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Wellers Wahre Worte am Café Tisch
Februar 2004 - Die monatliche Kolumne von Wilhelm Weller


Erbarmen, zu spät, die Hesse komme

Warum sich Hugh Grant für einen Todesfall in Rotenburg-Wüstefeld interessiert

Wilhelm Weller


Wagt man überhaupt noch an jene Zeiten zu denken, in denen Deutsche führend waren: Einstein, Wernher von Braun, Max Schmeling?
     Zeiten, in denen das Ausland - auch und gerade die Amerikaner - zu uns (hoch-)schauten, Das liegt lange zurück, heute spielt die Musik und spielen die Eliten anderswo. Erst vor kurzem berichtete das amerikanische Time Magazine in einer Titelgeschichte über den Exodus deutscher Wissenschaftler in die USA (Brain Drain).
     Umso erfreulicher ist, dass nun zumindest Hollywood Deutschland wieder zu entdecken scheint.
     Hugh Grant, ein sonst eher der charmanten Komödie zugeneigter Schauspieler, will einen Deutschen verkörpern, der in der Nacht zum 10. März 2001 mit einem Tabubruch nicht nur in Deutschland großes Aufsehen erregte.
     Auch die entsprechenden Filmrechte soll Grant bereits erworben haben.
     Es geht um Armin Meiwes aus Rotenburg-Wüstefeld, der in einem weltweit beachteten Prozess vor dem Landgericht Kassel gewissermaßen die Patentrechte für eine neuartige »Sterbehilfe« bzw. eine Tötung auf Verlangen einklagte.
     Gisela Friedrichsen schrieb über Meiwes am 2.2. 2004 im Nachrichtenmagazin Spiegel:
     »Am Ende erhebt er sich und spricht mit fester, stolzer Stimme, als fordere er Dankbarkeit und Anerkennung: 'Ich habe ihm sein Leben genommen, ja. Dazu stehe ich. Aber er hat mich dazu bestimmt.'«
     Sein Charisma beschreibt sie so:
     »Meiwes' Art, seine Sicht der Dinge vorzutragen, war von seltsam suggestiver Wirkung. Dieser amüsierte Plauderton. Entsetzen ließ er erst gar nicht aufkommen. Wieso denn auch? Bernd und ich wollten das... Auch das Gericht hat sich offenbar von Meiwes' Suggestionskraft erfassen lassen.«
     Dr. Hannibal Lecter, verkörpert durch Anthony Hopkins, wurde durch die beiden Filme »Das Schweigen der Lämmer« und »Hannibal« zu einer Kultfigur - wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Deutscher, ein Hesse den feinsinnigen, hochintelligenten Kannibalen nicht nur spielen, sondern auch leben würde.
     Auch dazu ein Zitat von Gisela Friedrichsen:
     »Es klingt als blicke er bewundernd zu sich selbst auf. Ich, ja ich, Armin Weiwes, der Kannibale von Rotenburg. Ich habe es getan. Ich bin der Held unter den Cyber-Kannibalen, die alle keinen Mut haben, es wirklich zu tun. Es gibt viele davon, mehr als man glaubt, Tausende, Zehntausende, Er kündigt an seine Lebensgeschichte zu veröffentlichen.«
     Dass Meiwes in gewissem Sinne durchaus Grund hat, bewundernd zu sich selbst aufzuschauen, beweisen zwei von Google gelieferte Zahlen: Fast 19.000 Treffer liefert eine Suche nach »Armin Meiwes«, eine enorme Popularität, die innerhalb von kaum 3 Jahren aufgebaut wurde. Noch interessanter, was eine Suche nach englischsprachigen Artikeln über Meiwes ergibt: 9.000 Treffer. Dem stehen ganze 424 (englische) Treffer für Olaf Scholz gegenüber, den zurücktretenden Generalsekretär der SPD.
     Kein Zweifel: Scholz kann es auf internationaler Ebebe in Charisma und Popularität mit Meiwes nicht aufnehmen.
     War deswegen der Vorschlag des Satiremagazins Titanic, Meiwes als Nachfolger von Florian Gerster zu benennen, gar nicht so abwegig?
     Bei englischsprachigen Google-Treffern läuft Meiwes nämlich auch Gerster den Rang ab - nur ganze 1.000 Seiten zum früheren Verwalter der Arbeitslosigkeit werden angezeigt, ein Bruchteil dessen, was Meiwes auf sich vereinigen kann.
     Kein Zweifel: Hugh Grant (»Vier Hochzeiten und ein Todesfall«) böte sich durch die Darstellung von Meiwes eine spannende Charakterstudie - mit größerer (Magen-)Tiefe als bei all seinen oberflächlichen Filmfiguren zuvor.
     Könnte er zudem den für düstere Charaktere und Filme bekannten Brad Pitt (»Seven«, »Fight Club«) als Darsteller für den von Meiwes aufgegessenen Bernd B. gewinnen, wären die wichtigsten Zutaten für einen klobalen Kassenknüller zusammen.
     Auch Arbeitstitel für die Verfilmung der morbiden Geschichte soll es bereits geben (»Vier Mahlzeiten und ein Todesfall, »Was vom Abendbrot übrigblieb«).
Bleibt zu hoffen, dass Deutschland endlich wieder auch in anderen als kulinarisch-kannibalischen Bereichen von sich reden macht.
     Vielleicht könnte Jan Ulrich als erster Deutscher mit transplantiertem Kopf die Tour de France gewinnen?
     Oder Gerhard Schröder die Bundestagswahl 2022 - nach 15 Jahren Verbannung auf Helgoland?
     Oder man gibt Meiwes eine zweite Chance, in dem Mann steckt ja noch mehr Potenzial. Die Entscheidung für den nächsten Bundespräsidenten ist noch nicht getroffen. Vielleicht könnten sich die wie immer zerstrittenen Parteien auf den überparteilichen Meiwes einigen. Ein Mann, der seine Mitmenschen zum Fressen gern hat, könnte zumindest Bürgernähe auf eine bislang noch nicht erreichte Weise verkörpern.

Wilhelm Weller

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