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Wellers Wahre Worte am Café Tisch
April 2004 - Die monatliche Kolumne von Wilhelm Weller


Resozialisierung gelungen - Steckt nicht in jedem Kriminellen ein Künstler?

Wilhelm Weller


Als Satiriker steht man mit einem Bein in der Zuchthauszelle und mit dem anderen vor dem Stockholmer Literatur-Nobelpreis-Komitee. Mit dem Kriminellen hat der Satiriker nämlich gemein, dass ihm nichts heilig ist, kein weltliches und kein göttliches Gesetz - was ihn naturgemäß Verfolgung und Arretierung aussetzen kann.
     Derselbe Umstand macht ihn zum potentiellen Genie, das wesenhaft das Gewesene und Gesetz(t)e transzendiert und so völlig neue, geniale Sichtweisen gegen das bisher Etalierte etabliert. Stammt nicht von Heinrich Heine der viel zitierte Satz: »Wäre ich nicht Spötter geworden, wäre ich heute Terrorist
     Drohung eines Künstlers, die durchaus ernst zu nehmen ist, weiß man doch zwischenzeitlich, wie sich etwa ein verhinderter österreichischer Postkartenmaler an der Welt zu rächen wusste.
     Glücklicherweise artet die Frustration des verhinderten Künstlers selten so aus wie in diesem Fall.
     Arno Funke hatte gleichfalls Grund, auf die Welt böse zu sein: Ein (hoch-)begabter Mann, 1950 geboren, der lange Zeit sein kreatives Talent auf das Bemalen von Schildern und das Verzieren von Autos und Motorrädern durch Kunstlackierungen verschwenden musste. Lohn: Gesundheitliche Schäden durch fortgesetztes Einatmen von Lösungsmitteln.
     Funke verzichtete auf einen destruktiven Backlash und versuchte statt dessen als »Dagobert« mit neuartigen Methoden das bis dahin eher triste Erpressergeschäft durch Originalität und Phantasie vom Ruch und Ruf des Schändlichen zu befreien.
     Durchaus erfolgreich, sieht man davon ab, dass er einige Jahre im Gefängnis verbringen musste.
     Als »Dagobert« gewann er die Sympathie der einfachen Menschen. Die wussten schließlich, dass die von Funke erpressten Kaufhäuser Karstadt und KaDeWe zuvor ihnen selbst das Geld aus der Tasche gezogen hatten - durch schamlos überhöhte Preise.
     Die Lehr- und Wanderjahre Funkes sind zu Ende. Längst ist er aus dem Gefängnis entlassen, als Karikaturist und Autor arbeitet er für unsere Kollegen vom »Eulenspiegel«. Nach seinem Erstlingswerk »Mein Leben als Dagobert«, stellte er kürzlich sein neues humoristisches Buch »Ente Kross« vor.
     Ein konsequenter Weg vom Kriminellen zum Künstler - den Funke nicht als erster ging und nicht als letzter gehen wird.
     Könnte dieser Weg nicht häufiger abgekürzt werden? Zum Beispiel durch Kurse für kreatives Schreiben - für gefährdete Kandidaten?

Wilhelm Weller

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