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Digitale lit.COLOGNE 2021: Das nächste Mal bitte nicht wieder nur real

 

Das surrealistisch anmutende Theater am Tanzbrunnen, das die ideale Bühne für die meisten Events bot (Foto:Screenshot)
Das surrealistisch anmutende Theater am Tanzbrunnen, das die ideale Bühne für die meisten Events der lit.COLOGNE 2021 bot (Foto:Screenshot)

Barbara Fellgiebel besuchte in diesem Jahr die erstmals nur digital stattfindende lit.COLOGNE 2021, und sie konnte diesem Format viel Positives abgewinnen. Ihre Forderung: Die kommende lit.COLOGNE 2022 darf nicht nur real stattfinden!

Schon komisch: Da werden sowohl lit.COLOGNE als auch das Lesefestival »Leipzig liest« der Leipziger Buchmesse zunächst verschoben, beide Reihen finden dann digital statt und: zur selben Zeit – nämlich am letzten Maiwochenende. Nur dauerte die lit.COLOGNE nicht nur 4 sondern ganze 17 Tage. Sie konnte bis zum 20. Juni 2021 genossen werden, wo und wann man will!

Also schwelge ich, höre mir Isabel Allende beim Unkrautzupfen an, staune wie verzaubert ich von Kinderbuchautor Jens Schumacher werde und genieße drei Wochen lang die unterschiedlichsten Literaturevents, wo und wann es mir passt – ohne Schlange zu stehen, ohne um ein freies Plätzchen kämpfen zu müssen.

Danke Corona!

Natürlich ist die digitale lit.COLOGNE nicht nur positiv. Es fehlt viel: die bis auf den letzten Platz ausverkauften Veranstaltungsorte, das Literaturschiff, die Literaturkirche, die grandiosen After-Event-Treffen im Schokoladenmuseum, die ganze Literaturatmosphäre mit der die Stadt Köln während der lit.COLOGNE gepudert zu sein scheint. Stattdessen muss man mit dem surrealistisch anmutenden Theater am Tanzbrunnen vorliebnehmen, das die ideale Bühne für die meisten Events bietet.

52 Veranstaltungen werden gestreamt! Welch Angebot, welch Chance, Veranstaltungen zu besuchen, die man im richtigen Leben nie gewählt hätte. Es ist wie eine Verliebtheit: Zunächst bin ich überwältigt von der Vielfalt des Programms und der Tatsache, dass ich keine Wahl zu treffen brauche. Ich darf und kann überall hin – wann und wo es mir passt. Ein unglaubliches Glücksgefühl. Ich nehme mir vor, alles anzusehen. Wenn das ausnahmsweise möglich ist, dann will ich das auch wahrnehmen. Aber …

Nach ein paar Tagen nimmt die Totaleuphorie etwas ab, die ewige Tanzbrunnenlocation wird eintönig. Man erfreut sich am Zuhauseambiente von Isabell Allende, Cornelia Funcke, Carolin Ehmke. Als Angela Spitzig Sharon Dodua Otoo zu ihrem neuen Buch Adas Raum im Literaturhaus interviewt, ist man begeistert, ein anderes Interieur zu sehen.

Die Qualität der Technik ist großartig und kann gar nicht genug gelobt werden – alles klappt, niemand schreit genervt: »Hallo, hallo, hörst du mich? Siehst du mich?«

Es beginnt mit T. C. Boyle, diesem erstaunlichen Vielschreiber, der sein 29. Buch vorstellt. Es geht um Affen und Menschen.

Phillip Schwenke in Berlin spricht mit T. C. Boyle in Kalifornien
Phillip Schwenke in Berlin spricht mit T. C. Boyle in Kalifornien (Foto:Screenshot)

Phillip schwenke sitzt in Berlin, T.C. Boyle in Kalifornien – sie unterhalten sich locker auf Englisch und die deutsche Übersetzung erscheint unten im Bild. Was interessiert mich dieses Buch, denke ich, will gerade abstellen, als Boyle beginnt, aus dem Buch vorzulesen. Und da bin ich gefesselt. Er liest so gut wie ein Schauspieler, er lebt seinen Text, und ich frage mich, ob er »laut schreibt«, ob er sich während des Schreibens vorliest, was er da so schreibt. Es würde mich nicht wundern, denn der Text ist ein einziger Fluss.

So geht es weiter, die gesamte Zeit. Ich sehe die Ankündigung eines Events und denke: »Hm, das interessiert mich eher nicht so.« – und schon bin ich fasziniert. Mal von den fantastisch vorbereiteten Moderator:innen, mal von den beeindruckenden Autor:innen, mal vom präsentierten Text. Grandios.

Bernhard Robben im Gespräch mit Charlotte Van den Broeck
Bernhard Robben im Gespräch mit Charlotte Van den Broeck (Foto:Screenshot)

Bernhard Robben, bekannt als Übersetzer und Moderator, spricht mit der belgischen Autorin Charlotte Van den Broeck, die unter dem Titel »Wagnisse« ein Buch über gescheiterte Architekten und spektakulär misslungene Bauwerke geschrieben hat. Er perfekt vorbereitet, sie fragil mit frappierender Beherrschung der deutschen Sprache. Gelungen.

Dann gibt es die sogenannten »lit.Cologne Patenschaften«: Ein arrivierter Schriftsteller (hier Lutz Seiler) lädt eine jüngere Autorin (hier Nadja Küchenmeister) zu einem Gespräch ein, und Marion Brasch moderiert.

Beispiel für eine lit.COLOGNE Patenschaft: Lutz Seiler im Gespräch mit Nadja Küchenmeister, moderiert von Marion Brasch (Foto:Screenshot)
Beispiel für eine lit.COLOGNE Patenschaft: Lutz Seiler im Gespräch mit Nadja Küchenmeister, moderiert von Marion Brasch (Foto:Screenshot)

Auffällig ist, wie skeptisch viele Autor:innen zunächst waren und wie schnell sie sich auf das neue Format einstellen. Und wie respektvoll alle kommunizieren. Man fällt sich nicht ins Wort und ist bemüht, sich besonders druckreif und natürlich gegendert auszudrücken.

Nein, ich habe es nicht geschafft, alle 52 Veranstaltungen zu besuchen und schon gar nicht zu kommentieren bzw. zu referieren. Schade. Meine große Hoffnung ist, dass diese lit.COLOGNE so erfolgreich gewesen ist, dass man die nächste sowohl im echten Leben als auch digital durchführt. So können die neuen, begeisterten lit.COLOGNE-Teilnehmer:innen an fernen Orten wieder mit dabei sein.

Barbara Fellgiebel

Barbara Fellgiebel ist langjährige Buchmessen- und Literaturfestival-Beobachterin. Sie verweigert sich nach wie vor erfolgreich den sozialen Medien.
Sie freut sich aber über Ihre Reaktionen hier als Kommentar oder an alfacult(at)gmail.com.

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