert damit ebenso überzogene Reaktionen – was in der Sache zunächst einmal nicht hilfreich ist.
    Aber im Kern ist er leider wahr. Ich kenne sie auch, die Schere im Kopf. Keiner meiner Protagonisten dürfte typischen Vorurteilen entsprechen: kein Jude dürfte ein gieriger Geldwechsler sein, kein Nazi-Offizier sympathisch, keine Frau naiv und hilflos. Kein – Entschuldigung, ich suche gerade das aktuell zulässige Wort – afrikanischstämmiger Mensch dürfte minderbemittelt sein.
    Alle dieses Stereotypen gibt es definitiv als Einzelpersonen – aber als Autor wage ich nicht, sie zu verwenden. Aber ist diese Einschränkung im Sinne eine Ganzheitlichkeit nicht auch schon Rassismus?

    In einem Punkt stimme ich Tom Liehr aus ganzem Herzen zu: Als Autor, als Privatperson habe ich keinerlei Verantwortung oder Verpflichtung, die Welt anders darzustellen als ich sie wahrnehme.

    • Nein, Sie haben dazu keine Verpflichtung. Aber Sie haben die Konsequenzen für Ihr Handeln und für Ihre Aussagen zu tragen, auch als Privatperson.

      Literatur entsteht nicht im luftleeren Raum. Ja, Sie können eine jüdische Person in Ihrem Roman als gierigen Geldwechsler darstellen. Aber weil die Welt nun einmal ist, wie sie ist, und nicht, wie wir sie uns wünschen, hängt an einer solchen Darstellung – ohne dass Sie es verhindern könnten – eine fürchterliche Bedeutung, die nur die ignorantesten aller Menschen nicht mitdenken würden.

      Zum sympathischen Nazi-Offizier: Klar können Sie den schreiben. Die Frage ist doch, wie er kontextualisiert wird. Wenn Sie die Aussage treffen möchten, dass auch Nazis doch eigentlich ganz nette Kerle waren, dann wird das entsprechende Konsequenzen haben. Wenn Sie hingegen darstellen möchten, dass ein Nazi gleichzeitig liebender Ehemann und Vater und guter Freund gewesen sein kann und zugleich abartige Gräueltaten begangen hat, dann wirft das eine interessante Ambivalenz auf, die es wert ist diskutiert zu werden. Ähnlich kann man das für die “naive und hilflose Frau” und den “minderbemittelten Schwarzen” durchexerzieren: Sie können jede Figur schreiben, die Sie wollen, aber Sie müssen eben schon darüber nachdenken, ob Sie sie zu sexistischen/rassistischen Stereotypen machen oder zu interessanten Figuren, über die eine Aussage getroffen wird – über die Sie uns also zeigen, wie Sie denn nun die Welt wahrnehmen.

    • Was als Beleidigung gedacht ist, entscheidet der Sender. Was als Beleidigung oder Verletzung empfunden wird, der Empfänger.
      Nur leider werde ich immer jemanden treffen, der beleidigt ist. Ich kann mitfühlen, dass der Hartz IV Empfänger und AfD Anhänger benachteiligt und beleidigt ist,
      Aber tut mir leid, deshalb kann ich nicht aus Höflichkeit, um niemanden zu beleidigen, ersparen, dass ich seine Sprüche nicht so toll finde.

  15. Eine kurze Klarstellung, die leider nötig zu sein scheint, weil ich mir offenbar nicht genug Mühe gegeben habe. Das ist ein Text, in dem es um Meinungsfreiheit, um künstlerische Freiheit, um die Freiheit bei der Wahl der Mittel geht. Er richtet sich nicht gegen Ziele – von denen ich tatsächlich viele teile -, sondern gegen die Methoden. Und gegen die Gleichsetzung von beidem. Gegen die Vorgehensweise, Befürwortern oder Ablehnern des einen die Befürwortung oder Ablehnung des anderen zu attestieren. Wer sich nicht an die Regeln hält, ist ganz automatisch gegen jene, die sie sich ausgedacht haben.

    Deshalb sind neben ungeheuer vielen sehr interessanten, nachdenklichstimmenden, begeisterten und aus nachvollziehbaren Gründen widersprechenden Reaktionen auch ein paar eingegangen, die ein wenig irritieren. Nein, liebe AfD-Knalltüten, nur weil ich mich wie Ihr (aber aus ganz anderen Gründen) gegen den Zwang zur politischen Korrektheit ausspreche, bin ich nicht auf Eurer Seite – das Gegenteil ist der Fall. Und, nein, liebe Feministinnen, ich lehne Eure Sache nicht grundsätzlich ab, nur weil ich das Gendern – vor allem in Kunst und Literatur – für eine haarige Idee halte.

    Natürlich ist das provokant geraten, was sich noch steigert, weil es um ein polarisierendes Thema geht. In einigen Foren und Gruppen sind die Gemüter gestern ganz schön hochgekocht, wie ich gehört habe. Vielleicht muss das gelegentlich sein. Vielleicht kann abseits aller Reflexreaktionen tatsächlich mal (selbst-)kritisch hinterfragt werden, ob es den Zielen nutzt, wenn man so tyrannisch auf die Einhaltung der Methoden pocht.

    Herzlich (und herzlichen Dank),
    Tom Liehr

    • Offenbar haben Sie leider die Kritik an dem Artikel nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Es geht hier nicht um die Frage, welche Methode man wählt, ob man mit Stift oder Feder schreibt, plottet oder nicht plottet oder sich für Fantasy oder Krimiliteratur interessiert.

      Es geht darum, dass Sie in Ihrem Artikel rechte Kampfbegriffe wie “political correctness” nutzen, Beiträge verzerrt zitieren, ohne Quellenangaben zu liefern, Fakten falsch darstellen (z.B. zum Thema Microaggressions) und dazu aufrufen, dass es doch okay sein müsse, Witze über Minderheiten zu machen, diese in der Literatur einfach komplett totzuschweigen oder Frauen sprachlich zu ignorieren. Und nein, das ist nicht okay. So gar nicht.

      Ich zitiere aus meinem anderen Kommtar, um mich nicht zu wiederholen:
      Es gibt im Kopf keinen Schalter, den man umlegen kann, je nachdem, ob das, was man konsumiert, real ist oder Fiktion. Im Gegenteil. Es gibt sogar Studien, die zeigen, dass fiktive Literatur einen stärkeren Einfluss auf Leser*innen hat als nicht-fiktive. Stellen Sie sich vor, es gäbe in einem anderen Land der Welt Dutzende Romane, in denen steht, dass Deutsche fett und hässlich sind. Sie würden sich darüber beschweren, die Autor*innen dafür kritisieren, und alles, was Sie hören, wäre: “Stellen Sie sich nicht so an. Das ist doch witzig. Außerdem ist das nur Fiktion.” Irgendwie unangenehm, oder?

      Ich kann nur hoffen, dass Sie sich mit dem Thema noch etwas fundierter auseinandersetzen als Sie es in diesem Artikel getan haben, dass Sie noch einmal nachlesen, was genau Sensitivity Reading ist und wie Sprache auf Leser*innen wirkt. Dann wird Ihnen vielleicht auch klar, warum AfD-Anhänger*innen diesen Artikel feiern und Feminist*innen keinerlei inhaltliche Gemeinsamkeiten mit Ihnen finden werden.

      Möglicherweise hilft Ihnen dabei auch dieser Artikel (sind Sie ein Mario-Barth-Fan?): https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.eine-begegnung-mit-mario-barth-das-lachen-der-mehrheit.19b67ee5-8769-49f7-ab49-bc38001d33d1.html

      Übrigens bin ich sehr für die Verwendung von Kondomen. Die schützen nämlich alle beteiligten Parteien.

      Grüße von einer verkrampften Gutmenschin, die mit Begeisterung und Freude an dem wächst, was sie schreibt, und trotzdem unterhält

      • Frau Brandt, Political Correctness zu einem rechten Kampfbegriff zu erklären, nur damit man alle, die nicht die eigene Meinung vertreten, als rechts diffamieren kann, ist zwar weit verbreitet, aber Blödsinn. Die PC gibt es, das zeigt ja die Diskussion hier. Und wenn man den Begriff nicht verwenden würde, würde es sie trotzdem geben.
        Wenn immer alle Deutschein Romanen fett und hässlich wären, wäre es ein Problem. Wenn einige Deutsche fett und hässlich sind, andere nicht, wäre es kein Problem.
        Und wenn Deutsche in Romanen gar nicht mehr fett und hässlich sein dürften, um Deutsche nicht zu beleidigen und der PC wegen, dann hätten wir ein massives Problem.
        Auch Minderheiten sind nicht alle gleich, nicht alle Sinti und Roma denken und handeln gleich. Da wäre mehr Diversität in Diskussionen hochnötig. Leider traut sich das niemand, weil er sonst nämlich Ärger kriegt von PC & Co.
        Sinti und Roma haben lange diskutiert in ihren Verbänden. Die Vereinsnamen verwendeten früher den Begriff Zigeuner. Ob ändern oder nicht, darüber gab es unterschiedliche Meinungen, anders als mancher glaubt, haben auch Sinti und Roma unterschiedliche Meinungen. Wie Mehrheitsdeutsche eben auch. Heute verwendet keiner der Verbände mehr den Begriff “Zigeuner”. Ich würde ihn auch nicht mehr verwenden.
        Nur sollte man nicht gleich jeden verteufeln, der sich nicht in jedem Komma an die gerade übliche Sprachregelung hält, was angeblich beleidigend ist und was nicht. Vor allem nicht dann, wenn Deutsche Mehrheitsmenschen das vertreten.
        In den letzten Tagen wurde ich mehrfach als “Ignorant” geoutet. Gut, manchmal bin ich ignorant, manchmal starrköpfig. Aber nicht das war der Grund.
        In jedem Fall wurde mir angekreidet, dass ich Fragen gestellt habe. Warum soll dieses Wort beleidigend sein? Und für viele PC Anhänger ist schon allein das Stellen einer Frage, die Andeutung eines Zweifels eine Häresie und jeder der Fragen stellt, ein Abweichler, den man beleidigen darf und muss.
        Zur Ehrenrettung der PC ler: Es gibt zum Glück auch andere. Während einige mich beschimpft haben als Ignorant, haben andere mir nützliche Links gepostet, die ich mit Google nicht gefunden hatte. Danke, geht also doch.
        Nur frage ich mich schon: Was denken sich Leute, die jede Diskussion ablehnen und es für beleidigend halten, wenn ich nach einer Begründung frage? Das ist genau das Verhalten, dass Tom Liehr anprangert, sicher überspitzt, aber leider nicht unberechtigt.

        • Dass PC ein rechter Kampfbegriff ist, habe ich mir nicht ausgedacht, die Unterstellung funktioniert also leider nicht, sorry: https://www.theguardian.com/us-news/2016/nov/30/political-correctness-how-the-right-invented-phantom-enemy-donald-trump

          Ich habe das Gefühl, dass in dieser ganzen Debatte eine Scheindiskussion aufgemacht wird, die so noch nie geführt wurde, aber entsprechend groß aufgebauscht wird. Natürlich “darf” immer noch jede*r Autor*in schreiben, was er*sie will. Wer sollte es denn verbieten? Wo wurde es denn jemals verboten? Das einzige, das aktuell mehr Raum einnimmt, ist Achtsamkeit und Respekt gegenüber Minderheiten. Das wären nämlich die neutralen Bezeichungen gewesen, um “policital correctness” zu vermeiden. Klingt gleich viel netter.

          Und ja: Wir sollten als Schreibende unterschiedliche Maßstäbe anlegen, wenn es darum geht, Vorurteile zu bedienen oder eben auch nicht (sofern uns dieses Thema am Herzen liegt). Wir haben in D – zumindest innerhalb der Phantastik, in der ich mich auskenne – kaum Romane mit schwarzen Figuren, mit queeren Figuren, trans Figuren oder behinderten Held*innen. Wenn die wenigen, die vorkommen, dann typische Klischees bedienen, hat das sehr unangenehme Folgen für Betroffene.

          Was ich auch nicht verstehe: Warum kämpft man so vehement für das Recht, Stereotype und Klischees zu bedienen und anderen auf die Mütze zu geben dadurch? Was ist so toll und erstrebenswert daran? Das ist weder kreativ noch spannend. Von daher hört es bei mir schon an der Stelle auf, an der sich Leute beklagen, sie “dürften” jetzt nicht mehr sexistisch über Frauen schreiben (z.B.). Warum sollte man das denn wollen?! Man kann über sexistische Figuren schreiben, über Probleme, die durch Sexismus entstehen, aber warum sollte ich als Autor*in ein Buch verfassen wollen, das dazu führt, dass Frauen (oder andere Gruppen) abgewertet werden?

          Zitat: “Was denken sich Leute, die jede Diskussion ablehnen und es für beleidigend halten, wenn ich nach einer Begründung frage?”

          Ich beantworte das mal mit einem Gegenbeispiel. Stellen Sie sich vor, ich käme zu Ihnen und würde Sie fragen, warum “ignoranter alter Sack” eine Beleidigung sein soll. Da würde Ihnen vermutlich auch nicht viel dazu einfallen.

          Marginalisierte Menschen schulden es den Nicht-Marginalisierten nicht, ständig zu erklären, wie Diskriminierung aussieht oder funktioniert oder wie es sich anfühlt, rassistisch beleidigt zu werden. Das ist nämlich sehr brutal und belastend auf Dauer.

          Also wenn Sie besser verstehen wollen, wie Diskriminierung funktioniert, dann nehmen Sie ein gutes Buch zur Hand (“Deutschland schwarz weiß”, z.B., oder “Exit Racism”) oder stöbern Sie in einschlägigen Blogs.

          Und glauben Sie mir, uns “PClern” macht es keinen Spaß, uns ständig erklären und rechtfertigen zu müssen, warum wir es gut finden, rücksichtsvolle Menschen zu sein und andere nicht zu beleidigen. Im Gegenteil, das ist echt belastend. Denn das, was Ihnen bisher im Netz passiert ist, ist nicht ansatzweise mit dem Hass und der Gewalt vergleichbar, die Marginalisierte abbekommen, einfach nur, weil sie ihre Rechte durchsetzen wollen.

          • >>”Wir haben in D – zumindest innerhalb der Phantastik, in der ich mich auskenne – kaum Romane mit schwarzen Figuren, mit queeren Figuren, trans Figuren oder behinderten Held*innen.”<<

            Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen. Wenn Sie da eine Marktlücke entdeckt zu haben glauben, dann füllen Sie sie doch!

          • Ob Sie es glauben oder nicht, das tue ich. Und ich fände es schön, wenn andere das auch täten. Denn dann müssten wir die Debatte darum, wie man Figuren darstellen soll/darf gar nicht mehr führen, weil Platz für alle Arten von Repräsentation wäre.

          • “Wenn Sie da eine Marktlücke entdeckt zu haben glauben, dann füllen Sie sie doch!”
            Meeine Güte.
            Ich glaub dir nicht, dass du das nicht raffst. Glaub ich dir einfach nicht. Dafür ist es zu einfach.
            In leichter Abwandlung des alten Sprichworts: Es ist sehr schwer, jemandem etwas zu erklären, wenn sein Selbstbild davon abhängt, es nicht zu verstehen.

          • Dass PC ein Kampfbegriff sei, den man deshalb nicht benutzen dürfe, ist eine Methode, um die Diskussion zu verhindern. Eine Schutzbehauptung. Dass das im Guardian behauptet wurde – den Artikel kenne ich schon lange – ändert daran nichts.
            Es gibt PC. Punkt. Dass Rechte sie als Kampfbegriff verwenden, ändert daran nichts und ist auch kein Argument. Wenn Gauland demnächst tägliches Zähneputzen fordern würde, würde ich mich dennoch nicht aufs tägliche Zähneputzen verzichten.
            Manche Linke verwenden Rassismus als Kampfbegriff. Das ändert auch nichts daran, dass es Rassismus gibt.
            Diese Sache, dass man das Wort PC nicht verwenden dürfe, ist nun wirklich nur ein Versuch, jede Kritik und Diskussion zu unterbinden.
            Unfreiwillig unterstützt man damit die AfD, die ja behauptet, dass man hierzulande keine Kritik üben dürfe. Und solche Artikel zeigen leider, dass es Leute gibt, die genau das anstreben.

          • Der Begriff “politische Korrektheit” wurde im achtzehnten Jahrhundert zum ersten Mal verwendet. In den Achtzigern und Neunzigern hat die Rechte das abwertend verwendet, erst in den Nullerjahren hat die eher Linke das für sich als positives Etikett in Anspruch genommen. Das steht auch so in meinem Beitrag.

        • Das Problem, Herr Roentgen, ist doch folgendes: Sie schreiben ja selbst “Wenn immer alle Deutsch in Romanen fett und hässlich wären, wäre es ein Problem”. Nun gibt es aber Personengruppen, die durchwegs als “fett und hässlich” beschrieben werden (um beim Bild zu bleiben). Und das sind garantiert nicht die Deutschen. Wenn diese Gruppen nun darauf Aufmerksam machen, dass nicht alle von ihnen fett und hässlich sind, dann sollte man dies eigentlich schon vorher gewusst haben und dies aus Respekt im Kommunikationsverhalten berücksichtigen. Stattdessen wird die “PC-Keule” rausgeholt und die Schuld auch noch auf die betroffene Gruppe geschoben (“die sollen sich mal nicht so anstellen”). Beste Grüße, MK

          • Da haben Sie recht, Mike. Aber die Lösung ist nicht, den Begriff “fette Deutsche” zu vermeiden, sondern mehr Diversität in Romane zu bringen, sprich in Romanen nicht alle Deutschen fett sein zu lassen. Generell täte es der Literatur gut, nicht immer die gleichen Klischees zu verwenden.
            Die Schuld wird übrigens nicht auf die betroffene Gruppe geschoben, sondern auf die Anhänger der PC. Und das sind Mainstream Deutsche, btw.
            Die oft auch gegen Angehörige von Minderheiten vorgehen, wenn diese nichts von ihren Sprachregelungen halten. Ich gehöre zu den Diabetikern Typ I und mir wird von Nicht.Diabetikern aus dem PC Lager vorgeworfen, dass ich mich “Diabetiker” nenne und von Diabetikern spreche. Das müsse Mensch mit Diabetes heißen. Die meisten Diabetiker haben das abgelehnt in einer Umfrage, von den PC Hardcore Leuten wird es dennoch ihnen immer wieder aufgedrückt.
            Bei Muslimen gab es und gibt es den gleichen Effekt. Da wird jeder Muslim von der PC beschimpft, der darauf hinweist, dass es im Islam eine Radikalisierung gegeben hat, die viele Züge von Faschismus trage.
            “Islamophob” nennt die PC sowas und behauptet, dass jeder, der sowas sagt, psychisch krank sei. Nicht beleidigend? Nicht diffamierend? Nicht menschenverachtend? In der Sowjetunion wurden darauf die mit anderer Meinung in die Psychatrie eingesperrt. Offenbar ist das auch in Deutschland gewünscht. Und da können anhänger der PC plötzlich ganz schön rassistisch werden.

  16. Hallo Herr Liehr, eine Frage hätte ich dann doch: Warum haben sie “beleidigt fühlen” kursiv gesetzt? Sind sie der Meinung, dass sich die Menschen nicht beleidigt fühlen, sondern nur so tun als ob? Mit bestem Dank im Voraus, MK

    • Ich verstehe es so, dass sich manche Leute von etwas beleidigt fühlen, was nicht als Beleidigung gedacht war und auch nur sehr umständlich so zu interpretieren ist, was im Grunde dem Tenor des gesamten Artikels entspricht, der – meiner Meinung nach – nur sagt: “Mensch, manche Leute sollten sich vielleicht mal ein bißchen weniger über jeden Mist aufregen.”

      • Nun liegt es aber nicht am Sender zu entscheiden, was als Beleidigung gedacht ist und was nicht. Und dass manche Menschen durch ihre Erlebnisse im Alltag etwas sensibler sind, finde ich allzu verständlich. Da sollte man schon mal etwas nachdenken, bevor man sich äußert.

        • Es liegt NICHT am Sender, was als Beleidigung GEDACHT ist? Wow.

          Ich habe nicht gegen das Nachdenken und nicht gegen Sensibilität im Umgang plädiert. Ich habe (u.a.) gegen Sprachvorschriften plädiert.

          Herzlich,
          Tom Liehr

          • Ich freue mich, ihnen zu einer Erkenntnis verholfen zu haben. Aber als Schriftsteller sollten sie sich vielleicht mal mit Kommunikationstheorien beschäftigen. Natürlich liegt es allein am Empfänger, was als beleidigend verstanden wird. Ein simples Beispiel hilft ihnen vielleicht, dies zu verstehen. Wenn ich sie einen “Humpfderdrauf” nenne, werden sie sich vermutlich nicht beleidigt fühlen, obwohl das für mich eine schlimme Beleidigung darstellen könnte. Nenne ich sie dagegen “Deppskopf” werden sie das vermutlich als beleidigend auffassen, obwohl das von mir als Lob gemeint sein kann. Sie können sogar versuchen jemanden zu beleidigen und ihre Gegenüber kann diesen Versuch gar nicht wahrnehmen. Denn der Sender kann nicht darüber entscheiden, wie der Empfänger die Botschaft zu verstehen hat.

    • Vermutlich, weil es einfach Menschen gibt, bei denen man das Gefühl bekommt, daß sie geradezu nach einem Grund suchen um beleidigt zu sein und die Erklärung, warum etwas sie beleidigt erstmal um drei Ecken führt.

      • Hallo Celestine, ich finde es ziemlich interessant, dass sich nicht auf die Idee kommen zu versuchen, ihren Gegenüber zu verstehen. Stattdessen geben sie lieber ihren Gefühlen nach, als ihren Standpunkt zu überdenken. Aber das ist natürlich erlaubt und wenn man sich so umschaut, sind sie damit alles andere als alleine. Beste Grüße, MK

        • Tadaaaa! Da haben wir ja auch gleich schon jemanden, bei dem ich wieder das Gefühl bekomme, daß er gerne etwas in den falschen Hals bekommt. Na gut. Kann ich auch:
          Ich muss schon sagen, ich fnde es gerade ZIEMLICH beleidigend, daß Sie nichtmal meinen Namen richtig schreiben. Daß ich anscheinend so wertlos bin, daß Sie da nichtmal drauf achten können verletzt mich zutiefst!
          Und wieso unterstellen Die direkt, daß ich garnicht versuche mein Gegenüber zu verstehen? Das können Sie doch garnicht wissen?! Es könnte auch sein, daß der beleidigte nicht vernünftig erklären kann, warum er beleidigt ist. Aber nein, darauf kommen Sie garnicht erst. Sie geben direkt MIR die Schuld daß ich nicht jedes Beleidigtsein verstehen und nachvollziehen kann!
          Und da ich (anders als Sie anscheinend) nicht mit einem psychologischen Röntgenblick, der mich einwandfrei WISSEN lässt, was der andere denkt, gesegnet bin, bleibt mir leider wenig anderes übrig, als mich hier auf mein Gefühl zu verlassen. Können Sie denn keine Rücksicht nehmen, auf Menschen, mit einer solchen Behinderung?! Daß sie hier das Fehlen des psychologischen Röntgenblicks derartig herabwürdigend erwähnen ist eine Ungeheuerlichkeit!
          *rauscht tödlichst beleidigt von dannen*

  17. Die diskriminierungsfreie Sprache nutzt nichts, wenn sie nur durch ein Schema angewandt wird. Beste Beispiele für derart übergestülpte Maßnahmen sind Uniformen, Dress-Codes in Firmen, ja, allgemein die Höflichkeit.

    So lächelt und begrüßt mich ein Angestellter beim Betreten eines Hotels vielleicht höflich, wenn er mir meine Koffer trägt, aber in seinem Kopf denkt er möglicherweise, dass ich ein fettes Schwein sei. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, nicht das nach außen gezeigte Verhalten. Insofern ist meiner Meinung nach der Versuch, Sprache als Instrument für eine Art „Gerechtigkeit“ einzusetzen, nur eine oberflächliche Maßnahme. Denn das Ziel sollte doch sein, dass man Worte wie Neger und Zigeuner wieder ohne negative Konnotation wahrnehmen und verwenden kann. Sie sind verbrannt in dieser Hinsicht, aber nur, weil Menschen, die keine Rassisten sind, sie nicht mehr verwenden wollen. Insofern befeuern sie diesen Prozess. Wenn bei Pipi Langstrumpf der Negerkönig politisch unkorrekt geworden ist, dann frage ich mich, wohin das führen soll.
    Was aber, wenn es Sinti und Roma oder dem sperrigen Begriff „People of Color“ eines Tages genau so ergeht? Sollen wir dann für alles neue Namen erfinden? Tom Liehr ist pointiert und er polemisiert. Allerdings schätze ich ihn nicht als einen Menschen ein, der böswillig ist. Und wenigstens thematisiert er das, was ihm auffällt, ganz im Gegensatz zu anderen, die ihre Fähnchen gerne in den Wind hängen.

    Denn die Diskussion in besagtem Autorenforum (dieser Thread ist öffentlich einsehbar) entlarvt sich bereits durch die Fragestellung. Wenn es mir kein inneres Bedürfnis ist, Diversität in meinen Geschichten auszudrücken, sondern mir Hilfe erhoffe, wie ich das „geschickt“ bewerkstelligen könne, dann ist das Thema für mich kein echtes Anliegen, sondern der Versuch, nicht anzuecken. Vorauseilender Gehorsam und es wirkt (auf mich) anbiedernd.

    Ziel sollte doch eher sein, dass Begriffe wie Arzt, Pilot, Mechaniker bei jedem Menschen den Imaginationsprozess in Gang setzen, dass die Berufe von allen Geschlechtern ausgeübt werden können – und dies auch gelebte Praxis ist. Herumlaborieren an der Sprache halte ich hier für den falschen Weg.

    • Da sie, Klaus, ” allgemein die Höflichkeit” als übergestülptes und angewandtes Schema ansehen, kann ich ihnen ja ganz offen sagen, dass sie vielleicht einmal nachdenken sollten, bevor sie Dinge kommentieren, von denen sie offensichtlich keine Ahnung haben. Beste Grüße, MK

  18. Ich bin zunehmend verblüfft, dass ausgerechnet jene Menschen, die mit dem Gebrauch der Sprache ihren Lebensunterhalt verdienen (wollen), seien es nun Journalisten, Schriftsteller oder Comedians, so wenig von ihrem wichtigsten Werkzeug verstehen: Der Sprache. Offensichtlich sind etliche der Meinung, dass das Beherrschen der Rechtschreibung und Grammatik eine hinreichende Qualifikation darstellt.

    • Vielleicht liegt es ja daran, dass sie die Beiträge hier so ganz anders interpretieren, als ich. Wenn Sie hier schon mit Kommunikationstheorie um die Ecke lurchen, sollten sie bei all ihrer Eloquenz den Schluss ziehen können, dass Sie als Empfänger vielleicht Sachen falsch verstehen könnten.
      Mal darüber nachgedacht?

      • Könnte damit zu tun haben, dass es dir wie auch dem Verfasser nicht mal gelungen ist, unser Grundanliegen richtig zu verstehen.
        Wir haben kein Problem mit harter Kritik. Was uns stört, ist Rassismus, Sexismus, halt die ganze überkommene Unterdrückungsscheiße, die unsere Gesellschaft nach wie vor prägt, und die der Verfasser dieses missglückten Endloslaments mit Verve zu verteidigen und auszubauen versucht.

          • Wir sind alle dran Schuld, und wer diese Probleme duldet, unterstützt sie, ob Autor, Bäckereifachverkäufer, oder Herzchirurgin.
            Die zweite Frage ist, wenn auch vielleicht nicht absichtlich, eine typische Nebelgranate. Wir sind zu gar nichts verpflichtet. Aber komm schon, deine Romane beschreiben genausowenig die Welt so, wie sie ist, wie meine das tun. Sie beschreiben Welten in unseren Köpfen, und wenn in unseren Köpfen Rassismus und Misogynie fröhliche Urstände feiern, dann sollten wir daran dringend arbeiten, meinst du nicht auch?
            Nicht mal Reportagen können sich in die Ausrede flüchten, sie würden ja nur darstellen, was ist. Dieser Mythos ist doch längst tot. Und du versuchst, ihn für Romane als Schild zu benutzen?
            Es geht ja auch gar nicht darum, dass diese Sachen nicht dargestellt werden sollten. Das ist zwar vielleicht die Position gegen die dieser Post hier anzuschreiben versucht, aber es ist keine realistische. (Wenn mir die kleine Polemik gestattet ist: Da scheint es euch plötzlich ganz leicht zu fallen, die Welt anders zu beschreiben, als sie ist.) Es geht darum, wie sie dargestellt werden, und wie der Autor sie wertet.

          • Ich finde es Interessant, dass bei solchen Diskussionen früher oder später immer das Wort “Schuld” auftaucht. Es ist nicht so, als solle ein Mensch, der darum gebeten wird rücksichtsvoll zu sein, das ganze Leid der Welt schultern. Nur weil man an etwas nicht schuld ist, heißt es nicht, dass es einen nichts angeht. Davon abgesehen sind Autoren durchaus in der Lage, Weltbilder anderer Menschen zu prägen. Wenn in Büchern immer nur gewisse Vorstellungen von Frauen, Migranten, Menschen mit Behinderung usw. auftauchen, dann tragen wir als Autor*innen dazu bei, dass bestimmte Gesellschaftsbilder weitergetragen werden.

            Kein Autor und keine Autorin ist in der Lage, die Welt zu beschreiben “wie sie ist”. Das würde voraussetzen, dass es jemanden gibt, der einen objektiven Blick auf die Welt hat. Autoren können nur beschreiben, wie sie persönlich die Welt sehen. Und wenn das eine Welt ist, in der Minderheiten nicht vorkommen oder nur als (beleidigende) Stereotype auftauchen, dann dürfen sie ihre Welt durchaus so beschreiben. Aber in einer Öffentlichkeit, in der Minderheiten zunehmend im Diskurs wahr- und ernstgenommen werden, wird das dann eben entsprechend kritisiert.

          • Ja, genau.
            Ich stell das bei mir auch fest, sowohl wenn ich meine alten Geschichten lese, als auch, wenn ich neue schreibe.
            Ein Charakter, der körperlich stark ist, gewalttätig, gefährlich? Klar, ein Mann. Ein eher emotionaler Charakter, natürlich weiblich. Und an nichtbinäre Charaktere denke ich gar nicht intuitiv von selbst, ebenso oft Menschen mit Behinderung. Die kommen in meinen Geschichten nicht vor, wenn ich mich nicht bewusst dran erinnere. Und das ist furchtbar, finde ich, weil meine Geschichten dadurch schlechter werden, und weil es halt auch was über mich aussagt, und wie viel ich selbst noch zu lernen und zu wachsen habe.
            Und das ist eben Blödsinn. Mit sowas schränke

          • >>Ja, klar gibt es Rassismus, Sexismus und Unterdrückung – aber sind da die Autoren dran schuld?<>Oder sind sie verpflichtet, die Welt anders zu beschreiben, als sie ist?<<

            Auch nicht. Aber es ist ein Unterschied, ob ein – ich nehme mal als Beispiel Sexismus – also ob ein nicht-sexistisch denkender Autor eine Figur, die sexistisch denkt, ersinnt, sie beschreibt und handeln lässt, oder ob ein Autor, der sein eigenes sexistisches Denken nicht erkennt, ein Buch schreibt und darin Sexismus unbewusst und unbeabsichtigt einfließen lässt.
            Für mich ist es eine Frage des Beherrschens des Schreibhandwerks, denn wenn ich meine eigenen Vorurteile durchschauen kann, habe ich mehr Freiheiten beim Schreiben, kann Figuren bewusster gestalten, ohne blind eine Aussage mit ins Buch zu bringen. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Mensch mit Vorurteilen immer beschränkt ist im Denken.

      • Ich war schon immer für klare Ausdrucksweise – in Gesprächen gleichermaßen wie in Blogartikeln und/oder Kommentaren.

        Aus diesem Grund werde ich auch nach wie vor “Negerkuss” und “Zigeunerschnitzel” beim Namen nennen.

        Was mir dabei aber wichtig ist: bei allem nie Respekt und Höflichkeit zu verlieren.

        Das scheint der gute Herr Klaus irgendwie verwechselt zu haben.

    • Sie sind nicht der Meinung von Tom Lier: Gut, dann steht es Ihnen zu, aufzuzeigen, warum das Gegenteil richtig ist. Dann entsteht möglicherweise eine Diskussion, die alle weiterbringt.
      Stattdessen behaupten Sie ohne weitere Begründung, es verblüffe Sie, wenn “Schriftsteller … so wenig von ihrem wichtigsten Werkzeug verstehen: Der Sprache” beziehungsweise werfen weiter oben Klaus vor, “Dinge zu kommentieren, von denen er offensichtlich keine Ahnung habe”.
      Das ist doch genau dieser Mechanismus, den Tom Liehr anspricht: Man stimmt mit einer Meinung nicht überein, die man aus Gründung der politischen Korrektheit als verwerflich ansieht und wirft dem Verursacher pauschal “Inkompetenz” vor, um ihn persönlich zu diffamieren und nicht auf den Inhalt eingehen zu müssen.
      Diesen Absolutheitsanspruch findet man in den Kommentarspalten von Zeitungen sehr oft im rechtsgerichteten politischen Lager.

        • Gut, dann ergänzen wir hier mal ein paar Fakten:

          1. Gendergerechte Sprache führt dazu, dass sich Frauen und nicht-binäre Menschen eher angesprochen, inkludiert und empowert fühlen: https://www.derstandard.de/story/2000107213910/geschlechtsneutrale-sprache-hat-tatsaechlich-erwuenschte-wirkungen
          https://www.tagesspiegel.de/wissen/gender-in-der-sprache-feuerwehrfrauen-und-geburtshelfer-helfen-bei-der-berufswahl/12023192.html

          2. Werden in Medien (Bücher, Filme, Serien) Vorurteile bzgl. bestimmter Geschlechterrollen oder Ethnien bedient, trägt das dazu bei, dass diese Vorurteile auch im realen Leben leichter akzeptiert werden und damit auch handlungsleitend werden können. Auch Einstellungen zu bestimmten Themen (positiv wie negativ) können durch Medieneinfluss verstärkt werden. Umgekehrt gilt das auch: Medien können auch helfen, Vorurteile abzubauen.
          https://numerons.files.wordpress.com/2012/04/14psychology-of-entertainment-media.pdf
          https://www.researchgate.net/profile/Michael_Slater4/publication/240699945_Processing_Social_Information_in_MessagesSocial_Group_Familiarity_Fiction_Versus_Nonfiction_and_Subsequent_Beliefs/links/5615377f08aec6224411a18f/Processing-Social-Information-in-MessagesSocial-Group-Familiarity-Fiction-Versus-Nonfiction-and-Subsequent-Beliefs.pdf
          https://www.researchgate.net/publication/254084523_The_Impact_of_Stereotypical_Versus_Counterstereotypical_Media_Exemplars_on_Racial_Attitudes_Causal_Attributions_and_Support_for_Affirmative_Action

          3. Microaggressions können bei Betroffenen zu Depressionen führen, posttraumatischen Stress erhöhen und Ausgrenzung verstärken.
          https://epublications.marquette.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1199&context=psych_fac
          https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/19361653.2011.584204?src=recsys
          https://psycnet.apa.org/record/2019-23059-001

          Kurz gesagt: Es geht hier nicht um “Meinung”, das ist zentrale Aspekt. Es geht darum, dass Fakten konsequent ignoriert werden, nämlich der Fakt, dass die Art und Weise, WIE ich etwas erzähle, Einfluss auf Leser*innen nimmt. Es gibt nicht “nur” Unterhaltung. Unterhaltungsliteratur entsteht nicht im luftleeren Raum.

          Von daher – das wiederhole ich gerne noch mal – stand im Rahmen der ganzen, so verteufelten “PC-Debatte” nie im Fokus, nicht mehr über Sexismus, Rassismus etc. zu schreiben, sondern sich mit diesen Themen zu befassen, zu recherchieren und sich zu überlegen, welchen Impact das Geschriebene auf Leser*innen haben könnte. Weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber das überlege ich mir bei jeder einzelnen Szene. Das ist nichts Neues. Neu ist nur, dass auch Marginalisierte mittlerweile eine Stimme haben, um sich in diesen Diskurs einzubringen. Und das ist eine Entwicklung, die wir als freiheitlich-demokratische Menschen sehr begrüßen sollten.

          Abgesehen davon: Ich finde es sehr bezeichnend, dass Sie von den Kritiker*innen hier harte Fakten fordern, wo der Artikel an den entscheidenden Stellen keinerlei Quellen nennt. Außer da, wo es gerade passt.

          • Hallo, Muriel.

            Das ist eine verblüffende Neuheit, dass die Art und Weise, wie etwas erzählt wird, Einfluss darauf hat, wie es wahrgenommen wird und wirkt. Mich deucht, Schriftsteller hantieren mit diesem Umstand. Mein Beitrag widerspricht dieser Tatsache auch nicht. Ganz im Gegenteil. Er verwendet sie. Nur nicht so, wie Du das gerne hättest. (Ich sieze Leute in Blogdiskussionen nicht und bitte vorsorglich um Entschuldigung, sollte dies als Beleidigung oder Unhöflichkeit gewertet werden.)

            Es ist schön, dass Du Dir das bei jeder einzelnen Szene überlegst, welchen Impact das Geschriebene auf Leser haben könnte. Das ist sicherlich nicht wenig anstrengend, dieses Leben im endlosen Konjunktiv. Und es ist natürlich absolut zulässig. So, wie es absolut zulässig ist, jedem freisteht und deshalb auch für jeden anderen akzeptabel sein sollte, dass man sich in der Hauptsache Gedanken darüber macht, was man und wie man es erzählen möchte, also auf die Geschichten zu fokussieren. Was nicht heißt, dass man darauf verzichtet, Reaktionen zu antizipieren. Das tun auch alle, irgendwie, ganz selbstverständlich, das gehört nämlich ebenfalls zum Handwerk – beispielsweise im Spiel mit Emotionen. Ganze Genres leben davon. Sie (also alle) tun es nur nicht in dieser Weise, unter diesen paradigmatischen Voraussetzungen, mit dieser Zielgruppe und Zielsetzung, mit diesem politischen Verständnis. Und es ist, mit Verlaub, eine Unverschämtheit, das zu verlangen. Oder Leute dafür an den Pranger zu stellen, wenn sie dieser Idee nicht folgen.

            Der Artikel nennt alle Quellen*, die sich auf konkrete Ereignisse bzw. konkrete Aussagen Dritter beziehen, insofern verfügbar. Alle anderen Informationen hat der Autor im Laufe der Zeit hier und da und dort akquiriert, oder per Wikipedia ergänzt, etwa zum Thema “Mikroaggressionen”. Außerdem hat er auf ein paar Sites zu diversen Themen gestöbert, aber nichts daraus zitiert. Ich bin nicht neutral, nicht objektiv, ich bin nicht irgendeinem Ausgleich verpflichtet. Mein Beitrag ist subjektiv. Ich muss nicht allen Gehör verschaffen. Auch das gehört zur Meinungsfreiheit – nur die eigene vertreten zu dürfen, in einem Diskurs. ;) Und genau das habe ich getan.

            Herzlich,
            Tom Liehr

          • Ich heiße Elea, aber das macht nichts. ;)

            Ich fürchte, ich verstehe es noch nicht: Wenn dir bewusst ist, dass du durch verletzende Darstellung in Büchern realen Schaden bei Betroffenen anrichtest – warum beharrst du dann so vehement auf dem Recht, das tun zu dürfen? Empfindest du es auch als Unverschämtheit, dass es verboten ist, Leuten auf der Straße eine runterzuhauen? Vermutlich nicht, oder? Also warum empfindest du die Option, verletzend zu sein, als so wichtig oder bereichernd, dass du einen sehr langen Artikel darüber verfasst? Abgesehen davon, dass dich ohnehin niemand davon abhalten kann, weiterhin kein Sensitivity Reading anzunehmen, keine Minderheiten in deinen Werken zu repräsentieren oder klischeehafte Figuren zu schreiben. Genauso wenig kann dich jemand davon abhalten, ein langweiliges Buch zu schreiben oder eines ohne Absätze oder Satzzeichen. Manche werden es halt dann nicht lesen wollen. So ist das.

            Beim letzten Absatz muss ich übrigens widersprechen: Du stellst viele der in deinem Beitrag genannten Aspekte als Fakten da, obwohl sie nur deine persönliche Meinung widerspiegeln. Und das ist hoch problematisch. Du schreibst zum Beispiel zur Theorie der Mikroaggression, dass der Verfasser sie “bislang allerdings noch nicht verifizieren konnte (womit er nicht alleine ist)”. Das ist schlichtweg falsch. Hättest du geschrieben: “Mich überzeugt diese Theorie nicht” – okay. Aber das schriebst du nicht. Und von einem Autor kann ich eine gewisse Präzision erwarten, gerade bei so komplizierten bzw. ambivalenten Sachverhalten.

            Die Wikipedia ist bei derart strittigen Themen in der Regel keine gute Quelle (ich fasste das hier noch mal zusammen: https://feminismus-oder-schlaegerei.de/2019/08/03/wikipedia-und-die-sturen-maenner/). Der englische Artikel ist wesentlich umfassender und weniger einseitig.

          • 1. Dass »gendergerechte« Sprache irgendetwas (außer Ärger) bewirkt, davon wird man mich nicht mehr überzeugen, seit ich weiß, dass es Sprachen gibt, die überhaupt keinen Genus kennen, also von sich aus perfekt genderneutral sind: Sprachen wie z.B. das Türkische oder das Vietnamesische. Nach Ihrer Theorie müssten in den Ländern, in denen dies die Muttersprache ist, ja vollkommene Verhältnisse herrschen – was, sage ich mal vorsichtig, nicht das ist, was man beobachtet.

            2. Hingegen stimme ich Ihnen zu, dass die Darstellungen insbesondere in TV-Serien einen sehr großen gesellschaftlichen Einfluss haben (nicht zuletzt, weil sich diesen auch viel mehr Menschen aussetzen als der Lektüre von Büchern), insbesondere die Serien, die wenigstens entfernt mit dem zeitgenössischen Alltag zu tun haben (also eher NICHT »Game of Thrones«). Hier können Klischees tradiert oder aufgebrochen werden, beides wirkungsvoll. Die Rolle der Uhura in der Serie »Star Trek« ist ein legendäres positives Beispiel, hierzulande hat sich die »Lindenstrasse« ähnlich verdient gemacht.

            3. Was Ihre Beispiele zu »Microaggressions« anbelangt, sind sie schon sehr speziell, wobei ich in den krassen Fällen eher von Mobbing sprechen würde (was natürlich zu verurteilen ist), in anderen Fällen aber von »jo mei« – es gibt in jedem Leben Dinge, über die man einfach hinweggehen muss. Ich zum Beispiel gehe immer drüber weg, wenn mal wieder pauschal und stereotyp dem »alten weißen Mann« alles Übel der Welt angelastet wird, nicht selten von denselben Leuten, die über »microaggressions« klagen … ;-)

            Überlege ich mir, welchen »Impact« das, was ich schreibe, auf diejenigen hat, die es lesen? Ehrlich gesagt: So gut wie nie. Ich habe eine Geschichte, und die schreibe ich, so gut ich es halt hinkriege. Und Punkt. Sollte es zu einer Geschichte gehören, dass, sagen wir, ein homosexueller Einbeiniger eine wichtige Rolle darin spielen müsste, dann würde ich mächtig darüber Nachforschungen anstellen, was es heißt, so jemand zu sein (eventuell sogar die ganze Geschichte verwerfen, wenn ich zu der Überzeugung käme, ich könnte es nicht adäquat darstellen), aber ich täte das alles NICHT des »Impacts« auf die Leser wegen – und natürlich erst recht nicht, um einem sprachpolitischen Diktat zu folgen –, sondern einzig um der Geschichte willen.

          • 1. Klar, Sie können aktuelle Studienergebnisse gerne ignorieren, wenn Sie das für richtig halten. Sie können auch glauben, dass der Himmel grün ist (ich überstrapaziere das Beispiel etwas, ich weiß) – aber es wird davon nicht wahr. Für unseren Sprachgebrauch ist doch wichtig, was gendergeschlechte Sprache in unserem westlichen Kontext, in unserer Gesellschaft mit unserer Sprachgeschichte bewirkt. In anderen Ländern gibt es eine andere Sprachgeschichte, ja, da gibt es vll. andere Mechanismen von Diskriminierung oder Ausgrenzung. Bei uns haben Studien gezeigt, dass gendergeschlechte Sprache zu mehr Fairness und mehr Inklusion führt. Im Hier und Jetzt.

            2. Genau. Ich denke, es gilt schon auch für Fantasy-Serien, wenn auch in geringerem Ausmaß. Solange eine Identifikation mit Figuren möglich ist, gibt es einen wechselseitigen Einfluss.

            3. Nee, also die “ich werde als alter weißer Mann diskriminiert”-Geschichte mag ich nicht kommentieren. Ech nicht. Sorry. Das ist Gejammer auf zu hohem Niveau.

            Was den Rest angeht, das kann ich irgendwie nicht ernst nehmen. Sorry. Sie haben in so vielen Interviews erzählt, dass es Ihnen wichtig ist, mit Ihren Büchern (speziell mit NSA und König von Deutschland) den Umgang mit Technik und modernen Medien zu reflektieren. Im Deutschlandfunk haben Sie auch darüber gesprochen, dass Sie bewusst Frauen als Progammiererin eingesetzt haben, um die Rolle von Ada Lovelace hervozuheben. Natürlich ist Ihnen der Impact wichtig. Sie möchten, dass Leute durch Ihre Bücher nachdenken, dass Sie sich amüsieren, sich gruseln, was auch immer. Vielleicht auch mal überlegen, was sie so tagtäglich mit ihren Daten anstellen.

            Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die ganze Debatte dazu führt, dass manche Leute das Gefühl haben, plötzlich bewusst “dagegen” zu sein. So wie beim Impfgesetz, wo Eltern, die bisher pro impfen waren, plötzlich dagegen sind, weil sie es sich nicht von Gesetzen vorschreiben lassen wollen. Das ist doch irgendwie albern?

          • Frau Brandt,
            das mit dem “alten weißen Mann” sollte ein Witz sein.

            Was man in Interviews erzählt, hat nicht immer etwas damit zu tun, was beim Schreiben tatsächlich passiert. Interviewer erwarten, dass ein Autor etwas “will”; das kennen die gar nicht anders. (Noch so ein Klischee, wenn ich’s recht bedenke.) Ich weiß noch, wie ich eine Weile zu erklären versucht habe, “ich habe die ‘Billion Dollar’ geschrieben, weil ich mir selber darüber klar werden wollte, wie das mit dem verdammten Geld eigentlich funktioniert …” – davon hat’s keine Zeile je in irgendein Medium geschafft.

            Was die “Programmstrickerinnen” anbelangt, war es tatsächlich so, dass die Konstellation Babbage/Lovelace mich auf die Idee gebracht hat – *gefallen* hat mir die Idee aber tatsächlich vor allem deshalb, weil ich während meines Studiums etliche Kommilitoninnen hatte, die ziemlich gut programmiert, es dann aber wieder gelassen haben. Was mich geärgert hat; in meiner IT-Firmen-Zeit hätte lieber Frauen eingestellt – es gab nur keine. Klar, dass das was mit den Selbstbildern zu tun hat, also wollte ich mal ausprobieren, ob man das nicht umdrehen kann.

  19. Der Kaufmann von Venedig ist ein Stück von Shakespeare über einen geldgierigen jüdischen Bankier.
    Die Nazis haben es so gespielt, dass damit Juden herabgewürdigt wurden.
    Der jüdische Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner hat 1969 Shylock, den Bankier, gespielt, ich kann mich bis heute an diese Aufnahme erinnern, sie hat mich tief geprägt.

    Was wäre, wenn Kortner aus Rücksicht auf jüdische Mitmenschen den jüdischen Bankier nicht gespielt hätte? Oder Shakespeare es mit Rücksicht auf PC nicht geschrieben hätte? Um keinen Ärger zu bekommen?

    Da wäre uns was verloren gegangen. Und das, obwohl die Nazis wie Kortner die gleichen Worte benutzt haben, waren die Stücke völlig unterschiedlich. Die Nazis haben zum Hass aufgerufen, Kortner gezeigt, warum der Bankier so wurde, wie er war. Mich hat das Stück geprägt, ich war damals 19 und werde das nie vergessen.

  20. Letzter Kommentar meinerseits in diesem Thread:
    Da wird um des Kaisers Bart und um Begriffe wie Respekt und Höflichkeit “diskutiert”. Und wer schreibt respektlose und unhöfliche Kommentare?
    Es sind die Anonymen, die die Sau rauslassen.
    Sich anonym auszukotzen, ist keine Kunst.
    Seine Meinung klar und deutlich zu äußern – mit Klarnamen und bestenfalls mit Link zur eigenen Website – ist zwar auch keine Kunst, aber ein Zeugnis für Geisteshaltung.
    Und genau die ist für mich Grundvoraussetzung für “politische Korrektheit”. Mal ganz abgesehen davon, dass ich diesen Begriff für “dämlich” halte. Aber das ist ein anderes Thema …

  21. Es ist übrigens wahr, dass political correctness ein rechter Kampfbegriff ist. Das heißt aber nicht, dass jeder, der das Wort (den Fakt nicht genau wissend) verwendet, ein Nazi ist.
    Ich finde es irritierend, dass gerade Menschen, die sich als links verstehen, die Freiheitsrechte so untergraben und damit den Rechten hier ein Feld überlassen, auf dem sie sich profilieren können.

    Man muss diesem Artikel nicht in allen Punkt zustimmen und alle Formulierungen geistreich oder klug finden, aber die Aussageabsicht ist richtig und wichtig.

    Wie kommt es, dass Leute es überraschend finden, wenn ein Künstler sich für die Kunstfreiheit einsetzt? Wie kommt es in dieser Kommentarsektion zu so kurden Formulierungen wie “eine gewisse Kunstfreiheit”. So so… eine “gewisse”, kontrollierte und kontrollierbare Freiheit also nur… Merkt ihr das nicht selbst? Das ist ultra-rechte Rethorik und ist das beste Beispiel für, das, was der Autor am Anfang des Textes vergessen hat zu erwähnen: Chris Rock (eher kein alter, weißer Mann) tritt nicht mehr an Universitäten auf, weil ihm der Geist dort ZU KONSERVATIV ist. Ihr seid KONSERVATIV mit euren Forderungen nach Schutz und Sicherheit. Das ist Law and Order, was ihr hier fordert – nur in verkappt progressivem Gewand.

    Mir kommt es immer mehr so vor, als hätten all diese Leute, die versuchen, Litertatur statt zu kritisieren zu regelemtieren, Angst vor ihr. Angst vor der Macht des Wortes, weshalb man es in Bahnen lenken muss, vorauseilenden Gehorsam erwartet, mit Boykotten droht. So funktionieren vielleicht Konsumgüter, aber nicht Kulturgüter.
    Kein Mensch – und auch kein Autor – kann alle Effekte reflektieren, die sein Buch eventuell auf jeden einzelnen haben kann. Er kann schließlich nicht kontrollieren, wer sein Buch kauft und liest. Die Beziehung Autor-Leser ist unkonkret und mittelbar und ja auch einem Leser ist Selbstverantwortung zuzutrauen.
    Man macht es sich zu einfach, wenn man die Schuld jedweden Schlechtfühlens einfach einem Autor auflastet, der einen Text geschrieben hat, der nicht gefallen hat.

    Was ich mir wünsche, wäre, dass Literatur kritisiert wird, wenn sie auf dem Tisch vor einem liegt und nicht bereits, zuvor pauschal über irgendwelche Blogtexte, die (angehenden) Autoren erzählen, wie heutzutage gefälligst geschrieben werden soll, damit es nicht zu Shitstorms kommt (am besten noch mit dem Hinweis: “Wir haben dich ja gewarnt!”).

    Hier noch ein galliger Kommentar zum Abschluss: Ich habe die ein oder andere Leseprobe (und auch vollständige, literarisch gemeinte Texte) der üblichen Verdächtigen in dieser Bubble gelesen und musste feststellen, dass auch dort nur mit Wasser gekocht wird und man sich nicht an die eigenen Vorgaben zur Quotierung hält. Im Gegenteil: Mein Verdacht des verkappten Konservatismus wurde wieder und wieder bestätigt… Kann aber auch daran liegen, dass man in den entsprechenden Kreisen ausschließlich Fantasy liest und schreibt, was ja per se ein eher konservatives Genre ist… und sowas färbt dann eben auch das eigene Denken, nicht wahr?

    • Ich bin gerade sehr irritiert, wie man zu diesen Schlüssen kommen kann, ehrlich gesagt. Vielleicht bewege ich mich auch in der falschen Bubble, möglich, aber ich kenne niemanden, der die Kunstfreiheit angreift. Im Gegenteil. Es geht doch bei der ganzen Debatte darum, weiter zu denken, vorwärts, Schranken zu überwinden und eingefahrene Klischees aufzubrechen. Das heißt, die Forderung ist nicht: Schreibt nicht mehr über Dinge, sondern: Macht euch bewusst, wie machtvoll Worte sind, was sie bewirken können. Im guten und im schlechten. Macht euch bewusst, dass Klischees in Büchern verletzen können. Dass es großartig sein kann, außerhalb der Box zu denken. Das ist alles. Wer unreflektiert Vorurteile bedient, der kann langfristig Leser*innen schaden. Wenn mir das egal ist, okay, aber dann muss ich auch aushaltenen können, wenn Leute mir das vorwerfen. Das ist der ganze Witz.

      Ich lese sehr viele (fast ausschließlich) eher unbekannte Fantasy-Autorinnen, ich liebe neue innovative Stoffe, ich rezensieren sie und empfehle sie weiter, weil ich sie in der Regel viel besser finde als das, was der Mainstream zu bieten hat. Ich schreibe sowas sogar selber. Aber ich finde nach wie vor, das könnte mehr sein, gerade im sogenannten “Mainstream”.

      Ja, es gibt Leute, die schießen übers Ziel hinaus, die benehmen sich blöd oder ignorant, keine Frage. Aber deswegen sollte man doch nicht jeden Versuch, inklusiv zu schreiben und alte Muster aufzubrechen, als übertriebene Correctnesss abtun? Die Idee ist doch das entscheidende. Nicht die Leute.

      • Ich habe DICH zitiert mit “Natürlich gibt es eine gewisse künstlerische Freiheit.” Ich habe dich gemeint und ich werde bei solchen Formulierungen hellhörig, weil sie faschistoid sind. Nimm es dir zu Herzen oder lass es. Mir egal.

        Nein, Scherz. Ich weiß, dass du es dir nicht zu Herzen nehmen wirst, weil alles, was von dir kommt, ja die immer gleichen bedeutungslosen Phrasen sind. “Vorwärts denken”… Dein Ernst? Du willst Autorin sein und alles, was du drauf hast, ist lahmster Wahlkampfsprech? Bitte verschon mich! Worte können verletzen, aber sie können auch einschläfern und von einem einschläfernden Roman hat nun auch niemand was – außer vielleicht Menschen mit Einschlafproblemen. Ist das deine Zielgruppe?

        Von daher möchte ich eigentlich nur den furchtlosen AutorInnen hier Mut zu sprechen, genau das zu schreiben, was ihnen und ihnen allein wichtig ist.

        • Sorry wenn die Formulierung uneindeutig war. Ich hatte die Eindruck, dass der Kontext hier klar ist: Es ging in dem Absatz im die Darstellung von Berufen. Ich gebe aber zu, die Relativierung war unnötig.

          Ich glaube, ich habe das jetzt schon sehr oft wiederholt, ich weiß nicht, ob es was nützt, das noch mal zu tun, aber: Ich bin komplett gegen jede Art von Verbot. Ich bin nur der Ansicht, Autor*innen sollten reflektieren, was sie schreiben und welche Wirkung das auf Leser*innen haben kann. Wenn sie verletzende Dinge schreiben wollten, okay. Dann sollen sie das tun. Aber dann muss auch Kritik daran erlaubt sein.

          Von daher kommen wir eigentlich zum selben Fazit: Schreiben, was einem wichtig ist. Mir ist es wichtig, Minderheiten in meinen Büchern nicht zu beleidigen. Wenn du das langweilig findest, okay. Dann ist das wohl so. Du kannst deine Prioritäten natürlich anders setzen. Ich persönlich denke, es erfordert sehr viel mehr Mut, keine abgedroschen Klischees oder Vorurteile zu bedienen, sondern etwas Neues zu wagen.

          Von daher habe ich kein Ahnung, warum du mich so massiv angreifst. Ich habe hier nur versucht, faktenbezogen zu argumentieren und nicht nur auf mein Bauchgefühl zu hören. Ja das ist nicht sehr spannend, zugegeben, aber dafür bleibt es (weitgehend) sachlich.

          • In deinen Faktbezogenen Argumenten hast du Studien zitiert, deren Studiendesign jedem Wissenschaftler graust. Du zitierst Dinge als Fakten, die in einem Umfragebogen unter Psychologiestudenten untersucht wurden. DAS, SIND, KEINE, FAKTEN. Wenn überhaupt sind das Indizien, und keine besonders starken.

            Du meinst, nicht gegen Verbote zu sein. Das mag sein. Aber ist die Reaktion auf abweichende Weltansichten mit absolut unverhältnismäßiger, lauter, aggressiver Kritik und Schrei nach Unterlassung denn kein Verbot? Ja, wahrscheinlich würdest du nicht wollen, dass diese Verbote in Stein gemeißelt werden. Die Unterdrückung von abweichendem Denken durch Gewalt scheinst du aber zu billigen.
            Wenn es nicht mehr möglich ist, Kontrovers zu sein ohne zu fürchten seine Karriere beenden zu müssen, ist das mehr als nur ein Verbot.

          • “Du musst nicht, aber du sollst!” – merkst du das nicht selbst?

            Kritik ist natürlich essenzieller Teil des ganzen Kultur-Zirkus. Nur: Kritik setzt beim fertigen Buch an, ist konkret. Kritik ist nicht: Pauschale Drohung, Unterstellung oder Gängelei. Vielleicht einfach mal die eigenen Methoden reflektieren!

            Ferner, Elea, hab in eines deiner Bücher reingelesen und muss zu dem Schluss kommen, dass die zahlreichen positiven Kritiken, die du bekommen hast, auf persönlicher Sympathie beruhen, weil… ich sag’s mal so: Du “solltest” vielleicht weniger gegen Klischees wettern, wenn du glaubwürdig bleiben willst.

  22. Ich habe mir aus gutem Grund NICHT die Kommentare zu diesem (meine Seele erleichternden) Artikel durchgelesen. Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel zu einem bzw. gleich mehren wichtigen Themen, die auch mir schon lange auf der Seele brennen. Mein trotziges Ich hat schon immer geschrieben, was und wie es wollte und das wird auch in Zukunft so bleiben. Aber es ist gut zu wissen, dass ich damit nicht allein bin. So kam es mir nämlich langsam so vor.

  23. Geben Sie Gedankenfreiheit…, aber auch ein Schiller wäre wohl heute das Opfer so genannter
    Shtistorms und postfaktischer Denunziationswut (im vorauseilenden Gehorsam der moralischen Auguren).

    Danke für diesen mutigen und wahrhaftigen Artikel Tom Liehr!

    Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde…

      • Für seine Gedanken wird niemand bestraft…

        Schrieb einmal Kaiser Justinian (Corpus Juris Civilis), der ist irgendwie nun schon lange sehr tot, aber trotzdem meine ich, der Arikel von Tom Liehr beweist eindeutig, das es heute nicht mehr so ist. Einige Kommentare der “Orwellschen Gedankenpolizei” scheinen das hier offensichtich zu bestätigen.

        “Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!
        Hier werdet ihr nichts entdecken!
        Die Konterbande, die mit mir reist,
        Die hab ich im Kopfe stecken”
        (H. H.)

        Woraus man ersehen kann, das unserer Klassiker wohl auch sehr unsichere Kantonisten waren, jedenfalls im Sinne der postfaktischen Siegelbewahrer.

  24. Mal Off Topic zu Minderheiten in Büchern.
    Mittlerweile gibt es eine große Anzahl von Büchern, die von Autorinnen und Autoren “mit Migrationshintergrund” geschrieben wurden. In denen es Heldinnen und Helden aus den Minderheiten gibt.
    Doch sie werden nur von wenigen (darunter von mir) gelesen. Ich bin immer wieder schockiert, wenn ich erleben muss, dass die gleichen Leute, die sich über mangelnde Diversität in Büchern beklagen, kein einziges dieser Bücher kennen und erstaunt sind, wenn ich sie aufzähle. Ja, sollte mehr davon geben. Kein Zweifel. Aber verdammt noch mal, dann kauft diese Bücher, lest sie, sie erzählen viel über das Leben außerhalb der Mehrheitsgesellschaft!
    Gleiches bei den Fantasy Autorinnen. Da wird immer wieder gejammert, Fantasy sei eine Männerdomäne, es gäbe nur männliche Fantasy Autoren, Fantasy-Helden seien alle männlich. Sicher gibt es zu wenige Frauen darunter, aber wenn selbst Feministinnen mir nur die Namen männlicher Fantasyautoren nennen können, die Namen der Autorinnen gar nicht wahrnehmen, dann wundert das nicht, dass das nichts wird. Dabei hat sich in den letzten Jahrzehnten da durchaus was getan.
    Wenn ihr diese Bücher nicht wahrnehmt, die nicht die gängige Welt eurer intellektuellen Mehrheitsgesellschaft darstellen, sondern auch Blicke in andere Teile werfen, dann wird es nix mit der Diversifaktion.
    Also ran an die Bouletten, kauft mal solche Bücher, lest sie, rezensiert sie.
    Schaut mal über euen bequemen Teller, nicht so konservativ sein, neues entdecken.
    Statt immer nur voller Angst darauf zu schauen, dass diese Bücher sich ja an die politische Korrektheit halten.

    • Chapeau, Hans Peter!

      Ich wette, ein Großteil der Kommentatoren (Pardon: der Kommentatoren und Kommentatorinnen oder besser: der KommentatoRinnen oder hochmodern, damit auch der umgebaute Ulli sich nicht benachteiligt fühlt, der Kommentator*innen) hat nie ein Buch aus der von dir beschriebenen Szene gelesen.

      Wenn ich dagegen sehe, wie viele Autoren (ja, ich höre die Oberlehrer*innen meckern*) derzeit im Self-Publishing aktiv aus ihrer Migrationssicht schreiben, bin ich erstaunt über die Diskussion. Bei der »Parkbanklesung« neulich im Berliner Tiergarten, war mit Sada Sultani eine Lyrikerin aus Afghanistan dabei, die eindrucksvolle Texte las, die sie sogar auf deutsch (!) verfasst hat.

      Und Fantasy? Ich empfehle Mira Valentin und ihre enorm erfolgreichen Bücher. Da haben wir eine weibliche Bestsellerautorin samt weiblicher Protagonistin. Und von der Sorte gibt es inzwischen einige!

      Das gilt übrigens auch für männliche Autoren im Chic-Lit- und Romance-Bereich. Obwohl sich kaum jemand männliche Autoren in dem Genre vorstellen kann, gibt es einige Herren, die teilweise unter Pseudonym, teil unter Klarnahmen, dieses Genre bedienen. Michael Meisheit (»Ich bin Vanessa Mancini«) ist einer von ihnen – und er hat verdienten Erfolg.

      Unterstützt, lest und rezensiert deshalb lieber solche »ungewöhnliche« Autoren (sic), statt euch die Köpfe in Kommentarspalten einzuschlagen.

      *****
      *meckern – das ist doch eine eindeutig den Damen der Schöpfung zugeordnete Ausdrucksform. Wir reden immerhin von Ziegen, und sollte wohl gestrichen werden. Ist einfach nicht geschlechtsneutral. Oder was meinen Sie, McCarthy?

    • Ihnen ist durchaus bewusst, dass sich hier Autorinnen zu Wort gemeldet haben, die mitunter selbst über POC-Heldinnen schreiben? Ihnen ist bewusst, dass diese Autorinnen sehr wohl auch mit Own Voices-Autor*innen vernetzt sind und mit jenen zum Teil sogar zusammenarbeiten?
      Ihnen mangelhafte Recherche, unreflektiertes Jammertum und fehlende Teilfreudigkeit eben jener Themen, Romane und Autor*innen vorzuwerfen, ist an blankem Hohn kaum zu überbieten – und macht es schwierig, Ihren Kommentar ernstzunehmen.

    • Herr Röntgen, ich muss gerade ein bisschen lachen, tut mir leid. Ich habe im letzten Jahr fast ausschließlich Fantasy-Autorinnen gelesen, ich kann aus dem Stegreif zwei Dutzend hoch talentierte Kolleg*innen aufzählen, die inklusiv (Sie würden sagen “mit PC”) schreiben. Viele von ihnen habe ich rezensiert oder weiterempfohlen.

      Also ja, ich unterstütze Ihren Appell. Sie richten ihn nur an die falsche Stelle. Ich denke, wenn mehr der in dieser Diskussion beteiligten diese Bücher lesen würden, würden sie auch nicht mehr davon ausgehen, dass Diversität automatisch Bücher schlechter macht.

      • Schön, das freut mich, Da sind wir zumindest in diesem Punkt eine Meinung. Wie gesagt, selbstverständlich ist das leider nicht.

        Ja, Diversität macht Bücher nicht schlechter, sondern besser. Noch ein Punkt, wo wir eine Meinung sind.

        Nur sollte man genau deshalb keine formalen Vorschriften machen. Wie gesagt, der geldgierige jüdische Bankier kann furchtbar rassistisch sein. Aber auch sehr aufklärerisch, das hat mir Kortner bewiesen.

        Und dass in einem Theaterstück ein Neonazi das N-Wort nicht mehr benutzen durfte, nun ja, was zum Teufel sagen Neonazis? “Meine lieben andersfarbigen Mitbürgerinnen und Mitbürger”?

        Herzliche Grüße und werben Sie bitte weiter für Diversität,

        Hans Peter Roentgen

        • Noch eine kleine Ergänzung. Man kann meiner Meinung nach nicht beides haben, Diversität und politische Korrektheit.

          Wenn man in unbekannte Regionen aufbricht, kann es sein, dass man im Moor versinkt, von einem Baum getroffen wird oder von einem Löwen gefressen wird. Wer nur an alle die Möglichkeiten denkt, bleibt zu Hause.

          Wer neues schreiben will, steht vor dem gleichen Dilemma. Wenn er nur noch daran denkt, niemanden zu verletzen, nichts zu schreiben, was jemanden beleidigt, sexistisch aufgefasst werden könnte, etc. pp., der wird seine ganze Energie darauf lenken. Und nicht darauf, neues zu schreiben, auch mal in Ecken der Gesellschaft zu schauen, die bisher niemand betrachtet hat.

          Wer beim Reiten nur daran denkt, ja nicht runterzufallen, ja nichts falsch zu machen, wird kein guter Reiter.

  25. Wow, ich habe lange nichts so widerliches mehr gelesen.

    Mich macht diese Haltung so ratlos.
    Ich versteh ja, dass man bestimmte Sachen selber nicht merkt, wenn man nicht betroffen ist. Ich versteh auch, dass man bestimmte Sachen unproblematisch findet, wenn man nicht betroffen ist. Ich versteh vielleicht sogar, dass man, wenn man sie unproblematisch findet (weil man nicht betroffen ist), ein bisschen albern findet, dass andere sich darüber aufregen. Und natürlich kann man sich dann sogar entscheiden, einfach ein Arsch zu sein und keine Rücksicht zu nehmen, grade in der Position von Herrn Liehr kann man das (leider) problemlos.
    Aber wie muss man denn drauf sein, um larmoyant den Untergang der Kultur zu beschwören, weil es ein paar Leute gibt, die das dann tatsächlich als rücksichtslos und mist bezeichnen, und denen inzwischen ganz manchmal sogar zugehört wird?
    Wie sehr kann man es immer noch nicht merken, wenn man einen Satz schreibt wie “Man traut sich nicht, etwas zu schreiben, das man eigentlich schreiben wollte, weil man mögliche Konsequenzen fürchtet.”
    Ja, klar, wenn man das Privileg gewohnt ist, ganz entspannt sexistischen, rassistischen, diskriminierenden Kram schreiben zu können, wann, wie und wo man will, ohne dass es für einen selber Konsequenzen hat (sondern eben nur für die diskrimierten Gruppen), dann muss das eine blöde Vorstellung sein…

    • Hallo, gkrmbl.

      Ich würde gerne wissen, in welcher Position ich Deiner Meinung nach bin. Und wie Du annehmen kannst, ich sei nicht betroffen, in keiner Weise, nur weil herumgetwittert wird, ich wäre eben ein privilegierter weißer Mann, dem quasi von Geburt an die Sonne aus dem Arsch schien. Keiner von denen, die das tun, kennt meine vollständige Vita, und Du auch nicht. Du weißt nicht, inwieweit und, wenn ja, warum ich Diskriminierung und ähnlichen Prozessen ausgesetzt war, wo ich aufgewachsen bin, unter welchen Bedingungen, wie mein soziales Umfeld aussah und aussieht, welche Substanzen meine Eltern konsumiert haben, wie lange sie gelebt haben, welcher Art von Sozialisation ich ausgesetzt war und welche Mittel ergriffen wurden, um die Erziehung durchzusetzen. Welche Formen von Gewalt es gegeben hat, von innen wie von außen, physisch wie psychisch. Du weißt nichts über mich, aber Du urteilst. DAS ist widerlich. Diskriminierung erleben nicht nur die Gruppen, die die Identitätspolitiker da willkürlich definiert haben. Diskriminierung und ihre Spielarten sind überall, weil Menschen Arschlöcher sind, jedenfalls zu einem großen Teil. Anmaßend ist, sich zu einem Richter zu machen, ohne zu wissen, wovon man redet. Noch anmaßender ist es, anderen Menschen Empathie und Mitgefühl abzusprechen, nur weil sie dafür eintreten, selbst darüber entscheiden zu wollen, wie sie mit ihren Freiheiten umgehen und ihre künstlerische Arbeit gestalten möchten.

      Es hat mit fehlender Rücksicht nichts zu tun, wenn man sich keine Gedanken über alle möglichen Auslegungen der eigenen Arbeit als Künstler macht. Das bedeutet übrigens nicht, dass man absichtsvoll verletzt und diskreditiert, so ein haarsträubender Blödsinn. Sondern dass man sich bei seiner Arbeit und seiner Intention nicht durch von anderen ins Spiel gebrachte Nebenschauplätze irritieren lässt, die die Freiheit zu einem Korridor verengen, die aus Ausdrucksstärke flügellahmes Geplapper machen. Dass man sich nicht hineinreden lässt von Leuten, die meinen, sie würden besser als man selbst wissen, was im eigenen Kopf vor sich geht.

      Es ist absolut unvermeidlich, dass Kunst direkt oder Interpretation zu ganz unterschiedlichen Reaktionen bei unterschiedlichen Menschen führt, weil jeder Mensch eine eigene Vita, ein eigenes Erleben, einen eigenen Hintergrund, ein eigenes Wertgefüge und ein eigenes Schicksal hat. Es gibt Menschen, die “marginalisierten Gruppen” angehören, aber noch nie Diskriminierung erlebt haben. Es gibt Menschen, die zur “die Sonne scheint mir von Geburt an aus dem Arsch”-Gruppe gehören, und die schlimme, traumatisierende, existentiell bedrohliche Kindheiten überstehen mussten, die jeden Tag Angst davor hatten, zur Schule zu gehen, 13 lange Jahre lang, weil sie es nie geschafft haben, dazuzugehören. Opfer sind überall, nicht nur dort, wo es plakativ politischen Zielen nutzt. All das weiß man nicht, wenn man etwas schreibt – wie die Leute drauf sind, die man als Autor erreicht. Oder die sich in Figuren und Situationen zu erkennen glauben.

      Und es spielt auch keine Rolle, denn wenn es das täte, müsste man aufs Schreiben verzichten, davon abgesehen kommen die meisten Leser damit zurecht. Du kannst von einem Autounfall berichten und bringst jemanden an den Rand des Suizids, der gerade seine Familie bei einem solchen verloren hat. Wie willst Du diesem Problem begegnen? Und von wie viel Respekt jedem einzelnen und allen marginalisierten Gruppen gegenüber zeugt es eigentlich, wenn man sie mit Samthandschuhen anfasst, die auch noch mit Watte gefüttert sind und Stützräder haben? Wenn erwartet wird, dass sie in literarische Utopien eingebettet werden, die mit der – auch ihrer – realen Welt nichts mehr gemein haben? Und warum soll das ein MUSS für alle Künstler sein, wo es doch ein KANN für die ist, denen das wichtig ist?

      Und es ist auch, wie hier richtig geschrieben wurde, eine lächerliche Art, die Verantwortung für den individuellen Umgang mit Alltag und eben Kultur vom Leser auf den Autor zu verschieben. Mehr noch, das ist vollständig absurd.

      Ich mag Deiner Meinung nach sexistischen, rassistischen, diskriminierenden Kram schreiben, aber ich sehe das drastisch anders. Und ich fordere übrigens auch nicht das Recht ein, sexistischen, rassistischen, diskriminierenden Kram zu schreiben. Du siehst das so oder willst das so sehen, als Reflex auf den Angriff auf Deine Weltsicht. Ich verstehe das, aber es entspricht trotzdem nicht der Wahrheit. Und es ist auch nicht das, worum es in meinem Beitrag ging.

      Herzlich,
      Tom Liehr

      • Um Himmels Willen.
        Willst du nicht vielleicht mal durchatmen, einen Tag lang nichts hier schreiben, und so lange noch mal drüber nachdenken?
        Weil wirklich … Ich hoffe für dich, dass das alles nicht wirklich das ist, was du eigentlich zum Ausdruck bringen willst.
        Ich fürchte schon. Aber ich glaube ja doch immer noch zu sehr an das Gute im Menschen.

      • Hallo Tom,

        Deine Position beurteile ich tatsächlich nicht nach twitter und dem, was ich abstrakt über dich zu wissen glaube, sondern ich erlaube mir dieses Urteil über Deine Position ausschließlich, weil Du einen sehr sehr langen, und wie ich nach wie vor finde, sehr sehr widerlichen Text geschrieben hast, in dem du sie darlegst.
        In dem du die Forderungen nach Minderheitenschutz und der schrecklichen political Correctness mit Empörung und Spott überziehst, und ein Nachdenkenmüssen über die Folgen solchen Handelns als Freiheitseinschränkung darstellst.

        Hättest Du auch nur in dem Ton geschrieben wie in den nachdenklicheren Abschnitten Deiner Antwort auf meinen Kommentar, dann hätte ich eventuell ein bisschen empathischer und freundlicher versucht, das Konzept von Privilegien und Marginalisierung zu erklären, weil ich natürlich weiß, dass Trauma und Schmerz und Verletzlichkeit, wie auch Rücksichtslosigkeit und Bösartigkeit, auch unabhängig von sozialen Strukturen stattfinden; ich weiß das unter anderem aus eigener Erfahrung sehr gut.

        Aber es ist entweder sehr … undurchdacht, um nicht dumm zu schreiben, oder sehr unaufrichtig, diese persönliche Ebene zu vermischen mit dem Problem struktureller Machtverhältnisse und den Auswirkungen, die eine rücksichtslose Reproduktion von Klischees und Mustern in der Kultur und Sprache nun einmal haben (die Fakten dazu hat eine Kommentatorin weiter oben hilfreich aufgelistet).
        Und es ist ebenfalls bestenfalls …subjektiv verzerrt und schlimmstenfalls unaufrichtig, so zu tun, als wäre die Kritik in irgendeiner Weise prohibitiv. Mache Leute machen auf problematische Tropes aufmerksam, manche Leute kritisieren sie, manche Leute kritisieren sie polemisch und wütend. Manche Autor*innen nehmen daraufhin mehr Rücksicht, teils aus Einsicht (ich habe auch vieles erst allmählich gelernt und besser verstanden) und teilweise vielleicht auch nur, weil sie dieser Kritik ausweichen möchten, viele Autor*innen tun das aber auch nicht und existieren fröhlich weiter, der Untergang des kulturellen Abendlandes, wie Du ihn beschreist, ist fern.
        Leider.

      • Zum Punkt, dass kein Außenstehender weiß, was man selbst erlebt hat: Klar, wenn das nicht veröffentlicht ist, stimmt das. Psychologisch gesehen kann man aber schon Vermutungen äußern, denn gerade die, die mobben oder auf “Empfindlichkeiten” anderer keine Rücksicht nehmen wollen, hatten oft selbst demütigende Erlebnisse und niemand hat ihnen geholfen. Das hat sie verhärtet und nun hat in ihren Augen niemand Rücksichtnahme verdient. Das ist allgemein gemeint, dh. ich will Ihnen das nicht unterstellen, dass sie gemobbt wurden usw.. Es geht mir nur um mögliche psychologische Folgen von solchem Erleben und dem daraus resultierenden Verhalten. So jemand muss sich “hart machen”, um zu überleben. Aber er ist dann auch hart und unsensibel gegen andere, statt seine seelischen Verletzungen zu bearbeiten. Mit etwas Lebenserfahrung kann man das auch bei diesen Menschen sehen.

        Noch zum Artikel:
        – “Body shaming” ist nichts “Sogenanntes”, das gibt es wirklich. Es ist eine Form von Mobbing, das einen Menschen auf seinen Körper REDUZIERT und dahingehend diskriminiert. Im Übrigen erlebten auch solche Menschen schon schlimme Shitstorms, wenn sie z.B. auf Fotos im Netz zu sehen sind. Der Komiker, der sich über solche Leute lustig macht ohne Selbstironie (weil er selbst halt nicht betroffen ist), macht dann vermutlich für diese Leute einfach nur das Gleiche wie die Mobber, nur beruflich und auf größerer Bühne, dass alle noch mal lachen können. Triggert vielleicht manches Opfer von einst, so dass es aufsteht und mal was dazu sagt, und animiert andere, die dasselbe erlebten und immer noch Verletzung empfinden, auch aufstehen. Ich seh das als gesellschaftlichen Entwicklungsprozess, ähnlich wie die Emanzipation der Frau. Die Gruppen, auf denen früher rumgehackt wurde, weil Menschen nunmal nicht alle nett sind und ihren Frust an für sie Schwächeren ablassen, melden sich heute zu Wort und wehren sich dagegen, noch mal als Opfer dargestellt zu werden.

        – Warum muss eine Kritikerin humorlos sein, wenn sie Sexismus im Geschriebenen sieht und daraufhin den Text ablehnt? Eine Kritik muss begründet werden, wer die Begründung nicht teilen kann, sieht entweder was nicht oder es ist wirklich nicht da, aber wieso die Frau angreifen, statt die Kritik? Und nur, weil eine breite Masse sich so verhält, wie der Autor beschreibt als eigenes Verhalten, muss es auch noch lange nicht nicht-sexistisch sein.

        – Thema Figuren am Reißbrett zu entwerfen, damit Diversität bedient wird: So jemanden einzufügen als Pappkameraden, ist daneben, da es die Figuren nur benutzt, um sich selbst als pc darzustellen oder Beifall von bestimmten Leuten zu bekommen. Aber wenn es darum geht, die Gesellschaft abzubilden, muss man halt gucken, wie die Gesellschaft so ist. Es sagte mal eine Schauspielerin mit dunkler Haut, sie würde sich wirklich wünschen, mal einfach eine Lehrerin oder sowas zu spielen, ohne dass ihr Aussehen thematisiert wird, statt immer nur Migrantinnen. Sie hat recht, wenn es wirklich solche Lehrerinnen gibt, kann das ruhig im Film auftauchen, um Leute, die solche Lehrerinnen noch nie gesehen haben, ein bisschen zu befreien vom Denken, dass deutsche Lehrerinnen immer hellhäutig sein MÜSSEN.

        – Es ist ein Unterschied, ob man sexistisch schreibt oder Figuren erfindet, die sexistisch sind. Insofern seh ich auch nicht, dass eine Gesellschaft beschrieben werden soll, wie sie nicht ist. Ein Autor kann eine Geschichte mit rassistischen, sexistischen Figuren schreiben. Es gibt viele Beispiele dafür. Das ist immer noch was anderes, als wenn der Autor selbst als Rassist oder Sexist erkennbar wird. Auch dann wird er seine Fans finden, die so ticken wie er. Ein Sexist wird aber auch kein Nicht-Sexist, nur weil er bestreitet, ein Sexist zu sein. Dafür gibt es ja eine Definition. Man kann es ihm nur nicht erklären, weil er es nicht sehen kann, da er es nicht kennt, Nachteile dadurch zu haben.

        – Im Artikel mischt sich einiges, z.B. haben die Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen usw. nichts zu tun damit, dass man auf seinen unsensiblen Umgang mit seinen Mitmenschen hingewiesen wird, und das wiederum ist was anderes als diese Befindlichkeiten der Strömung “Du bist nicht meiner Meinung, also willst du mich schlimm verletzen”. Die habe ich auch beobachtet in der Gesellschaft, dass Leute nicht mehr aushalten, dass jemand anderer Meinung als sie ist, aber bei dem Artikel hier habe ich genau diesen Eindruck auch. Nur, weil Leute aufstehen und mal laut sagen, dass sie den Komiker, Autor, Künstler nicht witzig finden, weil xyz, müssen sie abgewertet werden, weil der Künstler das nicht aushält. Als sei er witzig, weil er sich so sieht. Das ist in meinen Augen dasselbe Mimimi wie das Verhalten, das der Generation Y im Artikel unterstellt wird (der GESAMTEN Generation …).
        Leute, die nicht aushalten, dass man nicht ihrer Meinung ist, finden sich in jeder Generation. Die einen setzen sich dann mit Gewalt durch und versuchen, den, der sie kritisiert, zu brechen, die anderen beginnen zu heulen und schreien “du bist böse”. Und dann gibt es die, die beides machen – erst jammern und dann draufschlagen auf den Kritiker. Und: Es ist ja nicht mal immer nur eine MEINUNG, manchmal ist der Autor eben doch sexistisch, rassistisch, … und das ist ein Fakt. Der Kritiker kann das sehen, der Autor nicht. Das soll nicht heißen, dass der Autor das alles nicht sein darf – er muss es nur aushalten können, wenn er aneckt, statt zu jammern, dass es das früher nicht gab, dass er kritisiert wurde und man ihm direkt ins Gesicht sagte, dass er sich verletzend verhält. Den Leuten zu unterstellen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht klarkämen, weil sie nicht über sich lachen könnten o.ä., finde ich vermessen. Um drüber lachen zu können, müsste man sich erstmal nicht mehr von der Gesellschaft diskriminiert fühlen. Und wenn es keinen Bedarf gäbe, einen Künstler darauf hinzuweisen, dass er gerade verletzt, wären das ja auch nur Einzelmeinung und der Rest der Betroffenen würde nicht drauf einsteigen. (Dass manche auf den Zug aufspringen, weil sie den Künstler sowieso schon immer doof fanden, passiert dann leider auch, aber echte Empörung unterscheidet sich meist doch davon.)

        – Es gibt auch die, die sich damit ins Gespräch bringen wollen, indem sie anderen unterstellen, sie rassistisch, sexistisch, … behandelt zu haben. Müsste sich aber widerlegen lassen, also wirklich und nicht nur mit “ja, hab ich so gesagt, aber GEDACHT habe ich das anders, und das allein zählt”. Das ist wie bei den Beleidigungen, die hängen doch nicht davon ab, wie der, der sie sagte, es meinte. Da kann er ja hinterher immer behaupten, der andere sei nur verletzt, weil er gern verletzt sein wollte.
        Man kann mit Sprache sehr subtil beleidigen, z.B. indem man einen Mann lobt, dass er Wäsche so gewaschen hat, dass man sie sogar hinterher noch anziehen kann, oder eine Frau dafür, dass sie einparken kann. Das ist z.B. sexistisch – man unterstellt Unfähigkeiten aufgrund des Geschlechts. Kommt als Lob daher und macht den anderen klein.

        Noch was anderes: Ich hab mal eine Diskussion in einem Forum beobachtet, da ging es um das Tattoo einer Swastika. Die Person, die sich gern das Tattoo machen lassen wollte, regte sich drüber auf, dass man sofort ein Hakenkreuz darin sehen und sie abstempeln würde, statt erstmal zu fragen, was das Kreuz bedeuten soll. Nunja – ist es weltfremd oder ist es weltfremd, das als Deutsche nicht zu verstehen … Ebenso sehe ich das mit Worten, bei denen heute allgemein bekannt ist, dass sie einen abwertenden Hintergrund haben.

        Wie schon erwähnt, halte ich das ganze für eine Entwicklung in der Gesellschaft. Wie damals, als die Emanzipation der Frau begann, entstanden auch Strömungen, die den Mann als Erzfeind ansahen und Frauen als bessere Menschen, Männerhasserinnen, die selbst gar nicht sahen, wie sie diskriminierten – genau dasselbe, wie es Männer vorher machten – und übrigens noch machen, also das -in an Berufsbezeichnungen IST wichtig, leider immer noch und m.E. noch eine ganze Weile (passiert aber auch geschlechtlich andersrum, dass Männer aus bestimmten Berufen automatisch ausgegrenzt werden, das darf man nicht vergessen). Das Gendersternchen ist, wie ich an anderer Stelle hier schon schrieb, für mich eine Frage der Höflichkeit und ein Zeichen des SEHENS, dass es noch mehr gibt, als ich bislang vielleicht kenne. Alles andere würde bedeuten, dass ich sage “ich sah dich vorher nicht, nun weiß ich, dass es dich gibt, aber ich ignoriere dich eben immer noch”.

        Jetzt wird endlich mal auf die geguckt, die früher die Unterlegenen waren, weil die aufstehen und sich wehren. Dabei benutzen diese Entwicklung dann manche, die ihre Befindlichkeiten als Fakten darstellen wollen und jeden, der ihre Meinung nicht teilt, als böse, gemein, … darstellen wollen. Man muss es differenzieren, aber sich ganz dagegen zu stellen, wie es der Artikel tut, ist nur das Beharren darauf, dass es so behaglich wie früher seine sollte, wo man noch wegen nichts dergleichen kritisiert wurde. Und eben das gleiche: Leute, die widersprechen, als böse und gemein darstellen, weil sie einen zum Nachdenken bringen, weil sie eine “Schere im Kopf” erzeugen. Es ist immer noch der eigene Kopf, also ob da ne Schere drin ist oder nicht, habe ich selbst in der Hand – ich muss nur mit den Konsequenzen leben, wenn ich so unbedacht wie früher schreiben will.

  26. Das hat mir gut gefallen. Und in mehr als einer Zeile habe ich mich selbst und meine zunehmende Verwunderung und Sorge wiedergefunden. Gut gemacht Herr Liehr.
    Übrigends liest sich gerade die Kommentarliste wie ein Laudatio. Kaum wo anders lässt sich so wunderbar klar erkennen, wie wichtig es ist, sowohl diesen Text als auch das Denken dahinter weiter zu tragen und zu verteidigen. Denn schon der moderate Anstoß, man solle mit klarem Geist und freiem Denken Anstoß zur Veränderung geben und sich um Gottes willen nicht zu ernst dabei nehmen wird mit fanatischem Eifer (und Geifer) widersprochen. Nein, es darf kein Gender auf dem anderem bleiben, keine Minderheit nicht in die höchsten Wolken erhoben und die Mehrheit nicht mindestens in die heißeste Stelle des Höllenfeuers geschoben werden. Drunter fängt man erst gar nicht an.
    Es ist beruhigend zu wissen, dass solchen Extreme nie ein langes Leben beschieden ist. Es ist traurig, welchen Schaden sie in dieser kurzen Zeit anrichten können.

  27. An den Autoren: Herzlichen Dank für diesen Artikel. Nicht dass wir uns hier falsch verstehen: Nicht aufgrund seines Inhaltes. Sondern aufgrund seiner Kommentarspalte. Selten hatte ich solch eine fundierte Liste an Autoren (Ja. Autorinnen kann ich an dieser Stelle ganz bewusst ausklammern.), von denen ich ganz sicherlich kein Buch mehr lesen möchte.

  28. Ich schließe mich den Kritikern des Autor Tom an, er macht hier ganz offensichtlich mit abgefahrenen Klisches pure Eigenwerbung für seinen Verkaufserfolg, aber keiner dieser Hobbits hier merkt es. Auf der Webseite der 42’er Autoren, dieser Schmusetoilette von diversen Autoren die kaum jemand kennt (was nicht zwanghaft ein Ausschließungskriterium sein muss), kommt nicht nur sein Blödsinn viel deutlicher durch…. Liebe Leute, Rassismus z.B. begann in Deutschland ebend nicht erst mit den Nazis, die darauf reduzierte Empörungskultur ist leider noch viel schlimmer als ein Feigenblatt…..

  29. Mit großem Interesse haben ich diesen Thread verfolgt. Und ich kann mich immer wieder nur wundern. Da schreibt jemand seine Meinung (ist erlaubt in einem demokratischen Land!) und dann geht es los: Jeder der Tom Liehrs Meinung nicht teilt, schreit auf, wird beleidigend und ausfallend, wirft ihm Geltungssucht und Eigenwerbung vor – und sonst noch alles.
    Wo bleibt eigentlich der Respekt? Alle, die Toms Meinung nicht vertreten, sind der Meinung, der Mensch als solcher (also wir alle) sollten uns “politisch korrekt” verhalten. Also u. a. Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht als Neger bezeichnen. Da schreibt eine Frau, die in Wirklichkeit ein Mann ist, auf ihrem/seinem Blog, das Wort Negerpuppe sei ein Schimpfwort. Im gleichen Atemzug sagt sie/er zu einem andersdenkenden Kommentator, er solle seine Fresse halten (wörtlich zitiert).

    Menschenskind, seid lieber weniger politisch korrekt, dafür aber respektvoll im Umgang mit anderen Menschen, vor allem, wenn ihr anderer Meinung seid als sie.

    Die interessantesten und ergiebigsten Diskussionen führe ich übrigens dann mit Freunden, wenn sie nicht meiner Meinung sind …

  30. Auf deine Frage, wo der Respekt bleibt, antworte ich dir gerne: In der Tasche.
    Für Leute, sie Rassismus rechtfertigen und Misogynie perpetuieren, hab ich keinen.
    Würde mir allerdings wünschen, dass ihr genug davon für die Opfer struktureller gesellschaftlicher Benachteiligung aufbringen könntet, um euer Verhalten zumindest ein bisschen infrage zu stellen, statt die Leute zu tonepolicen, die euch darauf hinweisen.

  31. Muriel, einen rassistischen Begriff zu rezipieren ist nicht das selbe wie Rassismus zu rechtfertigen. Ja da wirst du anderer Meinung sein, aber deine Meinung ist keine absolute Wahrheit, genau wie meine.
    Du nimmst dir auf deinem eigenen Blog heraus, Beiträge willkürlich zu entfernen und versuchst das Beste, jede Widerrede zu ignorieren oder JEDE andere Meinung zu löschen. Du machst aus JEDEM, dessen Meinung minimal von deiner abweicht einen rechtsextremen Neofaschisten. Und dann wunderst du dich, warum dieses Verhalten auf Abwehr stößt.
    Du wirst in diesem Format wohl kaum bereit sein an einer Diskussion teilzunehmen, aber dir sollte auch klar sein, das so ein Verhalten nicht gerade Dialogfördernd ist.
    Das Beste, was du dir damit wünschen kannst ist, Menschen die sich eh schon auf dem rechten Spektrum bewegen weiter nach rechts zu drücken und die Fronten zu verhärten. Überzeugen oder Bewegen wirst du niemanden, der nicht sowieso schon deine Meinung teilt. Warum also der Aufwand? Du tust dir hier nur selbst weh.

  32. Wenn man jeden, der nicht die eigene Meinung exakt teilt, als Rassist bezeichnet, dann kann man damit allerdings gut Menschenverachtung , Verleumdungen und Beleidigungen rechtfertigen.

    Nur sollte man sich dann nicht als jemand darstellen, der gegen Menschenverachtung kämpft. Dann hat man eben einfach keinen Respekt vor Menschen.

    • Ich nehme jetzt noch mal diesen Kommentar als Beispiel, um eine Vorgehensweise zu erläutern, die ich hier immer wieder sehe. Nicht für dich. Bei dir kommt ja offenbar nicht nicht nur nicht viel von dem an, was ich schreibe, sondern oft sogar Sachen, die ich nicht schreibe. Aber vielleicht liest ja nach all den Tagen immer noch jemand mit, die oder den es interessiert.
      “Wenn man jeden, der nicht die eigene Meinung exakt teilt,”
      Es geht hier nicht um die Frage, ob jemand “die eigene Meinung exakt teilt”. Wir reden über Leute, die nicht nur die Benutzung rassistischer Beschimpfungen unterstützen und sie auch selber reproduzieren, die nicht nur für sich selbst entrüstet das Recht reklamieren, weiterhin misogyne Scheiße öffentlich zu äußern, die nicht nur pauschal alle lächerlich machen und beschimpfen, die sich dagegen einsetzen, sondern außerdem noch mit Lügen, Missrepräsentation und zahlreichen unanständigen rhetorischen Kniffen rundum unaufrichtig repräsentieren.

      “als Rassist bezeichnet”
      Niemand hat in der Diskussion hier irgendwen als Rassisten bezeichnet, glaub ich. Ich mag mich irren, denn die Diskussion ist umfangreich und verzweigt, insofern ist möglich, dass ich es übersehen habe.

      “Nur sollte man sich dann nicht als jemand darstellen, der gegen Menschenverachtung kämpft. Dann hat man eben einfach keinen Respekt vor Menschen.”
      Ich bin so fasziniert davon, wie schwer zugänglich für viele offenbar das Konzept ist, dass es okay ist, Leute für Armleuchter zu halten, und auch so zu nennen, die sich wie Armleuchter verhalten, während es gleichzeitig nicht okay ist, Angehörige marginalisierter Gruppen zu verspotten zu und zu beleidigen, weil sie zu marginalisierten Gruppen gehören.
      Kennst du diese Comics über Hufeisen-Theroretiker*innen, in denen sich zwei Gruppen gegenüber stehen, von denen die eine ein Banner mit der Aufschrift “Let’s kill all Black people” trägt, und die andere mehr so eines wie “We need to stop these people”, und in der Mitte steht ein Sehr Kluger Mensch und sagt: “I literally can’t tell the difference”? Da denk ich gerade dran.
      Und weil ich fest damit rechne, dass das hier jemand missversteht: Mir ist schon klar, dass weder Tom noch sonst jemand hier alle Schwarzen Menschen töten möchte. Es geht hier um eine anderen Frage, nämlich die, ob Weiße Menschen vielleicht endlich mal aufhören sollten, rassistische Beschimpfungen wie das N-Wort zu benutzen.
      Also anderer Inhalt. Aber gleiches Prinzip.

  33. Kleine Erinnerung: Nach der Nazidiktatur haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes als ersten Paragraphen geschrieben:
    “Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.”
    Und das gilt selbst für Sexualmörder, für Mafiosi, ja selbst Naziverbrecher werden vor Gericht mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt (den sie ihren Opfern nicht zukommen ließen).
    Auch die Würde der Rassisten ist unantastbar, sorry, auch wenn diese die Würde Anderfarbiger nicht achten.
    Wobei die allermeisten hier, die als Rassisten geoutet wurden, keine sind, sondern Zweifel daran äußerten, ob die politische Korrektheit tatsächlich den Benachteiligten nützen würde. Tom hat eine ganze Reihe von Beispielen aufgeführt, die begründeten Zweifel zumindest denkbar machen.
    Also bitte, haltet die Würde des Menschen hoch. Nicht jeder, der der Meinung ist (wie ich zum Beispiel), dass politische Korrektheit der gewünschten Diversifikation entgegen wirkt und sie eher behindert als befördert, ist deshalb ein Rassist. Natürlich kann man ganz anderer Meinung sein und das auch vertreten.
    Aber muss man dann die Würde des Gegenüber mit Füßen treten? Ihn als Rassisten bezeichnen?

    Bitte, bitte, denkt dran: Der §1 im Grundgesetz gilt für ALLE Menschen. Und das hat einen guten Grund in der Erfahrung des dritten Reichs. Da saßen dann plötzlich alle die, die sich vorher bekämpft hatten, gemeinsam im gleichen KZ.

  34. Muriel, ich glaube, du hast vom Grundgesetz etwas Wichtiges nicht verstanden: Die Würde des Menschen besteht auch dann, wenn er Rassist oder Verbrecher ist. Jeder muss mit der Gerechtigkeit des Gesetzes behandelt werden. Noch einmal zum Mitschreiben: Die Würde des Flüchtlings ist in Gefahr, wenn man die Würde des Rassisten negiert. Das ist nicht Respekt vor seiner Meinung!! Dieser soll und darf man widersprechen bis zum letzten Atemzug. Aber vor seinem Menschsein gilt der Respekt. Wenn man den nicht hat, frage ich mich, wofür man kämpft.

  35. Ich muss zugeben, dass ich bei diesem Thema hin- und her gerissen bin. Einerseits halte ich es für wichtig und richtig, die Figuren, die ich kreiere, daraufhin zu überprüfen, ob sie Klischees bedienen, unabhängig davon, ob sie einer Minderheit angehören, ob sie marginalisierte Personen sind oder nicht. Ich fand es interessant, zu erfahren, dass es so etwas wie Mikroaggressionen gibt, dass es Personen gibt, die mir anbieten, meine Texte daraufhin zu überprüfen und wäre sogar bereit, aus reiner Neugierde mal gucken zu lassen, inwieweit das, was ich schreibe, deren Ansicht nach nicht ihren Kriterien entspricht.

    Andererseits will ich mir nichts verbieten lassen. Und werde es auch nicht. Wenn ich es für angemessen halte, möchte ich auch weiterhin Figuren hier und da klischeehaft zeichnen, um sie interessanter zu machen, um bestimmte Gefühle bei den Lesern und Leserinnen hervorzurufen, um den kleinen diabolischen Anteil Spaß am Schreiben, den ich manchmal empfinde, zu behalten, und weil ich mir für mich selbst nicht vorstellen kann, Geschichten zu schreiben, die ganz ohne größere oder kleinere Aggressionen auskommen. Ich werde deshalb auch ganz bestimmt nicht jede Mikroaggression aus meinen Texten tilgen.
    Es macht aber einen Unterschied, ob ich mich bewusst dafür oder dagegen entscheide, oder ob ich es aus Unwissenheit oder Unachtsamkeit tu. Und deshalb nehme ich die Anregungen, die mir durch das Sensitivity Reading gegeben werden, gerne an, entscheide dann aber selbst, was ich davon verwerte oder verwerfe.
    Moshe Feldenkrais, ein israelischer Ingenieur und Körpertherapeut (was für eine interessante Kombination, gell!) hat den schönen Satz geprägt: Wenn du weißt, was du tust, kannst du tun was du willst. Er bezog es auf Bewegung und Haltung. Es lässt sich genauso gut auf das Schreiben anwenden.

  36. Liebe literaturcafe.de-Kommentator*innen,

    das ist schon eine recht absurde Unterstellung, man würde einen solchen Beitrag verfassen, um auf sich aufmerksam zu machen. Es gibt definitiv deutlich weniger aufwendige Möglichkeiten, um das zu erreichen, und es dürfte auch ziemlich fehleingeschätzt werden, welche diesbezügliche Wirkung ein solcher Beitrag hat, selbst wenn er, wie hier geschehen, bemerkenswerte Resonanz erzielt. Wie viele Bücher soll das verkaufen? 20? 50? 100 wären enorm viel (kein einziges ist die realistischere Annahme) – und, wow, das wären ja ganze 70 € an Autorentantiemen, vor Steuern. Klar, dafür setzt man sich schon mal ganz ordentlich in die Nesseln, riskiert Schmähungen und persönliche Anfeindungen, vom leicht infantilen “Von Dir (Euch) kaufe ich bestimmt keine Bücher mehr” (also doch nur 99 Exemplare) über alle Spielarten von Beleidigungsversuchen bis hin zu sehr direkten und unverblümten Drohungen. Wenn man die Diskussion auf die persönliche Ebene zieht, muss man sich den Argumenten nicht mehr stellen, das ist die Idee hinter diesem Vorgehen. Wenn der Sender ausreichend eingeschüchtert und diskreditiert ist, spielt seine Botschaft keine Rolle mehr. Das ist auch der Sinn von Shitstorms.

    Ich möchte mich – und keineswegs “trotzdem” – herzlichst für die Reaktionen bedanken, nicht nur für die hier im literaturcafe.de, die übrigens nicht unbedingt repräsentativ sind, haben doch ein paar wenige versucht, die Diskussion zu beherrschen und zu lenken. Sehr, sehr viele Autoren, Comedians und allgemein am Thema Interessierte haben sich dafür bedankt, dass jemand auf die sich intensivierende Problematik hingewiesen hat. In tausenden Kommentaren bei Facebook und Twitter und in vielen Foren wurde – und wird immer noch – heftig, teilweise aber auch durchaus produktiv über die Fragen gestritten, die ich keineswegs aufgeworfen, sondern nur (wie viele andere vor und hoffentlich nach mir) in dem kleinen Text zusammengefasst habe (dessen Hauptziel selbstverständlich trotzdem war, meine persönliche Remittendenflut einzudämmen, keine Frage). Natürlich gab es auch ein gerüttelt Maß an negativer Resonanz, darunter sehr vorhersehbare, simplifizierende – selbst von Leuten, die zu differenzierterer in der Lage wären.

    Es geht um künstlerische Freiheit, um nichts weniger. Wenn hier erklärt wird, man wolle ja keine Vorschriften machen, dann ist das das Gegenteil der Realität, dann schwingt da ein “aber, übrigens, DU bist ein Rassist, Sexist, Ableist, ein homophobes und misgonyes Stück Mist – und außerdem ein Idiot, denn wir haben recht” mit. Das genau ist nämlich die Reaktion auf vieles, und darum geht es. Die Einschüchterung von Menschen, die es wagen, in und mit ihrer Kunst zu ignorieren, dass die Gedankenpolizei ganz klare Regeln aufgestellt hat, die zu missachten gefährlich für die Arbeit und sogar existenzbedrohend werden kann. Einen Hauch davon hat man auch hier mitbekommen können. Ausgerechnet jene, die behaupten, für Rücksicht, Achtsamkeit und faires Miteinander einzutreten (was viele, viele der Künstler übrigens auch tun, die man gerne ein bisschen mit Dreck bewirft), sind rücksichtslos, ignorant und verletzend bis aufs Blut, wenn es darum geht, dass ihre Regeln und Dogmen missachtet werden.

    Und übrigens endet die Kunstfreiheit auch nicht dort, wo nach beliebigen Definitionen die Diskriminierung beginnt. Das ist eine Tatsache, die schmerzt, die aber hinzunehmen ist. Bands wie “Feine Sahne Fischfilet” und “Frei.Wild” – um noch recht moderate Vertreter der jeweiligen Stoßrichtung zu nennen – haben zugleich und in gleicher Weise das Recht, ihr Zeug zu machen, auch wenn man es zum Kotzen findet. Es ist schlicht zu akzeptieren, dass die künstlerische Freiheit dieses und deutlich extremeres Gedankengut in der Kultur schützt. Solche relativ plakativen Fälle immerhin dürften weitgehend unstrittig sein, aber hier und konkret geht es in der Hauptsache um die Unterstellungen der Gedankenpolizisten – und um die Tatsache, dass diese sehr viel besser als man selbst zu wissen vorgeben, was im eigenen Kopf abläuft, wer womit gemeint ist und sich beleidigt, angegriffen, diskriminiert fühlen könnte oder sollte. In der Deutung der Kunst durch selbsternanntes Fachpersonal – “Berechtigtere” – liegt also jetzt die Gefahr, und wer sich dem nicht stellen will, hat eigentlich nur die Möglichkeit, es ganz zu lassen.

    Äußerst bedauerlich dabei ist, dass es eigentlich um gute Ziele geht. An der falschen Stelle, mit den falschen Methoden und mit enormer Aggressivität wird versucht, eine dümmliche Gleichschaltung herzustellen, die inhaltliche Vielfalt und den Abwechslungsreichtum der Stimmen und Mittel zu beseitigen, damit der Eindruck entsteht, wenigstens die Kunst wäre auf der richtigen Seite (vermutlich, weil hier mit dem geringsten Widerstand zu rechnen ist). Gleichzeitig steht man den Prozessen, die außerhalb der geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten ablaufen, vollständig hilf- und machtlos gegenüber. Im Ergebnis hat man eine eingeschüchterte Kunstszene, von Machtkämpfen beherrschte politische Zellen – und da draußen, in der gelebten Realität (in sich natürlich keine einzige Frau mehr darüber aufregt, wenn eine andere die gleichen Klamotten anhat), zerreißen die mit Egoismus und Gier hantierenden Satane eine Gesellschaft, die längst auf einem guten Weg war. Das ist bitter.

    Ich verabschiede mich hiermit aus dieser Diskussion, bedanke mich für Unterstützung und Anregungen, für begründete Kritik und vor allem die schmerzlich vermisste Beachtung in Form von Buchkäufen. ;) Ich bedanke mich ausdrücklich auch dafür, dass diejenigen, die das kontrovers betrachten, dafür, dass sie sich mit dem Standpunkt befasst haben, den ich zu verdeutlichen versucht haben, natürlich in etwas provokanter und nur begrenzt differenzierender Weise.

    Herzlich,
    Tom Liehr

    • Ich weiß, du hast dich verabschiedet, aber: Ist dir aufgefallen, dass alle deine Beiträge, wie auch der ganze endlose obige Post eine einzige Selbstrechtfertigung sind?
      Dass dir an keiner Stelle mal ein bisschen Selbstkritik angemessen vorkam? Oder auch nur eine wirkliche aufrichtige Auseinandersetzung mit der Position, gegen die du argumentierst, bevor du zu deinem Schluss kommst?
      Gibt dir das nicht zu denken?
      Ich frag mich das auch in Bezug auf die Leute, die dir begeistert zustimmen. Denn sogar wenn ich deiner Meinung wäre, was ich nicht bin, fände ich deinen Post furchtbar. Und unsympathisch.
      Aber na gut. Ich war auch schon immer anders als die anderen Kinder. Vielleicht bin ich ja einfach komisch.

          • 1. Wo denn? Kann gut sein, aber ich erinnere mich gerade nicht.
            2. Ob du’s glaubst oder nicht: Es macht einen Unterschied, ob jemand sich rassistisch äußert, Witze über und Beschimpfungen gegen marginalisierte Gruppen reproduziert und erkennbar keinerlei Bereitschaft hat, sich mit abweichenden Meinungen aufrichtig auseinanderzusetzen. Solange das so ist, finde ich tatsächlich auch besser, wenn jemand nicht öffentlich eine Bühne bekommt, und vielleicht über all das noch mal nachdenkt, statt seine Meinung, die ja durchaus echten Schaden verursacht (Die Suizidrate unter Transgender-Personen liegt unfassbar hoch, um nur ein Beispiel zu nennen.), so unreflektiert und selbstgerecht in die Welt zu blasen.
            3. Ich ahne, dass du jetzt denkst und vielleicht sogar schreiben wirst, dass das aus deiner Perspektive großenteils auf mich zutrifft. Aber wie gesagt: Ich glaube an einen Unterschied zwischen richtig und falsch. Schwer vorstellbar vielleicht, aber ich seh das so.

  37. Ich finde es herrlich. Muriel drischt auf jeden ein, der nicht ihr Weltbild teilt und hält sich für die Lichtgestalt der Gleichberechtigung und was noch so alles darunterfällt.
    Das Prinzip aber, dass dahinter steht, bleibt ihr wie vielen anderen verborgen, weil sie sich in Kleinkriegen verzettelt. Aber auch das ist gewollt.
    Warum kam der Sozialismus ohne diesen Gender-, Antiagressions- und political correctness Wahn aus? Weil er ihn nicht brauchte. Weil er eine Gesellschaft schaffte in der jeder zu jedem solidarisch sein sollte.
    Warum braucht der Kapitalismus dieses alles? Weil er die Gesellschaft entsolidarisieren muss. Er muss sie in möglichst atomare Bestandteile zerlegen. Jeder muss sein eigenes Universum sein, mit sich selbst als Zentralgestirn und gleichzeitig sich selbst umrunden. Genau diesem Zweck dient das Gendern, das Erfinden von Rassismus und Agression an allen Stellen usw.usf. Wie gut das funktioniet zeigen die Texte von Muriel.
    So lange sich die Menschen dieses Problems nicht bewußt werden, werden sie weiter aufeinandergehtzt und sich gegenseitig zum Feind gemacht. Das Kapital freuts, seine Herrschaft ist gesichert.

    • Falls du gerne mit mir reden möchtest, statt über mich, ich bin übrigens hier. Eventuell möchtest du ja die Prinzipien verstehen, die dahinter stehen. Da scheinst du nämlich noch gewisse Probleme mit zu haben. Ich rede da gerne drüber, solange ich das Gefühl habe, mein Gegenüber ist wirklich an einem Austausch interessiert.
      Aber solange ich den Kapitalismus mit meinen Kommentaren hier sichere, will ich mich nicht beklagen. Das ist doch immerhin schon mal was.

  38. In meinem Roman “Lesbinas” trifft eine der Hauptpersonen als Vierjährige auf ihre große Liebe: ein anderes, kleines Mädchen, das gegenüber wohnt. Am Ende ihres Lebens treffen die beiden Frauen wieder aufeinander.
    Ich habe mir erlaubt, auf meinem Cover kleine Mädchen abzubilden. Sie sind alle voll bekleidet, dennoch war das wohl ein Fehler, denn es hat mich bei meinen Rezensentinnen um Bewertungspunkte gebracht.
    Als wären Fotos von Mädchen automatisch Futter für Pädophile …
    Disraeli: Dem Reinen ist alles rein!

    • Es ist ja nicht allein das Bild, da wäre ich Ihrer Meinung, dass es seltsam ist, gleich auf Pädophilie hinzuweisen. ZUSAMMEN MIT DEM TITEL wird das Ganze bestimmte Assoziationen hervorgerufen haben. Ich finde auch nicht, dass man dann dem/der Betrachter*in sagen kann, er/sie hätte die schlechte Fantasie, denn jeder, der sich halbwegs informiert, was so gesellschaftlich passiert, wird schon mitgekriegt haben, dass Kindesmissbrauch keine tragischen Einzelfälle sind.
      Soll nicht heißen, dass man das Bild mit dem Titel zusammen nicht wählen dürfte. Heißt nur, dass man sich m.E. dessen bewusst sein sollte, wie es allgemein ankommen kann, und vor diesem Hintergrund die Entscheidung trifft, falls man eine Diskussion gleich vermeiden will (was ich Ihnen nicht unterstellen will, ich meine das nur allgemein, weil mich nicht wundert, dass sich Rezensentinnen darauf eingegangen sind – ich meine, abgebildete Mädchen und ein Titel, der als Bezeichnung für Frauen einer bestimmten sexuellen Neigung gilt – ist es so verwunderlich, wenn als Assoziation “Sex und Kind” beim Betrachter entsteht?).
      Es gibt ja auch Ratgeber, wie ein Titelbild aussehen sollte, damit es bei bestimmten Zielgruppen viel Interesse weckt (Frau, halb im Profil usw. bei historischen Romanen z.B. oder Paar bei Liebesromanen). Also dass man Wirkung mit dem Cover erzielen will, ist klar. Wer das gut beherrscht, wird sicher Kaufanreize erschaffen können, die es ohne gutes Cover nicht gegeben hätte.
      Von daher würde ich sagen – alle Freiheiten, wie man Coverbild und Titel wählt, aber ich würde mir schon Gedanken darüber machen, wie das NOCH interpretiert werden kann vor einem allgemeineren gesellschaftlichen Hintergrund als vor dem der Geschichte, die Konsument*in ja noch nicht gelesen hat, wenn das Cover betrachtet wird. Entsprechend könnten ansonsten Unterstellungen kommen, ob man über eine bestimmte Schiene Aufmerksamkeit bekommen will usw..

  39. Wenn man am friedlich chillend am Pool liegt und dann so ein furchtbar lauter ganz und gar peinlicher Zeitgenosse daher kommt, das ist fürchterlich unangenehm. Schlimmer noch, wenn man erkennt, dass er auch ein Deutscher ist. Dann wird aus diesem diffusen Gefühl entsetzliche Fremdscham. Komisch sich für/mit jemanden zu schämen, nur weil man die Eigenschaft “deutsch” teilt. Genauso das empfinde ich auch immer, wenn ich einen dieser Texte von einem Autor lese, mit dem ich die Kategorie “alter weißer Mann” teile.

    Mein Tipp, falls es mit den “tollen Geschichten” nicht mehr klappt:
    Dieser 32500 Zeichen (20 Normseiten!) lange Text kann leicht zu einem Buch ausgebaut werden.
    Zur VÖ eine PK mit anschließender Lesereise bei der über Zensur, Meinungs- und Kunstfreiheit geredet wird. Mit etwas Glück können sie irgend ein marginales Ereignis zum gewalttätigen Protest hochjazzen. Laden sie einfach die Stokowski ein und weil die nicht kommt, klagen sie lautstark über deren “Boykott”. Ein Erfolg ist dann fast garantiert.

  40. Schönen guten Morgen!

    Ein wirklich toller Beitrag, der viele großartige Ansätze hat und aufrüttelt. Das Thema ist schon so viel durchgekaut und ich kann es teilweise nicht mehr hören … das wird mittlerweile so aufgebauscht, dass mir der Sinn dahinter komplett verloren geht.

    Deshalb: vielen Dank dafür und ich hab deinen Artikel heute auch gerne in meiner Stöberrunde verlinkt.

    Liebste Grüße, Aleshanee

  41. Ich sehe zwei Aspekte hier. Zum einen, dass manche Leser*innen eines literarischen Werkes nicht unterscheiden können, dass es Figuren geben kann, die z.B. sexistisch sind, und dem/der Autor*in dann Sexismus unterstellen, zum anderen, dass ein/e sexistische/r Autor*in nicht merken wird, wenn Sexismus in den eigenen Texten enthalten ist, und das für Kunstfreiheit hält. Wenn der Text dann zu Recht kritisiert wird, schreit Autor*in auf, man dürfe ja nichts mehr sagen, keine Witze mehr machen usw..
    Es fließt nunmal in die Texte ein, wie man denkt, daher bin ich der Ansicht, dass Schreibende sich so viel wie möglich sensibilisieren sollten, die eigenen Vorurteile finden sollten, das Klischeedenken und eventuelle unterbewusste Beleidigungen, die man gar nicht als beabsichtig verstanden will, aufdecken sollten. Schon allein aus dem Grund, dass es die Freiheit und Bewusstheit bei der Figurengestaltung erhöht.
    Ich habe anfangs auch gedacht, dass es den Schreibfluss hemmt, wenn man sich sensibilisiert. Das tut es nicht, jedenfalls nicht bei mir. Ich bin froh um die Diskussion und jedes Klischee, das ich bei mir ausmerzen kann, denn ich habe das nur, weil es mir irgendwann eingeimpft wurde, oder begegnete und zupass kam. Sich zu sensibilisieren reinigt das Denken von ungewollten Schubladen, woraufhin man mehr Material FREI zur Verfügung hat, um Figuren BEWUSST zu gestalten, Klischees zu bedienen oder zu brechen.
    Für mich ist das SchreibHANDWERK.

    Warum man noch Wörter benutzen muss, die eventuell andere Menschen beleidigen, ist mir ein Rätsel. Was ist schlimm daran, sich an “Schokokuss” zu gewöhnen? Nur, weil man es IMMER so gesagt hat, weil irgendwer es einem mal so erzählte, und die Leute, die die alte Bezeichnung als Beleidigung empfinden, man einfach als nur zu empfindlich abstempelt? Ich sehe es als Gewinn, solche Bezeichnungen aus der Sprache zu entfernen, wenn nachvollziehbar ist, WARUM der Begriff daneben ist. Denn niemand hat den Begriff ja SELBST so gemacht, dass er ihn verteidigen müsste.
    Und noch zum Gender-Sternchen: Es ist für mich ein Zeichen der Höflichkeit, ALLE Menschen anzusprechen, statt wem zu sagen “ja, warst schon irgendwie mit gemeint, auch wenn ich die Gruppe, zu der du gehörst, nicht angesprochen habe”. Sprechen kann man das Sternchen nicht, da müsste ich mir was anderes ausdenken, wenn ich es mal brauche. Es ist auch nicht so, dass ich in jedem Forum, in dem ich schreibe, das Sternchen immer setze, weil es mir dort auch nichts ausmacht, als Frau mit bei der männlichen Form gemeint zu sein. Aber es gibt Anlässe, bei denen es drauf ankommt.

    Diese Unfähigkeit zu differenzieren, wann irgendwas wirklich persönliche Malesse von Leser*innen ist, sich schnell beleidigt zu fühlen, und wann eine Formulierung tatsächlich eine Beleidigung, Sexismus, Rassismus, was-auch-immer enthält, sollte m.E. Autor*innen nicht haben. Wenn Autor*innen nicht wissen, wie sehr Sprache das Denken bedienen und beeinflussen kann, finde ich es erstaunlich.

    Es liegt m.E. an einem selbst, ob man damit fertig wird, sich zu sensibilisieren, oder jammernd steckenbleibt darin, dass es einen hemmt. Für mich eine Frage des Willens, damit umzugehen. Es geht ja auch nicht nur ums Schreiben, sondern ums eigene Denken und den daraus folgenden Ansichten und schlussendlich auch ums Verhalten zu anderen Menschen. Denn wer seine Vorurteile nicht kennt, kennt sie ja nicht nur nicht beim Schreiben.

    Noch was zu Humor – für mich ist was auch nur dann lustig, wenn die Figur gleichzeitig nicht NUR Opfer ist und Privilegiertere auf es “dreinschlagen”. Wird auch von manchen als politische Korrektheit empfunden, dass man nicht noch auf wen tritt, der benachteiligt dargestellt wird bzw. schon am Boden liegt.
    Oder wenn ein Problem verulkt wird, das noch nicht mal richtig zur Sprache kam (Z.B. befasse sich der geneigte Lesende mit der Geschichte der Doppelnamen.) – da kann es halt passieren, dass man in einen Fettnapf springt in der Annahme, dass doch ALLE die Witze lustig finden müssten, und dann ein/e Betroffene/r mal erklärt, warum er/sie das nicht lustig findet. Das Problem besteht doch nur darin, dass der Scherzkeks seine Unbedarftheit verloren hat und nun entweder im Bewusstsein, wie Betroffene das sehen, einen Witz zum Thema macht oder eben keine Witze mehr macht. Sollten deswegen die Leute schweigen, die die Witze doof finden? Sehe ich nicht so. Entweder, man steht dazu, dass man sich über andere lustig macht und in welcher Weise man das tut, oder man ist eben nicht hart genug, den Gegenwind auszuhalten. Aber dann zu wimmern, kann es auch nicht sein, denn dann müssten ja die Betroffenen den Lustigmacher schonen, wo er sie doch aber nicht geschont hat. Dass es auch Leute gibt, die betroffen aufschreien, nur um Aufmerksamkeit zu bekommen, passiert leider auch. Dagegen kann man wohl nichts tun, außer zu kontern. Aber so ein Shitstorm lässt sich m.E. umso besser aushalten, je bewusster und eben sensibilisierter man seinen Text geschrieben hatte.

  42. Lieber Tom,
    aus allertiefster Kollegenseele meinen dankbaren Glückwunsch zu diesem höchst delikaten Thema.
    Grundsolider, seriöser und treffender kann man die permanente Makro-Agression der hochnotorischen Besserwissermenschen-Fraktion nicht auf den Punkt bringen.
    Zerreißt die Kondome! Wahre Künstler brauchen das grassierende und hochaggressive PC-Virus nicht zu fürchten! Wir sind immun, weil wir die Antikörper nicht nur haben, sondern verkörpern.
    Weiter so und alles Gute, möge der nächste Bullshitstorm kommen:
    uns stinkt’s schon lange gewaltig, wir stänkern zurück!

  43. Tom Liehrs bedingungsloses Plädoyer für mehr Toleranz in der Kunst ruft natürlich Widerspruch hervor. Die künstlerische Freiheit ist existenziell, wie die Redefreiheit. Nur können die Inhalte, die sie freisetzen, wirken. Auch anders, als man dachte. Wer trägt die Verantwortung für diese Wirkung? Allein die Rezipienten? Gibt es eine Interpretationshoheit? Zensur müssen wir kritisch diskutieren, doch finden wir unser Heil wirklich in grenzenloser Toleranz? Und wenn nicht: Wo verläuft die Grenze? Und wie sollten wir auf Übertritte reagieren? Spätestens dann, wenn das Wort etwas zerstört, das uns lieb und teuer ist, werden wir reagieren müssen. Das sollten wir bedenken.

  44. Das ist ja eine ziemlich hitzige Diskussion und bestätigt meinen Eindruck, dass heute in Diskussionen oft nicht Argumente “ausgetauscht” werden, sondern es einzig darum geht seine eigene Ideologie zu untermauern und die des anderen zu zerstören. Im Zeitalter in dem “Toleranz” und “Meinungsfreiheit” angeblich so hohe und schützendwerte Güter sind, wird sie von denen die sie vermeindlich hochhalten oft mit Füßen getreten.

    Man lebt wirklich in einer Blase und passt alles außerhalb seiner “heilen” Welt(sicht) an.

    Man hat es oft verlernt z.B. literarisch historischen Stoff aus der Brille des Weltbildes zu sehen, der damals Zeitgeist war. Auch wenn ich selbst ein Freund der phantastischen Literatur bin, hat sie mMn doch zum Problem beigetragen, weil man es dadurch oft gewohnt ist, dass Leute in “historischem” Setting denken und handeln wie wir uns das in unserer Weltbild-Blase heute wünschen.

    Man schaut aber oft aus seiner Blase nicht mehr nach draußen, wo die Realität tobt. Letzt war ich z.B. bei einer literarisch-historischen Ausstellung. Da ging es auf einer Schautafel um Übersetzungen und es wurden Sprachen angeführt, vor allem exotische, in die übersetzt wird. Da kam dann auch irgendwo das Wort “Eskimo” vor. Ein kleiner Junge meinte dann den Erklärenden korrigieren zu müssen, denn man sage nicht mehr “Eskimo” weil dies diskriminieren sei, es hieße jetzt “Inuit”. Innerlich musste ich lächeln, denn ich weiß um den Umstand, dass diese “PC-Regel” zwar bei uns weit verbreitet, dort bei den Menschen die es betrifft aber höchst umstritten ist, weil viele (z.B. die Yupik) den Ausdruck “Inuit” als höchst diskriminierend empfinden und ablehnen. Der Kleine kann nichts dafür, aber es zeigt mir durch welche ideologische Scheuklappen viele schauen, wie Political Correktness so überspitzt wird, dass sie wieder politisch inkorrekt ist.

    Ich bin auch imer wieder ziemlich erstaunt, teilweise auch entsetzt, wieviele umgangssprachlich für mich bisher unschuldige Wörter bei einigen als “negativ kontextiert” gelten. Ich frage mich dann manchmal, warum man es als ungerecht empfindet Opfern von Missbrauch wegen des an ihnen verübten Missbraucht negativ zu stigmatisieren, bei Sprache damit aber oft keinerlei Probleme hat. Unser Wortschatz ist ohnehin bereits sehr geschrumpft, wie Studien belegen.

    Nicht falsch verstehen, ich liebe Sprache und mir ist sehr bewusst, dass gewisse Worte ethisch nicht vertretbar sind. Aber anscheinend ist bei einigen, so kommt es mir vor, die Vernunft als ausgleichender Faktor abhanden gekommen. Bei manchen Worten interessiert die historische Bedeutung niemanden, man gebraucht sie ohne zu überlegen weil sie heute gebräuchlich sind und sich ihre Bedeutung gewandelt hat. Bei anderen greift man tief in die historische Herkunftskiste um zu erläutern warum man sie heute nicht mehr verwenden darf und ich spreche hier nicht unbedingt von einer gewissen braunen Periode in der deutschen Geschichte.

    Schade auch, dass man andere Meinungen oft nicht mehr als solche einordnen kann, sondern ihren Vertreter immer gleich in eine der extremen Ecken einzuordnen versucht.

    In Zeiten, in denen man allerorten aufgefordert wird Frei zu sein und nach verbindenden Gemeinsamkeiten zu suchen, wird andererseits akribisch nach trennendem Gesucht und sei es auch noch so klein. “Mikroaggressionen”, “negativ kontextierte Wörter”, vermeindlich politische Unkorrektheiten. Aber man vergisst bei all der Erbsenzählerei und Analyse den Sinn des eigentlich gesagten. Meist macht nämlich nicht die Formulierung, sondern der damit ausgedrückte Sinn die Gesinnung des Autoren aus. Genauso wie nicht der Körper, sondern die innere Einstellung den Menschen ausmachen.

    Tom Liehr bringt hier, wie gewohnt pointiert und mit klarer Sprache, ein gesellschaftliches Problem auf den Punkt, man mag dazu stehen wie man möchte. Dadür gibt es glücklicherweise immer noch Toleranz und Meinungsfreiheit! ;-)

    • Dann doch mal Butter bei den Kommentar, Oliver: Wen meinst du denn zu Beispiel? Wem ist die Vernunft abhanden gekommen, wer kann andere Meinungen nicht als solche einordnen, wer lebt in einer Blase und passt alles seiner “heilen” Weltsicht an?
      Woher stammt die Erkenntnis, dass das so ist?
      Und gibt es dir ein bisschen zu denken, dass du einerseits kritisierst, dass andere nicht mit abweichenden Meinungen umgehen können, andererseits aber selbst Leuten, die deine Meinung nicht teilen, pauschal und diffus sowas unterstellst?
      Freue mich auf pointierte Antworten in klarer Sprache!

      • Sie freuen sich, Herr Doktor? Dann mach ich Ihnen doch die Freude!
        Unterstellt habe ich niemandem etwas, anders als Sie, der Tom Liehr in Ihrer Rezension des Artikels anscheinend eine gewisse Gesinnung unterstellt haben, oder irre ich mich da?

        Ich habe lediglich meinen Eindruck dargestellt, den ich im Zuge der PC/Mikroaggression/Gender-usw.-usw.-Debatte habe, die es ja nicht erst seit gestern gibt und nicht nur hier geführt wird. Man macht seine persönlichen Erfahrungen damit, außerdem gibt es noch unzählige Artikel dazu, entweder weil jemand über seine Ansichten schreibt, oder weil gewisse Auswüchse durch entsprechende Aktivisten/Ideologen hervorgerufen werden, die der Presse dann berichtendswert erscheinen. Man kann durchaus seine eigene Meinung dazu haben und diese auch äußern. Das nennt sich Meinungsfreiheit!

        Und wenn man ehrlich ist, ertappt man sich auch selber ab und an mal dabei, dass man versucht ist in ein ähnliches Muster zu verfallen, indem man sich an Schlüsselworten verbeißt anstatt die Aussage die dahintersteht zu sehen. Da schließe ich mich selber ausdrücklich mit ein. Aber dann sollte man selbstkritisch genug sein einen Schritt zurückzutreten und sich das einzugestehen. Auch da schließe ich mich selber auch gerne mit ein. ist nur meine Meinung, aber man muss ja nicht bei allem und jedem einer Meinung sein und darf die Seine auch vertreten!

        Beispielsweise bin ich sehr dagegen Menschen zu unterstellen sie seinen animalische, triebgesteuerte Wesen, was unterschwellig fast schon unterstellen würde, es sei deshalb nicht verwerflich übergiffig zu werden, da dies angeblich unausgesprochen gewollt wäre. Ja, sowas wäre nicht nur vorekelig, sondern ganz ekelig! Und genau das hat Mann ja auch oft Frauen unterstellt, die das Recht sich anziehen zu wollten wie es ihnen gefällt in Anspruch genommen haben. Feminist*innen haben lange gegen diese ekligen Vorurteile gekämpft. Trotzdem würde es mir nie einfallen das adjektiv “geil” zu verbieten, welches genau das aussagt, weil ich vernünftig genug bin anzuerkennen, dass jemand der dieses Wort benutzt vielleicht durchaus etwas anderes damit ausdrücken möchte.

        Menschen einer älteren Generation fühlen sich aber oft sehr von diesen und ähnlichen Ausdrücken verletzt, die bei Personen einer jüngeren Generation gebräuchlich und anscheinend auch unumstritten sind. Trotzdem habe ich es persönlich noch nie erlebt, dass man, weil man ja andere Personengruppen nicht vor den Kopf stoßen, beleidigen oder gar verletzen möcht, gefordert hat diese Worte aus Büchern, Filmen und dem allgemeinen Sprachgebrauch zu verbannen. Warum eigentlich nicht?

        • Schade, dass du jetzt die Fragen nicht beantworten wolltest. Ich versuche trotzdem mal weitere, in dem Versuch, die deinen zu beantworten, vielleicht finden wir ja doch noch zu einer Kommunikation: Welche Gesinnung soll ich Tom Liehr denn unterstellen? “Eine gewisse” ist ja auch wieder ein bisschen unscharf. Gibt es einen bestimmten Grund, aus dem du nicht einfach hinschreiben magst, was du meinst, und es so oft so ein Geraune sein muss wie hier auch wieder?
          Und zu deiner letzten Frage: Weiß ich nicht. Ich vermute, du verkehrst in merkwürdigen Kreisen. Ich erlebe das ziemlich oft. Aber kanns dir natürlich nicht sagen, ich kenn dich ja gar nicht.

  45. Ich sehe schon, Sie haben Spaß! Ein wenig rhetorische Fingerübungen und versuchen den Ball möglichst ohne wirklich konkret auf Argumente einzugehen mehrfach wieder zurückspielen, zurücklehnen und die Show genießen. Zumindest kommt mir das so vor, wenn ich Ihre Antworten lese. Gut, aber daraus lese ich auch, dass anscheinend kein Interesse an einer wirklichen Diskussion zu dem Thema besteht und zu “Spielchen” habe ich ehrlich gesagt keine Lust.

    Nur kurz noch zu Ihrer Frage: Sie wissen ganz genau, welche Gesinnung Sie Herrn Liehr in Ihrer Rezension des Artikels, auf die Sie ja per Link in einem Ihrer ersten Kommentare hingewiesen haben, unterstellen. Schließlich haben Sie das dort ja sehr deutlich formuliert.

    Damit ist diese Diskussion dann für mich auch hier und jetzt beendet.

    • Finde ich ein bisschen putzig, dass du bis zum Schluss nicht klar gesagt hast, was du eigentlich mit deinen raunenden Andeutungen sagen willst, obwohl ich mehrfach nachgefragt habe, aber jetzt mir unterstellst, ich hätte kein Interesse an einer Diskussion, aber nehm dir natürlich nicht übel, wenn du keine Lust mehr hast.
      Machs gut dann!

  46. Die gesamte Diskussion hier läuft inzwischen weitgehend argumentfrei ab bzw. ungefähr nach dem Muster: “Wer für die Freiheit der Kunst eintritt, frisst auch kleine Kinder; kleine Kinder zu fressen ist widerlich, also weg mit der Freiheit der Kunst.” Zu irgendeinem Ziel führt das nicht, aber es erhöht die Klickzahlen, was ja heutzutage auch schon ein Wert an sich ist.

  47. Wer denkt, er sei imstande, andere Menschen – »Minderheiten« – zu beleidigen, wer sich also absichtlich manche Äußerungen verkneift, weil er meint, ansonsten Gefahr zu laufen, irgend jemanden möglicherweise unabsichtlich zu beleidigen, fühlt sich seinem potentiellen Opfer haushoch überlegen. Denn beleidigt werden zu können setzt voraus, daß der Beleidigtwerdende sich dem Beleidiger unterlegen fühlt. Wäre dem nicht so, gingen die Absichten des Beleidigers dem potentiellen Opfer komplett am Allerwertesten vorbei, weil er sich eben keineswegs unterlegen fühlt, insofern also von diesem Beleidiger gar nicht beleidigt werden kann. Wer also meint, besondere Vorsicht walten lassen zu sollen, um Minderheiten nicht eventuell aus Versehen zu beleidigen, baut eine Hierarchie zwischen sich und diesen »Minderheiten« auf, an deren Spitze er selbst steht. Er ist sich dessen nur nicht bewußt. Was die Sache natürlich schlimmer macht.

    @ Tom: Klasse Artikel! Ganz herzlichen Dank!

  48. @ Carlotta:
    prägnant auf den Punkt gebracht, hervorragend! Diese Attitüde der impliziten Überlegenheit ist die abgehobenste und perfideste Form der Diskriminierung von Menschen oder Gruppierungen überhaupt, und entlarvt ihre Verfechter als Möchtegern-Herrscher*innen über den öffentlichen Diskurs, welchen sie zu dominieren versuchen, indem sie alles, was nicht in ihre überlegene Weltwahrnehmung passt herabwürdigen und abwürgen. Abgesehen davon, dass sie ihre haushohe moralische Überlegenheit gegenüber Andersdenkenden, -wahrnehmenden oder -formulierenden hemmungslos und permanent zur Schau stellen. Exakt dies hatte ich mit dem Begriff “Besserwissermenschen” zum Ausdruck bringen wollen. Wer ihn auf sich beziehen will, kann sich gerne angesprochen und von Herzen beleidigt fühlen. Ab heute bekennender Fan of Carlotta.

  49. Ich finde die Diskussion dort interessant, wo es konkret und sachlich wird. Rede- und Kunstfreiheit, Rücksichtnahme und Respekt sind alle wichtig und gut. Aber es besteht ja offenbar Dissenz darüber, wie sie am besten umgesetzt werden.

    Eskimo zum Beispiel: Auch der Duden stellt fest, dass dieses Wort gelegentlich als diskriminierend empfunden und Inuit als Alternative genutzt wird. Inuit jedoch ist nur ein Teil der Völkergruppe, so dass andere sich ignoriert fühlen. Inuit ist also nicht optimal und man sollte sich etwas anderes ausdenken.

    Oder Neger: Das Wort gilt heute im öffentlichen Sprachgebrauch als stark diskriminierend, das bestätigt der Duden. Bringt man es Kindern im Kontext des Pippi-Langstrumpf-Märchens bei, mag es harmlos wirken. Doch was passiert, wenn das Kind das Wort in der Öffentlichkeit arglos verwendet und irritierte Reaktionen erntet? Ist es sinnvoll, wenn das Kind eine Bedeutung des Wortes beigebracht bekommt, die so nur noch im Kontext der Pippi-Welt gilt? Oder anders: Was ist, wenn jemand einen Text schreibt, und weil er der Meinung ist, dass das Wort “Neger” nicht abwertend zu verstehen sein sollte, dieses bewusst verwendet um seinen Protagonisten zu charakterisieren? Sind die Missverständnisse dann nicht programmiert?

    Da es beim Eruieren von Worten, Sätzen und Texten stark auf den einzelnen Fall ankommt, also der genauen Formulierung, dem sozialen und inhaltlichen Kontext usw., wäre es sinnvoll entsprechend differenziert zu bewerten.

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