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Mit unverbrauchten Verben landen: »Sommernovelle« von Christiane Neudecker

Sommernovelle von Christiane Neudecker

Der Sommerwind wehte die »Sommernovelle« von Christiane Neudecker als Taschenbuch erst jetzt auf den Redaktionstisch. Obwohl als Hardcover 2015 erschienen, hatte damals keiner weder Titel noch Autorin wahrgenommen. So kommen wir erst jetzt an die Nordsee, erst jetzt auf die Insel. Ein poetisches und dichtes Buch mit möglichem Bungee-Sprung und Luftschokolade.

Es ist der Sommer 1989. Wobei: Obwohl die Jahreszeit titelgebend ist, spielt der Roman im Mai. Wir befinden uns auf der Nordseeinsel Sylt. Wobei: Man muss kein Sylt-Kenner sein, um leicht irritiert zu sein, denn ein Detail, das die Erzählerin berichtet, kann so nicht stimmen.

Die Erzählerin ist 15 Jahre alt. Ihren Namen erfahren wir nicht, nur ihren Kosenamen, den ihre Mutter für sie verwendet: Panda. Zusammen mit ihrer Freundin Lotte reist die Erzählerin aus Süddeutschland auf die Nordseeinsel, um dort bei einer Vogelwarte zu helfen. Die beiden Mädchen und das Personal der Vogelwarte sind das Personal der Novelle: Sebald und Hiller, zwei Rentner, die wie einer wirken, die Studentin Melanie, der Zivildienstleistende Julian und das merkwürdige »Fräulein Schmidt«. Und Prof. Dr. Hansjörg Kupfer, der Leiter der Einrichtung, der jedoch nicht da ist, als die beiden Mädchen auf die Insel kommen.

Nationalpark mit Sanddorn

Eine Novelle soll motivisch dicht sein. Christiane Neudecker hat die 187 Seiten vollgepackt. Das beginnt bei der Insel selbst, den realen und erfundenen Vogelarten, dem von außen nahezu unsichtbaren Haus, das innen unübersichtlich ist, dem Bunjee-Kran auf dem Autoparkplatz und mag bei der Luftschokolade noch lange nicht enden.

Poetischen Landschafts- und Naturbeschreibungen setzt Neudecker immer wieder bedrohliche Andeutungen entgegen, und Hiller unterhält die Erzählerin mit rätselhaften Schauermärchen. Irgendwas ist mit den Eltern der Erzählerin, so wird es bei der Abreise aus Süddeutschland angedeutet, während die Abreise von der Insel früher als geplant erfolgen wird. Auch das wird bald und beiläufig erwähnt.

Neudecker erzählt leicht wie im Vogelflug und ihre Sätze landen mit unverbrauchten Verben.

Doch so wie wir als Leser*in trotz der Schönheit der Insel immer Düsteres erwarten, so sind schon 1989 das Meer und die Natur nicht mehr in Takt. Es gibt die »Umweltverschmutzung« und das Meer droht »zu kippen«, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist noch sehr präsent. Die beiden Mädchen begreifen sich als Umweltschützerinnen, die alles besser machen wollen als die Erwachsenen. Es weht der Soundtrack von Dead Can Dance und Bauhaus über die Insel und eine irrsinnige Frau geht in den Dünen um.

Bei alldem bleibt die Sommernovelle leichte starke Lektüre. Sie kann den Sommer verlängern. Sie spielt im Frühjahr und lesen kann man sie auch im Herbst.

Wolfgang Tischer

Neudecker, Christiane: Sommernovelle. Gebundene Ausgabe. 2015. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630874593. 22,99 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Neudecker, Christiane: Sommernovelle. Taschenbuch. 2017. btb Verlag. ISBN/EAN: 9783442715213. 10,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Neudecker, Christiane: Sommernovelle. Kindle Ausgabe. 2015. Luchterhand Literaturverlag. 8,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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