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Selbstauflösung des Literaturbetriebes

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Wenn das literarische Debüt einer erstklassigen Feuilletonistin bei Kiepenheuer & Witsch erscheint, die FAZ den Vorabdruck übernimmt, Hubert Spiegel aus Frankfurt der Kollegin ein Hurra! als Rezension hinterherruft und das Buch für den neu gegründeten Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wird, dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Debüt gelungen. Klappe halten. Der Standard hält sie dann doch nicht und erläutert, warum er Eva Menasses Romandebüt „Vienna“ trotz der Marketingbemühungen für misslungen hält.

Manuskripte lesen und Küchen renovieren

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Harald Martenstein bringt in der ZEIT eine Anfrage auf den Punkt, die auch die Café-Redaktion oft erhält:
Außerdem schicken mir pausenlos Leute Manuskripte, zu denen ich meine Meinung sagen soll, sogar ganze Romane. Ich nenne das unverschämt. Wer zu einem Manuskript eine Meinung hat, heißt »Lektor« oder »Redakteur«, das sind hoch qualifizierte, nicht unanstrengende und nicht allzu schlecht bezahlte Berufe. Das ist echt Arbeit, und ich soll es nebenher machen, bei Menschen, die ich zum Teil nicht einmal kenne. Das ist, als ob ich wahllos einen Namen aus dem Telefonbuch herauspicke, anrufe und sage: »Meine Küche müsste renoviert werden, könnten Sie netterweise mal eben vorbeikommen und das erledigen?« [via Buchblogger]

Vertane Chancen für Verlage

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Die meisten Verlage (aber auch Selbstverleger und Autoren) nutzen die Möglichkeiten des Internets nicht. Eine pauschale Aussage und keine neue Aussage.

Dennoch leider wahr.

Überaus günstig könnten selbst große, bekannte Verlage bisweilen zu neuen Lesern kommen, wenn man das Netz richtig für die PR-Arbeit einsetzen würde. Mit nur 20 bis 30 Euro würde man gelegentlich eine beachtliche Resonanz erreichen. Einfacher, effektiver und um ein Vielfaches günstiger als Werbebanner. Ein aktuelles Beispiel, von dem wir gestern erfahren haben, macht dies wieder einmal deutlich.

Da schreibt im letzten Frühjahr eine Agentur im Auftrag eines großen und bekannten deutschen Verlags ausgewählte Autorinnen und Autoren unseres Angebots www.erotische-literatur.de an. Man ist auf der Suche nach guten Geschichten für erotische Anthologien. Eine seriöse Anfrage, die konkrete Bedingungen, Termine und Autorenhonorar nennt. Ein Traum für jeden Autor! Von der Internet-Website des literaturcafe.de ins Taschenbuch eines großen Verlags! Eigentlich sagen auch wir in unseren Autoren-Seminaren immer wieder, dass es etwas naiv sei zu glauben, die großen Verlage würden das Internet nach Talenten durchsuchen. Die Verlage haben in der Regel genug Manuskripte auf dem Schreibtisch.

Aber es gibt Ausnahmen. Und wer hier zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle ist, der hat Glück.

Eine solche Ausnahme ist derzeit der Bereich „Erotischen Geschichten“. Erotik-Bücher boomen. Man muss sich nur einmal in einer Taschenbuchabteilung umsehen. Denn hier geht es nicht um Schlüpfriges, das nur unter der Ladentheke zu finden ist. Fast jeder der großen Publikumsverlage bringt derzeit Taschenbücher mit erotischen Erzählungen und Romanen auf den Markt.

Der Bedarf an (guten!) erotischen Geschichten ist hoch, denn sie sind selten. Also schauen sich die Verlage bzw. deren Agenturen auch im Netz um. Mehrere namhafte Verlage haben in den letzen Monaten auch bei unseren Autoren angefragt, was uns natürlich mächtig freut. Eine Autorin veröffentlicht demnächst sogar ihren ersten Roman bei einem bekannten deutschen Verlag. Und im letzen Jahr hatte auch der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) einige der Geschichten auf www.erotische-literatur.de vertont. Auch dafür erhielten die Autoren ein Honorar.

Seit kurzem nun ist wieder eine neue Anthologie mit erotischen Geschichten auf dem Markt. Neben bekannten Autoren sind auch solche vertreten, die auf unserer Website veröffentlicht haben. Das Werk erscheint in einem großen Verlag und hat eine beachtliche Erstauflage von 15.000 Exemplaren. Eine Auflage, von der andere Autoren nur träumen können.

Ein grandioser Erfolg also für unsere Autorinnen und Autoren. Und – das sagen wir durchaus sehr stolz – auch ein Erfolg für das literaturcafe.de. Wir hätten groß berichtet. Hätten es als Top-Thema auf unsere Startseite gebracht, es wäre durch unseren RSS-Feed verbreitet worden und an über 7.000 Newsletter-Abonnenten gegangen. Grandiose Öffentlichkeitsarbeit für den Verlag.

Das Dumme ist nur: Wir wissen überhaupt nicht, dass es diese Anthologie gibt! Zumindest nicht offiziell vom Verlag. Mehr oder weniger zufällig hat uns eine der erfolgreichen Autorinnen davon berichtet. Der Verlag hat uns darüber nicht informiert, obwohl er ja sogar von unserem Angebot profitiert hat.

Dabei wäre es doch ein Leichtes gewesen, ein Exemplar des Taschenbuches an unsere Redaktion zu schicken, ein nettes Schreiben dazu, dass man sich freue, uns das Büchlein zuschicken zu können, in dem auch Autoren des literaturcafe.de vertreten sind. Wir hätten uns gefreut wie die Schneekönige, in aller Breite im Café berichtet, jedem davon erzählt. Glaubhaftere und überzeugendere Werbung kann es für einen Buchtitel fast nicht geben. Und das alles hätte den Verlag nicht mehr als 20 Euro für Buch und Versand gekostet.

Aber es ist nicht passiert. Schade für den Verlag.

Wir fragen uns warum, und können uns durchaus einige Gründe vorstellen:

1. Der Verlag hat es vergessen, empfand es nicht als bedeutend, hatte gerade andere wichtige und große PR und Werbemaßnahmen geplant. Die Praktikantin hätte es tun sollen, aber die ist dann krank geworden. Klingt wahrscheinlich. Wir vermuten aber eher, dass

2. die Information, woher die Texte stammen, gar nicht an die Werbe- und PR-Abteilung weitergegeben wurde, was ja in der Tat nicht unbedingt nötig ist. Vielleicht wusste der Verlagslektor noch davon, der die Texte mit der anfragenden Agentur abgestimmt hat. Einmal ausschließen wollen wir den Fall, dass die Agentur gar nicht erwähnt hat, wie der Kontakt zu den Autoren zustande kam.

3. Vielleicht aber will man es auch gar nicht an die große Glocke hängen, dass viele solcher Texte auch kostenlos im Internet zu finden sind. Aber auch das halten wir für unwahrscheinlich. Dass kostenlose Angebote im Web dazu führen, dass nichts mehr gekauft ist, ist ein Mythos, den die Plattenfirmen geschaffen haben, um die Schuld für fallende Umsätze anderen zuzuschieben. Ein Mythos, der u.a. durch den Schnappi-Erfolg widerlegt wurde.

Woran lag es also, dass der Verlag keine 20 Euro investiert hat?

Wir wissen es nicht, können nur anderen Verlagen empfehlen, daraus zu lernen – und fragen ja vielleicht mal bei jenem großen deutschen Verlag nach.

Wir werden über eine etwaige Antwort natürlich hier berichten.

Textkritik: Harry – Prosa

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Harrys farblose Lippen nahmen gierig den Flaschenhals auf. Seine knochigen Hände beruhigten sich mit jedem Schluck, dann fummelte er eine Zigarettenkippe aus dem Aschenbecher und rauchte, bis der glimmende Filter an seinen Fingerkuppen brannte.  »Iris!« schrie er, »Ich werd’s dir zeigen, Iris, mir den Schnaps verbieten, mir, mir verbietet niemand etwas, verstehst du, niemand!«

Abrupt endet die Beschimpfung, Harry lachte hysterisch heiser, seine glasigen Augen starrten auf die angelehnte Zimmertür,  »Iris,« flüsterte er, »bitte, Iris, hilf mir.«

Iris lag in der Küche, den Kopf zur Seite geneigt, die schwarzen Haare wie ein Fächer auf dem hellen Boden ausgebreitet. Sie war tot, Harry hatte sie gestern erschlagen.

© 2005 by Max-Peter Großpietsch. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Eine lakonische Kürzestgeschichte, an der es viel zu verbessern gibt.
Der ganze Text ließe sich gut ins Präsens verwandeln, das würde eine größere Nähe geben! Und der verzweifelte Kampf des Alkoholikers gegen seine Sucht mit Hilfe von Alkohol bedarf noch einer viel exakteren Darstellung.

Die Kritik im Einzelnen

Und was machen die anderen Lippen, die farbigen? Empfehlung: streichen! Jeder weiß, wie Alkoholiker aussehen (und hoffentlich weiß auch jeder, dass nicht alle Alkoholiker sind, die so aussehen…). zurück
Wenn die Hände zittern, ist es entweder ein sehr weit fortgeschrittenes Stadium (delirium tremens) oder der schmerzhafte Zustand der Nüchternheit; Alkoholiker schaffen es dann oft nicht einmal mehr mit beiden Händen, aus einem Glas zu trinken oder sich einen Flaschenhals in den Mund zu stopfen – das ist etwas, was ganz erbärmlich und jämmerlich aussieht. Wenn man das weiß, liest sich der obige Satz so, als würde Harry freihändig trinken, denn wo sind die fahrigen Hände? Versuchen sie verzweifelt die Flasche zu halten? Läuft da nicht der Alkohol Schubweise daneben? zurück
Ach: die Kippe glimmte im Aschenbecher vor sich hin? Dann sollte Harry auch eine glimmende Kippe aus dem Aschenbecher fummeln, sonst kann er nicht rauchen. Ansonsten sollte er sie anzünden dürfen, wenn das Rauchen schon so wichtig ist, so viel Zeit muss sein! zurück
Wenn glimmt, dann brennt es nicht – weder an Fingerkuppen noch im Kühlschrank noch im Dachstuhl. Was glimmt, kann aber sehr wohl etwas in Brand setzen: Fingerkuppen, Kühlschränke und Dachstühle. Fingerkuppen aber brennen im Gegensatz zu Kühlschränken und Dachstühlen nicht so leicht – da wäre verbrennen angebracht: … bis der glimmende Filter seine Fingerkuppen verbrannte. zurück
Ich habe die Befürchtung, dass hier nur deswegen Schnaps steht, damit auch wirklich jeder merkt, dass hier ein Alkoholiker am Saufen ist. Der Rest reicht jedoch vollständig aus für seine Rechtfertigung: »Ich werd’s dir zeigen, Iris, mir, mir verbietet niemand etwas, verstehst du, niemand!« zurück
Jetzt findet ein Wechsel in die Gegenwart statt (endet) – das kann man machen, wenn dadurch Spannung erzeugt wird: man ist plötzlich dabei – aber schon das folgende Verb hat wieder Präteritum (lachte): Folglich ist das wohl nichts Anderes als eine Schlamperei. zurück
Harry ist mit seiner Beschimpfung fertig, da gibt es nichts Abruptes, sie wird abgelöst durch das heisere, hysterische Lachen, was aber keinen plötzlichen Stimmungswechsel bedeutet – der erfolgt erst später. Folgerung: Abrupt endete die Beschimpfung ersatzlos streichen und das Komma zwischen die beiden Adjektive setzen! zurück
Neigung ist eine vertikale Bewegungsrichtung – Iris aber liegt auf dem Boden! Da kann ihr Kopf allenfalls abgewinkelt sein – sofern das von irgendeiner höheren Bedeutung sein sollte. zurück
Wenn Harry sie erschlagen hat, ist sie logischerweise tot! Es wird nicht dramatischer, wenn man das zuvor schon betont.
Bei diesem Absatz könnte ich mir gut ein Präsens vorstellen: Iris liegt in der Küche, die schwarzen Haare wie ein Fächer auf dem hellen Boden ausgebreitet. Harry hatte sie gestern erschlagen. zurück

Kann Bush lesen?

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Warum soll es in der großen Politik nicht anders zugehen, als auf dem Pausenhof einer x-beliebigen Schule: Die Mädels können wenigstens ein bisschen was mit Büchern und Lesen anfangen, aber die Jungs reden nur über computerunterstützte Kriegsspiele oder Cowboyspiele.

Die Süddeutsche verrät uns aber, welche Bücher Herr Bush liest bzw. seine Redenschreiber für ihn.

richtig gut schreiben lernen

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Es war eine kleine, fast unscheinbare eMail, die uns heute mit dem Betreff „richtig gut schreiben lernen“ erreichte. Eine kurze eMail, die doch eine der wesentlichen Fragen auf den Punkt bringt und die wir daher im vollen Wortlaut und unkorrigiert zitieren möchten:

Guten Morgen
Ich habe folgende Frage. Angenommen ich möchte lernen richtig gut zu screiben, stilistisch, inhaltlich etc.
welchen Weg der Fortbildung würden Sie mir empfehlen ?
BIn Ihnen dankbar für eine Antwort

Ein Kleinod des elektronischen Briefverkehrs. Grandios, der hypothetische Einstieg „Angenommen…“.
Man mag zunächst dazu verleitet sein, die Mail als naiv abzutun. Scherzhafte und wenig ernst gemeinte Antworten geben wie „DUDEN Band 1 bis 10“. Oder aber ohne Ansehen der Sachlage bekannt gute Schreibkurse empfehlen.
Aber das würde dieser Mail nicht gerecht werden. Denn so einfach sie ist, so aufrichtig und ernst ist sie doch im Grunde gemeint. Als würde einer der Schüler den weisen Konfuzius um einen Rat fragen.
Und so geben wir dieser Frage die einzig richtige Antwort, die vielleicht nicht die erwartete ist und daher umso mehr wahrhaftig ist:
Lesen! Lies jedes Buch, jeden Text, der dich fasziniert und der so geschrieben ist, wie du es gerne können würdest. Lese das Buch, den Text nochmals. Beobachte ihn. Warum ist er „gut“? Warum gefällt er dir? Wie hat der Autor die Handlung aufgebaut? Wie beschreibt er die Personen? Wie sind seine Sätze geformt? Stelle dir diese und andere Fragen.
Das ist der erste Wegabschnitt deiner Fortbildung. Andere werden folgen, aber die erste Richtung ist entscheidend.

Textkritik: Ich Ich Ich – Prosa

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Wer bin ich?

Ich mag Alkohol. Ich mag Frauen. Ich mag es, wenn Frauen Alkohol trinken. Ich mag schnelle Autos, schnellen Sex, schnell wirkende Drogen und laute Musik. Ich mag Designerklamotten, großzügig geschnittene Apartments, verchromte Küchen und Futons. Ich mag Handys, PDAs, meinen I-Mac und die blonden Locken meiner Sekretärin.

Ich, ich, ich.

Ich mag sanfte Sommerwinde bei 30° C Außentemperatur und ich mag es, die Sonne im Meer versinken zu sehen, ich, auf einem Motorboot, eine Flasche Veuve Cliquot und eine oder zwei meiner Model-Freundinnen, verführerisch schimmernder Kaviar im Mundwinkel, den ich zärtlich wegküsse. Kaviar übrigens stammt vom Stör, falls Sie das nicht wussten.
Ich mag Fußball, die Bundesliga, aber besser noch die Champions League, Real Madrid und AC Milan. Ich mag meinen Plasmafernseher, meinen DVD-Player, den Beamer und die Leinwand, die naturbelassene Steinmauer in meiner Wohnung, meinen gläsernen Schreibtisch, Austern, Filet Mignon und meinen Bonsai. Mein Lieblingsautor war früher Bret Easton Ellis, heute ist es Haruki Murakami. Ich höre Bach und lese Nietzsche. Baudrillard hatte Recht. Meine Leitfäden zu beruflichem Erfolg sind Sun Tsus „Kunst des Krieges“ sowie „Hagakure – der Weg des Samurai“ von Tsunetomo Yamamoto. Darin heißt es:
„Wirf kleinmütige Logik weg. […] Wer Dinge für falsch oder richtig halten kann, ist in unwichtige Details verstrickt und verschwendet sein Leben für nichts.“
Und an einer anderen Stelle schreibt er:
„Der Trend der Zeiten kann nicht geändert werden. Die Gesellschaft wird nach und nach korrupter und nähert sich dem Untergang – das ist die Natur der Dinge.“

Ich, ich, ich.

Ich bin der globalisierte Alptraum aller Ideologen, eine geifernde Kreatur aus der Hölle der Banalität, die grotesk entstellte Fratze des Kapitalismus. Und ich bin überall. Wie alle meine Freunde bin auch ich zu zynisch, um noch an irgendetwas zu glauben. Wir haben den Wahnsinn durchschaut und genießen ihn, denn über kurz oder lang werden wir alle sterben, verwelken, zerfallen, in uns zusammensinken und vergehen. Nichts wird bleiben. Und das ist gut so, denn wir sind ohnehin zu viele: 6 Milliarden, mehr, als dieser Planet ertragen kann.
Bin ich glücklich?
Jetskis, Cabrios, Kondome mit Pfirsichgeschmack und eine Fußreflexzonenmassage jeden Freitag. Eine Platinkarte. Die verchromten Handgriffe zum Einstellen der Sitzhöhe an den Geräten meines Fitnessstudios. Goldene Schweißperlen auf meinem Abdomen und ein Bizeps, der Michelangelos David grünen Neid ins marmorne Antlitz meißelt.

Ich, ich, ich.

Ich bin der Wurmfortsatz dieser Gesellschaft, und wenn ich schon in Erscheinung trete, dann soll es auch bitteschön wehtun. Ich bin Ihr zuckendes Augenlid, Ihr nervöser Tick, bin Christians tosender Wanderschmerz und Marias nässender Nagel. Ich bin der tausendste Löffel, wenn alles, was Sie benötigen, ein Messer ist.
Wären Sie gerne wie ich?
Ich habe vor langer Zeit den Versuch aufgegeben, nicht oberflächlich zu sein. Wer moralisch-intellektuellen Anspruch erhebt, macht sich lächerlich. Das abscheuliche Wort „Tiefgang“ stammt aus der Seefahrt und beschreibt den Abstand der Wasserlinie vom tiefsten Punkt eines Schiffes. Wie viel ist viel? 4, 6 oder 12 m? Seien wir ruhig völlig unrealistisch, rebellisch und sagen wir: 30 m. Der Marianengraben ist 11,000 m tief. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: wir sind dazu verdammt, auf ewig an der Oberfläche zu treiben. Droben, wo es hell, freundlich, warm und vollkommen sinnentleert zugeht.

Ich, ich, ich.

Ich mag das Parfum von Hugo Boss, Schuhe von Bugatti, Hemden von Versace und Sakkos von Dolce & Gabanna. Ich mag es, in der Welt herumzureisen und von Sydney bis Rom, von New York bis Seoul die Produkte von McDonalds, Burger King, Coca Cola und Starbuck’s konsumieren zu können, weil mir das ein Gefühl von Heimat, von Zugehörigkeit und Vertrauen verleiht, in einer Welt, die um Verachtung fleht. Ein Big Mac zaubert ein Lächeln auf meine Lippen und Aceto Balsamico in Peking flößt mir Vertrauen ein. In beiden Fällen – jedoch besonders im ersten – ganz sicher nicht des Geschmacks wegen.
Ich bin zynisch, aber kein Masochist.
Meine Menschlichkeit und eine tiefe Liebe zu meiner Umwelt treten zutage, wenn ich auf einer Sonnenbank liege und schwitze. Alle paar Minuten löse ich dann meinen schweißigen Rücken mit einem Ruck vom Vakuum der Plexiglasplatte. Der Effekt: ein luftig-pfeifendes Geräusch, ein Furz wie aus dem Lehrbuch. Das Wissen um verstohlenes Kichern und nachsichtig-schadenfrohes Lächeln in den Nachbarkabinen und im Vorraum macht mich glücklich. Ob aus märtyrerhafter Selbstlosigkeit oder infantilem Fäkal-Humor sei dahingestellt.

Ich, ich, ich.

Löschen Sie das Licht, dann ist es weniger gefährlich. Auch mir ist es nicht leicht gefallen, ein Selbstbild ist schwer zu finden, aber – was soll’s? Keine Sorge! Stehen Sie auf, schauen Sie in den Spiegel. Sagen Sie es, sprechen Sie es aus, schreien Sie, so laut Sie können:
ICH! ICH! ICH!
MEIN! MEIN! MEIN!
MIR! MIR! MIR!
HABEN! HABEN! HABEN!

Bist Du jetzt zufrieden?

© 2005 by Thomas Utzinger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Viel zu unentschieden und viel zu lang
Keine Frage: dieser Text hat einen sauberen Aufbau, und wo echte Sprache vorkommt und nicht nur Werbeblöcke versammelt werden, zeigt sich, dass mit ihr wohl umgegangen werden kann. Inhaltlich aber ist keine Linie erkennbar, es fehlt eine klare Distanz zu dem Thema, und es fehlt vor allem eine klare Vorstellung von dem Ich-Erzähler – der suhlt sich viel zu sehr in Klischees!
PS: Wer etwas wirklich gutes zum Thema »Ich Ich Ich« lesen möchte, dem empfehle ich eines meiner Lieblingsbücher, nämlich Ich Ich Ich, von Robert Gernhardt, mit den 5 Kapiteln ich, du, er, sie, es, früher bei Haffmanns, jetzt beim S. Fischer Verlag, ISBN 3-596-16073-1, auch antiquarisch vielfach zu erwerben!

Die Kritik im Einzelnen

Bis hierhin habe ich einigermaßen unwillig gelesen: was soll das alles? Wozu diese endlosen und langatmigen Aufzählungen von irgendwelchen technischen Errungenschaften oder berüchtigten Produktnamen? Soll das eine verquaste Konsum- und Konsumentenkritik werden? Soll dem sogenannten Zeitgeist eins übergebraten werden? Und: Ist Langeweile ein Stilmittel? Wenn ich diesen Text nicht bearbeiten wollte, hätte ich ihn spätestens hier weggelegt. zurück
Zur Langeweile gesellen sich jetzt zwei banale, da völlig erkenntnisfreie Zitate: lässt sich Langeweile steigern? Offenbar ja! Wenn das Stilmittel sein soll, ist es überstrapaziert! zurück
Aha: jetzt wird das zweite Kapitel eingeleitet! Nach Überschrift und Einleitung folgte das erste Kapitel, übergetitelt wie dieses »Ich, ich, ich« und enthielt zwei Abschnitte Aufzählungen und zwei Zitate – vielleicht bietet der Text zumindest einen formalen Reiz? Inhaltlich bieten Einleitung und erstes Kapitel nur Gleiches. zurück
Was ein alberner Größenwahn! Besteht die Modernität dieses Textes darin, dass Ichichich das Wörtchen globalisiert verwendet? Diese der Werbung entsprungene Fratze gibt es nirgends außer in der Werbung, der sie gar nicht entspringen darf, denn womit sollte dann geworben werden? Und wieso sollten Klischees ein Alptraum sein und für wen? Wo wird hier gegeifert? Wo ist überall? Im Busch? Im Marianengraben? Fragen über Fragen … zurück
Holla: eine klitzekleine Prise Sloterdijk und drei Löffel barockes Weltuntergangsszenario: alles ist eitel, Mensch: werde wesentlich, carpe diem – das hatten wir doch alles schon, das ist doch nichts Neues, das ist nicht einmal besser: hat IchIchIch uns denn wirklich gar nichts zu sagen? zurück
Was soll diese Frage? Hin und wieder schon, mal mehr und mal weniger, mal ganz doll und mal sehr un-, wie jeder Mensch auf allen Welten im Weltall. zurück
Nach einer erneut ermüdenden Aufzählung endlich mal ein sprachlich interessanter Satz (musste man lange drauf warten) – und ein Rätsel: Wieso ist Neid grün? Wann hat er seine gelbe Farbe verloren? Grün ist die Hoffnung, dachte ich … Aber das Internet bietet beides an (was Wunder: was bietet das Internet nicht an!), bei Redewendungen jedoch nur die gelbe Variante. zurück
Zwei Abschnitte mit einer Zwischenfrage haben wir hinter uns, jetzt beginnt das dritte Kapitel: zurück
Parallel zum 1. Abschnitt im vorigen Kapitel wird jetzt wieder proletet: Ich bin der Wurmfortsatz … Und dieser Abschnitt erinnert mich sehr an die Beat-Lyrik der 60er: »Ich bin der gesunde Aussatz, ich bin das parfümierte Toilettenpapier, ihr Schmetterlingsmörder ….« usw. usw., frei aus dem Gedächtnis zitiert. Damals wollten wir es der Gesellschaft aber so was von zeigen! Und was hat man sich über diese aus dem amerikanischen übersetzten Texte aufgeregt, da kam nämlich sogar das Wort ficken vor … Wenn man schon keine Bedeutung hat, kann man sich ja eine zuschreiben. zurück
Gegenfrage: Wären Sie gerne wie ich? Na also! zurück
Wir sind zu gar nichts verdammt, nicht einmal zur Freiheit, so billig schleicht sich Ichichich nicht davon und aus der Verantwortung! Und ob Tiefgang oder Flachwichserei: das ist eine Frage der Perspektiefe: der Marianengraben z. B. ist wesentlich tiefer als nur 11 Meter, wie Ichichich uns weismachen will, nämlich um die 11.000 Meter! Und um es follends filosofisch zu fertiefen: welchen Tiefgang hat ein Schiff, das auf dem Grunde des Marianengrabens ruht? Wie sieht es aus mit dem Tiefgang der Person, der auf der Oberfläche dieses Schiffes sich befindet? Darüber hinaus – denn Schiff ist Schiff : wie begreift unsereins den Tiefgang eines Raumschiffes? Unendliche Weiten, Höhen, Tiefen und Längen und Breiten breiten sich dort nach allen Richtungen aus! Man sieht: Tiefgang ist allemal kein abscheuliches Wort, sondern eines, das seinem Namen alle Ehre macht! zurück
Es beginnt offenbar das vierte Kapitel, nachdem erneut zwei Abschnitte nebst einer Frage abgesondert wurden. zurück
Leider eine Rückkehr zu den Aufzählungen, nachdem Ichichich sich weidlich ausgekotzt hat. Es braucht das wohl zur Selbstberuhigung: sei ihm gegönnt! Toll, was Ichichich alles für Marken kennt, die ich auch kenne!  Aber wieso fleht die Welt um Verachtung? Und wen fleht sie an? Wer verleiht der Welt die Flehstimme (s. a. auf dieser Seite in der rechten Spalte ganz unten unter: 55 weitere Meinungen…/Die Erde fleht uns um Erbarmen)? Genießer wie Ichichich? zurück
Warum eigentlich nicht? Masochisten genießen doch die Selbstquälerei!  Und was macht Ichichich? »Wir haben den Wahnsinn durchschaut und genießen ihn, denn über kurz oder lang werden wir alle sterben, verwelken, zerfallen (…)« Neinnein, der Satz ist falsch! Richtig müsste er heißen: Ich bin zynisch, und deswegen Masochist. Mit Verlaub: wer vertilgt schon einen Big Mac, der ihm ganz sicher nicht schmeckt, nur um daraus tiefgängiges Heimatlandsjefiehl zu zutzeln, wenn nicht ein ausgebuffter Masochist? zurück
Einer der  wenigen sprachlichen Schnitzer: dieses Vakuum ist kein Eigentum der Plexigasplatte (ist die nicht eher aus Acrylglas? Aber das ist nur eine Vermutung!), sondern der Unterdruck entsteht zwischen Körper und Untergrund; es reichte, wenn sich der schweißige Körper vom Untergrund löst: was dann passiert, wird ja geschildert. zurück
Oben heißt es,  Ichichich sei oberflächlich und nicht masochistisch, jetzt bietet es an, man könne es ruhig als tiefgängig und masochistisch bezeichnen, nämlich als einen Märtyrer, der wegen irgendwelcher Ideale sich zu Tode quälen lässt. Ich fällt Ichichich marianengrabenweit hinter sich selbst zurück: das liegt an der Unentschiedenheit zwischen Satire, Ironie, Zynismus, Zeigefinger und Wut. zurück
Das letzte Kapitel, also der Schluss, beginnt. Wieder fanden wir zwei Abschnitte, aber statt 1 Frage eine Lüge. zurück
Bin ich nicht, denn: wie zu befürchten war, folgt die Moral! Man soll in den dunklen Spiegel schauen und Ichichich (usw.) brüllen, damit man irgendetwas Unerhebliches merkt, woraufhin ein DU vielleicht zufrieden ist: damit soll wohl der Leser als Freund angesprochen werden (die duzt man schließlich), und dann ist man genau so wie Ichichich: »Wie alle meine Freunde bin auch ich zu zynisch, um noch an irgendetwas zu glauben.« Ach Gottchen, ja, ist ja schon gut! Warum schreibt er dann erst überhaupt so etwas … Diese ganze Kapitel würde ich mit Stumpf und Stil entfernen, die anderen überarbeiten, vor allem kürzen! zurück

Bücher aufs Handy

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Heise meldet, dass der zu Bertelsmann gehörende weltgrößte Buchverlag Random House die Inhalte seiner Werke künftig auch über Handy verbreiten will. Random House will ab dem kommenden Sommer in erster Linie Sachinformationen per Handy verbreiten lassen. Zunächst sei an die Handy-Version eines Buches zum Selbstudium von Fremdsprachen sowie an die Anleitung für Computerspiele gedacht. Später könnten — bei entsprechender technischer Weiterentwicklung — aber auch Romane auf dem Handy-Display zu lesen sein.
Nebenbei bemerkt können die neuesten Beiträge aus dem literaturcafe.de schon seit geraumer Zeit auf PocketPCs und Handys gelesen werden 🙂

Literaten spielen mit Literaten

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Harry Rowohlt und John von Düffel spielten Karten. Genauer: Quartett. Allerdings mit einem ganz besonderen Blatt.

Dekonstruierte Wortmonster

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Andere agierten schon schon peinlich genug. Die „Bild“-Zeitung glaubt jedoch immer noch, sie würde für die kaiserlich verordnete „alte“ Rechtschreibung kämpfen. Das Problem dabei ist nur: die „Bild“-Redakteure beherrschen weder die alte noch die neue Schreibweise. Das BILDblog zerlegt eine „Bild“-Liste mit angeblichen „Wortmonstern“.

Sollten wir unser Forum ausdrucken?

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Die Rheinische Post macht es sich einfach. Sie druckt einfach die Beiträge in ihren Online-Foren auf Papier aus und beansprucht so, eine neue Form der Zeitschrift geschaffen zu haben. Für die Rheinische Post in jedem Fall eine billige Zeitschrift, da die Autoren kein Honorar bekommen, denn mit der Registrierung im Forum haben sie einer möglichen Veröffentlichung in der neuen gedruckten Beilage „Opinio“ zugestimmt. Clever. Ein ausführlicher Bericht über das neue Printprodukt findet sich in der taz.

Hm, vielleicht sollten wir auch unsere Foren-Bedingungen entsprechend abändern, sodass wir die dortigen Beiträge künftig ebenfalls als neue innovative Literaturzeitschrift veröffentlichen können.

1.000 Euro für das beste Gedicht [Update]

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Der zur Verlagsgruppe Weltbild gehörende Buch-Billigversender Jokers veranstaltet zusammen mit BoD einen Gedichtwettbewerb. Die besten Gedichte erscheinen bei BoD als Buch und kommen in eine Jokers-Gedichtdatenbank, die online abrufbar ist. Das beste Gedicht wird zudem mit 1.000 Euro prämiert, Platz 2 erhält 500 Euro, Platz 3 immerhin noch 250 Euro.

Der Wettbewerb startet jedoch erst am 1. März. Eingereicht werden darf dann pro Teilnehmer allerdings nur ein Gedicht.

Leider fehlt in den Teilnahmebedingungen der klärende Hinweis, dass – abgesehen von der Zustimmung zur Veröffentlichung in Buch und Datenbank -, alle weiteren Rechte beim Autor verbleiben. Wir haben Weltbild mal angemailt. Mal sehen, ob man diesen klärenden Hinweis noch ergänzt.

Update: Bei Jokers hat man schnell auf unseren Hinweis reagiert und die Teilnahmebedingungen entsprechen erweitert. Idealerweise hat Herr Stöbener von Jokers dies gleich auch im Kommentar zu dieser Notiz getan. Vorbildlich! 🙂

Österreich sucht den Superautor

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Der Standard berichtet von einer Lesung am Sonntag (20. 2.) im Wiener Thomas Sessler Verlag, bei der die Zuhörer abstimmen können, welches Werk als Buch erscheinen soll.

Wieder wer im Packraum

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Endlich! Wieder ein neuer Eintrag im Buchhandels-Weblog Der Packraum. Die Schreiberin hat ihren wohlverdienten Urlaub anscheinend in Argentinien verbracht.

Buchhändler sind auch in fremden Buchhandlungen nie entspannt. „Bieg das Buch nicht so auf“, ermahnte ich meinen Begleiter, „die wollen das noch verkaufen. Und pass auf, da ist ein Bierfleck auf dem Tisch.“ Ich wollte schon anfangen, die Bücher im Regal geradezurücken, habe mich aber gerade noch zurückgehalten.

Willkommen zurück!

netbib ist vier

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Das bibliothekarische Weblog netbib ist vier Jahre alt geworden. Wir gratulieren herzlich!