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StartseiteLiterarisches LebenPreisträger Tom Liehr im Selbstgespräch: »Sieht so die Hölle für Schriftsteller aus?«

Preisträger Tom Liehr im Selbstgespräch: »Sieht so die Hölle für Schriftsteller aus?«

Autor in der Finalrunde

Der Traum vieler Autorinnen und Autoren: bei einem renommierten Schreibwettbewerb gewinnen und Summen im vierstelligen Bereich einstreichen. Tom Liehr hat das geschafft – und schämt sich. Denn was da in Rösrath bei Köln passiert ist, hält er für eine Mogelpackung. Lesen Sie das schonungslos offene Interview, das Tom Liehr dazu mit sich selbst geführt hat.

Herr Liehr, was haben Sie am 12. September dieses Jahres zwischen zehn und siebzehn Uhr gemacht?

Der Autor: Also. (Schaut verschämt zu Boden.) Äh. Ich war in Rösrath. Das ist ein Ort bei Köln.

Rösrath?

Der Autor: Ja, Rösrath.

Und warum?

Der Autor: Das ist eine gute Frage. Es gibt eine längere und eine kurze Antwort. Welche ist Ihnen lieber?

Die mittlere. Ausgewogenheit ist erfahrungsgemäß optimal.

Der Autor: So so. Na gut. Also, in einem Autorenforum, in dem ich seit vielen Jahren aktiv bin, stellte eine Kollegin im Frühjahr einen Text vor, den sie bei einem Literaturwettbewerb einreichen wollte. Ich hatte von diesem Bewerb noch nie gehört – eine »Gruppe 48« richtet ihn aus, aber bis dahin kannte ich nur die berühmte »Gruppe 47«, die es allerdings seit fünfzig Jahren nicht mehr gibt. Jedenfalls bat die Kollegin sozusagen als Unterstützung um weitere Beteiligung aus unserer Runde, und ich hatte noch einen Text auf Halde, dessen thematische Lebensdauer begrenzt ist. Aber dann … (Unterbricht sich und legt den Kopf in den Nacken.)

Ja?

Der Autor: Na ja, dann habe ich erfahren, dass man eine Teilnahmegebühr entrichten muss, acht Euro pro Nase. Das kam mir eigenartig vor, und es ließ mich an den Grundsatz denken, dass Autoren niemals dafür bezahlen sollten, veröffentlicht zu werden. Das Preisgeld der anderen zu finanzieren, das scheint mir ähnlich gelagert zu sein. Und die Gebühren erklärten zumindest teilweise die relativ hohen Preisgelder.

Wie hoch?

Der Autor: Tausend Euro für jeden der vier Finalisten, dreitausend Euro für den Sieger. Und das mal zwei, denn es gab einen Prosa- und einen Lyrikwettbewerb. Zwölf Riesen insgesamt.

Holla.

Der Autor: Das können Sie laut sagen. Aber dann entdeckte ich noch etwas anderes. Selim Özdogan hatte vor zwei Jahren im Finale dieses Wettbewerbs gestanden.

Muss man den kennen?

Der Autor: Ja, sollte man zumindest. Er hat »Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist« geschrieben, »Die Tochter des Schmieds«, »Heimstraße 52« und zuletzt »Wo noch Licht brennt«. Mit Özdogan hatte ich vor fünfzehn Jahren mal eine gemeinsame Lesung. Auf menschlicher Ebene mag er ein bisschen eigenwillig sein, aber wie der seine eigenen Texte vorträgt, alter Falter, das ist echt beeindruckend. Und wir waren damals bei Aufbau sozusagen Verlagskollegen. Aber er hat vor zwei Jahren nicht gewonnen, sondern ein gewisser Peter Coon, der »moderne« Kurzgeschichten im Selbstverlag veröffentlicht, wie seine Website verrät.

Also haben Sie eingereicht?

Der Autor: Und es gleich wieder vergessen. Ich mache sowas sehr selten, zuletzt, glaube ich, im Jahr 2011. Da habe ich einen Literaturpreis der Caritas gewonnen, worauf ich heute noch sehr stolz bin, denn Idee und Thema dieses Preises waren wirklich liebenswürdig, und nur ein ganz klein wenig katholisch. Na ja, jedenfalls habe ich meinen Beitrag zu dieser eigenartigen Gruppe geschickt, die acht Tacken überwiesen – und dann wurden andere Dinge wichtig. Das war im Februar. Im Sommer lag eines Tages dieser Brief im Kasten: Hurra, Sie sind in unserem Finale, aus über tausend Einsendungen. Mein erster Impuls war tatsächlich, das zu ignorieren. Oder mein zweiter.

Warum das?

Der Autor: Weil ich mir da zum ersten Mal in aller Ruhe die Website dieser Gruppe angeschaut habe, vor allem die Pressemitteilungen. Man wähnt sich in Tradition der legendären Gruppe 47 um Hans Werner Richter, der unter anderem Karasek, Reich-Ranicki und Raddatz angehörten, und die keinen geringeren als Günter Grass entdeckt hat, aber auch Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll und andere noch nicht sehr bekannte Autoren zu Gast hatte, die ihre Texte extrem kritisch begutachten ließen – und von dort aus ihre Karriere starteten. Als ich mir dann die Vitae der überwiegend recht betagten Gruppe 48-Protagonisten zu Gemüte geführt habe, ahnte ich Böses. Ich meine, klar, »Du kannst alles sein« ist nicht nur der Slogan für die Barbie-Puppen und für eine Fernhochschule, sondern eine Binsenweisheit, die für alle Altersklassen wahr ist. Zumindest in der Form »Du kannst versuchen, alles zu sein«. Aber wenn es dieser Gruppe 48 wirklich gelungen sein sollte, die Nachfolge jener Legende anzutreten, dann hätte man mehr von ihnen gehört, denn immerhin machen sie das schon seit fünf oder sechs Jahren. Ich vermutete eine gewisse Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und ich bin alles andere als ein Freund von Peinlichkeit.

Wer ist das schon?

Der Autor: Oh, da kenne ich einige. Jedenfalls musste ich einen Fragebogen ausfüllen und einige Erklärungen abgeben, um am Finale teilnehmen zu können, und die Teilnahme war die Voraussetzung für den »Nominierungspreis«, verbunden mit besagten tausend Euro. Womit allerdings die Reisekosten abgedeckt wären, hieß es. Und ich musste erklären, der honorarfreien Veröffentlichung meiner Story in der Wettbewerbsanthologie zuzustimmen, und der Präsentation des Veranstaltungsfilms bei YouTube. Machte ich alles, obwohl die Anthologie zuletzt bei BoD publiziert worden war und mich der Mitschnitt der Veranstaltung von 2019 schon nach einer Minute so gelangweilt hat, dass ich die restlichen zwei Stunden verschlafen habe.

Wenn etwas nicht so professionell gemacht wird, muss es deshalb nicht schlecht sein.

Der Autor: »Schlecht« wäre sowieso das falsche Wort, aber, ja, Zustimmung. Schwierig wird es aber, wenn man etwas hochprofessionell zu machen vorgibt, ohne das auch nur im Ansatz zu verwirklichen. Ich meine, hey, ich bin selbst geistiger Vater eines kleinen Literaturpreises, der seit über 15 Jahren in der Brandenburger Provinz verliehen wird.

Der Putlitzer Preis.

Der Autor: Genau. Da machen auch jährlich viele hundert Leute mit, obwohl es nur 500 € für den ersten Platz gibt, aber außerdem eine getöpferte Gans, einen Fanfarenzug und eine hinreißende After-Show-Party. Das wird nicht so schrecklich ernstgenommen, eher im Gegenteil – es ist ein lustiger und sehr origineller Preis, was ja schon der Name zu sagen versucht. Ein kleines Fest für Schreibende. Und niemand hat sich trotz dieser ironischen Namensähnlichkeit je als auch nur annähernd vergleichbar mit dem Original empfunden, es geht um die Literaturförderung – und darum, sich mit dem verwechslungsanfälligen Titel schmücken zu können. Die Rösrather Gruppe 48 demgegenüber präsentiert und versteht sich als legitime Nachfolger jener legendären Gruppe 47. Sogar als Fortschritt, als Weiterentwicklung, als next bigger shit. Das ist schon eine steile Behauptung. Die Leute um Hans Werner Richter haben die Nachkriegsliteratur in Deutschland ganz erheblich mitgeprägt, und die deutsche Literaturkritik im Grundsatz.

Und die Realität?

Der Autor: Nun, nur weil ich behaupte, der neue Paul Bocuse zu sein, bekomme ich noch keine drei Sterne vom Michelin. Ich muss es schon beweisen. Und alleine dafür lohnte sich der Trip nach Rösrath.

Ich bin gespannt.

Der Autor: Günter Grass, der von der Gruppe 47 entdeckt wurde, hat im Jahr 1989 der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gegenüber gesagt: »Schreiben ist eine schreckliche Tortur – schlimmer nur sind Dichterlesungen vor Frauenkränzchen.« Dem ersten Teil würde ich widersprechen, und eine Variante des zweiten Teils habe ich am 12. September 2021 erlebt. Die acht Finalisten – zuerst die Lyriker, dann die Prosaiker – präsentierten ihre eigenen Werke, was unterschiedlich gut gelang. Im Ergebnis sollte das Publikum über diese bestenfalls durchschnittlichen Texte abstimmen. Alle Vereinsmitglieder und angereisten Autoren mit ihren Familien und Begleitungen – fakultatives Publikum war nach meinem Eindruck nicht anwesend – würden am Ende in einer geheimen Wahl über Sieg und Niederlage entscheiden. Aber vor dieser Entscheidung stand das, womit die Gruppe 48 der Tradition ihres großen Vorbilds zu folgen versuchte: Die Textkritik. Bei der Gruppe 47 hieß das Lesepultensemble deshalb »elektrischer Stuhl«. Wortmeldungen aus dem Publikum tröpfelten allerdings nur spärlich in den Saal, aber dann verkündete die Jurypräsidentin, eine 75 Jahre alte, verrentete Lehrerin, die Lyrikbändchen in Kleinverlagen veröffentlicht, sinngemäß, nunmehr ans Eingemachte zu gehen.

Ich bin jetzt wirklich gespannt.

Der Autor: War ich auch. Verbunden mit dem Gefühl, möglicherweise doch noch etwas Erhabenem beizuwohnen. Sozusagen die Perlen von Rösrath schimmern zu sehen. Aber die harte Textkritik bestand nur aus eigenartigen Formulierungsvorschlägen, je Kandidat aus einer. Bei einer Lyrikerin gefiel das Adjektiv »luzide« nicht, wenn ich mich recht erinnere, und mir wurde vorgeschlagen, die Formulierung, jemand hätte in einem schwachen Moment etwas gestanden, dadurch zu ersetzen, dass es der Person herausgerutscht wäre. Außer mir ließen alle Autorinnen und Autoren dieses skurrile Prozedere pseudodankbar über sich ergehen, schließlich ging es darum, den Votern zu gefallen, und sie nicht zu reizen. Aber als dann die Vereinsvorsitzende meinte, meine Geschichte, nach Jurymeinung immerhin die mindestens viertbeste aus mehreren hundert, wäre besser auktorial erzählt worden, musste ich schon sehr an mich halten, um nicht einen der auf dem Lesetisch rochierten Papp-Trinkbecher in ihre Richtung auszugießen.

Vielleicht lag sie damit richtig?

Der Autor: Zweifelsohne. Innere Monologe lassen sich ganz prächtig auktorial erzählen. Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin! Und auktoriales Erzählen ist auch so modern und authentisch. Ja, jetzt, wo ich noch einmal darüber nachdenke, kommt in mir ein tief empfundenes Gefühl der Dankbarkeit auf. Ich mache mich sofort an die Arbeit. Vielleicht baue ich auch noch ein kleines deus ex machina ein.

Ich erkenne Ironie, wenn sie mir begegnet.

Der Autor: Ich normalerweise auch. Aber an jenem Sonntag, an dem übrigens sehr wenig gelacht wurde, gab es keine. Sondern meiner ganz persönlichen Meinung nach nur eine Menge Anmaßung und Selbstüberschätzung. Und Leute, die das hinnehmen, weil sie heiß auf die Schütte sind, was ja zu verstehen ist. Nur Bestsellerautoren verdienen nennenswert Geld mit dem Schreiben. Für alle anderen sind ein paar tausend Euro ein erholsamer warmer Regen.

Sie sind, wie Özdogan im Jahr 2019, nur Zweiter geworden, und das gegen Zweitligisten. Spüre ich hier vielleicht ein wenig Verbitterung?

Der Autor: Jede Antwort auf diese Frage wäre falsch. Ganz ehrlich, ich bin in erster Linie amüsiert. Natürlich gewinne auch ich gerne, vor allem, wenn ich das verdient hätte, aber nicht um jeden Preis. Und diese Veranstaltung ist eine Mogelpackung. Den Anwesenden geht es nach meinem persönlichen Eindruck nicht um die Literaturförderung und auch nicht um die Autorinnen und Autoren, die zu einem Gutteil ihr eigenes Preisgeld finanzieren, sondern überwiegend um sich selbst, und ich hege sogar den leisen Verdacht, dass die Hauptdarsteller darauf hoffen, ihrerseits entdeckt zu werden, also einen späten Fuß in die Tür zum primären Buchmarkt zu bekommen. Die aufwendige Inszenierung kann aber vor allem nicht über die fundamentale Banalität der ganzen Angelegenheit hinwegtäuschen. Und diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Aber sie tun doch keinem weh.

Der Autor: Das ist in fast jedem Kontext ein sehr schwieriges Argument. In ihrem Grußwort, einem von gefühlt mehreren Dutzend, erklärte die Vereinsvorsitzende sinngemäß, es ginge beim Literaturpreis der Gruppe 48 darum, mutige und innovative Texte und Autoren zu entdecken, sozusagen die Zukunft der deutschen Literatur, und dann passierte das Gegenteil. Einer der Autoren im Prosablock, der übrigens eine »verbesserte« Version seines Beitrags präsentierte und damit die vorbereiteten Formulierungsvorschläge der Jurypräsidentin aushebelte, las dennoch einen haarsträubenden Text – eine fade heruntererzählte, vor (von niemandem kritisierte) Tempusfehlern strotzende, absolut banale Geschichte. Das ist aber nicht das Kernproblem. Sondern die vollständige Virtualität des Anspruchs. Der in großer Ernsthaftigkeit kommuniziert wird.

Aber jetzt mal ehrlich: Sie haben einen wohlklingenden Literaturpreis bekommen. Jeder Schreibanfänger wäre froh darüber, den in die Vita schreiben zu können. Die Website, das Video auf YouTube – wie Sie selbst sagen, das schaut sich doch sowieso kaum jemand an. Sie fanden die Veranstaltung peinlich. Aber das schien offenbar nicht allen so gegangen zu sein. Immerhin fand das nicht zum ersten Mal statt.

Der Autor: Diese Gedanken habe ich mir auch gemacht. Möglicherweise bin ich zu kritisch, oder einfach selbstgerecht, oder in irgendeiner Weise neidisch – oder alles auf einmal. Doch ich neige eher zu der Vermutung, dass viele andere das auch, äh, eigenartig fanden, aber lieber nicht darüber sprechen, weil die Peinlichkeit auf sie zurückfallen könnte, und immerhin haben sie ja das Geld eingesteckt. Tatsächlich habe ich von einer Kollegin, die zu meiner Überraschung vor vier Jahren dort war, kurz nach der Veranstaltung genau dieses Feedback bekommen. Seinerzeit gab es allerdings noch nicht so hohe Preisgelder; die steigen quasi parallel mit den eingezahlten Teilnahmegebühren. Und mein Begleiter, der Musiker ist, fragte mich auf dem Heimweg: »So also sieht die Hölle für Schriftsteller aus, ja?«

Wenn Sie mir erzählen, dass Sie die Veranstaltung für, na ja, sagen wir mal nicht so ganz gelungen halten: Wäre es dann nicht das Erste, dass man die Veranstalter mit der Kritik konfrontiert?

Der Autor: Das habe ich getan. (Schmunzelt.)

Und haben Sie eigentlich mit Selim Özdogan über die Sache gesprochen? Er hat sie ihnen quasi mit eingebrockt.

Der Autor: Bislang nicht, aber das will ich noch nachholen.

Was also ist Ihr Fazit?

Der Autor: Wer acht Euro übrig hat, sollte sie spenden, beispielsweise der Aktion »Writers in prison« des Deutschen PEN-Zentrums – dafür werde ich auch die Hälfte meines »Nominierungspreises« verwenden.

Und das ist alles?

Der Autor: Nein. Auch nicht so reputierte Literaturpreise sind wichtig, gerade für den Nachwuchs, für gemeinsame Feste der Literatur, für Begegnung und Austausch. Das gibt Impulse und Motivation; außerdem macht es irren Spaß, und zwar sowohl die Ausrichtung, als auch die Teilnahme. Aber das, was die da in Rösrath tun, das ist komplett banane.

(Das Interview mit sich selbst führte Tom Liehr)

Tom Liehr (Foto:privat)Tom Liehr, Jahrgang 1962, hat Dutzende Kurzgeschichten und bislang elf Romane veröffentlicht, zuletzt »Die Wahrheit über Metting« (2020) und »Landeier« (2017) bei Rowohlt. »Leichtmatrosen« (2013) wurde für die ARD verfilmt, »Geisterfahrer« (2008) ins Französische übersetzt. Im Herbst 2022 erscheint sein zwölfter Roman. Liehr hat den 42erAutoren e. V. mitbegründet und gehört zu den Schöpfern der legendären Kunstfigur Rico Beutlich sowie des Literaturpreises Putlitzer Preis®. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

Links zu Tom Liehr:
Autorensite Tom Liehr www.tomliehr.de
Autorensite Tom Liehr bei Amazon

10 Kommentare

  1. Das Interview führte der Autor mit sich selbst. Wunderbar. Passt zu einem selbstverliebten Autor wie Herrn Liehr.
    Dass es allerdings im Literaturcafe veröffentlicht wird, passt nicht zum Literaturcafe – wie ich es bislang wahrgenommen habe.
    Sehr fragwürdige PR. Aber selbst eine fragwürdige PR ist besser als gar keine PR. Oft erreicht sie sogar mehr als die weniger fragwürdige. Allerdings es ist mir bewusst, dass sich jeder nach der Decke streckt, auch das Literaturcafe. Da müssen dann halt auch solche Selbst-Interviews herhalten. Vom öffentlichen Basteln von Lego-Schreibmaschinen mal abgesehen. Was das sollte, ist mir bis heute nicht klar. Vermutung: PR-Aktion.

    • Der Vorwurf der Selbstverliebtheit, der Arroganz, gar der Eitelkeit kommt nach einem solchen Beitrag, der zumindest aus meiner Sicht keine PR ist (s.u.), sondern (in der mir eigenen Art, die möglicherweise tatsächlich selbstverliebt und/oder arrogant ist) ein Erlebnis in der Literaturwelt verarbeitet, um es mit anderen zu teilen und ggf. zu diskutieren, nicht unerwartet. Das ist ein Umstand, mit dem Künstlerinnen und Künstler grundsätzlich leben, den sie grundsätzlich bewältigen müssen: Dass sie jederzeit mit ihrem Werk und ihrem künstlerischen Tun verwechselt werden. Irritierend nur, wenn dieser sehr persönliche Anwurf von jemandem kommt, der mich meines Wissens nicht persönlich kennt, aber verlegerisch bzw. verlagsdienstleistend tätig ist und es also besser wissen könnte.

      Ich glaube, dass kein vernünftiger Marketingmensch, insofern existent, mittelhalbbekannten Unterhaltungsautoren dazu raten würde, aus Marketinggründen lange nestbeschmutzende Beiträge oder gar politische Statements zu veröffentlichen. Die meisten Buchbranchenmenschen raten Autoren schlicht: Sei nett. (Das bin ich übrigens auch meistens.) Jedenfalls: Nein, Werbung für mich selbst soll das sicher nicht sein. Sondern das, was es ist: Die Auseinandersetzung mit Geschehen in unserer Branche. Eine mit literarischen Mitteln formulierte Sicht darauf. Dazu kann, darf, sollte, muss man u.U. unterschiedlicher Meinung sein, und darüber streite ich gerne.

      Herzlich,
      Tom Liehr

  2. Na ja, das ist halt der sehr sehr hierarchisierte Literaturbetrieb und da ja nicht jeder zur Grupe 47 damals und heute zum Bachmannpreis eingeladen wird, gehen die anderen, halt zu den anderen Wettbewerben und fahren dort ein!
    Ich würde kein Preisgeld zahlen, aber die Eitelkeit ist ein Hund und die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man wohl und die nicht so renommierten Autoren haben es nach wie vor sehr schwer, weil zum Schaden auch den Spott und Selim Özdogan sollte man, glaube ich, kennen, denn er hat 2016 beim „Bachmann-Preis“ gelesen!

  3. Das Fazit von Herrn Liehr klingt ein bisserl nach Robert Musil, der einmal einem Autographensammler ex officio und pro domo die lapidare Antwort gab: “ Es ist besser Geld für notleidende Schriftsteller zu sammeln als Autogramme und es an den Schutzverband deutscher Sschriftsteller Wien I Schottenring 17, Kanzlei Dr. Fischmann zu senden.“
    In diesem Sinne sage ich: „Es ist besser Geld an einen verarmten Schriftsteller zu schicken, als Interviews zu geben und an Herrn Horwatitsch, Implerstraße 71 81371 München zu schicken.

  4. Die haben den Preis an den Herrn Lier gegeben, damit sie sich damit schmücken können Tom Lier da gehabt zu haben, „… und er hat sogar etwas gewonnen …“ Das hört sich doch gut an, da gehen wir gleich mal hin und schauen, wie toll es dort ist. Diese Banditen! Die Leute googeln nach was Neuem von Tom Lier und google zeigt die Seite dieser 48 Abzocker, weil das die aktuellste Seite zum Thema Tom Lier ist. Preisvergabe als Eigenwerbung. Ja, so läuft das leider… Tolles Interview. Manche Journalisten wissen tatsächlich noch, wie man ein richtiges Interview führt.

  5. Tom Liehr kann sich eigentlich nicht beschweren: Die Warnungen waren da – Teilnahmegebühr, Pflichtteilnahme an der Abschlussveranstaltung, für mich beides ein Machichnich -, also konnte er sich zusammenreimen, dass die Publicity für den Verein selbst eher im Vordergrund steht. Und dass Anspruch und Wirklichkeit bei solchen Vereinen auseinanderklaffen, ist auch nix Neues. Im Ergebnis hat er ja auch nicht schlecht abgeschnitten: 1000 Euro – 8 – Reisekosten für einen Text aus der Schublade, kostenlos Material für einen hübschen Rant und ein Auftritt als big spender für Schriftsteller, die ganz andere Probleme haben (writers in prison). Also ich würde sagen: Always look on the bright side of life …
    PS: Entschuldigung an alle, die jetzt den ganzen Tag das Gepfeife nicht aus dem Kopf kriegen.

  6. Ich kenne Tom Liehr persönlich und habe beim ersten Wettbewerb dieser Gruppe meinen Text vorlesen dürfen. Damals allerdings noch ohne Teilnahmegebühr. Und es gab nur ein einziges Preisgeld. Das hat in der Kategorie Prosa jene Teilnehmerin eingespielt, die mit der Großfamilie als Stimmgeber angereist war (weil aus der Region). Bei den Lyrikern ging der Preis an… raten Sie mal.
    In meiner Liga waren meine Tochter und eine befreundete Autorin zugegen. Als diese wieder und wieder ein leises „Hurz“ raunte, war es um unsere Contenance vorbei. Aber immerhin, wir drei als kleinste Gruppe in der letzten Reihe hatten Spaß. Alle anderen nickten bedächtig und wissend. Sowohl Familien, als auch Autoren. Selbst als die Jury die Texte verriss. Ja, Fremdschämen trifft es hier für mich haargenau.
    Ich muss zugeben: ich hatte damals keine Ahnung, welche schreibenden Individuen sich hinter der Gruppe 48 verbergen. Als dann die Mitteilung kam, dass ich in der Finalrunde sei, hat das Datum wunderbar gepasst, um den Geburtstag der Tochter in Köln zu feiern und liebe Freunde zu besuchen. Dass unser Trip von dieser Veranstaltung unterbrochen wurde – nun ja, wie gesagt, wie hatten einen höllischen Spaß. Ganz besonders, als die Juroren meinen Text zerpflückt und interpretiert haben. Da erst war mir klar geworden, dass ich aus Versehen etwas ganz anderes in einem vollkommen anderen Genre verfasst hatte. Im Fazit der Jury handelte mein Text vom inneren Kampf der Hauptfigur ein Kreuzworträtsel zu lösen. Wie sie darauf kamen ist mir bis heute ein Rätsel.
    Immerhin kam es zu einem kleinen Eklat, als ein Mitglied der Jury meinen Text zu loben wagte. Die Vorsitzende fuhr die verbalen Krallen aus. Nun – er ist seit dem Tag kein Mitglied dieses Zirkels mehr.
    Im Grunde genommen bin ich schuld, dass Tom Liehr nach Rösrath gefahren ist. Ich hatte ihn dazu ermuntert, um mal was echt Schräges im Literaturbetrieb zu erleben. Er fuhr, er las, er erlebte Schräges.
    Tom Liehr kenne ich seit langem und auch recht gut. Wenn einer keine ihm unterstellte Publicity braucht, dann er. Das hat er schlicht und einfach nicht nötig. Nicht als Autor und schon gar nicht als Mensch.
    Das zu behaupten ist – mit Verlaub – schlicht und einfach scheiße. Genau wie manche Literaturwettbewerbe.

  7. Ich kann Herrn Lier auch nur zustimmen und für dieses Interview danken, weil es endlich eine Warnung vor der Gruppe 48 gibt. Ich bin auch auf der Suche nach möglichen Literaturpreisen auf diese obskure Gruppe gestoßen, habe mir aber das Video reingezogen und nicht fassen können, was da abgeht. Es ist wirklich haargenauso wie im Interview beschrieben. Leute, die nicht den blassesten Schimmer von Literatur und schon gar nicht von Literaturkritik haben, profilieren sich aber darüber. Ich finde das nicht nur peinlich, sondern auch ganz schön heikel, weil es viele Seelen unter guten Autor*innen gibt, die sich durch solche hanebüchenen Formulierungskritiken verunsichern lassen und am Ende glauben, so schlecht schreiben zu müssen wie sich die Juror*innen das wünschen. Tut das bloß nicht!

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