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Louisiana Literaturfestival in Dänemark: Weniger ist 2022 mehr gewesen

Gelände des Louisiana Kunstmuseums und Literaturfestivals (Foto: Jan Hybertz Göricke)
Louisiana Kunstmuseums und Literaturfestival: Der Traum und die Belohnung aller hier auftretender Autor*en: Die Schlange zum Signieren der erworbenen Bücher ist bei allen gewaltig (Foto: Jan Hybertz Göricke)

Zum 5. Mal berichtet Barbara Fellgiebel vom Louisiana Literaturfestival. Nach zwei ausgefallenen Pandemiejahren war die Freude groß, die Vorfreude noch größer, dass das dänische Literaturfestival 2022 wieder stattfindet. Endlich! Und: Wie war’s?

Nachdem von 2014 bis 2018 jedes Jahr weniger deutschsprachige AutorInnen eingeladen waren und 2019 der Nullpunkt erreicht war, konnte es 2022 nur besser werden. Jedoch: Judith Hermann bildete die glorreiche Einsamkeit – nein, so kann man nicht sagen. Lapidar ausgedrückt: Judith Hermann war die einzige auf Deutsch schreibende Autorin, die eingeladen war, was bedeutet, dass es ein Buch von ihr gab, das in diesem Jahr auf Dänisch erschienen ist, denn das ist die Voraussetzung für eine Einladung. Es muss ein neu erschienenes Buch auf Dänisch vorliegen – es sei denn, es handelt sich um eine Nobelpreisträgerin oder Nobelpreisträger – die sind immer und bei jedem Festival höchst willkommen.

Auf Grund angekündigter Zugverkehrsunterbrechungen entscheide ich mich für mein Auto und bin von Schweden aus in genau zwei Stunden auf dem noch gähnend leeren Parkplatz vor Nordeuropas schönstem Museum. Das ist es: Komme eine Stunde zu früh und erspare dir Stress und Gedränge, werde stattdessen vom noch nicht genervten Presseteam freudig und freundlich begrüßt und stimme dich ein auf einen Tag voller literarischer Leckerbissen. Übrigens lerne ich hier, dass man stressed nur rückwärts lesen sollte …

Gelände des Louisiana Kunstmuseums und Literaturfestivals (Foto: Jan Hybertz Göricke)
Gelände des Louisiana Kunstmuseums und Literaturfestivals (Foto: Jan Hybertz Göricke)

Nach vierjähriger Pause nach Louisiana zurückzukommen, ist wie nach Hause kommen. So viel ist gleich, manches hat sich verändert, alles passt zusammen und kulminiert in diesem beglückenden bereichernden Gefühl: Jetzt weiß ich, was mir so lange gefehlt hat!

Das Louisiana Literaturfestival in Dänemark findet immer am 3. Wochenende im August statt und bietet den Besuchern von Nordeuropas spektakulärstem Museum der modernen Künste von Donnerstag bis Sonntag ein Feuerwerk interessanter AutorInnen: Etwa 40 Schreibende werden eingeladen, die Hälfte Dänen, die Hälfte internationale SchriftstellerInnen, in diesem Jahr aus Island, Deutschland, Niederlanden, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Frankreich, Südafrika, USA, Chile, Argentinien, Russland. Aus der Ukraine ist niemand dabei.

Auf dem Weg zu meinem ersten Programmpunkt – der schwedische Autor Alex Schulman wird von Adrian Lloyd Hughes interviewt – begrüße ich bekannte Skulpturen von Henry Moore, Giacometti und Jean Arp sowie majestätische Bäume wie alte Freunde, bestaune Neuanschaffungen und hoffe, im Verlauf des Tages der wirklich sehenswerten Kunst die nötige Zeit widmen zu können. Meine Kollegin Isa Tschierschke hatte das schon richtig geplant: Sie wollte ihrem ersten Louisiana-Besuch ganze sechs Tage widmen – und wurde von Corona daran gehindert.

Gelände des Louisiana Kunstmuseums und Literaturfestivals (Foto: Jan Hybertz Göricke)
Der erste Eindruck wenn man den Museumsgarten betritt. Links die so genannte Villabühne. (Foto: Jan Hybertz Göricke)

Alex Schulman entstammt einer tief dysfunktionalen Familie, die seit Generationen in ganz Schweden bekannt ist und deren passionierte Liebesaffären, Alkoholmissbrauch etc. er ohne Rücksicht auf Verluste in seinen Romanen preisgegeben hat. Mit dem Resultat, dass sich der Großteil seiner Familie entsetzt von ihm abgewandt hat. Die Bücher sind aber so gut geschrieben, dass sie in 30 bis 60 Sprachen übersetzt wurden und auch in Ländern, in denen die Protagonisten eher weniger oder gar nicht bekannt sind, begeisterte Leserscharen haben. Auf Deutsch heißen sie Vergiss mich, Verbrenn all meine Briefe und zuletzt Die Überlebenden (dtv Verlag).

Im Herbst läuft die Verfilmung von Verbrenn all meine Briefe in den Kinos an und sie ist bereits für den größten schwedischen Filmpreis (guldbaggen) nominiert.

Meine deutsche Begleiterin staunt, dass Adrian Lloyd Hughes das Gespräch auf Dänisch führt, Alex Schulman antwortet auf Schwedisch und alle verstehen sich übersetzungslos. Ich hoffe, das gesamte Gespräch im Nachgang auf channel.louisiana.dk nachhören zu können, denn zeitgleich findet auf der großen Parkscene Judith Hermanns Gespräch mit Marc-Christoph Wagner statt.

Beide sprechen Deutsch, zwischendurch gibt Marc-Christoph Wagner eine verdichtete Zusammenfassung des von Judith Gesagten. Das empfand sie zunächst als befremdlich, war sie doch von anderen skandinavischen Auftritten gewohnt, Satz für Satz übersetzt zu werden. Doch die Atmosphäre ist großartig, das Publikum hat die meisten ihrer Bücher gelesen, viele verstehen Deutsch. Über meine Begegnung mit Judith Hermann habe ich im literaturcafe.de in einem eigenen Beitrag mehr geschrieben.

Es ist erstaunlich, wie alle Autoren auf das eigene Schreiben zu sprechen kommen und sehr ähnliche Dinge sagen: Es kommt nicht darauf an zu schreiben, wie es war, sondern zu schreiben, was wahr ist – es muss (dir) nicht unbedingt passiert sein. Aber es muss »wahr« sein, plausibel, glaubwürdig.

Gelände des Louisiana Kunstmuseums und Literaturfestivals (Foto: Jan Hybertz Göricke)
Das ganze Festival wird von der farbenfrohen Kunst von Alex da Corte (hinten oben) mit wohltuender Fröhlichkeit angesteckt (Foto: Jan Hybertz Göricke)

Bernardine Evaristo – ein unerwartetes Highlight des Festivals. Sie erfreut und erfrischt mit ihrer so in sich ruhenden Selbstsicherheit. Sie ist angekommen. Seit dem 2019 erhaltenen Bookerpreis genießt sie die Anerkennung, die ihr endlich zuteilwird, ohne deshalb ihre unbändige Neugier aufs Leben eingebüßt zu haben. Sie macht Mut. Sie hält eine Brandrede zum Thema kulturelle Aneignung. Jede und jeder Schreibende habe das Recht, aus der Sicht von Menschen zu schreiben, zu denen er nicht gehöre. Sich in Menschen zu versetzen, von denen er eigentlich nichts wisse. Sie gibt beeindruckende Beispiele aus ihrer eigenen Erfahrung: So hat sie über die in den 60er Jahren nach England gekommenen schwulen Männer aus der Karibik geschrieben und meinte: »Ich bin weder ein schwuler Mann noch komme ich aus der Karibik«, aber die dankbaren und begeisterten Reaktionen »Du hast uns eine Stimme gegeben!« waren die größte Anerkennung für sie.

Laurie Andersson wird von Linn Ullman interviewt. Die amerikanische Performancekünstlerin ist ein immer wieder gern gesehener Gast in Louisiana. Sie verschenkt großzügig Schlüsse, zu denen sie mit Hilfe ihres nepalesischen Gurus gekommen ist: Versuche, dich in Traurigkeit zu üben, ohne wirklich traurig zu sein. Werde bloß nicht traurig! Du führst ein glücklicheres Leben als Optimist. Und: Es ist so leicht, sich auf der Bühne zu verstecken.

Der Abschied von Louisiana fällt schwer. So vieles möchte man eingehender betrachten und diskutieren. Ein solcher Tag ist bereichernder und wirkt nachhaltiger als ein Spa-Aufenthalt.

Barbara Fellgiebel

Barbara Fellgiebel ist langjährige Buchmessen- und Literaturfestival-Beobachterin. Sie verweigert sich nach wie vor erfolgreich den sozialen Medien, freut sich aber über Ihre Reaktionen hier als Kommentar.

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