Hörbuch-Kunst nach King und Kubrick: Jack Torrance – Was du heute kannst besorgen, …

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Jack Nicholson als Jack Torrance im Film »Shining« (Foto: Warner Bros.)
Jack Nicholson als Jack Torrance im Film »Shining« (Foto: Warner Bros.)

Jack Torrance lautet der Name des Schriftstellers, den Stephen King in »Shining« mit seiner Familie in einem verschneiten verwaisten Hotel festsetzt. In seiner berühmten Verfilmung lässt Regisseur Stanley Kubrick Jack Torrance nur einen einzigen berüchtigten Satz schreiben. Daraus ist ein bemerkenswertes Hörbuch-Projekt geworden.

Hinweis. Für diejenigen, die den Film »Shining« noch nicht gesehen haben sollten, enthält dieser Beitrag einige Spoiler.

Für einige Cineasten gilt »Shining« als die beste Stephen-King-Verfilmung und als einer der besten Horror-Filme überhaupt. Stehen King selbst mag sie nicht besonders. Zu dominant ist für ihn das Schauspiel von Hauptdarsteller Jack Nicholson, der den Schriftsteller Jack Torrance verkörpert. Für King ist das verschneite Overlook-Hotel mit seinen unheimlichen Bewohnern der eigentliche Hauptdarsteller des Romans. Dem Erfolg des Films schadete das nicht, denn schließlich war für Drehbuch und Regie kein geringerer zuständig als Meisterregisseur Stanley Kubrick. Kubrick verfilmte den Roman 1979 und änderte einiges an der Romanhandlung.

Wie besessen arbeitet Jack Torrance im eingeschneiten Hotel an seinem Manuskript und tippt einsam und wie besessen im großen Kaminzimmer auf der Schreibmaschine. Langsam scheint er verrückt zu werden. Jacks Ehefrau Wendy schleicht sich in einem unbeobachteten Moment an die Schreibmaschine und wirft einen Blick auf das Manuskript. Entsetzt stellt sie fest, dass Jack über Hunderte von Seiten nur einen einzigen Satz immer und immer wieder getippt hat:

All work and no play makes Jack a dull boy.

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THE SHINING (1980) – “All work and no play makes Jack a dull boy” [HD]

Diese Szene ist eine Erfindung von Stanley Kubrick, es gibt sie nicht in der Romanvorlage von Stephen King. Kubrick höchstpersönlich habe den Satz seitenweise für den Film eingetippt, wie im Making-of zu »Shining« zu sehen sei.

Kubrick galt als pedantischer Perfektionist, der einige Szenen über hundert Mal drehen ließ und Schauspieler aufs Äußerste forderte. Aber auch in anderen Dingen achtete er auf Details. Auch wenn der immer gleiche Satz erst spät zu sehen ist, durfte Jack Nicholson nicht irgendwas tippen, sondern stets nur

All work and no play makes Jack a dull boy.

Für den Satz wählte Kubrick bewusst ein relativ belangloses amerikanisches Sprichwort, für das es im Deutschen kein wirkliches Äquivalent gibt. Frei übersetzt lautet es: »Wer immer nur arbeitet ohne sich nicht auch einmal zu vergnügen, wird zu einem tumben Zeitgenossen.«

Regisseur Stanley Kubrick an der Schreibmaschine. Ausschnitt aus dem Making-of zu »The Shining«
Regisseur Stanley Kubrick an der Schreibmaschine. Ausschnitt aus dem Making-of zu »The Shining«.

Doch Kubricks Perfektionismus ging noch weiter. Für die französische, deutsche, spanische und italienische Synchronfassung des Films wählte er ähnliche belanglose Sprichwörter aus, sodass die Kinozuschauer verblüffenderweise einen Satz in ihrer eigenen Sprache zu lesen bekamen. Die Nahaufnahme, in der Wendys Hände im Manuskript blättern, ließ er daher für jede Sprachversion mit einem unterschiedlichen Satz drehen. Für die deutschsprachige Version wählte Stanley Kubrick den Satz:

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Leider war dieses schöne Detail damals nur im Kino und auf VHS-Videokassette zu sehen. In der heutigen DVD- und Bluray-Fassung für den asiatisch-europäischen Markt, sind alle Sprachversionen vereint und im Bild ist leider nur noch der englische Satz zu lesen.

Stanley Kubrick (* 1928, † 1999) war ein Regisseur, der auch Einfluss auf die Synchronfassungen seiner Filme nahm und die jeweiligen Landessprecher selbst auswählte. Für die deutsche Stimme von Jack Nicholson fiel die Wahl Kubricks auf den Schauspieler Jörg Pleva, der bereits Malcolm McDowell in Kubricks Verfilmung von »Clockwork Orange« synchronisiert hatte. In späteren Filmen wird Jack Nicholson dann von Joachim Kerzel gesprochen.

Jack Torrance hat also ein Buch geschrieben, in dem der gleiche Satz immer und immer wiederholt wird. Was wäre, wenn dieses Buch mit dem Satz »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.« tatsächlich gedruckt worden wäre? Und noch extremer: Was wäre, wenn es dieses Buch mit dem immergleichen Satz auch als Hörbuch geben würde – idealerweise gesprochen von Jörg Pleva, der deutschen Stimme aus »Shining«?

Auschnitt aus dem Buch »Was du heute kannst besorgen, …« von Jack Torrance
Auschnitt aus dem Buch »Was du heute kannst besorgen, …« von Jack Torrance

Man muss nicht spekulieren: Es gibt dieses gedruckte Buch und das Hörbuch. Jörg Pleva liest Jack Torrance.

Natürlich ist solch ein Werk eher im Bereich der Kunst zu verorten, und tatsächlich ist es von dem Künstlerduo M+M herausgegeben (Marc Weis und Martin De Mattia). Die Beiden hatten die Idee zur Umsetzung bei einem Aufenthalt in der römischen Künstler- und Stipendiatenvilla »Villa Massimo« im Jahre 2008 und der kleine Hörverlag »Der Diwan« hat Buch- und Hörbuch seinerzeit tatsächlich realisiert, gesprochen von Jörg Pleva (* 1942, † 2013). 2007 gestaltete das Künstler-Duo einen »Torrance-Raum«, in dem der Satz und die Stimme Plevas ununterbrochen zu hören waren.

Das HörbuchBuch: »Was du heute kannst besorgen, …«
Das HörbuchBuch: »Was du heute kannst besorgen, …«. Jörg Pleva liest Jack Torrance.

Auf der Rückseite des Buches ist zu lesen:

Jack Torrance schrieb das Buch Ende 1979 in den Rocky Mountains, wo er, zusammen mit seiner Familie, den Winter im verwaisten »Overlook-Hotel« als Hausmeister verbrachte. Dort verstarb er unter tragischen Umständen.

Torrance gilt als Meister der Repetition: immer wieder setzt er mit den gleichen Worten an, verweigert sich quasi konsequent jedem Versuch, über die einmal getroffene Feststellung hinauszugehen.

Rund 43 Minuten lang spricht Jörg Pleva in der Hörversion immer und immer wieder den gleichen Satz. Er variiert ihn ebenfalls nicht ständig neu und dennoch sind jedes Mal Unterschiede zu hören. Ein leicht verstörend meditatives Hörerlebnis.

Die Version des englischen Originals »All work and no play makes Jack a dull boy« ist dem Buch als Motto vorangestellt.

Zu dieser gibt es übrigens noch eine weitere bemerkenswerte Randnotiz: Einige Verschwörungstheoretiker behaupten, dass es die Mondlandung 1969 nie gegeben habe und die Szenen auf dem Erdtrabanten im Studio gedreht worden seien. Aufgrund seiner Expertise mit dem Film »2001 – Odysee im Weltraum« soll Stanley Kubrick an dieser Täuschung beteiligt gewesen sein. Natürlich musste er darüber Stillschweigen bewahren, sonst drohte Gefahr für sein Leib und Leben.

Der Film »Shining« sei jedoch nach Meinung der Verschwörungstheoretiker voll von versteckten Hinweisen darauf, dass Kubrick die vermeintliche Mondlandung mit inszeniert habe. So habe unter anderem der Teppich im Filmhotel die Form einer Startrampe und davon erhebt sich der kindliche Darsteller Danny Lloyd mit einer Apollo-11-Rakete als Motiv auf seinem Strickpullover.

Das Wort »All« im berüchtigten Satz könne daher in Schreibmaschinenschrift statt All auch A11 lauten: A11 für die Mondrakete Apollo 11. Und die Landefähre, die auf dem Mond aufsetzte trug den Namen »Eagle« (Adler).

Jack Torrance tippte den Satz auf einer Schreibmaschine der Marke Adler.

Jörg Pleva liest: Jack Torrance: Was du heute kannst besorgen..: Das Hörbuch BUCH. Taschenbuch. 2008. Diwan Hörbuchverlag. ISBN/EAN: 9783941009059. EUR 9,99 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

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