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Schlechteste Sex-Szene: Preis geht posthum an Norman Mailer

Sexszene (künstlich)Seit 1993 wird der Kritikerpreis für die schlechteste Sex-Szene von der englischen Zeitschrift Literary Review vergeben. Erstmals wurde in diesem Jahr ein verstorbener Autor ausgezeichnet, denn der Preis ging an Norman Mailer für die Beschreibung einer Oralsex-Szene in seinem Buch »Das Schloss im Wald«, in dem Hitlers Jugend beschrieben wird.

Der jährlich vergebene Preis soll Autorinnen und Autoren davon abhalten, peinliche und überflüssige Sexszenen zu (be)schreiben, die sich nicht selten negativ auf das ganze Buch auswirken. Der Grund liegt nicht etwa darin, dass die Szenen anstößig oder jugendgefährdend sein könnten, sondern diese Passagen sind oftmals reiner Textmüll.

So urteilt D.J. Taylor: »Es ist wie beim Sport: Jeder Autor, der sich für halbwegs ‘realistisch’ hält, wird beim Versuch, Sex zu beschreiben, scheitern, weil er unromantische physische Details einbringt… Deshalb ist in neun von zehn Fällen der Leser, wenn er traurig seufzt, weil er auf eine der Sex-Szenen gestoßen ist, die so großzügig in der modernen Literatur verteilt sind, nicht prüde: Er leidet unter schlechter Kunst.«

4 Kommentare

  1. ja, das finde ich nett. sollen doch die autoren schreiben, was sie wollen. von mir aus auch furchtbare sexszenen, die wohl nur eingabut wurden, weils halt nach ansicht des ein oder andern marketing strategen verkaufsfördernd ist. zensur is ja mittelalter. aber n preis für die furchtbarste beschreibung… dankeschön.

  2. Neun von zehn Sexszenen sind überflüssig? Wer sich ein solches Urteil anmaßt, macht sein persönliches Empfinden zum Maßstab für Literatur und sich lächerlich. Denn als romantisch empfinden wir alles vor dem Sex, der Sex selbst ist physisch, bei gutem Sex geraten wir “außer uns”, also in jenen Zustand, der uns hinterher immer ein wenig peinlich ist. Den Sex nicht zu beschreiben, ist eine probate Möglichkeit, sich keiner Kritik aussetzen zu müssen. Doch wer in einer guten Geschichte Menschen auch psychologisch genau erfassen und darstellen möchte, darf sich vor unserem größten Antrieb nicht drücken, und das ist nun mal Sex. Mir sind mißlungene Beschreibungen allemal lieber als all die verlogene Drückebergerei der Herz-Schmerz-Literatur. Und einem großen Autor posthum Zitronen nachzuwerfen, nur um sich selbst ein Medienecho zu verschaffen, ist schlicht “quotengeil”, also auch eine Form von Sex, nämlich der schlechteste, den man haben kann, die Prostitution.

  3. ja um die herz-schmerz-literatur gehts ja eh nich… die is allen egal.
    ansonsten wird der “preis” ja nich zum ersten mal verliehen. von quotengeilheit kann da nich die rede sein. ob die sache posthum so nett is, is ne andre frage, aber warum soll man jemanden nicht kritisieren dürfen, nur weil er tot ist?
    das problem ist doch, dass sich sex verkäuft. sehr gut verkäuft. und eine ganze menge von büchern nicht ohne auskommen, obwohl sie es sollten. um einen gut verkäuflichen roman zu schreiben, braucht man eben sex, crime und violence. diese elemente werden dann schon mal eben eingebaut. und zwar eben NICHT, um eine person psychologisch genauer zu erfassen, sondern einfach nur damit sex drin ist.
    außerdem ist der sex nur EINE möglichkeit, eine person tiefer darzustellen. wo käme ich denn hin, wenn ich jede figur in meinen geschichten rumbumsen lassen müsste. die reinsten orgien.

  4. Ob Sex sich verkauft, ist eine offene Frage. Die Verlage trennen sehr fein: einerseits eine Erotik-Reihe, in der alles erlaubt ist, im literarischen Bereich hingegen sind sie allesamt mehr oder weniger ängstlich und prüde.

    Und ich gebe Andreas Recht, wen er schreibt: “Doch wer in einer guten Geschichte Menschen auch psychologisch genau erfassen und darstellen möchte, darf sich vor unserem größten Antrieb nicht drücken, und das ist nun mal Sex.”
    Literarische Autoren, die sich an Sexszenen wagen, sollten ein erhöhtes Honorar erhalten (Gefahrenzulage), denn sie begeben sich auf das schwierigste Gelände der Literatur. Es gibt mehr Möglichkeiten, es falsch zu machen als richtig. Und überall lauert die Pornographie-Verurteilung. Dem Crime- und Horrorschreiber droht keine vergleichbare Gefahr.

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